| Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: |  | »Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?« Ihr Lachen von Adagio, 1030 Wien (Österreich) Ausdruckslose, das nackte Gerüst der Akkorde entblößende Melodien routinierter und müder Hände hängen in der rauchdurchtränkten Luft, die nur in der Nähe der unzähligen kleinen Schirmlampen, ohne denen die kleinen runden Tischchen ein unvollkommenes Dasein fristen würden, erhellt wird. Der leere Blick des Hotelpianisten ertrinkt in einer glorreicheren Vergangenheit und sucht keine Erwiderung im, nur mehr von einigen verstreuten Paaren gefüllten Raum. Ihre Hände ruhen in den meinigen, an eben einem dieser kleinen Tischchen, doch misslingt ihren Augen der Abschluss dieser Geste. Zwischen uns schwingen die noch ungesagten Worte deutlich lauter als die bis jetzt gesprochenen. Ich wünsche mir sehnlichst eine Zigarette, um mich hinter einer bedeutungsneutralen Geste zu verstecken, doch sie hat den Moment zu gut inszeniert. Vorahnungsspezifisches Unbehagen umschwärmt mich, lässt sich auf mir nieder wie Insekten, die wohl um die Wirkung ihres eigenes Giftes wissend, nach dem Stich mit aller Ruhe zu Werke gehen. Es ist dieses Gefühl, dass mich ihr zuvorkommen lässt, als ich mich vorbeuge und leise spreche:"Lass den Moment so stehen wie er ist. Was du sagen willst, wirst du sagen, doch warum nicht ein wenig später auf dem Zimmer dann. Mach mir die nächste Stunde zum Geschenk." Die Summe meiner Zuneigung flutet meine Augen als ein Lächeln meinen Worten folgt. Kurz aber deutlich flackert ihr Blick, gesellt sich dann aber übergangslos in ein alleszerstreuendes Lachen. Ihr Lachen, dass ein Maß der Authentizität erreicht, dass ich mir schon seit langem nicht mehr zutraue. "Später.", sagt sie nickend. Ihr Strahlen brennt sich irgendwo in den empfindlichsten Teil meines Ichs und ich versuche vergeblich die Belichtungszeit dieses Vorganges zu beeinflussen. "Es ist ein ganz eigenes Gefühl unser Treffen, dieser Abend", sage ich. "Und es gehört nur uns.", erwidert sie sanft und schließt ihre Augen. "Ich weiß welche Frage dir auf den Lippen brennt!", unterbricht sie wenige Sekunden später abrupt unseren Kuss und grinst schelmisch. "Kann ich es mit aufs Zimmer nehmen?" sagt sie und bricht in Lachen aus. Selbst durch mein Erstaunen über ihren schwer deutbaren Witz hindurch, nahm ich klar wahr, wie der Klang ihres Lachens nun dem Klavierspiel gegenübergestellt, es zu einem grotesk und missglückten Versuch Noten aneinanderzureihen, degradierte... Es war an diesem Abend, in diesem Moment als etwas sich änderte, im Blick des Pianisten.. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Mein Geheimnis von Hans E. Aeschlimann, CH-8046 Zürich (Schweiz) "Darf ich es auf das Zimmer nehmen", fragte ich meine Mutter beinahe jeden Tag, unermüdlich, immer wieder. Eigentlich fragte ich sie gar nicht mehr, ich bat, ich flehte, ich weinte. Sie blieb hart, nein war nein. Nie ließ sie nur ein kleines "vielleicht" offen, und Vater musste ich nicht mehr fragen. Die Eltern waren sich einig, wenigstens was meine Erziehung betraf. Tiere duldeten sie nicht im Haus, schon gar keine Hunde, aber auch keine Regenwürmer und Schnecken in meinen Hosentaschen. "Hunde kommen keine ins Haus", kreischte meine Mutter, bevor ich nur daran gedacht hatte einen Vierbeiner nach Hause zu bringen. Sie wusste immer gleich was ich dachte und vor allem, was ich tat oder nicht tat und was ich alles vergessen hatte. Ich vergas vieles, eine ellenlange Liste, hauptsächlich alles was mich nicht interessierte, vom Taschentuch bis zu den Hausaufgaben. Meine Mutter unterschied sich nicht sehr von anderen Müttern, außer vielleicht, dass sie mich besser kannte als ich mich selbst. Ich hatte sie gern, doch meistens begriff ich nicht, was sie meinte. Ich nahm ihr auch nie übel, wenn sie ablehnte. Erst viel später, sie war schon längst verstorben, begriff ich, wie sie manches gemeint hatte. Sie hatte sich nie erklärt. Nein war nein. Aber wenn sie schon alles über mich wusste, warum verweigerte sie mir meinen sehnlichsten Wunsch: einem Hund? Mutter zu liebe nur einen kleinen, der nicht bellte, wenigstens nicht zu laut, nicht haarte und keine schmutzigen Tatzen auf dem Parkett hinterließ. So würde auch sie sich an einem Tierchen freuen. Gefunden hatte ich ihn, ohne ihn gesucht zu haben, einen kleiner Hund. Aus einem Pappkarton neben den Müllsäcken hörte ich leises Wimmern. Ein Tierquäler hatte ihn einfach weggeworfen. Befreit war es schnell, das kleine Tierchen, das die Welt erst seit wenigen Tagen sah, wenigsten was es dafür hielt. In meinem Stiefel in der Hand schmuggelte ich es an Mutter vorbei bis in den Korridor, und dann ... Mutter war schon da. Schaute mich lange an. Stets hatte ich doch vergessen die Stiefel auszuziehen – so schnell glaubte auch Mutter nicht an ihre Erziehungserfolge. Der kleine Kerl winselte schwach, im dümmsten Augenblick. "Darf ...", begann ich gleich weinerlich. Meine Mutter weinte auch. Ihr Gesicht nahm sanfte Züge an. Tränen kugelten über ihre Wangen. Auch jetzt begriff ich sie nicht, aber das kleine Kerlchen fand Platz bei uns. Mutter kaufte Fressen für den Kleinen und Vater brummte etwas Unverständliches. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Geheimnis unterm Morgenmantel von Leona, 55126 Mainz (Deutschand) Es ließ sich nicht verbergen. Der grüne dornige Schwanz lugte aufmümpfig unter Jans Morgenmantel heraus. Jede Schuppe streubte sich gegen das Verstecktwerden. Jan spürte die Hitze seines Fundes. Roch den schwefligen Atem. Leise schob er sich durch die Hintertür, quetschte dabei das Vieh an seine Brust. Bloß niemandem begegnen! Seine Entdeckung würde einschlagen, er würde die Wissenschaft revolutionieren! Ein 10-Jähriger! Er sah die Schlagzeile in der Tageszeitung, sein Vater würde sie laut lesen und voller Stolz. Er hörte die Mutter im Nebenzimmer rumoren - hoffentich erwischte sie ihn nicht. Der hässliche Anblick des Drachen würde sie bestimmt zum Schreien bringen und das Reptil würde sich erschrecken, sich mit wahnsinniger Feuersbrunst freikämpfen und für immer entfliehen. Die Türe klappte auf, als er gerade die untersten Stufen der Treppe erreicht hatte, die ihn in die sichere Zone bringen sollte. "Jan?" Die Mutter! Sie sah in an und lächelte. Das widerspenstige Reptil wandt sich unterm Bademantel. Giftige Wölkchen drangen aus den Nasenlöchern. "Was hast du da?" Jan standen Schweißperlen auf der Stirn. Eine falsche Bewegung und alles wäre aus. Sie musste es doch riechen und das Beben des gefangenen Tieres wahrnehmen. "Kann ich es mit auf's Zimmer nehmen?" stotterte er. Die Mutter warf ihm einen ratlosen Blick zu. Sie sah in Jans schreckensbleiches Gesicht und beschloss, ihn ziehen zu lassen. "Ja, gut, geh!" Erleichtert rannte Jan davon, der Drachenschwanz schlenkerte wild hinter ihm her. Von unten hörte er die Stimme der Mutter heraufschallen: "Aber bring mit bitte gleich die grüne Decke wieder zurück! Es ist überall so kalt heute und ich könnte schon ein rechtes Drachenfeuer gebrauchen, um mich aufzuwärmen." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Respekt von Michael Ctortnik, 1070 Wien (Österreich) Als sechsjähriger, mittelmäßig gewachsener junger Mensch, gab es zu meiner Zeit noch so etwas wie Respekt gegenüber den grossen und oft furchterregenden Erwachsenen. Deshalb hatte ich damals doch ein gewisses Problem mit dem Portier unseres Hotels. Nicht nur dass er grösser als mein Vater war, war er auch doppelt so breit. Ein Koloss der noch dazu eine unglaublich tiefe Stimme besaß.
Als mir meine Mutter damals die genau abgezählten Lire für ein "Gelato con due ballone" gab, hatte ich nur noch "Erdbeer Vanille" im Kopf. Es waren einfach keine Ressourcen mehr frei um mir Gedanken zu machen wie ich nacher an dem Riesen in der Eingangshalle vorbeikommen werde. Auch der Hinweis, ich sollte mich beeilen und gleich wieder zurückkommen, veranlaßte mich nicht darüber nachzudenken.
Jetzt stand ich da mit dem Objekt der Begierde. Der Gusto auf das Eis war längst dem beklemmenden Gefühl in meiner Magengegend, dass die in meinem Gehirn ablaufenden Horrorszenarien verursachten, gewichen. Zwei Meter trennten mich noch von der mächtigen verglasten Eingangstür. Und schon von hier aus konnte ich den Wächter erkennen. Er tat so, als würde er mich und mein Vorhaben nicht bemerken. Doch ich hatte ihn längst durchschaut. Er thronte in der für ihn viel zu klein geratenen Portiersloge und wartete nur darauf mit seinen Riesenpranken herauszuschlagen um mich zu packen und mich in sein Kämmerchen zu ziehen. Dort würde ich dann unter Folter Rede und Antwort stehen müssen. Es würde schrecklich werden.
Ich mußte mir etwas überlegen. Wie ich so angestrengt nachdachte erwischte mich eine ungeheure Bassdruckwelle. Es fiel mir schwer den Sender zu orten. Da ich meinen Feind nicht aus den Augen liess konnte ich erkennen, dass sich sein Monsterschlund öffnete. Es sah aus als würde er etwas sagen. "He Kleiner" donnerte es mir entgegen. Oh mein Gott. Ich wußte nicht wie, aber irgendwie dürfte ich ihn gereizt haben. Das mittlerweile zur Hälfte geschmolzene Eis mußte es sein. Während ich versuchte es hinter meinem Rücken vor ihm zu verbergen, löste sich die mittlerweile zu einer kleinen Halbkugel mutierte Eismasse von der Waffeltüte und platschte unmittelbar hinter meiner linken Ferse auf den Asphalt. Auch das noch.
"Schade um das Eis. Du hättest es ruhig mit aufs Zimmer nehmen können. Deine Mama hat Bescheid gegeben", brummte er mit einem leichten Ton des Mitgefühls den ich ihm ob seine Grösse aber nicht abnehmen konnte. Hätte ich ihn doch bloß gefragt schoss es mir... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Leseratten von Eva-Maria, 96178 Pommersfelden (Deutschand) "Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?", fragte ich die Bibliothekarin, "auch wenn ich keinen Benutzerausweis habe? Ach bitte, sagen Sie ja!" Ich zeigte mich von meiner besten Seite, um die gute Frau zu überreden. Ich musste unbedingt dieses Buch haben. Es handelte sich ja nicht um irgendein Buch, sondern um das Buch. Und ich musste es haben, koste es, was es wolle.
Im Allgemeinen war allerdings eher lesefaul, hatte aber diese verrückte Wette mit Tina abgeschlossen, dass ich es nicht schaffen würde, dieses Buch an nur einem Wochenende zu lesen und es waren immerhin an die tausend Seiten. Das war eine Herausforderung, der ich nicht widerstehen konnte. Einerseits, weil sich der Preis dafür lohnte. Wir hatten um Eintrittskarten für das nächste Bruce Springsteen-Konzert gewettet. Andererseits stand ich nicht gerne als Verliererin da.
Die Bibliothekarin zögerte, aber anscheinend hatte ich einen guten Eindruck auf sie gemacht, denn sie sagte: "also gut, ausnahmsweise, weil Sie es sind", und warf mir ein Lächeln zu. "Haben Sie vielen tausend Dank. Ich bringe das Buch auch ganz bestimmt am Montag zurück, ich wohne gleich hier um die Ecke." "Ist in Ordnung", sagte die Bibliothekarin und reichte mir das Buch, nachdem sie es registriert hatte.
Freudestrahlend nahm ich das Buch mit in mein Zimmer, machte es mir auf der Couch bequem und schlug die erste Seite auf. Doch schon nach ein paar Zeilen legte ich es enttuscht zur Seite. So spannend, wie Tina meinte, war es gar nicht, im Gegenteil. Warum auch ausgerechnet Thomas Mann? Solche langen Sätze und eine Sprache, die kein Mensch versteht!
Nach einer Weile nahm ich den Wälzer wieder und machte einen neuen Versuch, zu lesen. Das Buch war kein bisschen interessanter geworden. Ich war hin- und hergerissen. Wäre es wirklich so schlimm, diese Wette zu verlieren? Sollte ich weiterlesen oder doch lieber auf die Megaparty drüben im Studentenwohnheim gehen? Bernd würde auch da sein und ich wollte ihn so gerne treffen. Ich zählte an meinen zehn Fingern ab, um zu einer Entscheidung zu kommen. Ja, nein, ja, nein, ja...nein.
Die Antwort war eindeutig nein. Ich schlug das Buch zum wiederholten Male auf und las. Am Wochenende danach gingen Tina und ich auf das Bruce Springsteen-Konzert, das ich mir wahrlich schwer verdient hatte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |