| Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: |  | Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Für M. von Andrea Byrne, 10961 Berlin (Deutschand) Sie hatten Streit gehabt, nein, ein Streit war es eigentlich nicht gewesen. Er hatte ihr etwas vorgeworfen und sie war verängstigt in die Verteidigungsposition gegangen. Sie hatte erst gar nicht überlegt, ob der Vorwurf denn zutreffend war, sie hatte ihn angenommen und befand sich nun verteidigenderweise im Rückzug. Erst jetzt, nachdem sie von dort geflüchtet war, auf dem Heimweg in ihr Rückzugsgebiet, fiel ihr auf, dass sie zitterte. Warum? Sie blieb stehen. Dachte nach. Fühlte in sich, und da war ein unbekanntes Gefühl zu verspüren. Wut. Wie ein zartes Pflänzchen nahm sie sich der Wut an, trug sie hastig nach Hause, in die sichere Wohnung. Dort setzte sie sich auf das Sofa. Sie merkte, wie die Wut immer größer wurde. Das machte ihr Angst, aber gleichzeitig auch Hoffnung. Wütend, so richtig wütend war sie vorher noch nie gewesen. Sonst immer nur eingeschüchtert und alles sofort verzeihend und vergebend. Dieser Gedanke machte sie noch wütender. Irgendwie musste sie diese Wut einfangen, sonst würde sie diesen Moment, diesen kostbaren Moment wieder vergessen. Schnell setzte sie sich an den Computer und richtete ihre Gedanken auf den Mann, der mit ihr gestritten hatte. Die Worte und Gedanken flossen nur so aus ihr raus. Sie fing an sich an alle Sachen zu erinnern, die ihr bis jetzt aufgefallen waren, da wo er ihr weh getan hatte und sie die Verletzungen einfach runtergeschluckt hatte. "Nein, dass hatte er nicht so gemeint!" "Nein, er hatte nur einen schlechten Tag!" Sie hatte viele Ausreden parat gehabt und sie hatte sie auch immer geglaubt. Nun floss die ganze Wut in einen Brief. Nachdem sie die vierte Seite vollgeschrieben hatte, überkam sie Erleichterung, sie fühlte sich, als ob sie einen Umzug gemacht hatte. Vom guten, braven Mädchen zum bösen, fordernden Mädchen. Da stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Was jetzt? Sollte sie auch wagen den Brief ab zu schicken? Was würde er dann denken? Würde er sie dann noch mögen? War das noch wichtig? Schnell steckte sie den Brief in einen Umschlag, verschloss ihn, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. So, jetzt war der Umzug komplett. Nun war sie ein böses Mädchen. Mit einem Lächeln im Gesicht ging sie wieder nach Hause Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Sich zwingen von J.Paul Roos, 44149 Dortmund (Deutschand) Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. An den folgenden Tagen zwang sie sich dazu, nicht auf eine Antwort zu warten. Aber es ist schwer, sich zu zwingen, etwas nicht zu tun, und ihr fiel leider nicht ein, wozu sie sich hätte zwingen können, es statt des Wartens zu tun. So erwischte sie sich also doch, während sie sich verzweifelt zu zwingen versuchte, immer wieder dabei, wie ihr Herz heftig klopfte, wenn sie nach der Post sah. Und die Leere in ihrem Hausbriefkasten versetzte ihr Tag für Tag aufs Neue einen Stich. Sie begann sich zu fragen, warum sie es überhaupt versucht hatte. Hing sie so sehr an ihm? Warum konnte sie ihn nicht genau so loslassen wie er sie? Brauchte sie seine Arroganz, seine Dickköpfigkeit, seinen Egoismus im Bett, der sie stets aufgewühlt und unbefriedigt zurückgelassen hatte? Brauchte sie jemanden, dem sie dienen konnte, dessen Wünschen sie sich unterzuordnen hatte? Nein, brauchte sie nicht! Sie war frei und alle Möglichkeiten standen ihr offen. Hallo Welt, hier bin ich. Sie begann wieder damit, Mühe auf ihr Äußeres zu verwenden, kleidete sich sorgfältig und schminkte sich. Besuchte Freundinnen und ging auf Parties. Taute auf. Als sie sich kaum noch erinnern konnte, mit welcher Hingabe sie dieses Arschloch von einem Kerl einmal angehimmelt hatte, kam sein Brief. Sie legte ihn spontan zum Altpapier. Nein, so einfach würde sie es ihm nicht machen. Wochenlang kein Zeichen und dann nur mit dem Finger schnippen. Nichts da. Wahrscheinlich hatte das Flittchen ihn sitzen lassen. Was bildete der sich bloß ein? Dass sie jetzt augenblicklich wieder die Lücke schloss, voller Dankbarkeit dafür, dass er zu ihr zurückkehrte? Niemals. So einfach würde sie es ihm nicht machen. Sie verbrachte den Tag in gelöster Stimmung. Sie hatte sich bewiesen, dass sie stark und gesund war. Und deshalb nahm sie am Abend doch den Brief. Schließlich bekam ja niemand mit, ob sie ihn nun las oder nicht. Antworten würde sie jedenfalls nicht. Im Umschlag befand sich die Einladung zur Hochzeit. Er wollte das Flittchen also tatsächlich heiraten. Im Kühlschrank war noch eine Flasche Weißwein. Na dann: Auf dein neues Lebensglück!, prostete sie ihm zu. Sie wollte sich zwingen, nicht zu heulen. Aber es ist schwer, sich zu zwingen, etwas nicht zu tun, und ihr fiel leider nicht ein, wozu sie sich hätte zwingen können, es statt des Heulens zu tun. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Post von Sylvia Smuda, 71083 Herrenberg (Deutschand) Monatelang hatte sie diesen Tag herbeigesehnt, wenn er denn je überhaupt eintreten sollte. Hatte sich ausgemalt, wie sie wohl reagieren würde. Einen Freudenschrei ausstoßen, dass es alle Nachbarn hören würden? Sofort zum Telefon laufen und Klaus in der Arbeitsstelle anrufen? Runter in den Keller rennen und eine Flasche Sekt öffnen? Nichts von alledem hatte sie getan. Wie in Trance hatte sie auf die Blätter gestarrt, nichts verstanden, trotz wiederholtem Lesen. Nur immer wieder gedacht: So ist das also, dieses Gefühl, auf das ich so lange gewartet habe. Wieso fühlte sie sich so leer, war zu keinem Freudenausbruch in der Lage? Es war das Unglaubliche an der Situation, das Unfassbare. Angst vor der eigenen Courage holte sie ein. Was würde die Zukunft bringen? Wollte sie diesen Schritt in die Öffentlichkeit überhaupt tun? Hatte sie einmal unterschrieben, würde alles seinen Gang gehen. Wieso zögere ich jetzt nur? schalt sie sich. Zwang sich, die Paragraphen genau zu studieren, Punkt für Punkt. Erinnerte sich an Musterverträge, die sie gelesen hatte. Alles war korrekt. Mit einem Stoßseufzer setzte sie ihren Namen an die vorgesehene Stelle und faltete die Papiere zusammen. Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Klaus würde sie es heute Abend erzählen, in aller Ruhe, bei einem Glas Wein. Dann, wenn nichts mehr rückgängig zu machen war. Bald würde ihr erstes Buch in Druck gehen, ihr Weg als Autorin begann. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Gewagter Schritt von Ines Heckmann, 41469 Neuss (Deutschand) Einen Moment lang geisterte noch die Vorstellung eines mit Kaugummi bestückten Stockes durch Petras Kopf, dann drehte sie sich abrupt um und eilte davon. Die Bombe würde morgen platzen – wenn ihr die Post keinen Strich durch die Rechnung machte. Bewußt hatte Petra diesen Brief an Gerda gerichtet. Immerhin galt sie als lebende Zeitung. So würde sich die Neuigkeit mit rasender Geschwindigkeit verbreiten. Egal, ab morgen wäre es zu Ende mit dem Spießrutenlaufen. Aus und vorbei. Ab morgen würde sie endlich ehrlich leben. Allmählich fühlte Petra dieses beklemmende Gefühl weichen, das ihr bereits Monate den Atem abschnürte. Sie würde offen zu dem stehen, was sie fühlte. Endlich eine eigene kleine Familie haben. Jetzt stahl sich sogar ein Lächeln auf Petras Züge. Mal sehen, vielleicht würde sie sogar Hand in Hand mit Nicole durch die spießige Stadt spazieren. Nicoles kleinen Jungen an der anderen Hand, den Pudel an der Leine. Wie eine völlig normale Familie. Im Nachhinein empfand es Petra als genial, ausgerechnet ihre Freundin aus Kindertagen Gerda zur Trägerin dieser Nachricht zu machen. Immerhin hatte sie in dem kleinen Fußpflegestudio sehr viel Kontakt mit den neugierigen Dörflern. Petra nickte zufrieden, schob die Hände in die Jackentasche und wartete ab. Als Petra eine Woche später bei Gerda hereinschaute, zog sie Gerda am Ärmel nach hinten. "Ich bin so froh, daß du es mir gesagt hast", flüsterte sie leise. "Ich bewundere deinen Mut. Wer weiß es denn alles?" "Nur du." "Und dabei soll es auch bleiben." Das waren völlig neue Töne. Etwas stimmte doch da nicht. Petra hakte nach. "Ich werde das Lädchen hier aufgeben", erklärte Nicole, "und wegziehen. In eine größere Stadt. Köln oder Berlin oder so." "Warum?" "Obwohl es sicherlich nicht Deine Absicht war, hast du mir viel Mut gemacht. Ich will mich nicht mehr um andere Menschen, um andere Meinungen scheren. Ich will endlich leben, wie ich fühle." "Aha, und wie fühlst du?" "Wie du." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Es war einmal ..... von Herbert Dobner, 1110 WIEN (Österreich) Wie an jedem Tag war der Briefkasten gut gefüllt, vor allem mit Werbematerial. Ich nahm den Packen mit in meine Single-Wohnung. Eine Telekom-Rechnung, eine Ansichtskarte von Paula (die wieder mit einer neuen Beziehung auf Mallorca war), ein bebilderter Faltprospekt eines Reisebüros und ein Modehauskatalog. Beinahe hätte ich eine Karte übersehen, auf der ein Partnerinstitut seine Dienste anbot.
Ich setzte mich zurück in meine Wohnlandschaft, blätterte den Prospekt des Reisebüros durch (mit etwas Fernweh), den Modekatalog legte ich beiseite (ich kaufe keine Mode aus dem Katalog) und las die Ansichtskarte von Paula (mit etwas Neid). Dann fiel mir das kommende Wochenende ein. Was sollte ich da wieder allein unternehmen? In ein Kaffeehaus gehen (schlechte Luft daher ungesund), Spaziergang unternehmen (gesund aber alleine sehr fad), ein Buch lesen (bildend aber dabei ohne Ansprache), na ja, ist wohl alles nicht aufregend.
Sollte ich vielleicht aus Zeitvertreib dem Partnerinstitut schreiben? Aber da hört man doch immer wieder, dass sich dabei vorwiegend Hallodri melden, die es auf das Geld und Vermögen der jeweiligen Dame abgesehen haben. Andererseits kann frau dabei wenigstens eine Zeitlang etwas mit einem Partner unternehmen (und wenn man aufpasst, kann ja nichts passieren, oder?). Ich gab mir einen innerlichen Ruck, schrieb meine persönlichen Daten und meine Hobbys in die vorgedruckten Felder der Postkarte und wollte sie in den nächsten Briefkasten werfen. Doch plötzlich fiel mir ein, dass dann ja jeder bei der Post meine Daten lesen und mich als frauliches Freiwild ansehen könnte (der Briefträger kannte mich ja). Ich gab daher die Postkarte in einen Umschlag, nicht ohne ihn vorher dreimal anzuspucken (das soll ja bekanntlich Glück bringen). Ich verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf und bevor ich es mir anders überlegen konnte, ging ich hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
So, sagte sie dann zu ihrem Enkel Andreas, der auf ihrem Schoß saß und ihr gespannt zugehört hatte, so habe ich also vor 30 Jahren deinen Großvater kennen gelernt. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |