Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Das Volk der Träumer
von Ina Sommer, 91054 Erlangen (Deutschand)

Es sprach eines Tages die Mutter zu ihrem Kind, das gerade mit einem Finger in der Nase bohrte: "Willst du eine Geschichte hören?" Das Kind blieb der Finger vor Spannung in der Nase stecken, es nickte. Die Mutter setzte sich neben das Kind auf den dreckigen Teppichboden, fischte einen Fetzen Papier aus der Tasche, der mit goldfarbenen Buchstaben beschrieben war und fragte das Kind: "Weißt du was das ist?" Das Kind schüttelte seinen eckigen Kopf und stierte neugierig auf den Zettel, während die Mutter zu erzählen begann: "Vor langer langer Zeit lebte in einem weit entfernten Land das Volk der Träumer. Anstatt in zu arbeiten oder sich zu unterhalten, träumten sie den ganzen Tag die allerschönsten Träume. Da aber jeder vor sich hinträumte und niemand für Nahrung sorgte, wurden die Felder immer ungepflegter und bald wuchsen nur noch Pflanzen, die man nicht essen konnte. Eines Tages träumte der Dorfälteste davon, dass das Volk aussterben würde. Er beschloss, eine Volksversammlung einzuberufen. Die Träumer hatten aber keine Lust, zu diskutieren und blieben der Versammlung fern. Sie träumten lieber weiter. Da wusste der Dorfälteste, der auch sehr weise war, dass sein Volk aussterben würde. Daher nahm er ein Stück Pergament zur Hand, schmolz seinen goldenen Ring über dem Feuer und beschrieb das Blatt mit der Geschichte des Volkes der Träumer, so dass diese nie in Vergessenheit geraten würden."
Das Kind war in die Geschichte versunken. Als die Mutter nun eine Pause machte, fragte es begierig nach: "Der Zettel in deiner Hand – ist das der Brief des Dorfältesten?". Die Mutter nickte und erzählte, wie der Dorfälteste das Pergamentstück als Flaschenpost verschickt hatte und sie es als kleines Kind bei einem Urlaub an der Nordsee am Strand gefunden hatte.
"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?", fragte das Kind, das mittlerweile wieder angefangen hatte, in der Nase zu bohren. Es musste der Mutter versprechen, dass es auf diesen wertvollen Fund gut aufpassen würde. Das Kind nahm das Pergamentstück und legte es in seinem Zimmer auf das von der Caritas bereitgestellte Regal neben die Murmel, die in Wirklichkeit eine Perle des letzten fröhlichen Indianers war.

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Ein treuer Freund
von Jürgen Heimlich, 1110 Wien (Österreich)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"
Sie schaute mich an, als ob sie etwas verbrochen hätte. "Ist ja nur ein Vibrator", sagte ich, und deutete mit der Hand galant zu ihrer Zimmertür. "Wenn du heute Nacht lieber seine als meine Gesellschaft suchst, habe ich nichts dagegen. Es hat ja nichts mit Ehebruch zu tun." Nur wenige Minuten später hörte ich aus dem Arbeitszimmer von Marlene vertraute Geräusche, die minutenlang andauerten.

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Sylvias Andenken
von mayflower, 1230 Wien (Österreich)

Immer schon war sie anders gewesen. Niemand hatte jemals herausfinden können, was in ihr vorging. Eines Tages jedoch, kam sie nicht mehr nach Hause: Eines Tages läutete es und ein Beamter stand vor der Türe. Er hatte seine Kappe in der Hand. Emotionslos informierte er uns vom Tode unseres Kindes.
Ein Aufschrei von uns fünf, vier Erwachsene und ein Kind schrien auf. So, als ob wir diesen Schrei geprobt hätten. Er durchdrang die Küche und der Schall drang in unsere Köpfe,in unsere Herzen. Ganz langsam begriffen wir, was uns dieser Mann gesagt hatte. Der Schall verhallte weiter im Raum, obwohl Sekunden? Minuten?, verstrichen waren. Wir hörten nicht mehr, was uns dieser Mensch noch alles sagte. Ganz langsam machte sich ein Schluchzen breit. Zuerst von unserem kleinen Jungen. Erst sechs Jahre war er. Er sank zu Boden und wippte mit dem zarten Körper vor und zurück. Ich registrierte erst viel später, wie sich meine Tochter, mühsam, durch den geschwängerten Bauch, zu ihm niederbeugte. Sie strich ihm hilflos mit der Hand über den Kopf. Salz berührte meine Lippen. Verwundert strich ich es weg, ich hatte doch gerade den Strudel gemacht, mit süßen Äpfeln...Ich hörte, wie mein Schwiegersohn leise auf meinen Mann und mich einsprach. Ich versuchte, zu registrieren was seine Worte bedeuteten. Die Sonne, die durch das Dachfenster flutete, bewirkte den Schatten an der Wand. Vor meinen Augen erschien das Bild meiner Tochter. Zuerst ihr lachendes, schelmisches Gesicht und so, als ob es vernichtet werden sollte, die ausdruckslosen Augen die den Schrei in ihrer Seele immer und immer wieder reflektierten. Der Missbrauch hatte sie stumm gemacht. Sie wollte und konnte nicht darüber sprechen. Nun war sie tot. "Nein!" entfuhr es meinem Mund. "Nein, das ist alles nur ein Irrtum!" Meine Gedanken überschlugen sich und zerbrachen an jedem neuen. Wie ein Ring umklammerte der Schmerz meinen Brustkorb. Ich wollte mich bewegen doch selbst meine Arme gehorchten mir nicht. Meine Augen starrten auf meinen kleinen Sohn, der mit dem Körper, am Boden sitzend, noch immer vor- und zurückwippte. Ich spürte, wie mich zwei Arme umschlangen. Das ungeborene Kind meiner Tochter trat gegen meine Wange. In diesem Moment strömten endlich die Tränen. Die ganze Hoffnungslosigkeit, der Schmerz, die Wut über das Geschehen, ließen endlich den erlösenden Zusammenbruch zu. Sie brachten meinen kleinen Jungen und mich auf das Zimmer, mit uns kamen der Tod durch den Selbstmord, von Sylvia mit.

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Das Bild
von Björn Fredrik, 85567 Grafing (Deutschand)

Schon wieder kamen die Tränen. Ein Blick genügte und meine Wangen wurden feucht. Erinnerungen und Gefühle vermischten sich zu einem See aus Traurigkeit. Er schien ohne Anfang und ohne Ende.
Ich blickte auf das zarte Bild eines jungen Mädchen, das in seinem viel zu protzigen Rahmen an der Wand hing. Meine Tochter, sagte mir die Bekannte. Meine Tochter mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Meine Tochter, die ich nie mehr kennen lernen sollte. Meine Tochter bevor sie getötet wurde.
Ich schaute auf ihre hell blauen strahlenden Augen. Sie blickten melancholisch unter ihren langen blonden Haaren hervor. Sie war schön. Doch soetwas stört den Tod nicht. Im Gegenteil. Sie schien ihn mit ihrer Schönheit angezogen zu haben. Wie die Männer, für die es in ihrem Leben noch keine Zeit gegeben hatte. Genau so wenig Zeit wie wir zusammen hatten. Dank ihrer Mutter.
Bitte nicht, nein waren die letzten Worte meiner Tochter. Doch sie wurden nicht gehört. Sie war ihrer Mutter recht ähnlich. Denn ihr letztes Wort war auch nein. Das war ihre Antwort.
Nein. Keine Begründung, kein Zeichen von Mitgefühl, keine Höflichkeiten. Einfach nur Nein.
Wie damals. Als ich sie wieder sehen wollte. Nach unserem ersten Rondevouz. Damals war ich wütend. Heute weine ich. 22 Jahre Ahnungslosigkeit. Dann wieder dieses Nein, das neben der Erinnerung an das Bild das einzige bleiben wird, was ich von meiner Tochter weiss.

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Das Paket
von Werner Hardam, 38667 Bad Harzburg (Deutschand)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?", fragte ich - weniger aus Absicht, sondern um den Herrn zu prüfen, der mir so aufdringlich ein Paket zu übergeben versuchte.
"Selbstverständlich!" Die Stimme meines Gegenübers klang aufgeregt. "Ich bitte sogar darum! - Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen."
Sollte ich oder sollte ich nicht? Ich hatte den Herrn vor zwei Stunden in der Hotelbar, in der ich noch saß, kennen gelernt. Er sagte, dass er - genau wie ich - geschäftlich im Ort zu tun hätte. Es wurde eine angenehme Plauderei. Als ich gerade gehen wollte, holte er ein Paket aus einer Tasche, die neben ihm stand. Ob es mir etwas ausmachte, auf das Paket aufzupassen, während der nächsten drei Tage? Er müsse - aus beruflichen Gründen - weg, sei aber bestimmt nach drei Tagen zurück.
Was denn so Wichtiges in dem Paket sei, fragte ich. Nichts von Bedeutung, Dinge, die nur für ihn Erinnerungswert hätten. Ganz bestimmt nichts Verbotenes.
Warum er das Paket nicht auf seine Reise mitnähme oder im Hotel-Safe deponierte?
Dazu wäre das Paket zu groß und zu schwer. Er hätte auch Angst, dass sein Inhalt in dem Trubel, der gewöhnlich in Hotellobbies herrsche, Schaden nehmen könnte.
Ich betrachtete meinen Gegenüber. Er sah nicht aus wie jemand, der etwas Böses im Schilde führte. Warum sollte ich ihm den kleinen Gefallen nicht erweisen? Ich wohnte auch die nächsten Tage im Hotel, mein Zimmer war groß genug.
"Na schön", sagte ich. "Lassen Sie es hier."
Er dankte mir überschwänglich und übergab mir das Paket. Dann verabschiedete er sich: er wollte an diesem Abend schon weg. Ich ging auf mein Zimmer.
Ich prüfte das Paket. Es war in gewöhnliches braunes Packpapier gehüllt. Nichts ließ erkennen, worin sein Inhalt bestand. Als ich es vorsichtig schüttelte, hörte ich kein Klappern. Was konnte es enthalten?
Mir fiel ein, dass ich nicht nach dem Namen meines Gegenübers gefragt hatte. Ob er nach vier Tagen zurück sein würde? Was, wenn er nicht käme?
Ich legte das Paket auf den Tisch. Unruhig ging ich auf und ab. Ob sich das Papier so öffnen ließ, dass es niemand merkte? Vorsichtig befühlte ich die Verpackung. Es ging nicht, die Papierränder waren mit Klebeband versiegelt.
Ich fühlte, wie mein Beherrschung allmählich nachließ. Was schuldete ich diesem Fremden, der mir noch nicht mal seinen Namen genannt hatte? Zornig griff ich nach dem Paket und riss das Papier auf.
Da hörte ich, wie jemand an die Zimmertür klopfte.

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