Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Atemlos
von Stephanie Semisch, 59067 Hamm (Deutschand)

Julia ringt nach Atem. Ihr Magen verkrampft sich. Sie verliert den Boden unter ihren Füßen. Ihre Hände suchen krampfhaft Halt. Kein Entrinnen. Das Gesagte trifft sie wie ein Pfeil. Mitten ins Schwarze. Sie fühlt sich wie auf einem alten Boot. Mitten auf dem Meer. Nur Nebel und Salzwasser um sie herum. Schwach platschen die Wogen an das Holz. Die Richtung unbestimmt. Das Ruder längst verloren. Ein dünner, beständiger Strahl durchdringt das Holz. Das Boot füllt sich langsam mit Wasser.

Der Arzt nimmt ihre Hand. Führt sie zu einem alten, schwarzen Ledersessel. Mechanisch setzt sich Julia hin. Sie spürt die Kälte, die von dem Sessel ausgeht. So kalt wie raue Seeluft. Ihre Gedanken sind ausgelöscht. Die Worte des Arztes, nimmt sie nicht wahr. Sie schluckt. Verschluckt sich. Hustet. Entschuldigt sich und fragt nach einem Glas Wasser. Der Arzt nickt ihr zu und verschwindet für einen kurzen Moment aus dem Zimmer.

Julia hält die Hände vors Gesicht. Denkt daran, was sie noch erleben wollte. Wie oft hat sie gesagt, das hat Zeit bis morgen. Das kann ich auch noch nächstes Jahr machen. Jetzt ist es zu spät. Hat sie noch eine Zukunft? Wie soll ihr Leben weitergehen? Alles sinnlos? Tränen laufen über ihr Gesicht. Julia sucht in der Handtasche nach einem Taschentuch. Als der Arzt zurück kommt, hat sie bereits die Praxis verlassen.

Ohne sich umzuschauen läuft sie weiter. Über den sterilen Flur. Die Treppe hinunter. Hinaus auf den Parkplatz. Weiter. Die Tränen laufen immer noch. Ihr Herz schlägt bis zum Hals. Ihr Atem wird schneller. Sie rennt vorbei an Menschenmassen, die wie Ameisen einem bestimmten Weg folgen. An Autos, die anhalten und wieder losfahren. Ampeln, die von rot auf gelb, dann auf grün springen. Laufen, um endlich diesen furchtbaren Ort hinter sich zu lassen. Vielleicht selbst die Diagnose. Die, die sie eben erfahren hat.
Positiv, hämmert es in ihrem Kopf. Positiv! Ich bin Positiv.
Julia hat Seitenstiche. Sie kann nicht mehr. Sie schnappt nach Luft, legt ihre Hände auf die Oberschenkel. Sie muss sich abstützten. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet.

Das ist nun vier Wochen her und niemand weiß, dass Julia Aids hat. Doch sie hält einen Brief in der Hand. Sie verschließt den Umschlag, schreibt die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen kann, geht sie hinunter an die Ecke und steckt ihn in den Briefkasten. Sie braucht jemanden zum Reden. Die Adresse hat sie von ihrem Arzt bekommen.

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Hinein in den dicken gelben Bauch
von Marlene Geselle, 72513 Hettingen (Deutschand)

„Du kannst nicht immer nur dran denken, dass Rezession ist.“
So hatten ihre Freundinnen immer gemahnt.
„Du machst dich kaputt für andere!“
So haben die Kollegen gemahnt.
Die, die sich auch immer nur für andere krumm gemacht haben.

„So lange? So weit? So teuer?“
So hat die hagere Frau mittleren Alters gezweifelt.
Als der Prospekt im Briefkasten landete.
Und sie ihn hinlegte auf den Couchtisch.
„Es wird die Hälfte von Tante Constanzes Geld auffressen. Obwohl es ein Sonderangebot ist.“

Auf dem Weg zur Arbeit ist die hagere Frau mittleren Alters am Briefkasten vorbeigekommen.
An den, der an der Ecke steht, nur wenige Schritte vom Haupteingang entfernt.
„Wirf den Umschlag hinein. Hinein in meinen dicken gelben Bauch.“
So hat er sie gelockt. Mit seinem großen Maul, in das viel mehr hineinging.
Viel mehr als ein einziger später nie mehr erfüllbarer Wunsch.

„Mama! Alle meine Kumpel haben schon einen TFT-Bildschirm!
Das olle Ding ist richtig peinlich.“
So hat der Filius gemeckert beim Frühstück.
„Liebes, ich denke wir können uns schon im Herbst den neuen Wagen leisten.
Wenn du was von Tante Constanzes Geld dazu legst.“
So kam ihr Mann wieder zurück aufs Nerventhema.
Seit die Tante gestorben war.
„Frau Müller, sie können doch heute eine Stunde länger bleiben, am Empfang?“
So fragte ihr Chef immer. Wenn die Überstunden nicht bezahlt werden sollten.

Am Empfang, als eigentlich Feierabend war, da hat die hagere Frau mittleren Alters die Prospekte aus der Tasche gezogen und auf den Tresen gelegt. Hineingeschaut, wenn gerade niemand etwas von ihr wollte. In Ruhe hat sie ihre Traumreise zusammengestellt. Die Traumreise ganz für sich alleine. Das Formular ausgefüllt.
Sie verschloss den Umschlag, gerade als die Über-Stunde vorbei war, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Hinein in den dicken gelben Bauch.
Wo jetzt auch ihr Wunsch auf Reisen gehen konnte.

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Supernova
von Rheno, 45141 Essen (Deutschand)

Eva wäre fast erstickt, als sie Theo durch die dreckigen Scheiben des Supermarktes erkannte. Er hat ihr damals hoch und heilig versprochen, daß es nur ein Ausrutscher war, die Midlife-Crisis kriege er eben 15 Jahre zu früh und außerdem war er betrunken. Wie ein Hund, der mit eingeklemmtem Schwanz angekrochen kommt und einen Duftmantel aus Kuhscheiße anhat hat er ausgesehen. Es hat Monate gedauert, bis er ihr wieder Tiernamen geben durfte. Jetzt sah sie ihn da draußen, gestikulierend, lachend, und er war nicht allein, nein, eine Frau war bei ihm, attraktiv, ein paar Jahre jünger als sie, erfolgreich im Beruf. Eva wusste es genau, es war ja schließlich ihre Schwester. Theo legte die Hand auf ihre Schulter und dann hatte Eva flirrende Sterne vor Augen, verspürte einen unerträglichen Geruch nach Kuhscheiße und musste sich an dem Klopapierregal festhalten. "Pling" - die frigide Frauenstimme leierte vom Band um Waren anzupreisen. "Machen Sie sich einen romantischen Abend zu zweit mit Rotkäppchen-Sekt! Heute nur Drei achtundvierzig - pling" Die Sterne wurden an der Gemüsetheke zu bunten Fratzen. Schluß aus, er konnte sich ihre Ehe in die Haare schmieren und sich vergnügen, mit wem er wollte. Mit tauben Fingern betatschte sie die verschrumpelten Zitronen. "Saftige Zitronen, unbehandelt, ein Pfund nur Vier neunundneunzig! - Pling" Eva rannte mit dem kreischenden Einkaufswagen zur Kasse und schmiß die Sachen auf das Laufband. "Haben Sie auch Briefpapier?", fragte sie die Kassiererin mit dem Nasenpiercing. Statt zu antworten schnarrte sie "Hier bitte nicht mehr!" und dann kamen die Sterne wieder. Eier klatschten zu Boden, Kiwis kullerten umher, Eva überließ auch die Zitronen ihrem Schicksal und stieg über den Haufen. Ein Kunde mit Fischgesicht starrte sie an. "WAS?!" zischte sie und lief mit langen Schritten durch die Passage zur Opakneipe. Nach dem vierten Glas Whisky war sie fertig. Eva zahlte, las den Brief noch einmal durch, schrieb die Geschäftsadresse ihres Schwagers drauf und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie zum nächsten Briefkasten und steckte ihn hinein. Eva lächelte. Theo fand es an diesem Abend sehr komisch, daß Eva mit einer Fahne nach Hause kam. Er hat sich so auf sie gefreut, schließlich hat er heute mit ihrer Schwester den Kurztrip geplant und wollte Eva überraschen. Nachdem er damit herausgerückt war, dachte er noch lange, daß es am Alkohol lag, als Eva etwas von "Sternenhimmel" murmelte und sich dann übergab.

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Die Entscheidung
von Dorothee Tataun, 40764 Langenfeld (Deutschand)

Es war das tägliche Einerlei, wie es Millionen andere auch durchleben und doch wollte es Gina nicht einfach so hinnehmen und war sich sicher, dass dies nicht alles sein konnte. Um 8 saß sie an ihrem Schreibtisch, den sie frühestens um 18 Uhr wieder verließ. Klar, sie hatte einen sicheren Job, sofern man heute beruflich noch von Sicherheit sprechen konnte. Nach 23 Jahren als Anlageberaterin in einer renommierten Privatbank betreute sie einen hochkarätigen Kundenstamm, der sie schätzte, da er dank ihrer fundierten Kenntnisse profitable Gewinne machte, so wie die Bank. Die schrieb nun immer mehr vor, welche Anlage an den Mann zu bringen waren, eine nicht immer kundenfreundliche Steuerung u. Gina beugte sich diesen Vorgaben nur ungern. Vor einigen Jahren hatte sie zu malen begonnen und eine beträchtliche Zahl von Bildern fertig gestellt. Freunde rieten ihr, sie im Foyer der Bank auszustellen u. die Direktion stimmte zu. Nun hingen Dutzende Exponate aus u. weckten das Interesse der Besucher. Vorgestern sprach Galerist Mathiesen sie an, ob sie nicht bei ihm ausstellen wolle. Sollte dies der Sprung aus dem Hamsterrad sein? Konnte sie doch noch ihren Traum leben u. Malerin werden? Unabhängig sein, Sicherheit aufgeben, um Freiheit – aber auch Ungewissheit dafür zu bekommen? Aber was war schon gewiss? Der Galerist war sehr angetan von ihren Werken u. prophezeite ihr eine Zukunft als anerkannte Künstlerin. Sie sprachen über Details, Konditionen u. das Wichtigste - den Schritt aus dem Beruf heraus, denn es bestand die Erfordernis das Malen professionell zu betreiben. 1000 mal hatte sie sich gewünscht, Zeit zu haben, um in Ruhe an der Staffelei zu stehen u. nun, da es Wirklichkeit werden könnte, hatte sie Angst. Aber was gab sie wirklich auf? Die muffigen Gesichter, in die sie jeden Morgen in der U-Bahn schaute? Die Launen des Abteilungsdirektors, wenn die Umsatzvorgaben nicht erreicht wurden? Sie füllte das Pro in eine Seite der geistigen Waagschale u. das Contra in die andere. Deutlich spürte sie, wie die Pro-Seite nach unten zog, da sie gewichtiger war. Es war entschieden u. sie griff zu Stift u. Papier, formulierte ihre Kündigung u. nahm einen Umschlag mit Briefmarke. Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Nun würden die Dinge ihren Lauf nehmen u. sie war sich sicher: lieber eine hungernde Malerin, als satt und frustriert im Hamsterrad.

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Abschiedsbrief
von Ursula Knie, 50678 Köln (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihren Brief in den Kasten.
Ein Augenblick des Zögerns hielt die Worte, die oft bedachten, noch gefangen in ihrer Hand. Dann öffneten sich ihre Finger und der Brief fiel. Erledigt. Brüsk drehte sie sich um und ging zurück zu ihrem Haus. Der Brief bewegte ihre Füsse. Seinen Inhalt kannte sie auswendig, sie sprach ihn leise vor sich hin, summte ihn, sang ihn. Ihre Schritte fügten sich dem Rhythmus der Sätze, der Wörter. Mal ging sie langsam, dann wieder schnell, manchmal rannte sie fast, dann blieb sie abrupt stehen. Erst als sie die Haustür aufschloss, sie aufstiess und den kühlem Atem des Hausflurs spürte, seinen vertrauten Geruch, wandte sie sich wieder ihrem Tag zu. Ein Nachmittag blieb ihr, eine Nacht, ein Morgen, bevor der Brief ankam. Sie musste die Zeit nutzen. Ein paar Minuten überlegte sie, dann ging sie in den Keller, um einen leeren Karton zu suchen. Den grössten, den sie fand, trug sie nach oben. Sie nahm alle Kleider, die sie ihm zuliebe gekauft und getragen hatte, aus dem Schrank und legte sie in den Karton, verschloss ihn und schrieb mit grossen Buchstaben ‚Kleidersammlung’ darauf. Was sie mitnehmen wollte, packte sie in zwei Koffer. Dann begann sie, alles wegzuräumen, was ihn an sie erinnern konnte und steckte es in eine grosse blaue Mülltüte. Sie wollte alle ihre Spuren aus seinem Leben und alle seine Spuren aus ihrem Leben löschen. Sie arbeitete die halbe Nacht, den ganzen nächsten Morgen. Als gegen Mittag das Telefon läutete, setzte sie sich in einen Sessel und hörte zu. Das Läuten hielt ewig an, brach ab, begann wieder. Sie sah ihn im Haus seiner Mutter im Sessel neben dem Telefontischchen sitzen, ungeduldig mit dem Fuss wippen und seine eigene Telefonnummer wählen, immer wieder. Sie lächelte. Sie hörte die Stimme seiner Mutter, die um ihn herumgluckte, und die es immer schon gewusst hatte. Sie lachte und konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Sie lachte Tränen und wusste bald nicht mehr, ob sie lachte oder weinte. Als das Telefon endlich Ruhe gab, rief sie die Taxizentrale an. Dann nahm sie ihre Koffer und verliess das Haus. Den Schlüssel warf sie in den Briefkasten.

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