Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: Cover: Die Straße nach Cape Breton

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.

Der Kuss
von freier Vogel, 47506 Neukirchen-Vluyn (Deutschland)

Nun ja, eigentlich war es kein Kuss, sondern nur ein Blick, und der Kuss war nur ein gedachter, aber doch von der gleichen ungestümen Wirkung, wie einer, der die Lippen berührt hätte, ihre Lippen, und vielleicht, vielleicht, war es doch ein Kuss gewesen, fand alles in der Wirklichkeit statt, denn wer sollte darüber entscheiden, was Wirklichkeit wirklich war, die Erzähler, die es taten, die sich auf die Brust klopften, und sprachen, sie wüssten davon, und vielleicht war alles nur Manipulation, und zu irgendeinem Zweck nutze, dass man es ihnen einredete.

Maren stand am Ufer des Flusses. Er lief und plätscherte. Nichts, was sie in der so genannten Wirklichkeit erlebt hatte, hatte sie jemals so tief berührt, so betroffen gemacht, so verwirrt wie jene Erlebnisse in ihrer virtuellen Welt. Konnte es denn nicht sein, dass es doch andere Strömungen gab, andere Formen des Lebens, andere Arten der Kommunikation? War das Spektrum nicht viel breiter, als man gemeinhin annahm? Eröffnete sich so nicht ein ganz anderes Lebensbild, ein tieferer Sinn? Sie fühlte sich wohl, wenn sie auf diesen Breiten operierte.

Sie würde es herausfinden müssen. Doch fürs Erste gab sie sich damit zufrieden, diesen Kuss zu genießen, diesen Kuss der alle ihre Fasern vibrieren ließ, diesen Kuss, den sie auf einer ungeahnten Bandbreite verschieben und erfahren konnte, ein Kuss, der, solange seine Quelle am Leben war, sie selbst immer wieder zum Leben erwecken konnte, wie es schien.

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(ohne Titel!)
von Kristina Huch, 79211 Denzlingen (Deutschland)

Benommen steh´ ich vor dir,
Vollkommen nach Gedanken
Sehnend, die sich wirr
in deinen Locken ranken,

Von zeitlosen Zeichen gezogen
In deines Bannes Kreis,
Verlassen und belogen
Von allem, was ich weiß.

Kannst du mich nicht verschwänden,
Damit ich wieder bin?
Es fleht nach deinen Händen
Wortlos mein stumpfer Sinn,

Mein Wille unentschuldbar
Nach deines Mundes Bitter.
Letzte Vernunft erkennt zwar
Unwürdigkeit, ich zitter´

Dennoch: Küss mich weich
-und halt´ mich fest!
Denn dann sterbe ich gleich,
Wie auch, wenn du mich fallen lässt.

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Der erste Kuss
von Norbert Rheindorf, 53859 Niederkassel (Deutschland)

Ich erinnere deinen Kuss
so ganz anders als erwartet
labe mich
an der Wärme heute noch
die durch den Körper fuhr
so weich sehnt sich
der Moloch
meines erfrorenen Verstandes
deinen Atem wieder
herbei wie neues Leben
nach dem Tod

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Begegnung
von Johann Nakovitz, 1050 Wien (Österreich)

»Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.«
Und er hatte nur all zu oft nichts anderes zu tun. Ja, er lag nur noch da, um seine Erinnerungen festzuhalten, die in seinem Gehirn flimmerten, ungeordnet, immer schneller, in erstickendem Rhythmus, denn er wollte nicht, er konnte nicht vergessen.

Seit seiner Trennung von Christa hatte er keine feste Nahrung mehr zu sich genommen. Nur langsam drängte so was wie Vernunft in sein Bewusstsein. Kaffee und Zigaretten würden sonst auch noch den physischen Tod bedeuten. Er stellte Wasser auf den Herd, schüttete, immer noch kindlich gekränkt, Fertigsuppe hinein, die flüchtige Kreise vor seinen Augen tanzen ließ. Er vermisste ihr Lachen. Christa war auch noch eine gute Köchin und sie würzte mit wiegenden Hüften.

Langsam wagte er sich an die Mahlzeit heran, schabte mit dem Besteck lustlos am Tellerrand, während die Fingernägel der Linken sich tief im Tischtuch verkrallten. Als der Löffel in der Brühe verschwand erschrak er, denn die Fettringe, die mit jeder Bewegung aus dem Nichts hervorströmten, bescherten ihm zum ersten Mal ein Moment der Zuversicht. Neues entsteht ...

Und wieder durchfuhr ihn der Geschmack dieses Kusses, der Geschmack dieser Frau, und er begann, das Geschehene zu akzeptieren. Nun musste er nicht mehr vergessen, er durfte seine Gefühle mitnehmen und darin blättern, wenn er nichts anderes zu tun hatte, als sich daran zu erinnern...

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Am Zug
von be.zet, 34369 Hofgeismar (Deutschland)

Ein Kuß, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Wie sie plötzlich auf dem Bahnhof vor ihm stand, ihn beim Vornamen nannte, und so wie sie es sagte, war es Frage und Freude zu gleich. Zwanzig Jahre waren vergangen, seit es sie in die Großstadt gezogen hatte, ein neuer gut bezahlter Job, das pulsierende Leben einer Wirtschaftsmetropole. Raus aus der Enge der ländlichen Kleinstadt. Sie war in den vielen Jahren noch hübscher geworden, ihre blauen Augen strahlten ihn an und ihr schulterlanges Haar wehte. Sie trug ein schlichtes aber elegantes rotes Trägerkleid, das fast bis zu Knöcheln reichte, auf Schmuck konnte sie schon früher verzichten. Er war wie benommen. Viel Zeit blieb ihnen nicht. Als ihr Zug abfuhr, verließ er eilig den Bahnhof. Lief hinaus in die Stadt, sein Polohemd klebte an seinem Körper und er sehnte sich nach einer Dusche. In einem Sportgeschäft kaufte er ein T-Shirt, suchte die Kundentoilette auf und wechselte die Kleidung. In der Fußgängerzone spielten zwei russische Musiker das Lied der Wolgaschlepper, er lehnte sich an ein Schaufenster und lauschte den schwermütigen Klängen, die so zu seiner Stimmung paßten. Später saß er im ICE, sah die Landschaft vorüber rasen und nahm sie doch nicht wahr. Ein Handy klingelte, italienische Wortfetzen drangen durch die Sitzreihen. Ihre Telefonnummer, ihre Adresse, nein, er hatte einfach vergessen zu fragen. Ein Kuß, zwanzig Jahre lagen zwischen Abschied und Wiedersehen und Abschied, ein einziger Kuß, aber darin trafen sich ihre ganzen Empfindungen.

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