| Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: |  | »Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?« Patt! von Arthur Schenk, 86916 Kaufering (Deutschand) Mr. Grumble, der Head Porter des Colleges, thronte unübersehbar hinter der Glasscheibe und machte seinem Namen alle Ehre. Er grummelte vor sich hin und befand sich in denkbar schlechter Laune. Da kam ihm der schwächliche Musterschüler Phillip Morningdew an-scheinend gerade recht. "Verzeihung Mister Grumble, ist vielleicht ein Paket von meiner Mutter gekommen?" Sicher, das Paket war angekommen - und trotzdem ... "Nein!" bellte er kurz angebunden. "Sind sie sicher?" "Natürlich!" fauchte Grumble. "Oder glaubt der Herr, das ich so etwas übersehen würde?" Morningdew schluckte sichtlich. "Verzeihung, aber dort hinten..." Er deutete schüchtern auf die Postablage hinter Grumbles Rücken, auf dem ganz oben, ganz unübersehbar ein Paket lag. Grumble drehte sich widerwillig um - sicher mochten viele dieser reichen Schnösel schlauer sein als er, aber er besaß schließlich Macht. "Ach ja? So ... hm, tatsächlich...", schnaufte er. " Selbstverständlich werde ich den Inhalt kontrollieren müssen, nicht wahr?" Was hatte ihm Morningdew schon entgegenzusetzen? "Ja Mister Grumble." Morningdew nickte, obwohl er sich jetzt genau das Gegenteil wünschte. Als sich der Inhalt des Paketes vor dem Head Porter präsentierte, huschte erst ein schmaler, ungläubiger Zug über dessen Gesicht - dann ein rasch breiter werdendes, verschlagenes Grinsen. "Von diesem Geschenk sollte, wie ich wohl annehmen darf, besser niemand erfahren, was?" Grumbles Worte trieften nur so vor Hohn. Einige andere Schüler waren bereits stehen geblieben, um das kommende Schauspiel mit unverhohlener Schadenfreude zu verfolgen - Grumble verstand sich darauf, Triumphe auszukosten. "Bitte Mister Grumble..." Vergeblicher Einwand natürlich, denn Grumble setzte schon an, um die Neuigkeit in alle Welt hinauszuposaunen - und sah dabei wirklich aus wie ein glänzender, prall aufgeblasener Luftballon, der den Mund öffnet. Da nahm Morningdew all seinen Mut zusammen. "Ihre Frau ...ich meine, weiß sie, wo sie Donnerstags Ihren ... freien Abend verbringen?" Kam es leise, stockend über Morningdews Lippen. Natürlich konnte er nur hoffen, das es stimmte, was er heimlich von ein paar größeren Jungs aufgeschnappt hatte. Die Luft entwich zwar noch pfeifend, aber der Hohn blieb in Mr. Grumbles Hals stecken. Patt! Morningdews ...Teddybär war für's erste gerettet! "Darf ich das Paket jetzt mit auf mein Zimmer nehmen?" Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Mutterliebe von Tanja Hagedorn, 35392 Giessen (Deutschand) "Kann ichs mit aufs Zimmer nehmen?" fragte Johanna. Wieviele Jahre probierte sie es jetzt schon? Es mußten um die 20, 35 Jahre sein. Anfangs hatte sie es noch regelmäßig probiert. Fragte immer wieder, bettelte, doch sie durfte nie. Sie hatte dann immer ein paar Tage gewartet und es wieder probiert. Ihre Ausdauer hatte aber mit den Jahren nachgelassen. Ihre Mutter war nun mal unnachgiebig. Aber diese Erziehung hatte ihr bestimmt nicht schlecht getan. Aber ein bißchen ungerecht war es schon. Gerade jetzt starrte ihre Mutter wieder vor sich hin, ihre Lippen gespitzt und beachtete ihre Frage gar nicht. Hatte sie das eigentlich jemals getan? Ihr Schweigen und hatte sie immer als Negation gedeutet. Vielleicht hatte sie die ganzen Jahre falsch gelegen. Hoffnungsvoll stand Johanna auf, doch der Blick ihrer Mutter verfinsterte sich sofort, so, als wenn sie die Tischdecke in Flammen aufgehen lassen wollte. Johanna setzte sich seufzend. Das ging nun schon seit Jahren so. Aber was würde sie ohne sie machen. Sie würde nicht mehr für sie da sein müssen. Sie nicht mehr pflegen, ihr Essen machen... Sie würde... frei sein. Ein euphorisches Gefühl breitete sich in ihr aus und wich sofort einem realistischen Schulterzucken. Frei, das war ein Wort ohne Bedeutung. Was könnte Freiheit für sie bedeuten? Ihre Mutter schlug mit der Faust auf den Tisch. Johanna sollte weiter vorlesen. Vorlesen, das müßte sie dann nicht mehr, sie könnte ein Buch ganz für sich allein haben. Sie könnte das... Ihre Mutter schlug wieder auf den Tisch. Trotzig schloß Johanna das Buch vor sich und schaute ihre Mutter überlegen an. Die starrte weiter wütend auf die Tischdecke und schlug immer wieder zu. Johanna schrie: "Ich will nicht mehr vorlesen!" Ihre Mutter schlug in immer kürzeren Intervallen auf den Tisch. Johanna hielt sich die Ohren zu. "Hör auf", rief sie. Doch ihre Mutter machte weiter. Johanna stürzte sich auf sie und schüttelte sie. Aber sie hörte nicht auf. Im Wahn griff Johanna ihr an die Kehle und drückte zu. Erst nach einiger Zeit hörte das Schlagen auf. Die Augen ihrer Mutter öffneten sich weit und schauten sie ängstlich an. "Ja", sagte Johanna teuflisch. Bald erschlaffte der verkrampfte Körper und Johanna ließ los. Ein wenig benommen stand sie vor dem leblosen Körper. Die Geschichten von Hans dem Hasen gehörten jetzt ihr allein. Sie griff schnell nach dem Buch und huschte zur Treppe. Grinsend wie ein Kind ging sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Portiers und andere Entscheidungsträger von Ines Braun, 51067 Köln (Deutschand) Die Worte sickerten nur langsam in mein Bewußtsein. Eine Frage die mit "Darf ich" anfing gehörte eindeutig in die Kategorie C. Das war die Schwierigste und ich brauchte zumindest eine Wiederholung um die Frage in meine Gedankenwelt einzulassen. Die Fragen der Kategorie C verlangten nach einer Entscheidung, nach einem Schiedsspruch. Die meisten dieser Fragen konnte ich nicht beantworten, zu oft schon hatte ich mich im Für und Wider verstrickt, war hineingegangen in die Entscheidungsfalle, aus der ich selten einen Ausweg fand. Wieder stellte der Sprecher seine Frage. Dringlicher diesmal und ich spürte wie mir heiß wurde. Die Fragen der Kategorie A waren am einfachsten. Sie beginnen mit "Wie", "Wer" oder "Was" und rufen Wissen ab, öffnen aber nicht die Tür in das Labyrinth der Entscheidungen. Die Schulzeit war eine gute Zeit. Damals hatte ich mir angewöhnt C-Fragen auszusitzen. Wenn man ein Kind ist, werden viele Entscheidungen von der Ungeduld der Erwachsenen übernommen. Später erfand ich ein Zufallsprinzip, richtete meine Antworten nach dem Flug der Vögel oder nach dem Vorrücken des Sekundenzeigers auf meiner Armbanduhr. Mein Gegenüber stellte die Frage ein drittes Mal und es wurde Zeit zu reagieren: "Kleinen Moment noch", ich schob einige Stifte auf der Ablage zusammen und registrierte ein Zucken in meinem Augenwinkel. C-Fragen werden mir nicht mehr oft gestellt. Das habe ich meinem Beruf zu verdanken. Damals hatte die Dame beim Amt mir verschiedene Ausbildungsplätze angeboten und als die Regentropfen sich am Fenster sammelten und an der Scheibe ein erstes Wettrennen veranstalteten, hatte ich einfach "Ja" gesagt. Das war eine gute Wahl, denn alles weitere hatte sich von selbst ergeben. Inzwischen bin ich zum Spieler geworden, war noch nie so weit von einer vernunftgegebenen Antwort entfernt, wie nach den Erfahrungen mit dem Zufall. Ich habe noch immer nicht geantwortet und staune über die Geduld meines Gegenübers. Endlich klingelt das Telefon. Darauf hatte ich gehofft. Seit ich hier arbeite bringt ein externer Anruf eine positive Antwort, ein interner eine negative. Mit einem Blick aufs Display sage ich: "Natürlich dürfen Sie es mitnehmen. Welche Zimmernummer bitte?" "Sie haben mir sehr geholfen" mein Gegenüber nickt mir zu und wendet sich zum Gehen. An seinem flackernden Blick erkenne ich einen verwandten Geist, der sich die Entscheidung des Zufalls wieder einmal zunutze gemacht hat. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Geschwisterliebe von Manuela Tengler, 2453 Sommerein (Österreich) " Kann ich es mit auf mein Zimmer nehmen?" fragte Lisa. Genervt sah Isabella Zauner auf ihre dreijährige Tochter. "Ich muss Papas Auto bei der Werkstatt anmelden und ...," sprach Isabella immer weiter. Lisa verschwand mit ihrer Puppe im Kinderzimmer. "Es tut mir leid, Lisa! Am Nachmittag gehen wir in den Zoo!" versprach Isabella. Sie stöhnte leise. Da hatte sich Martins Mutter angesagt. Später klopfte Isabella an die Zimmertür. "Ich habe jetzt keine Zeit," drang ein genervtes Stimmchen durch die Tür. Isabella lächelte. "In Ordnung. Es war kurz nach zwei Uhr. Sarah musste doch längst ihr Mittagsschläfchen gehalten haben. Eilig lief sie die Treppe zum Babyzimmer rauf. "Aufwachen, mein Engel! säuselte Isabella und beugte sich über das Gitterbett. "Sarah!" schrie Isabella und Panik überkam sie. Das Fenster stand offen. Man las doch immer wieder von verzweifelten Frauen, die Babys entführten! Aufgelöst rannte Isabella die Stufen hinunter und rief ihren Mann an. "Martin! Martin! Bin ich froh, dass du da bist! Sarah, sie ist entführt worden!" Die Türglocke ertönte. Als Isabella die Tür aufriss und Martins Mutter erblickte, die sich die Nase rümpfend über Isabellas Empfang ärgerte, verlor Isabella ganz die Nerven. "Was glaubst du wohl, wie es uns geht? Sarah ist weg! Martin! Martin, ich ruf die Polizei!" Lisa stand ängstlich im Wohnzimmer. "Mama, warum weinst du?" flüsterte Lisa erschrocken und schlang ihre Arme um Isabellas Hals. Isabella drückte Lisa an. "Lisa, geh wieder spielen!" "Aber ...," setzte Lisa an, doch weder Oma noch Mama hatten Zeit für sie. Lisa ging in ihr Kinderzimmer zurück. "Nun, dann spielen wir eben weiter! Jetzt gibt es Schokolade und als Nachtisch nochmals Schokolade!" Die Polizei läutete. Sie inspizierten das Babyzimmer, das Fenster ... . "Mein Gott, Isabella! Wie konnte das passieren? Wieso war das Fenster überhaupt offen?" überfiel Martin seine Frau. Er hatte das Büro sofort nach ihrem Anruf verlassen. Verzweifelt barg Isabella ihr Gesicht an Martins Brust Lisa zog an ihrer Hand. "Mama, ich brauche eine frische Windel. Ich glaube, Sarah hat mein Mittagessen nicht geschmeckt!" Erstaunt starrten Martin, Isabella, die Polizeileute und Martins Mutter auf Lisa, die zerknirscht mit einer schmutzigen, stinkenden Windel vor ihnen stand. "Ich habe mir gedacht, weil du keine Zeit hast und Sarah so geweint hat ..," erzählte Lisa kleinlaut "... da habe ich sie zu mir ins Kinderzimmer geholt!" Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Tschechischer Flieder von Lutz Leukhardt, 04229 Leipzig (Deutschand) "Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?", fragte er unsicher. "Jetzt?" Die Frau schaute ihn mitleidig an. "Wohl zum ersten Mal hier, was?", schnarrte sie. "ES nimmt SIE mit auf das Zimmer." Sie zog an einer Zigarette und blies den Rauch in Richtung der Decke. Dann stützte sie den rechten Ellbogen auf den Tisch und ließ ihr Handgelenk nach unten sacken. Die Zigarette fiel dabei nicht aus der Hand. "Ansonsten ist mir gleich, was passiert. Nur will ich kein Blut sehen und schon gar nicht die Bullen im Haus." Er drehte sich zur Treppe um und sah nackte Fersen verschwinden. Kalte Erregung breitete sich in seinem Magen aus. Er folgte ihr. Die Stufen waren überzogen von fliederfarbenen Teppich, der seine Schritte dämpfte. Entlang der Wand waren billige Leuchter angebracht. Ihre Birnen imitierten das Flackern einer Flamme. Jeder Schritt nach oben drückte die Erregung tiefer in seine Magengrube. Vom Kopf der Treppe aus konnte er vage einen Gang und mehrere Türen ausmachen. Die meisten waren geschlossen, die Geräusche dahinter eindeutig. Das Mädchen, ein einfaches Tschechenmädchen, so hatte er es gewollt, wartete in einem Türrahmen am Ende des Ganges. Er wollte glauben, dass sie lächelte. Sehen konnte er es nicht. Als er nur noch zwei Schritte von ihr entfernt war, verschwand sie ihm Türrahmen. Er ging zu der Stelle, an welcher sie Sekunden zuvor noch gestanden hatte, und stützte sich am Rahmen ab; die Erregung wurde unerträglich. Sein Hose begann im Schritt zu spannen. Zu oft hatte er sich solche Momente ausgemalt, als dass er nun ruhig bleiben konnte. "Wie heißt Du?", fragte er ins dunkle Zimmer hinein. "Tatjana", antwortete sie mit dünner Stimme. Aus dem bizarren Gefühl, sich ihr vorstellen zu wollen, sagte er: "Peter." Sie sagte nichts. Peter stand da. Als das Geschrei der Grenzpolizei aus dem unteren Stock heraufdröhnte, schlich ein Lächeln über seine Lippen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |