Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Wer schreibt - der bleibt
von Rosemarie C. Barth, 39120 Magdeburg (Deutschand)

Sie verschloß den Umschlag, schrieb die Adresse drauf und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. "Gut so", sagte sie leise, "das ist wichtig für dich. Es wird Zeit."
Constanze Grüngreif wollte ihr Leben verändern. Gestern hatte sie sich von Björn getrennt. Die Beziehung hatte ihren Reiz verloren, mit der Treue nahm er's auch nicht genau, warum sie weiter am Leben halten, wenn es nicht mehr kribbelt?

Ja - und eben hat sie sich für ein Autorenstudium eingetragen. Die Anmeldung hat sie gerade tief im Postkasten versenkt.
Am 1. Juli soll es beginnen. Constanze hat sich gut darauf vorbereitet. Einen Monat lang hat sie das Probestudium, schon mit einem kleinen - aber feinen - Erfolg, absolviert. Freude am Schreiben hat sie, so lange sie denken kann.

Als die damals ihre Stelle als medizinische Sekretärin antrat, meinte ihr Chefarzt: "Na, Constanze - wer schreibt, der bleibt, hm?" Diesen wunderbaren Satz hat sie nie vergessen. Seit einem Vierteljahrhundert begleitet sie dieser Ausspruch und läßt sie nie mehr los. Warum tue ich's nicht endlich?
Jahr aus - Jahr ein hatte sie sich dieselbe Frage gestellt.

Jetzt! Jetzt - heute und hier. Es dauert nur zwei Jahre.
Bereits während des Probestudiums veröffentlichte Constanze
eine Kurzgeschichte anläßlich des Welt-Nichtrauchertages in einer Wochenzeitschrift.
"Sind Sie haupt- oder nebenberufliche Journalistin, wegen der Honorarhöhe, Sie verstehen?" hatte der Chefredakteur sie am Telefon gefragt. Mit zitternder Stimme hatte sie geantwortet:
"Neben... eh - nebenberuflich."
"Ach so", erwiderte der Redakteur, das merkt man Ihrer Schreibe gar nicht an. Aber, da ist das Honorar leider niedriger."
"Schon in Ordnung", sagte Constanze und nannte verhalten ihre Kontonummer.
"Du hast Talent, wirklich Talent", jubelte sie später und hüpfte vergnügt durch die Wohnung. Dann überlegte sie keine Minute länger und schrieb ihre Bewerbung an die Autorenakademie. Jetzt will sie es endlich richtig lernen, das edle Handwerk der Schreibkunst.
Constanzes Leben wird auch ohne Björn weitergehen.
Ihrer nächsten - nicht ganz ernst gemeinten - Kurzgeschichte gibt sie den Titel "Beim nächsten Mann wird alles anders".

Es ist nun mal so, wer schreibt, der bleibt!

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"Was zählt ist die Aussicht"
von ART, 74405 Gaildorf (Deutschand)

Ohne Halt prasellten tausend Gedanken in ihren Kopf ein und überollten sie. Wie lange würde es wohl dauern? Was wird sie wohl denken? Ob sie sich über mich lustig machen wird? Ob sie mich ernst nehmen wird? Mich und meine Gedanken?
Die Sonne schenkte ihrem Lächeln einen unwiderstehlichen Glanz und so wie sie auf der Bank vor dem unwahrscheinlich mächtig erscheinendem Kastanienbaum saß, könnte man auf den ersten Blick meinen, sie sei wunschlos glücklich.
Ihre Gedanken ließen sie nicht los und gespannt fessellte sie mit ihrem Blick den Briefkasten.
Ob sie den Postboten wohl höflich bitten könnte, ihr den Brief wieder zu geben? Ob er sich darauf einlassen würde? War es ein Fehler den Brief einzuwerfen?
Es vergingen sechs Tage, sechs Tage voller Spannung, voller Hoffnung, Hoffnung darauf Antwort zu bekommen von Sarah.
Sie öffnete die Augen und ließ sich von den Morgenstrahlen der Sonne wachstreicheln. Ob meine Worte sie umhüllen werden? Ob sie, sie fesseln werden? Ob ihre Gedanken kreisen werden? Wird sie sich Möglicherweise hingeben? Wird ihre Leidenschaft entfacht, ihre Lust womöglich durch ihren Körper tanzen und ihre Bewegungen in ein Schauspiel verwandeln? Ob meine Worte wohl so eine Kraft besitzen? Gefangen in dem Bann ihrer Gedanken, wurde sie durch das Klingeln des Telefons, heraus gerissen.
Sarah?
Celine? Sag hast du die Zeitung gelesen? Hallte es aus dem Hörer. Ihre Gedanken lösten sich, sie ließ den Hörer fallen und eilte zum Briefkasten, ein Weg, den sie tagtäglich mehrmals ging und der sonst nie von Bedeutung war, wurde plötzich zum wichtigsten Ereignis in ihrem Leben, ohne daß es ihr bewußt war.
Sie hielt sie in der Hand und ungläubig betrachtete sie sie.
Sarah wurde erfasst, sie ließ sich mitreißen, sie hatte Feuer gefangen. Sie hatte sich überzeugen lassen, eine Geschichte, die vorprogrammiertes Aufsehen und gewaltigen Ärger mitsich bringen würde, in die wohl mächtigste Zeitung des Landes zu drucken.
Und Autorin dieser Geschichte war ich, Celine Reeves.
Es überkam mich ein Gefühl der Ohnmacht. Tausende Explosionen fanden statt auf meiner Haut und ich war überaus stolz auf mich.
Ich hatte es geschafft. Ich hatte es geschafft meine Geschichte zu veröffentlichen.
Der erste öffenltliche lesbische Heiratsantrag in der Geschichte der wohl verkorktesten Kleinstadt der Welt.
Durchgesetzt mit Liebe, Wortspielereien und unendlichem Feingefühl für die kleinen Dinge im Leben. Gestützt von einem unersättlichem Verlangen danach, FREI zu sein.

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Beschwerdebrief an Oma
von Rosmarie Schumacher, 53518 Wimbach (Deutschand)

Allerliebste Oma.
In Florenz waren wir in einem Museum, Uffizien oder ähnlich.
War das öde. Erst haben wir stundenlang draußen in der Sonne gestanden.
Als wir endlich rein durften, konnte ich mich noch nicht einmal auf den
Boden setzen. Es gab Bilder von reichen und armen Leuten. Große und kleine
Gemälde mit Reitern und alten Männern. Auf einem Bild lag ein Mann im
Bett mit einem Regenschirm.
Danach gingen wir in alte Kirchen und haben uns Gräber angesehen.
Zwischen den alten Gemäuern gab es riesengroße Männer aus Stein mit und ohne Kopf.
Als ich dann in einem Palazzo sowieso..., Landkarten auf Leder ansehen musste,
habe ich so gedrängelt, dass Mutter richtig sauer wurde.
Dann wurde ich noch zu einer Brücke geschleift wo es nur Goldschmuck gab.
Trotz Schlangen von Menschen war Mutter da nicht wegzuholen.
Wenn ich nicht unbedingt aufs Klo gemusst hätte, ständen wir immer noch da.
Die sollen mir alle gestohlen bleiben; die Medici und Michelangelos.
Die reinste Schnapsidee von meinen Eltern, in diese stink langweilige
Stadt zu fahren. Viel lieber würde ich im Gardasee planschen.
Außerdem war die Anreise schon beschissen. Beim ersten Stau
musste ich aufs Klo. Die Leute sind einfach aus ihren Autos ausgestiegen
und haben den Hang runter gepinkelt. Das habe ich dann auch gemacht.
Ein blödes Hotel. Noch nicht einmal Geländespiele dürfen die Kinder
im Speisesaal veranstalten.
Wir haben auch noch einen Ausflug mit dem Schiff über den See gemacht.
Das war genau so öde. Es regnete und wir rannten auf dem Schiff herum.
" Haben die Kinder mit Spaghetti um sich geworfen? Das wird nicht mehr vorkommen. Selbstverständlich zahlen wir die Reinigung".
Und schon bekam Frank, mein neuer Freund, eine kräftige Ohrfeige.
" Vergessen sie nicht, ihre Kinder vor dem Landgang einzusammeln".
Als ob wir Babys sind.
Ach Oma, wären wir doch in Oberhausen geblieben.
Kein Museum, keine alten Gemäuer, im eigenen Bett schlafen statt zwölf Stunden angeschnallt im Auto sitzen. Und ich wäre jeden Tag mit Susi ins Schwimmbad
gegangen.
Bitte, bitte. Vielleicht kannst du ganz schlimm krank werden. Du jammerst
ja sonst immer, wie schlecht es dir geht. Komm mich holen.


Damit Mama nichts merkt, klebe ich den Umschlag schnell zu, schreibe
deine Adresse drauf, bevor ich es mir anders überlege. Ich laufe hinunter
an die Rezeption und stecke ihn in den Briefkasten.
Naschkätzchen

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Es
von Johannes, Gutsche, 89312 Günzburg (Deutschand)

Es hält den Stift. Es zittert. Es lässt den Blick schweifen. Eigentlich keine Zeit dafür. Sein Stock an der Treppe. Angelehnt. Nein, gehumpelt hat er nie. Der Knauf berührt eine der Tapetenblumen. Ach je. Oft auf dieser Höhe gekniet. Blick auf die Blumenpracht. Ihm abgewendet. Damals noch gemeinsam tapeziert, die Blumen hat es ausgewählt. Der Stock kam erst später. Viel gelacht damals und dann geliebt, etwas zu schnell, danach viel Leim in den Haaren. Es war klebrig. Klebrig auch jetzt das Haar. Es fällt Schorf auf das Papier, wenn es den Kopf auf die Arme stützt. Zu schnell auch die Tapeten hingehauen. In die Ecken noch ein wenig Leim. Am nächsten Tag. Schon Mutter hat immer gesagt : Lass es ! Später dann kaum mehr Anrufe. Es hat sich vieles nicht gelohnt. Schreiben ist ja auch oft besser, aber so schwer. Es wird einfach nicht mehr. Es will nicht mehr werden. Wie soll’s weiter gehen ? Es muss. Es muss geschrieben werden. Abends atmet er ruhig. Wenn er ruhig ist. Und es muss dann auch ruhig sein. Was haben wir gelacht. Und danach sein ruhiges Atmen. Hab ihn oft angesehen. Jetzt besser wegdrehen. Den Stock bitte nicht ins Gesicht. Nässt immer noch. Pflaster hält auch keines, sind ja auch die billigen. Auch Blumen drauf. Es schmerzt trotzdem. Wohin es geht ? Erst mal den Bus. Es wird schon werden. Es könnte jetzt ein Schulterklopfen gebrauchen. Wie damals. Großvater. Nicht wie jetzt, mit dem Stock. Kinderlied: Ein Stock, ein Hut , ein Regenschirm... Jetzt nicht kitschig werden. Es ist schwer ihm zu schreiben. Am Besten ganz kurz. Adieu. Und dann den Stock dazu gelegt. Es wagt zu widersprechen ? Es muss sein. Es wird sein müssen. Beim Spaziergang den Blumen den Kopf abschlagen. Damals viel unterwegs, also doch mit der Post. Würde er doch nicht verstehen. Das mit dem gelegten Stock. Sein Atmen fast schon im Rücken. Jetzt aber hurtig. Adieu. Schreibt man das so ? Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf. Wieder sie sein. In der Nachbarstadt einwerfen. Auf dem Weg. Oder noch ein Stück weiter... Jetzt nicht mehr anders. Kein Überlegen mehr. Gleich an der Ecke in den Kasten. Die Schlüssel! Er kommt! Weg mit dem Papier. Weg mit dem Stock. Soll es nicht gleich sehen. Vielleicht ist es besser so. Später dann sein ruhiger Atem. Vielleicht später runter ans Eck. Morgen! Zum Briefkasten an der Ecke und dann der Bus. Oder doch zu Fuß. Zuerst mal die Treppen runter bis zum Briefkasten. Schon lange nicht mehr Bahn gefahren. Schönes Wochenende! Ab in die Knie!

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Abschied von der Kindheit
von Eva K. Wagner, 55278 Mommenheim (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte den Brief in den Kasten.
Emma drehte sich um und ließ den Blick die Straße hinauf wandern. Tief zog sie die frische Luft ein. Es tat ihrem Hämmern im Schädel gut. Ganz würde sich das Pochen für heute nicht mehr legen. Das war sicher. Dafür waren es ein oder zwei Gläschen zuviel des guten Roten gewesen. Aber egal, er hatte seine Wirkung getan und ihren Mut gefördert. Die gestrige Aktion bis tief in die Nacht hatte sich gelohnt. Der Brief befand sich nun auf dem Weg. Seit Monaten hatte sie ihn im Kopf. Nun hatte sie ihre Gefühle an den Menschen geschickt, der es verdiente: den Mann, der sie gezeugt hatte.
Emma setzte sich langsam in Bewegung. Die Hände tief in den Taschen ihres Anoraks, schlenderte sie zurück. Nun war es an der Zeit, dass er sich damit auseinander setzte. Er würde es nicht tun, desssen war sie sich sicher. Wie sonst hätten 16 Jahre des tiefen Schweigens entstehen können? Sie war fertig mit ihm. Geplant hatte sie die Abrechnung nicht. Sie war gestern abend allein gewesen und hatte sich ein wenig Zeit für sich nehmen wollen. Papier und Stift plötzlich vor sich, hatte sie zu schreiben begonnen. Seite für Seite. Zeitweise musste sie unterbrechen, weil die Erinnerungen zu intensiv, oder zu schwach wurden. Am Ende fühlte sie sich wie berauscht. Jetzt wo der Brief sicher im Kasten lag und sein Weg nicht mehr so ohne weiteres zu stoppen sein würde, fühlte sie sich stark und frei. Das kleine verunsicherte Mädchen in ihr hatte sich zurückgezogen. Ihr Vater ging sie endlich nichts mehr an.
Sie erreichte ihr Haus und suchte in der Jackentasche nach dem Schlüssel. "Mama!!", ihr kleiner Sohn sprang ihr aus vollem Lauf entgegen und schlug die Arme um ihren Hals. Es wäre ihr nicht möglich. Nie könnte sie ihren Jungen verlassen.

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