Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: Cover: Brennendes Geheimnis

Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.

Bahnverbindung
von Christine Volm, 71063 Sindelfingen (Deutschand)

"Warum machst Du, dass meine Mama weint?", hatte der kleine Junge im Schlafanzug die Frau hinter dem Bahnschalter gefragt. Sie ahnte: Er musste der Sohn ihres Chefs sein, der abends bei ihr anrief, um ihr mitzuteilen, dass er sie sehr liebe, wegen ihrer Einzigartigkeit. Gedanken rasten durch ihren Kopf, sie wollte sie so schnell wie möglich ordnen. Dieses fleischgewordene Gewissen, das vor ihr stand, musste entsorgt werden. Sie lud ihn ein hinter den Schalter, um ihm dort alles zu erklären, sie lockte ihn in die Gepäckaufbewahrungshalle, um drei Uhr nachts war dort nichts los, und ließ ihn verschwinden in einem der Schließfächer. Sie brauchte Zeit, um ihre Gefühle und Gedanken zu ordnen. Wie in einem Sumpf fühlte sie sich und sie sah den dreckigen Arm sich ihr entgegenstrecken, um sie mit hinunter zu ziehen. Zurück hinter dem Schalter, wohlgeordnet, ließen sie die Gedanken an den Kleinen nicht los, er hatte sich gewehrt, sie gebissen aber sie war stärker gewesen. "Absurd", dachte sie und als der nächste Ankommende um ein Hotel nachfragte bot sie ihm ihr Gästebett an, verbunden mit der Auskunft, dass es nachts um 3.30 Uhr schwierig wäre etwas zu finden. Er wartete, um 4 Uhr war Schichtwechsel. Zuhause servierte sie ihm Kaffee und als er die Tasse dankend entgegen nahm fragte sie mit vielsagendem Blick: "Sonst noch was?" "Ich sage nicht nein" war seine Antwort, sie nahm sich was sie brauchte und schlief danach neben ihm ein. Fast wortlos verabschiedeten sie sich am nächsten Tag, Kaffee bot sie ihm nicht mehr an. Nachmittags ging sie zur Arbeit. Sie legte ihre Kündigung auf den Schreibtisch des Chefs und räumte ihre persönlichen Dinge ohne Zögern in eine Tasche. Keiner ihrer Kollegen nahm Notiz von ihr, sie waren beschäftigt. Sie ging in die Gepäckaufbewahrung und horchte an der Tür des Schließfaches, nichts war zu hören und so schloss sie leise auf. Der Junge schlief. Sie ließ die Tür offen und ging. Während an der Information ein Herr Angaben zum Aussehen des Kindes machte, schlurfte ein verschlafen dreinblickendes Kind aus der Gepäckaufbewahrungshalle. Der Herr hob eine Augenbraue und murmelte etwas von Kindern ohne Zuhause. Die allgemeine Besorgnis schlug in Empörung um. "Rotzbengel" schimpften welche, andere ließen sich zu einem beherzten "Rabeneltern" hinreißen. Eine Frau, die etwas abseits gestanden hatte, beschloss einen Kaffee trinken zu gehen, bevor sie sich mit ihrem Zukünftigen treffen wollte, der schon mitten in der Nacht angekommen sein musste.

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Warum hat er das Getan???
von Ophelia-Sophie, 06618 Naumburg (Deutschand)

Schon war alles in furchtbarer Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am bahnschalter gesehen.Niemand wusste,das ich 1 Tag später bereits tot war.Hier meine Todesgeschichte:Vor einem halben Jahr hatte meine Mutter den Freitod gewählt. Mein Vater erlaubte mir nicht weiterhin in der Wohnung meiner Mutter zu leben. Also musste ich zu ihm ziehen. Ich litt fürchterlich unter ihm. Ich kam eines Abends nach Hause, da brüllte er mich an:"Ich habe dich gesehen mit Olli oder wie er auch immer heißen mag. Du bist eine Hure so wie du rumläufst. Ich habe genau gesehen wie er dich geküsst hat, wenn er dich noch einmal anfasst, lass dir das gesagt sein Fräulein, dann ist hier die Hölle los." Regungslos stand ich vor ihm, sein starke hand streichelte vorsichtig und langsam über mein Gesicht.Er holte aus und traf mich mitten ins Auge. Sein Bein traf mich am Bauch. Wieder und wieder traf seine Kraft meinen hilflosen Körper.Ich versuchte die Tränen zu unterdrücken, denn hätte er eine Träne von mir gesehen, ich glaube dann hätte es gar nicht mehr aufgehört. Für mich wurden Sekunden zu Tagen und Minuten zu Wochen.Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Am Ende spürte ich schon fast gar nichts mehr.Nachdem er sich abreagiert hatte ging ich auf mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir ab.Ich legte mich vorsichtig und langsam aufs Bett.Ich dachte nur:"Hoffentlich sieht keiner etwas in der Schule."Als er am nächsten früh aus dem Haus ging, atmete ich erleichtert auf.Ich hatte die Nacht schlecht geschlafen, weil mir die Rippen und der Bauch so weh taten.Als ich bei meiner Physiklehrerin stand rutschte mir der Ruchsack nach hinten und fiel auf den Boden.Meine Physiklehrerin fragte was ich da auf dem Rücken hätte.Ich antwortete kurz und knapp:"Nichts."und ging aus dem Raum.Ich ging in unseren nächsten Unterrichtsraum.Nach der Stunde hatte ich Hofpause.Ich wartete bis alle hinausgegangen waren,schloss die Tür und machte meine Jacke auf.Ich schaute auf meinen angeschwollenen Bauch und erschrack selber.Sie wollte mir helfen aber ich hatte zu viel Angst vor ihm.Ich traf die falsche Entscheidung.Nach einem letzten Schlag,den er mir verpasste,brach ich zusammen.Als ich wieder zu mir kam schleppte ich mich ins Bad, hollte mir 2 Rasierklingen und ritzte mir dir Pulsadern auf.Mit letzter Kraft schleppte ich mich auf den Flur, wo ich zusammenbrach.Einsam und Verlassen starb ich.

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Verlockend
von Hildegard Lena Kuhlenberg, 50968 Köln (Deutschand)

Josefine war verschwunden, war weg, von jetzt auf gleich, nach dem Mittagessen einfach nicht mehr aufgetaucht, war nicht im Garten, nicht im Haus, nirgendwo.
Die Rufe der Mutter alarmierten die Nachbarn, und wie schwärmende Insekten durchkämmten alle stundenlang das umliegende Gelände.
Josefine aber blieb verschwunden.
Schon waren alle in furchtbarer Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.
Wie auf Kommando änderte der Suchtrupp die Richtung, und ein Rinnsal von mittlerweile dreißig Personen bewegte sich zum Bahnhof, vornweg Josefines Mutter und Tante.
Nein, ein fünfjähriges Mädchen mit Pferdeschwanz und grünem Anorak hatte keine Fahrkarte gekauft. Wovon auch, dachte die Mutter noch. Eingestiegen wird sie sein, einfach so.
Zwei Züge kamen in Frage, der regionale nach N. und der Fernzug nach M.
Nein, sagte der Beamte auf dem Bahnsteig, so ein Kind, nein, aber vielleicht als ich gerade, man weiß ja nie.
Nein , man weiß ja nie.
Der Suchtrupp klumpte jetzt wie ein Ameisenhäufchen am Zeitungskiosk.
Nein, so ein Kind ward auch hier nicht gesehen.
Die Ameisen schwirrten aufgeregt hin und her und her und hin. Es fuhr kein Zug mehr in die Stadt, und wo hätte man dort auch suchen sollen.
Abends da würden noch zwei ankommen, erst der aus M., dann der aus N.
Also hockte sich das Grüppchen ins Bahnhofscafe und wurde allmählich zur Gruppe. Da wurde nun geduzt und gefragt und erzählt und die Hierarchien schwanden.
Stundenlang ging das so bei Kaffee und Tee und später dann bei Wein.
Und als der Zug aus M. eintraf, da hätten sie ihn beinahe verpaßt.
Hastig liefen sie zum Gleis und kamen gerade rechtzeitig, um Josefine aussteigen zu sehen beim Lokführer vorn.
" Ich wollte mal einen richtigen Kinderlocker kennenlernen" sagte sie," weil ich doch so Angst vor ihm hatte."
Die Ameisen stoppten einen Moment, verstanden nicht recht, doch dann schwärmten sie um Josefine herum, hoben sie auf ihre Schultern und liefen zurück dahin, woher sie gekommen waren. Und alles war wieder gut, wenn nicht besser.
Nur Josefine fühlte sich ganz allein und wollte von jetzt auf gleich lesen lernen.

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Große Angst
von Franz Eiermann, 55262 Heidesheim (Deutschand)

Es war ein erster, richtiger Frühlingstag. Ein Tag, an dem Jung und Alt das Herz aufging, Sehnsucht und Fernweh erwachte.

Maria wurde unruhig: „Wo Michel nur bleibt? Die Schule ist doch schon lange aus.“

Im Allgemeinen kam ihr Sohn immer pünktlich nach Hause. Jetzt schlug es vom Kirchturm aber schon vier Uhr und er war immer noch nicht da. Sie rief bei seinen Freunden an: kein Erfolg. Voll schlimmer Ahnungen machte sie sich auf den Weg, ihren Sohn zu suchen. Das Dorf, in dem sie wohnten, war nicht groß, nach einer Viertelstunde war sie durch, niemand wusste etwas über ihren Jungen, auch seine Schulkameraden hatten ihn nach dem Unterricht nicht mehr gesehen.

Maria hatte schreckliche Angst. Unfall? Verbrechen? Entführung? Wer sollte ihren Jungen entführen, sie waren arm. Michels Vater war schon bald nach der Geburt verschwunden und hatte sich niemehr gemeldet. Bei einem Bauern fand sie damals Arbeit und Unterkunft, ihren Sohn erzog sie alleine. Es musste was passiert sein. Polizei hatten sie keine am Ort, also sie ging zum Bürgermeister. Der handelte rasch, verständigte die Polizei und alarmierte die freiwillige Feuerwehr.

Die einzige Wirtschaft des Dorfes war gerammelt voll, erregt diskutierten Männer und Frauen über den Vorfall. Der Aufenthalt in der verqualmten Wirtsstube war durchaus nicht angenehm, aber das außergewöhnliche Ereignis hatte auch die, die das Gasthaus ansonsten mieden, hierhergeführt. Sie debattierten über den Vorfall und ergingen sich in Vermutungen: Was konnte dem Kind zugestoßen sein? War es vielleicht im Weiher ertrunken, war es entführt worden?
Der Feuerwehr-Kommandant gab einen Entschluss bekannt: Man wolle den Dorfweiher leerpumpen.

Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.
Es habe dort einen Fahrschein gelöst und sei in den Zug zur Stadt gestiegen, er selbst sei ins Nachbarort gefahren, komme gerade zurück und höre erst jetzt von dem Verschwinden des Jungen.

Das wirre Gerede verstummte für einen Moment, dann löste sich Spannung und mit einer gewissen Erleichterung begann man ersatzweise über mögliche Beweggründe des kleinen Ausreißers zu spekulieren. Die Feurwehr brach ihre Aktion ab, der Bürgermeister fragte nach Verwandten in der Stadt. Er vermutete richtig, Michel war bei seiner Tante, die er an diesem schönen Tag einmal besuchen wollte.

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Morgen
von Silke Kastenhuber, 1150 Wien (Österreich)

Wie hätten sie es ahnen sollen? Woher hätten sie wissen können, daß dieses ungewöhnliche Kind-oder was immer es sein sollte-sie beim Wort nehmen würde?
Es war doch nur einer dieser Abende. Viel Bier, einige Fußballerabenteuer, die eine oder andere Prahlerei und bei Gelegenheit ein Griff auf das pralle Hinterteil der Kellnerin. Und dann plötzlich dieses eigenartige, blaßhäutige Kind mitten im Raum. Zunächst hatte es ja keiner beachtet, doch als es hartnäckig schweigend stehen blieb und sie aus seinen großen ausdruckslosen Augen anstarrte, mußten sie es wohl oder übel zur Kenntnis nehmen. Ganz unbedacht hatten sie auf seine Frage, was sie sich wünschen würden vom Leben, laut lachend geantwortet, daß sie sich von diesem Leben einfach nur wünschen würden, es wäre ein anderes. Ein völlig anderes-neuer Job, neue Frau, keinen Mayrhofer mehr über sich, mit seinen Magister-Weisheiten. Einfach man selbst sein, und vor allem ein ganz Anderer.
"Diesen Wunsch hatte ich schon oft",hatte es noch leicht spöttisch entgegnet, drehte sich um und ging.

Als sie ihr Bier ausgetrunken hatten, war ihnen allen etwas komisch im Bauch. Sie mußten wohl zu tief ins Glas geschaut haben. Wie sonst sollten sie sich auch das plötzliche Schwindelgefühl in ihren Köpfen erklären? Erst als sie sich voneinander verabschiedet hatten und zu Hause vor ihren Wohnungen erkennen mußten, daß darin fremde Menschen wohnten, erinnerten sie sich wieder an das Kind. Ungläubig rüttelten die Einen an verschlossenen Türen, andere flehten ihre vermeintlichen Ehefrauen an, sie mögen sie doch endlich einlassen. Auch die Polizei zeigte kein Verständnis für Unruhestifter, die sich nicht einmal ausweisen konnten. Der Rest von ihnen traf sich in der Gaststätte wieder. Nicht weil sie sich verabredet hatten, sondern einfach weil sie nicht wußten, wo sie sonst hätten hingehen sollen. Wie benommen wankten sie von Tisch zu Tisch, als sie die übrigen Gäste nach dem Kind fragten. Doch schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicer Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Sofort sprangen sie auf und rannten Richtung Bahnhof. Doch alle Türen waren bereits verschlossen-es war zu spät.

Im Obdachlosenheim schräg gegenüber gewährte man ihnen Zuflucht. Beim Erzählen ihrer Geschichte gab es viel Gelächter. Aber vor allem gedankenbetäubenden, wohltuenden, billigen Schnaps. Und die Hoffnung, daß morgen wieder alles beim Alten sei.

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