| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Jenseits des Zaunes von Joachim Schulz, 48565 Steinfurt (Deutschand) (Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.) Bei dem Zeugen handelte es sich um den Nachbarn Müller. Karinas Mutter beschuldigte ihn prompt, das Kind entführt zu haben. Der Herr wechselte innerhalb kürzester Zeit mehrmals seine Gesichtsfarbe. Wütend bemerkte er, daß es ein Fehler gewesen sei, sich den Meiers doch noch einmal ohne anwältlichen Beistand zu nähern. Nun begann die Mutter zu weinen. Ein Jahr zuvor hatte Karina von den über den Zaun der Meiers reichenden Ästen des Herrn Müller gehörenden Apfelbaumes eine Frucht gepflückt und damit heftige Schelte des sich bestohlen fühlenden Nachbars geerntet. Herr Meier hatte aus Zorn die Äste des Baumes, so weit wie sie über seinen Zaun reichten, mit einer Motorsäge abgetrennt und sich damit eine Anzeige eingehandelt. Wie Herr Müller ausführte, sei er am Bahnhof gewesen, um sich über die Ankunftszeiten zu informieren, weil er für das kommende Wochenende Besuch von einer Internet-Bekanntschaft erwarte, die nach Fotos zu urteilen wie die amerikanische Unterhaltungskünstlerin Pamela Anderssen aussähe. Als Frau Meier sich heftig schneuzte, zog etwas an ihrem Ellenbogen. Karina kaute mit vollen Wangen an einem Apfel und spie bei der an Herrn Müller gerichteten Entschuldigung für ihren erneuten Mundraub kleine Bröckchen davon aus. Kaum daß ihre Mutter sie nicht mehr so fest drückte, daß ihr der Atem stockte, erfuhr man, daß sie im Schulbus ohne Warnung überfallartig von einem Mitschüler namens Dieter geküßt worden sei. Das sei ihr "voll eklig" angekommen, so daß sie zum Hallenbad gefahren wäre. Nach stundenlangem Aufenthalt im Wasser fühle sie sich jetzt nicht mehr besudelt, aber ihr Magen wäre inzwischen "voll leer". Frau Meier bot Herrn Müller als Gegengeschenk für den Apfel eine Tasse besten Kaffees an, was dieser nach kurzem Nachdenken hinter dem Rücken seines Anwalts einfach annahm. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Benno von Martina Heitmann, 23569 Lübeck (Deutschand) "Um Himmels Willen. Das schon zwei Stunden her. Gar nicht auszudenken, was einer Achtjährigen da alles widerfahren kann", schlug Annikas Mutter verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht. Jetzt trat eine ältere Dame aus der Menschentraube, die sich um Hanna versammelt hatte. Sie legte ihren Arm tröstend um sie. Mit ruhiger Stimme redete sie auf Hanna ein:" Beruhigen Sie sich. Kinder kommen oft auf die seltsamsten Ideen. Bald werden Sie Ihre Kleine wieder in die Arme schließen können. Ich bin ganz sicher". "Was soll ich bloß tun? Wo soll ich zu suchen anfangen?", weinte Hanna. " Wissen Sie was?" sprach die ältere Dame wieder sanft auf sie ein, "wir werden jetzt mal am Schalter die Dame befragen".Hanna folgte der Dame nervös zum Schalter. Sie erklärte aufgeregt ihr Anliegen und beschrieb der Beamtin das Aussehen ihrer kleinen Annika. Die Frau hatte keine Mühe, sich an das Mädchen zu erinnern. Sofort erzählte sie:" Die Kleine wollte eine Fahrkarte nach Berlin. Sie legte ihr gesammeltes Kleingeld vor. Leider reichte es nicht .Ich fragte sie,wo ihre Mutter sei und warum sie allein nach Berlin wolle". "Nach Berlin, natürlich. Hätte ich doch selbst drauf ommen müssen", schalt Hanna sich, "und wissen Sie, wo meine Tochter dann hinging?" "Ich habe sie gebeten, nach Hause zu gehen .Sie gab mir ihr Versprechen, das zu tun", fuhr die Beamtin fort. "Ich muß sofort anrufen. Vielleicht ist sie inzwischen angekommen". "Bitte, nehmen Sie mein Diensttelefon", schob die Beamtin ihr freundlich das Gerät entgegen. "Annika, ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ich bin gleich zu Hause. Dann reden wir nochmal über Benno", tönte sie erleichtert in den Hörer. "Ich hätte es einfach wissen müssen", erzählte Hanna mit trauriger Stimme, "Benno ist ein wunderschöner, brauner Neufundländer. Eine Seele von einem Hund. Er gehörte unseren Nachbarn. Vor einem Jahr schufen sie sich ihn an. Aber sie hatten kaum Zeit für das Tier. Bei Annika und Benno war es Liebe auf den ersten Blick. Er wartete jeden Mittag am Zaun, bis Annika aus der Schule kam. Sie gaben ihn zur Züchterin zurück. Sie wohnt in Berlin. Für Annika brach eine Welt zusammen, als er vor einer Woche abgeholt wurde.Mit traurigen Augen saß er im Kombi der Züchterin, als Annika aus der Schule kam. Sie weinte bitterlich. Ich dachte, nach einiger Zeit wird sie ihn vergessen". "Meine Liebe", sagte die Dame , "einen wahren Freund vergißt man nie". Hanna verabschiedete sich ." Ich habe es sehr eilig, es wartet jemand in Berlin". Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Große Aufregung von Arthur Schenk, 86916 Kaufering (Deutschand) Alice saß mit baumelnden Beinen auf der Wartebank des Bahnsteiges, die ganze Familie kam im Laufschritt auf sie zugestürmt. Die Mutter überschüttete sie mit Erleichterung. "Mein Goldschatz, da bist du ja!" Vater schnaufte vorwurfsvoll. "Wir haben dich überall gesucht! Was dachtest du dir nur dabei?" "Dumme Nuß!" blaffte der ältere Bruder. Wenigstens die Großeltern waren, ganz außer Atem, zu keinen Worten fähig. Großmutter tätschelte Alices Kopf und Großvater nuschelte Unverständliches, da er in der Eile das Gebiss vergessen hatte. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, blieb natürlich die Frage nach dem Warum. "Der Hase dort hat mir ein Abenteuer versprochen, wenn ich mitkomme." Alice deutete auf eine kleine Gestalt, die sich am Ende des Bahnsteigs an eine Säule lehnte und sich bemühte, völlig unbeteiligt in eine andere Richtung zu sehen. Der Vater straffte seine Schultern und setzte ärgerlichste Miene auf, die allerdings nicht leicht zu bewahren war. Denn der Hase mit seinen unter einem breitkrempigen Hut hervor-stehenden Ohren, und eingehüllt in einen viel zu großen Trenchcoat, versuchte, nicht wie ein Hase auszusehen - Kurzum, der Vater musste sich ein Schmunzeln verkneifen. "Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie ... Unhold!" Der Hase nahm betont lässig die Zigarette aus dem Mund und kniff ein Auge zu. "Was heißt hier Unhold, ich bin nur ein Hase." Erklärte er. "Mein Name ist übrigens Rabbit, Humphry Rabbit." "Ich werde Sie ... trotzdem anzeigen!" versuchte der Vater entrüstet zu bleiben. Der Hase schnippte die Zigarette auf die Gleise und grinste schief. "Wollen Sie sich lächerlich machen Mann? Das würde Ihnen kein Mensch glauben." Womit er leider recht hatte. "Wenn ich Sie noch mal erwische ..." raunzte der Vater vage und wandte sich schnell ab. Kurz darauf war die wiedervereinte Familie verschwunden. Der Hase atmete zunächst erleichtert auf. Doch nach einem raschen Blick auf seine Taschen-uhr kehrte der gehetzte Blick in seinen großen Augen zurück. "Oh je, so spät!" dachte er bekümmert. "Und ohne Kind zum 5-Uhr-Tee! Die Königin lässt mich glatt einen Kopf kürzer machen. Wenn dieser verdammte Zug nur pünktlich gewesen wäre!" Der Lautsprecher schepperte und kurz darauf fuhr der verspätete Zug ein. Grübelnd sah ihm der Hase entgegen - aber nein, das war auch keine Lösung. Er seufzte und kramte in den Taschen seines viel zu weiten Mantels nach Geld für eine Fahrkarte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das vermisste Kind von Jens Erdmann, 1731 Asse (Zellik) (Belgien) Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Der Herr wurde eilends mit Fragen bedrängt und fühlte sich bedroht. Ob er es denn nicht ungewöhnlich fände, ein Kind noch so spät nachts allein im Bahnhof anzutreffen, forschte man ihn aus und warum er nichts unternahm. Daraufhin erregt der Herr, dass er es nicht für außergewöhnlich befand, schließlich löste das Kind eine Fahrkarte. Ein Tumult war nicht mehr vermeidbar. Hände griffen nach dem Herrn, er wurde ohrenbetäubend angebrüllt. Die Eltern des Kindes bezichtigten ihn sogar der Mittäterschaft. Woran, dass konnte niemand so recht auslegen. Die wütende Menge schien den Herrn als Sühneopfer für ihre eigene Ratlosigkeit auserkoren zu haben, als Schuldigen am Verschwinden des Kindes. Aufgebracht spielte er die Frage an die Eltern zurück, warum denn ihr Kind nachts um drei Uhr eine Fahrkarte löste. Ruhe. Er unterstrich mit Schärfe im Tonfall, dass all die Vermutungen und Meinungen gar nichts brächten und alles nur schlimmer machen würden. Alle Beteiligten sollten lieber die Spur des vermissten Kindes verfolgen. Ein Polizist, der die Versammelten kurz vor Eintreffen des Herrn zu Befragungen verließ, kam zurück und brachte die frohe Kunde, dass das Kind aufgefunden sei. Wieder Tumult und Wendung. Es hätte sich bei der örtlichen Zeitung gestellt und alle würden das Motiv in der morgigen Ausgabe der Regionalzeitung erfahren. Murrend und doch erleichtert teilte sich die Menge und verlief sich in der Bahnhofsvorhalle. Am nächsten Morgen kaufte sich der Herr eine Ausgabe des Regionalblattes und las auf der Titelseite fettgedruckt: "Ein Kind hat sich aus Protest gegen die kinderfeindliche Gesellschaft vom Elternhaus entfernt und den Ort in Aufregung versetzt". Dann folgte der Artikel, etwas kindlich naiv und doch scharf und eindringlich geschrieben. Der Herr fühlte sich sich bewegt durch die Zivilcourage dieses Kindes und hoffte für alle Beteiligten und Leser, daraus zu lernen und zwar in jeder Hinsicht. Er würde fremde Kinder in Zukunft nicht mehr so unbeteiligt sehen und sich den Seinen viel stärker widmen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Die Übertreibung von Solveig Lieder, 20259 Hamburg (Deutschand) Die Nachricht vom Verschwinden des kleinen Jörg schlug im Dorf nicht gerade ein wie eine Bombe. In einem Ort, in dem so rein gar nichts passiert den lieben langen Tag, da verschwinden keine kleinen Kinder. Wie verschwunden? wurde die Übertreiberin daher gedehnt anteilnahmslos gefragt. Er war heute nicht in der Schule...und das wo doch drüben kürzlich so ein Verbrecher ausgebrochen ist! regte sich die Mutter auf und gab sich redlich Mühe, die Anwesenden in ihrer Stimmung mitzureißen. Man wurde gnädig hellhörig. Da ließ es sich ein Herr und es war hilfreich, dass es keine Dame war nicht nehmen, aus diesem Fünkchen einer spannenden Stimmung ein Feuer zu entfachen: Und das soll doch tatsächlich ein Kinderschänder gewesen sein, der da ausgebrochen ist. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein anderer Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Allgemeine Enttäuschung war also alles schon wieder geklärt. Doch was geschah ihnen da? Die entgeisterte Blässe der Mutter musste erstaunen; das war nicht mehr die Frau, die eben noch verzweifelt versucht hatte, sich und ihre ebenso gelangweilten Mitbürger aus der dörflichen Lethargie zu reißen, indem sie lügnerisch übertreibend Wahrheiten auftischte. Es stimmte tatsächlich etwas nicht, stellte man freudig erregt fest. Wie hatten sie nur so enttäuscht sein können über die Nachricht des Fremden? Was hatte diese schon gebracht und vor allem: wer hatte sie gebracht? Es gab da plötzlich ein Geheimnis, ein Verbrechen möglicherweise, das es aufzuklären galt. Was hatte der kleine Jörg denn allein am Bahnschalter gemacht? War er überhaupt allein gewesen? Wo war er am Vormittag gewesen, wenn nicht in der Schule? Was hatte dieser seltsame Fremde mit dem Verschwinden Jörgs zu tun? Was hatte überhaupt ein Fremder in ihrem Kaff zu suchen? sehr verdächtig! Bei den Überlegungen übersah man gerne, dass in dem Ort täglich Fremde über Stunden festsaßen, da der kleine Bahnhof als Umsteigestelle diente, man übersah auch den irritierten und verschämten Blick, den die Mutter den beiden fremden Herren zuwarf, die amüsiert das Lokal verließen, man dachte einfach nicht daran, dass die Grundschule heute einen Ganztagsausflug ans Meer machte, und es gelang sogar, beim allgemeinen Uhrenvergleich zu übersehen, dass es erst halb drei war. Es gab ein Abenteuer zu erleben, bis Jörg gegen sechs mit seinen Mitschülern vom Ausflug zurückkehren würde. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |