Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Brüstung
von Monik Sos, 61169 Friedberg (Deutschand)

Sie mochte ihn nicht warnen. Er wird sich melden, bald schon.

Morgen früh fährt der Postwagen wie jeden Tag im Hof vor. Der Umschlag wird mit all den anderen Sendungen am Lieferanteneingang über den Tresen geschoben. Gleich nebenan hinter den eng vergitterten Fenstern sortieren zwei Frauen die Post in Umlaufmappen, ein Hausbote bringt die Mappe mit dem Aufdruck 37 in die oberste Etage. Noch vor Mittag liegt der Umschlag auf dem richtigen Schreibtisch. Dann wird drei Büros weiter auf der gleichen Etage das Telefon klingeln: „Stellen Sie mich sofort durch!“. Und: „Das müssen Sie sich selbst ansehen.“ Zwei Sekretärinnen telefonieren sogleich miteinander und verabreden für ihre Chefs den Mittagstermin. Sie werden sich in einem Club vor der Stadt zum Essen treffen. Mit Vorsicht haben sie ein oder zwei Tage Vorsprung.

Am Kiosk auf der anderen Straßenseite kaufte sie auf dem Weg zurück eine Zeitung. Die Rezeption war nicht besetzt, durch die halb geöffnete Tür zur Küche hörte sie die Wirtin und ihren Sohn. Sie hatte das Zimmer unter dem Dach bezogen. Da gibt es keine Nachbarn. Es sollte ruhig sein. Wie ein Dachzimmer einer Pension mitten in der Stadt ruhig sein kann. Von der schmalen Terrasse übersah sie die Straße in beide Richtungen. Den stoppenden und anfahrenden Verkehr an der Ampel. Die Passanten. Von hier oben sah sie sich, den Umschlag in den Briefkasten einwerfend.

Die Zeitung warf sie zu den anderen, die vor ihrem Bett lagen. Da erst bemerkte sie das Foto mit ihm auf dem Titel. Sie hob die Zeitung wieder auf, ging hinaus auf die Terrasse und sank auf dem Boden nieder. Den Rücken an das Gitter der Brüstung gelehnt. Unten an der Ecke wurde der Briefkasten geleert.

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Die Entscheidung
von Reiner Olschewski, 45130 Essen (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Einen längeren Moment dachte sie daran, ihn wieder herauszuholen. Unschlüssig stand sie so, die Hand noch an der Klappe. Der Regen machte ihr nichts aus, es war ja warmer Regen, vielleicht spürte sie ihn deshalb kaum.
Sie horchte in sich hinein. Selbstverständlich entschied sie sich nach ihren Gefühlen, und die waren widersprüchlich, wie meistens. Das kannte sie. Oft sagte sie sich, das war eben so für mich, in dieser Situation. Jetzt sehe ich es anders. Heute würde ich es anders machen.
Die Unterschrift war bindend, ohne Wenn und Aber. Und heute war der letzte mögliche Termin. Robert würde ihr wieder Vorwürfe machen. Er wird bis an sein Lebensende mit dem Fahrrad fahren, nur im Bioladen einkaufen und sein Geld zur Ökobank tragen.
Die Eltern würden sich freuen. Endlich sei sie vernünftig geworden, würden sie sagen, und wieder versuchen, ihr Geld für den Führerschein aufzudrängen. Sie hatte es abgelehnt. Robert wollte es so. Sie hatte auch den Job bei Bayer nicht angenommen. Robert meinte, er würde selbst dann nicht dort arbeiten, wenn man ihm goldene Teller böte.
Ihre Hand liess die Klappe los. Ein Grölen im Ohr, dessen Quelle sie nicht ausmachen konnte, lief sie mit schnellen Schritten zurück. Der Bus hielt gerade. Erst jetzt zog sie ihre dünne Plastikjacke an, im Laufen. Sie erreichte den Bus noch rechtzeitig.
Durch die verregneten Scheiben sah sie im Vorbeifahren den Briefkasten. Ein Farbiger streckte gerade seine Hand nach ihm aus. Der Bus fuhr um die Ecke. Jetzt sah sie die Gröler. Es waren einige Glatzköpfe mit Springerstiefeln. Sie liefen in Formation über den Bürgersteig auf die Ecke zu.
Am nächsten Morgen las sie die Zeitung. Skins hatten einen Farbigen geschlagen und verletzt. Er wollte einen Brief einwerfen. Sie versuchten ihn daran zu hindern. Weil sie den Einwurf aber nicht mehr verhindern konnten, spritzte einer Feuerzeugbenzin hinein und warf sein Feuerzeug hinterher. Die Skins hatte man gefasst und eingesperrt. Der Farbige rang auf der Intensivstation um sein Leben.
Das war es dann wohl, dachte sie, ging zur Tür und drückte den Türöffner. Sie begrüsste Robert. Jetzt musste sie ihm ja nicht mehr erzählen, dass sie vorhatte, den Job in der Chemiefirma anzunehmen.

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Befreiung
von Anne Stanarius, 13437 Berlin (Deutschand)

Mit ihrer rechten Hand hielt sie die gelbe Klappe hoch, schloß fest beide Augen, und mit einem heißen Wunsch ließ sie den Brief aus ihrer linken Hand, weil die vom Herzen kommt, bedächtig fallen. Es wurde ihr unendlich leicht dabei und ließ sie beschwingten Schritts in einem lang vermißten Glücksgefühl zurückgehen. In ihrer Wohnung angekommen, konnte sie gar nicht anders, als von einem Zimmer ins andere zu tanzen. Das tat so gut. Dieser verflixte Brief hatte ihr richtig zugesetzt, Kopfschmerzen mit schlaflosen Nächten bereitet, doch irgendwie hatte sie die ganze Zeit gewußt, es gab keinen anderen Weg, sie mußte ihn schreiben. Drei lange Tage und Nächte hatte sie ihn fertig geschrieben auf ihrem Schreibtisch liegen lassen, ohne einen einzigen Buchstaben zu ändern, unfähig ihn zu adressieren. Aber heute, Überwindung geschafft, auf den Weg gebracht und alles Schwere mit in den Kasten geworfen. Schonungslos und aufrichtig hatte sie geschrieben, was endlich zu sagen nötig war. Diese Erleichterung ließ sie in einem neuen Selbstwertgefühl die nächsten Schritte tun.

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Soll ich, soll ich nicht
von Heidi Spiess, 8805 Richterswil (Schweiz)

Dann rief sie Hugo an. Und weil sie es unbedingt sofort jemandem mitteilen wollte, benutzte sie die Telefonzelle gegenüber des Briefkastens. Sie zerrte die Telefonkarte aus der linken Vordertasche ihrer kneifenden Jeans, liess die Karte auf den Boden fallen weil sie sich dabei nervös und ungeschickt anstellte, tastete dann den Boden nach ihr ab, was etwas anstrengend und ziemlich umständlich war, weil die Jeans sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte. Dann endlich rief sie in den Hörer: "Ich habs getan, gerade eben."

"Modeste?"

"Ja, ja...was sagst du dazu?"

"Weiss nicht."

"Hugo."

"Hab dir ja schon gesagt, dass ich es nicht tun würde. Denkst du, ich wechsle stündlich meine Meinung oder was?"

"Hugo... Ach jetzt ist es eh zu spät. Also dann, bis Morgen."

"Ja. Gute nacht. Falls du überhaupt schlafen kannst."

Ja. Falls. Tief in Gedanken versunken trottete Modeste heim. Was nützten noch Überlegungen. Am besten gar nicht mehr daran denken. Sie war jetzt angemeldet und damit basta. Wenn alles nach Plan verlief, würde sie endlich abnehmen. Zusammen mit dem Fernsehdoktor und der halben Nation.

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Schwierigkeiten
von Dorothee Dunker, 37075 Göttingen (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Sie wußte schon lange, daß sie diesen Brief schreiben mußte, schob es aber immer wieder auf , fand Gründe, warum sie jetzt nicht könnte.

Schließlich war der letzte Zeitpunkt zum Absenden erreicht. Sie raffte sich endlich auf.
Eigentlich ging es ganz flüssig, der Brief war rasch verfaßt.. Sie nahm einen Briefumschlag, steckte den gefalteten Bogen hinein, leckte die Lasche ab, drückte sie zu und klebte die Briefmarke drauf. Da lag der Brief nun fertig vor ihr.

Langsam kamen ihr Zweifel .Hatte sie wirklich die passenden Worte und richtigen Formulierungen gewählt? Sollte sie nicht lieber doch noch einmal alles lesen? Aber der Brief war zu. Sie sprang auf, ging zum Schreibtisch und holte sich einen Bleistift. Vorsichtig schob sie die Spitze des Stiftes ganz oben an der kleinen offenen Stelle hinein und rollt ihn vorsichtig nach unten.

Erst ging alles glatt, der Leim löste sich. Aber plötzlich, der Leim hielt fest, die Lasche des Umschlags riß ein, ein Stück blieb kleben. Nervös versuchte sie die gleiche Methode an der anderen Seite. Wieder, trotz aller Vorsicht, riß der Umschlag ein. Danach ging es ohne größere Schäden weiter bis zur Spitze der Lasche. Sie blieb aber festkleben und riß schließlich ab. Sie nahm den Brief heraus, las nochmals sorgfältig, schrieb ihn neu, stellte dabei hier und da einen Satz um oder ersetzte einen Ausdruck Erleichtert schob sie den Brief zurück in den Umschlag. Aber Zukleben ließ er sich jetzt nicht wieder. Also Tesafilm her, zwei Streifen übergeklebt, die sich an der Spitze der Lasche kreuzten. Der Umschlag war wieder verschlossen.

Wieder lag der Brief vor ihr. Aber, dachte sie, wie schaut das aus! Sie zögerte. Sollte ich nicht doch besser einen neuen Briefumschlag nehmen? Dann könnte ich auch noch einmal mein Schreiben überprüfen. Aber, es klebt schon eine Marke auf dem alten Umschlag?. Ablösen? Ach, was! Sie riß den Umschlag auf, holte den Brief heraus, warf den Umschlag mit der Marke weg. Dann verfaßte sie ein neues Schreiben , steckte es in einen anderen Umschlag. Sie verschloß ihn, schrieb die Adresse, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Aufatmend blieb sie stehen, geschafft! Jetzt hoffte sie nur, daß ihr Einspruch beim Finanzamt auch Erfolg hatte.

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