| Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: |  | Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Eine kleine Kostbarkeit von Heidi Hoppe, 21635 Jork-Estebrügge (Deutschand) Tina schloss die Eingangstür, setzte sich zielstrebig an ihren Schreibtisch, nahm das Briefpapier zur Hand und begann: Estebrügge, den 12. Mai 2002
"Meine kleine Perle, meine Kostbarkeit! Ich weiß noch nicht einmal, welchen Namen Du tragen wirst, dennoch schreibe ich diesen Brief an Dich, weil heute ein ganz besonderer Tag ist. Vor wenigen Wochen spürte ich eine Wärme in mir, die mich erfüllte, die mir sagte, dass Du in mir wächst. Ich schwebte vor Glück auf den Wolken. Als ich Deinem Vater von Dir erzählte, erfuhren wir zwei, dass es nicht nur diese wunderbaren Glücksgefühle gibt. Dein Vater und ich begannen uns zu streiten. Er sagte mir immer wieder, dass er sich ein Leben mit einem Kind einfach nicht vorstellen könne. Die vergangenen Wochen waren eine schwere Zeit für mich. Ich machte mir Gedanken über uns beide. Würde ich Dir ein schönes Leben bieten können? Wäre ich in der Lage Dich aufzuziehen ohne einen Partner an meiner Seite? Kämen wir zwei finanziell zurecht? Fragen über Fragen beschäftigten mich und ließen mich nachts kaum zur Ruhe kommen. Immer wieder meldetest Du Dich in meinem Bauch und gabst mir zu verstehen, dass Du da bist und dass Du leben willst. Heute nun habe ich zwei Entscheidungen getroffen. Ich habe mich von Deinem Vater getrennt und ich habe mich für Dich entschieden. Du hast gewonnen, mein kleiner Schatz und ich bin glücklich darüber. Ich werde für Dich da sein und werde Dich umsorgen, das verspreche ich Dir schon jetzt. Es wird nicht einfach werden, aber Deine Großeltern haben mir heute zu meiner Entscheidung gratuliert und sie haben mir versichert, uns beide nicht allein zu lassen. Sie werden uns unterstützen, wenn wir Hilfe nötig haben werden. Ich bin ganz zuversichtlich und ich freue mich auf Dich! Diese Zeilen habe ich für Dich heute geschrieben, weil ich heute wieder auf Wolken schwebe, und ich Dir dieses besondere Gefühl des Schwebens mit diesem Brief mitteilen möchte. Diesen Brief werde ich an meine Adresse schicken. Ich werde ihn ungeöffnet liegen lassen und ihn Dir übergeben, wenn die Zeit dafür gekommen ist."
Tina verschloss den Umschlag, schrieb ihre Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Claire, die Eiskugel und der Brief von Ina Sommer, 91054 Erlangen (Deutschand) Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Morgen, vielleicht aber auch erst übermorgen, würde er in seinem verbeulten Blechbriefkasten ihren Brief finden. Zum wiederholten Male strich Claire die ihr ins Gesicht fallenden Haarsträhnen hinters Ohr zurück. Die Eiskugeln im Eisladen unter ihrem Appartment schauten sie so verlockend an, dass sie nicht widerstehen konnte und bei Carlo eine Kugel Pistazieneis bestellte. Die Kugel war für die winzige Waffel viel zu groß geraten. Claire erwiderte das fröhliche Ciao des Eisverkäufers und kletterte schnell die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf. Im Wohnzimmer, dessen Wände sie mit zartem Blau gestrichen hatte, setzte sie sich auf ihr knallgelbes Sofa. Der Brief. Er lag jetzt, umgeben von vielen anderen Briefen, von Rechnungen, von Liebesbriefen, von Geburtstagskarten, in dem gelben Briefkasten an der Ecke. War es richtig, ihm eine solche Nachricht auf dem Briefweg zu überbringen? War es ihre Feigheit, die sich durchgesetzt hatte, als sie beschlossen hatte, ihm einen Brief zu schreiben? War sie eine verdammte Egoistin? Aber sie wollte nun einmal nicht sein Geweine hören, das sicherlich folgen würde. Sie wollte sich nicht sein Betteln anhören, dass sie ihm doch noch eine Chance geben solle. Sie wollte ihre Entscheidung, sich von ihm zu trennen, ihm gegenüber nicht rechtfertigen wollen. Claire verdrängte alle Gedanken an den Brief und schob das letzte Stück Waffel in ihren Mund. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Wahnvorstellungen von Sabine Böhringer, 70597 Stuttgart (Deutschland) Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Die letzte Ecke verschwand im dunklen Maul des Kastens. Klapp! Ihr Brief war verschluckt. Steckte irgendwo da drinnen im Dunkeln. Sie machte sich auf den Rückweg. Mit großen, entschlossenen Schritten - und wunderte sich über ihren Mut. Sich auf eine Kontaktanzeige zu melden. Nach langem Überlegen. Zum x-ten Mal überdachte sie den Inhalt und ihre Schritte wurden langsamer: Bodenständig, treu, naturverbunden. Zu verlockend war die Übereinstimmung. Kind kein Hindernis. Sie war Mutter eines Achtjährigen. Hatte sie geschrieben. Dann hatte sie ihre Adresse darunter gesetzt - damit er ihr zurückschreiben konnte – von ihm wusste sie nichts, außer der Chiffre Nummer der Zeitung. Ob er antworten würde? Vor dem Gartentor stockte sie: Sie hatte sich einem wildfremden Menschen anvertraut! Was, wenn die Anzeige nur vorgeschoben war - wenn er ganz andere Absichten hatte? Er hatte ihre Adresse, er könnte sie aufsuchen und ihr im Garten auflauern. Warum dachte sie immer zu spät an die wichtigen Dinge! Besorgt überblickte sie Büsche und Hecken vor dem Haus, hinter denen er sich verstecken könnte. Von irgendwoher hörte sie das Klingeln eines Telefons. Vor Jahren hatte sie einer am Telefon belästigt, fiel ihr ein. Angestöhnt hatte er sie - bis ihr jemand die Idee mit der Trillerpfeife steckte. Sie atmete auf. Nein, die Telefonnummer hatte sie nicht angegeben. Aber sie stand im Telefonbuch! Ihr wurde heiß. Hatte sie diese Trillerpfeife noch? Der Kleine hatte eine! Das Kind! Wie konnte sie das Kind vergessen? Was, wenn er nur Interesse an Kindern hatte - weil er ein Kind entführen wollte? Er könnte ihrem Sohn etwas antun. Plötzlich war sie froh um alles, was sie nicht - schwarz auf weiß -offenbart hatte. Ein Dokument war dieser Brief – ein Dokument auf seinem Weg – sie zu verraten und ihr den Frieden zu stehlen. Zum Teufel mit ihrem Wahn, endlich wieder einen Mann zu finden! Wie konnte sie so leichtsinnig sein! Warum hatte sie nicht eine Nacht über ihr Vorhaben geschlafen, wie sie es sonst immer tat! Es war ein Fehler! Ein großer! Der Brief durfte nicht ankommen! Der Briefkasten wurde um 16 Uhr geleert. Sollte sie den Postbeamten abpassen? Oder sollte sie gleich die Axt aus dem Gartenhaus holen ... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Brief ist im Kasten von Georg Fahrenhorst, 04668 / Grimma (Deutschand) Stimmen, laute und leise. Nah und fern. Immer näher, immer lauter.
Nicht mehr lang.
Wer bist du, der du zu mir sprichst? Was machst du hier? Bist du der Teufel in mir?
Sei still! Hör auf mich zu stören! Ich kann es nicht mehr hören!
Worte, Laute, Stimmengewirr. Alles auf einmal, alles zu mir. Immer mehr und immer lauter.
Keine Bange. Nicht mehr lange.
Sie kanns nicht ertragen. Ich will nicht mehr. Ich werd euch verjagen. Sie greift zum Gewehr.
Ein letztes Geräusch. Ein lauter Knall, In ihrem Kopf, Bringt sie zu Fall.
Der Brief ist im Kasten. Marie wirds verstehn. Sie konnte es nicht ertragen. Sie musste gehn.
Die Kinder? Werden schon unterkommen. Sophie schickte sie schließlich das Geld dafür. Oh, Peter. Warum warst du nicht hier!
Ein letztes Zucken. Ein letzter Gedanke. Zwei Tropfen Blut auf der Truhe. Ein paar Spritzer an der Wand hinter ihr. Ein bisschen Gehirn Klebt an der Flasche Bier. Endlich ist Ruhe. Danke. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers verbindung von einer Tochter, 94315 Straubing (Deutschand) Mutter, hör auf zu ziehen! Das tut weh! Wenn ich ziehe, tut es dann bei dir weh? Ich habe oft gezogen, zu oft für dich. Aber ich war nie stark genug. Die Schnur hat immer gehalten. Obwohl sie mir schon lange keine Nahrung mehr gibt, seit Jahrzehnten nicht mehr. Jetzt bin ich es, die nährt. Die auch dich nährt - mit meinem Leben, meinen Lieben, Freuden, Leiden. Neun Monate lebte ich durch dich, gab die Schnur mir alles. Dann hätte sie durchtrennt werden sollen. Aber das hast du nicht zugelassen. Wir hängen immer noch daran, und jede zieht an ihrem Ende. Ich will, dass sie reißt, du willst, dass sie hält. Du willst alles zurück, was du mir gegeben hast. Mutter, zieh ruhig weiter. Es gibt Scheren, und es gibt Klemmen. Ich schicke dir eine Klemme, eine Schere hast du selber. Tu, was ich auch getan habe, nable dich ab. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |