| Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: |  | Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Entlassung von Georg Züger, 8303 Bassersdorf (Schweiz) Umgezogen hatte sie sich schnell. Alte Kleider weg, neue Kleider an. Zwischendurch sogar noch geduscht. Aber diesen Brief geschrieben? Nein, nie! Dabei wäre es einfach, bestechend einfach. Schreibmaschine hervorzerren, Papier einspannen und loslegen. Aber noch einfacher war es, sich neue Kleider anzuziehen. Gerade weil damit keine Konsequenzen verbunden waren. Mit dem schreiben des Briefes waren mit Sicherheit Auswirkungen zu erwarten. Vielleicht sogar gravierende. Dabei waren es nur ein paar lächerlich wenige Zeilen. Das Wichtigste überhaupt war die Unterschrift. Ihre handschriftliche Unterschrift, darauf legte sie Wert. Wie wenig es manchmal brauchte, um viel zu erreichen. Sie war sich nicht sicher. Bis jetzt hatte sie gezögert, nein sogar verweigert und abgelehnt. Sie musste über ihren Schatten springen. Daran lag es. Wenn Sie es nicht tat, wenn sie es nicht wenigsten versuchte, würde sie es sich nie verzeihen. Sei rannte ins Zimmer, riss die Schreibmaschine unter dem Bett hervor, schob ein vergilbtes Blatt Papier unter die verschmutzte Trommel und begann mit dem Brief. Absender und Adresse waren schnell geschrieben, das Datum auch. Aber jetzt. Sehr geehrter Herr oder sollte sie doch Duzen. Lieber aber wie hiess er überhaupt? Zwar kannte Sie die Adresse aber keinen Namen. Keinen wirklichen Namen auf jeden Fall. Als Ben, hatte er sich damals bei Ihr vorgestellt. Also schrieb sie, lieber Ben. Am Ende setzte sie ihre Unterschrift darunter und schob den Brief in einen Umschlag. Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Jetzt lag es an ihm, ob er sich melden wollte um seinen Sohn das erste Mal zu sehen. Jetzt, wenn er endlich nach 5 Jahren Gefängnis entlassen wurde. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Splitterseele von Henriette Jorjan, 57462 Olpe (Deutschand) Dieses Doppelleben musste ein Ende haben, jetzt und sofort! Sie war fest entschlossen. Nichts konnte sie mehr aufhalten. "Das teure Briefpapier?", fragte sie laut in den Raum hinein. Digitaler Abschied per e-mail ist unpersönlich, kam nicht in Frage, schließlich hatten sie lange Jahre miteinander verbracht. Ob sie sich nun mit dieser Endgültigkeit anfreunden könnte? In USA sagt man split up', kurz und bündig, nur zwei Silben, dann ist es beinah schon vorbei, Ende, Aus. "Mach Schluß!" In Deutschland dauert es länger: 'sich von jemandem trennen', sieben lange Silben geben dem Entschluß zuviel Zeit zum Nachdenken. Sorgfältig geschriebene Buchstaben gruben sich ein in ihr bestes Papier, wie winzige Splitter drangen sie tief in das filigrane Gewebe, hoben sich kaum ab, passten sich an in Größe und Farbe. Kein Blutvergießen, kein kurzer Aufschrei, genau wie all die Jahre vorher. Viel Geduld hatte sie damals aufgebracht, um die vielen festsitzenden Holzsplitter aus dem Fleisch zu ziehen. Einer war geblieben, unter dem Daumennagel hatte er sich abgekapselt, für immer. Nur unbeabsichtigter Druck auf diese kleine Stelle erinnert ab und zu daran. Hatte sie auch nichts vergessen zu erwähnen? Sie überflog alles noch einmal. Sie wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Am nächsten Tag hatte sie sich extra frei genommen, sie wollte unbedingt zu Hause sein, wenn die Post ausgetragen wurde. Jedes Geräusch im knarrenden Hausflur ließ sie aufhorchen. Endlich gegen elf Uhr war es soweit, der Briefschlitz in der Wohnungstür klapperte verräterisch. Auf Zehenspitzen ging sie den Flur entlang. Sie erkannte ihn sofort und öffnete ihn wie eine lang ersehnte Nachricht. Sie hatte es geschafft, hatte den ewigen Kampf mit ihrem zweiten, dem Stör-Ich beendet. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Brief von Hambauer Winfried Richard, 90537 Feucht (Deutschand) Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Nun ist er abgeschickt und dieser Brief wird ihm unglaublich weh tun. Doch irgendwie musste sie es Ihm ja sagen, das Ihre Liebe nur von kurzer Dauer sein wird und kein Mensch dieser Welt kann daran etwas ändern - Sie ist Krank. Sie hat AIDS!
Gestern beim Arzt erfuhr sie die schreckliche Wahrheit; vor kurzem hatte sie einen schweren Autounfall gehabt und sie bekam eine Bluttransfusion, nichts ahnend, dass sich damit Ihr Schicksal und das Ihrer Liebe besiegelt hat! Persönlich es Ihm zu sagen, Nein, das konnte sie nicht, sie traute sich nicht Ihm unter die Augen zu treten, zu schlimm ist, was geschehen war; Nur was wird Er jetzt denken, und ist seine Liebe stark genug das zu tragen, das zu verkraften? Wie wird Er reagieren und was für Fragen werden Ihn plagen- Fragen über Fragen, auf die sie keine Antwort fand! ...und ihr wird immer mehr bewusst, es war ein grosser Fehler es Ihm so zu sagen und sie wünschte sich, dass sie nie diesen Brief geschrieben und abgeschickt hätte; ...doch es war bereits zu spät!!! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Die Apokalypse von Bettina Eichhorst, 13347 Berlin (Deutschand) Er verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor er es sich anders überlegen konnte, ging er hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Dieser quietschgelbe Kasten übte eine merkwürdige Anziehungskraft auf Johannes aus. Er hatte das Gefühl als starre der Kasten ihn an. "Quatsch, jetzt drehst du durch", murmelte Johannes und musste über sich selbst lachen. Und doch! Der Kasten musterte ihn von oben bis unten. Ein teuflisches Grinsen flog ihm entgegen. Entsetzt sprang er einen Schritt zurück. "Lass mich in Ruhe!", schrie der junge schlanke Mann. Johannes wollte sich umdrehen und wegrennen, aber wie von Geisterhand öffneten sich plötzlich die beiden Briefschlitze. Ein Kopf wurde sichtbar. Die Haare leuchtend hell wie schneeweiße Wolken, Augen wie eine Feuerflamme stierten ihn an und aus dem Mund drangen merkwürdige Laute wie ein scharfes zweischneidiges Schwert. Jeden Tag las Johannes in der Bibel. Er wusste was das bedeutete. "Die Apokalypse," krächzte Johannes. Er wollte schreien, aber seine Kehle war staubtrocken. Entsetzt hielt er sich die Hände vors Gesicht. "Ist Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?" Erschrocken fuhr Johannes herum und blickte in die Augen eines Passanten, der ihn erwartungsvoll anschaute. "Äh, nein. Da.., danke", stotterte Johannes. Er blickte auf den Briefkasten, der gelangweilt an der Häuserwand hing und auf Briefe wartete. Ängstlich schaute Johannes sich um. Plötzlich verfinsterte sich der Himmel. Tiefschwarze Wolken zogen auf. Sturm fegte durch die Stadt, Blitze zuckten und färbten den Himmel dunkelrot. Ein gewaltiges Donnern ließ die Erde erzittern. "Die siebente Posaune." Krampfhaft hielt Johannes sich an den Briefkasten fest, um vom Sturm nicht umgerissen zu werden. Nebelschwaden krochen aus den Briefschlitzen und griffen nach Johannes Körper. Wenig später hatten sie ihn vollkommen eingehüllt. Panik ergriff ihn, sein Herz hämmerte. Irgendjemand drückte ihm die Kehle zu. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er nach Luft. Johannes verlor das Bewusstsein. Eine Ewigkeit schien vergangen, als Johannes aus der Bewusstlosigkeit erwachte. Er rappelte sich auf. Sein Kopf dröhnte, sein Hals schmerzte und bei jedem Atemzug bekam er einen Hustenanfall. Er sah sich um. Über ihm der neue Himmel und vor ihm eine neue Welt. Er hatte die Apokalypse überlebt und der gelbe Briefkasten, aus dem ihm ein leichenblasses Antlitz hoffnungsvoll angrinste. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Geheimnis von Sigrun Hopfensperger, 46348 Raesfeld (Deutschand) Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Nur noch dieses eine Mal, dachte sie. Gerd war absolut dagegen, das wusste sie. Er hielt nichts von dem, was sie immer wieder so verzweifelt aufs neue versuchte. Gerd war vor kurzen arbeitslos geworden. Die Firma hatte Stellen gestrichen. Der Standort war nicht mehr einträglich genug. Downsizing nennen das die hochgelehrten Betriebswirte, doch Gerd half das nun auch nichts mehr. Er stand auf der Straße und woher sollte er in dieser Gegend einen Job bekommen, der genügend einbrachte ? Die Raten fürs Haus, die Ausbildung der Kinder ? Und die Lebensmittel werden schließlich auch immer teurer. Nein, sie wollte nicht aufgeben ! Sie würde nicht resignieren ! Sie dachte an Gerd, daran, was er wohl dazu sagen würde. Immer häufiger gab es die letzte Zeit Streit. Sie wusste, dass er angespannt war. Die Situation überforderte ihn. Er wollte nicht als Versager dastehen. Er war natürlich kein Versager. Er war ein guter Mann, der beste, den man sich vorstellen konnte. Aber dieses Gefühl der Hilflosigkeit machte ihm schwer zu schaffen. So würde sie ihm auch diesmal nichts davon sagen. Sie tat es. Heimlich. Hinter seinem Rücken. Das sollte ihr Geheimnis sein. Immerhin tat sie es für ihn und für sich. Vielleicht hätten sie ja auch einmal Glück, nur ein einziges Mal. Es wäre doch so notwendig. Sie warf einen letzten Blick auf den Briefkasten und kehrte zurück nach Hause. Etwas mulmig war ihr schon. Was wäre, wenn es klappen würde ? Wie würde Gerd bloß reagieren ? Ach, dachte sie, dann würde auch er sich freuen, bestimmt würde er das. Er würde sie in den Arm nehmen und ihr einen zärtlichen Kuss geben, so wie damals. Mit diesem Gedanken schloss sie den Katalog und war entschlossen, niemandem zu erzählen, dass sie schon wieder ein Preisausschreiben mitgemacht hatte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |