Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Goldfisch im Einmachglas
von Barbara Kuhrau, 10551 Berlin (Deutschand)

Lieber Herr Fisch,
Sie werden sich sicher wundern, daß ich Ihnen schreibe. Schließlich sitze ich Tag für Tag in Ihrem Vorzimmer, da könnte ich es Ihnen genauso gut sagen. Könnte, wenn ich den Mut hätte. Sie waren mir von Anfang an sympathisch. Sie kennen das sicher, schon bei der ersten Begegnung fallen die Würfel. Vielleicht die Art wie Sie sich ausdrücken, vielleicht Ihre tiefe Stimme, Ihre bernsteinfarbenen Augen, Ihr Rasierwasser... Ich kann es nicht genau sagen. Die Chemie stimmt eben oder nicht. Als ich dann erfuhr, daß Sie zukünftig mein Chef werden, weil der Alte in Vorruhestand geschickt wird, war ich voller Vorfreude. Sie würden sicher nicht so launisch sein wie er. Nicht von mir verlangen, daß ich einen Brief formuliere, und dann zu brüllen, "so kann man das aber nicht schreiben." Um nach der dritten Version genau meine erste, natürlich schon von mir zerrissene Fassung als seine eigene vorzuschlagen. Es kann nur besser werden, dachte ich. Um so größer ist jetzt meine Enttäuschung. Ich hasse es, jeden Morgen Kaffee für Sie zu kochen. Das hat der Alte nie von mir verlangt. Ich hasse es, wenn Ihre Frau anruft und ich ihr sagen muß, daß Sie in einer wichtigen Besprechung sind. Dabei sind Sie nur mit der blonden Frau Meisel im Archiv, wie es schon die Spatzen vom Dach pfeifen. Glauben Sie nicht, daß keiner Ihre Vorliebe für Blondinen kennt. Frau Meisel selbst geht überall herum und erzählt, wie Sie auf ihrem Schreibtisch sitzen und sie anhimmeln, während sie Rechnungen prüft. Und eine Gehaltserhöhung haben sie ihr auch schon versprochen! Leider bin ich keine Blondine, so daß Sie mir kaum guten Morgen sagen. Ihre versteckten Gemeinheiten sitzen wie Dornen in meiner Seele. Sie werden sicher sagen, Sie meinen es nicht so und ich höre nur Flöhe husten, aber ich leide wie ein Goldfisch im Einmachglas. Mal ein Lob, ein freundliches Wort und alles wäre gut. Aber so? Ich möchte Ihnen daher folgendes vorschlagen: Machen Sie mir ein Angebot, so daß ich die nächsten fünfzehn Jahre bis zu meiner Rente sorgenfrei leben kann, oder ich erzähle Ihrer Frau bei ihrem nächsten Anruf, daß Sie mit Frau Meisel in der Ablage sind, und daß Sie da keine Rechnungen heraussuchen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich denke, es wäre für uns alle das Beste.

Ihre treu ergebene Maria Steinbeisser

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

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Ganz Ohr
von Arthur Schenk, 86916 Kaufering (Deutschand)

Vorsichtig reinigte Britt mit einem Wattestäbchen die Muschel des Ohrs, schließlich wollte sie es in einwandfreiem Zustand zurückgeben. Im Stillen bedankte sie sich bei Vera, ihrer besten Freundin, die ihr dieses Ohr - da von Berufs wegen viel auf Achse und selten zu hause - für einige Zeit geliehen hatte. Britt blies noch einen Fussel weg, dann schlug sie das Ohr in Noppenfolie ein und nahm den Umschlag zur Hand. Sie brauchte das geliehene Ohr jetzt ganz sicher nicht mehr, die Krise war ja nun entgültig vorbei, nachdem Olaf mitsamt seiner Sachen aus ihrem Leben verschwunden war. Ja, jetzt fühlte sie sich besser, die Monate des Zweifels lagen endlich hinter ihr, und ein neuer, strahlender Anfang vor ihr. Wie ungern erinnerte sich jetzt noch an die Abende, an denen sie heulend dagesessen war, Veras Ohr wie ein Diktier-gerät in der Hand, um ihren Kummer los zu werden ... an manchen Tagen war das Ohr davon sogar so verstopft gewesen, das sich die harten Kummerkrusten erst in einem Wasserbad ablösen ließen.
Sachte ließ sie das Ohr in den Umschlag mit der blauen Innenseite rutschen - und schon dachte sie unwillkürlich an Olafs Augen, blau und faszinierend kristallklar, wie ein Bergsee - sicher, gab es da Erinnerungen an so manch schöne Zeiten ... aber immer Klamotten, die er unordentlich in der Wohnung verstreute ... andererseits Abendessen bei romantischem Kerzenschein ... jedoch keine feste Bindung - Die Lebensversicherung, zu der er sich angeblich innerlich noch nicht bereit fühlte ... trotzdem im Bett dann wieder, oh jaaa ...
Glücklicher weise befand sich das Ohr jetzt bereits im Umschlag. Schnell verschloss sie deshalb den Umschlag, schrieb Veras Adresse drauf, und bevor sie es sich doch noch anders überlegen konnte, ging sie hinunter und warf ihn in den Postkasten an der Ecke.

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Öffentliche Mitteilung
von Gitta Klaßen, 44145 Dortmund (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Als sie die Hand wieder herauszog, hatte sie den Umschlag immer noch zwischen dem Zeigefinger und Daumen. Es war kein freundliches Schreiben, keines das ihn erfreuen würde, ihn zum Sieger erklären würde. Nein, das nicht, es war ihre Wut in blauer Tinte, ihr Zorn, ihre Boshaftigkeit, ihre Rache in Zynismus eingepackt. Die Adresse lächelte sie sie an: "Herrn Dirk Unfähig" ... "Herr" äfte sie die Buchstaben nach, "Herr, DAS fehlte noch! Sie nahm einen Kuli, strich das ´Herr` , ersetzte es durch: "An den Doofmann Dirk Unfähig", ließ den Brief lachend in den Kasten fallen und zog flötend davon. In der Kneipe gegenüber bestellte sie sich ein Bier.

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Briefverschickungshilfe/ späte Sprechanlagenliebe
von Leon, 44787 Bochum (Deutschand)

Paff-Paff-Paff! 1000x letzte Nacht. Krachende Boxentürme und Lipgloss. Ein Lipglossmund lächelt durch den Schleier. Ich sehe, ja, sehe SIE. Ein Loop von fünf Sekunden, der zwischen den Synapsen zittert und sein Ende oder auch seinen Anfang sucht. Die Briefkastenklappe schlägt zu. Paff! Ich höre es trotz der Bagger und Presslufthämmer zwischen denen ich kauere. Geduckt beobachtend. Sie geht mir auf die Nerven. Hat keinen Sinn für´s Timing. Steht einfach ZU LANGE neben dem Kasten. Blickt sich um, leckt sich die Lippen: LIPGLOSS revisited! Streicht sich eine Haarsträne aus dem Gesicht. Mein Hals tut weh! Ich versau mir meine Klamotten auf dieser Scheiß-Baustelle! Sie geht. Langsam zwar und weil ihr wohl die Nacht noch zwischen den Hirnlappen wabert. Aber GEHT! Richte mich langsam auf. Sie wirkt nervös. Weil sie gerade umgeknickt ist? Jetzt geht sie ZU schnell. Mit Absicht? Will sie mich...? Ich weiß ihren Namen doch und könnte sie daran erinnern, dass... Am Kiosk macht sie Halt. Magenkrampf! Als ich aufblicke ERLEICHTERUNG: sie ist weitergegangen. Endlich verschwindet ihre große Hand in der Hosentasche. Ich beobachte eine verträumte Schülerin mit ihrem Rucksack kämpfen, während sie in den Bus steigt. An der Tür. Drücke die Klingel. „Hallo?“, fistelt es durch das Rauschen. „Ja, ich bin´s ich...“ - „Wie geht´s dir?“ – Wie geht´s MIR?! So was Beklopptes...„Ähm.. ich...also, mir geht´s... kann ich raufkommen?“ Berauschendes Schweigen! Mir wird klar, dass ich Türsprechanlagen liebe. Nicht mal als Medium als solches habe ich sie wahrgenommen, doch hier in dieser Sekunde! Sie und jener Briefkasten an der Ecke... „Bist du irre??? Das war nicht die Abmache, klar?!“ Nein, hat sie jetzt wirklich `Abmache´... „Ich war gerade zufällig in der Gegend und da dachte ich...“ „Was jetzt?“ „Was jetzt was“, ich WILL sie ärgern, nerven UND „Hast du´s gesehen verdammt?“ Mir ist heiß. Ich will weg. „Ja.“ „Was hast du gesehen?“ Wieder Halsschmerzen, bewusste. Bloß nicht mehr reden müssen: „Du hast den Brief in den Briefkasten geworfen... [Schweigen... meine Nerven...] DU bist aus deiner Wohnung gekommen, hast DEN Brief in der Hand gehalten und ihn IN der Hand gehalten. Bis zum Briefkasten. Dann hast du ihn eingeworfen! War´s das jetzt? Kann ich jetzt endlich gehen?“ „Ja-a... Mamma wird sich freuen.“ Das Rauschen ist weg. Ich höre wieder die Bagger und...Paff! ein Kirschkernkissen, das neben mir zu Boden fällt. Mit einem Umschlag. Ich öffne ihn. 50 €...das reicht für´s Taxi.

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Gedanken
von Liane Grafe, 49080 Osnabrück (Deutschand)

Zu spät
viel zu spät
Morgen wird er den Brief erhalten
alles wird aus sein
Die Wahrheit wird ihn zerstören

viel zu lange habe ich geschwiegen

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