| Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: |  | Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Andere Pläne von Ellen Roemer, 41379 Brüggen (Deutschand) Heiß und kalt wurde ihr, als sie sich die Konsequenzen klar machte. Jetzt gab es kein zurück. Es war ein trüber Samstag Morgen im November. Nebelverhangen schlich sich das karge Licht in den Morgen. Sie hatte zwei Tage, ihre Dinge zu regeln. Auf dem Weg zu dem kleinen Bäckerladen am Ende der Straße, spürte sie die Feuchtigkeit, die ihr in die Kleider drang. Sie zog ihren Mantel enger. Übermorgen würde es jeder hier wissen. Es würde Gerede geben. Sie nahm es in Kauf, gestand sie sich ein, dass sie es sogar genoss. Fast schade, dass sie den Triumph nicht so recht auskosten konnte. Aber beides konnte sie nicht haben, dass war ihr klar. Insgeheim spielte sie schon immer mit diesem Plan. Die Türglocke der Bäckerei riss sie aus ihren Gedanken. Die Frau des Bäckers bediente sie freundlich und übereifrig. Sie kannte sie seit ihrer Kindheit. Eigentlich immer schon. Kannte auch ihre Eltern. Bald, so ahnte sie, fiele ein anderes Licht auf ihre, so achtbare Familie. Sie verstaute das Gekaufte in ihrem Rucksack und machte sich auf den Weg zu ihrem Apartment. Im Hausflur begegnete ihr die alte Dame, die in der unteren Etage wohnte. Es kam ihr vor, als fühlte sich die Alte ständig durch ihre Blicke kontrolliert. Auch heute grüßte sie nett aber flüchtig und verschwand gleich hinter ihrer Türe, die knirschend ins Schloss fiel. Nach dem Frühstück packte sie die restlichen Sachen und stellte alles zusammen in den Flur. Das Telefon klingelte. Sie erkannte die Nummer ihres Vaters im Display. Er war der letzte mit dem sie jetzt sprechen wollte. Seine eigenartige Vorstellungen, die Erwartungen, die er an sie stellte, seine Distanziertheit, all das war ihr über den Kopf gewachsen. Auch er sollte keine Gelegenheit haben sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Sie blickte sich noch einmal in der Wohnung um, dachte an die Arbeit, die auf ihrem Schreibtisch zurückgeblieben war. Er würde sich schon darum kümmern. Alles würde sie hinter sich lassen. Damit rechnete niemand. Immer war sie angehalten worden, den Schein zu wahren. Wohin hatte sie das gebracht? Tief in sich hatte sie jetzt ein leises "ich will" gehört. Und dem wollte sie folgen. Wollte ihre Pläne umsetzten, ihren Ideen vertrauen und ihren Wünschen Platz schaffen. Als ihr Vater am Montag morgen die Post öffnete und seine Frau erbost zu sich rief, war sie bereits hunderte von Kilometern entfernt, unerreichbar für ihn. Ihre Mutter wandte sich ab und lächelte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers You get what you expect von Ernst Schlatter, 8907 Wettswil (Schweiz) Und dann ging sie zurück in ihr einsames Zimmer, legte sich auf ihr Bett, zündete sich einen Joint an und hing ihren Wunschträumen nach. Sie sah schon klar vor sich, wie er den Brief öffnen würde, wie er traurig werden würde und ihr dann anrufen würde. Sie stellte sich vor, wie er wieder zu ihr zurückkommen würde - schuldbewusst - und ihr vorschlug, es doch noch einmal zu versuchen. Und dann würde sie sich ihm hingeben, wie sie sich noch nie einem Mann hingegeben hatte, würde all die Spiele mit ihm ausprobieren, von denen sie meinte, dass er sie bis jetzt mit ihr vermisst hätte. Würde dann, wenn das Beben nachliesse, sich an ihn hin kuscheln und ihm sagen: "So, jetzt hast du in mir dein erträumtes Wunschweib. Jetzt kannst du alles mit mir machen, was du willst."
Sie hatte diese Fantasien vor sich hingesprochen und mit dem Taperecorder aufgenommen. Jetzt spulte sie zurück und hörte sich selber ihre Wünsche an. Nach den letzten Worten drückte sie enttäuscht auf den Stoppknopf. Sie ekelte sich vor sich selber. Spürte, wie die Wirkung des Joints weg war und kauerte sich zu ihren kalten Füssen vor. Zog sie so sah nahe an sich heran, wie sie konnte und heulte los. "Du Drecksau!" hatte er gesagt, als er am letzten Wochenende von ihr wegging. Und das würde er ihr wieder sagen. Sie mochte nicht mehr und bereute, den Brief geschrieben und abgeschickt zu haben. Doch was sollte sie tun? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Sonnenlicht von Gabriela Maass Leemann, 8330 Pfäffikon (Schweiz) Sie hatte den kleinen, den winzigen Brief unter den Ärmel ihres Parkas geschoben, damit er nicht nass wurde. Jetzt lag er im Kasten. Für jeden Satz einen Brief, dachte sie. Neben dem Briefkasten sah sie ihr Gesicht in der Pfütze, beugte sich weiter hinunter. Tropfen fielen aus dem Himmel hinter ihr ins Spiegelbild ihrer Stirn, auf die breite Nase. So, von unten gesehen, hingen die Wangen nach vorn und das eckige Kinn fiel zurück. So würde er sie sehen, wenn sie sich über ihn beugte. Sie würde sich nie über ihn beugen. Sie richtete sich auf und lief in die leere Strasse, irgendwohin. Flanieren, dachte sie, durch die Strassen laufen ohne Ziel. Mal rechts, mal links, der Regen wurde lauter, trommelte auf den Dächern der Autos. In der Hauptstrasse rannte ein Mann schwerfällig unter der Last einer halben Sau über den Gehweg und verschwand hinter einer grossen Metalltür. Der Kühlanhänger des Lastwagens stand offen, andere halbe Schweine ohne Kopf hingen in einer Reihe im Dunkeln des Wagens. Ihr Füsse in den Stoffschuhe waren nass. Sie trug kein Leder und sie ass keine Tiere. Nicht, weil sie Tiere liebte. Sie fand es nicht nötig, sie wurde auch so satt. Satt war sie immer geworden. Die Jeans klebte an ihren Beinen und sie fror. Sie lief heim zu den restlichen neunundzwanzig Briefen. Für jedes Jahr, das sie auf ihn wartete, einen Satz. Sie wartete nicht wirklich so lange, sie kannte ihn erst seit sie dort arbeitete, seit zwei Jahren. Meine Hände voller Sonnenlicht für dich, das war der erste, der letzte war ein Wunsch: Ich wünschte, ich wäre dein Brot. Dieser Satz gefiel ihr nicht , aber er war, was sie dachte. Der Regen lief ihr unter den Kleidern die Arme herab, die Haare klebten in Strähnen an den breiten Wangen. Sie war klobig und gross. Und so blass, dass man sie trotzdem kaum wahrnahm, nur, dass alles zu gross war, die Hände, der Hintern und die Füsse. Das bemerkten die, die ihr begegneten, dann fiel ihnen auf, dass sonst nichts auffiel und sie sahen weg. Sie schloss die Tür auf und lief ins Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ihre Kündigung. Ab sofort. Dann nahm sie die restlichen neunundzwanzig Briefe und brachte sie zusammen mit der Kündigung zum Briefkasten. Wieder zuhause, kochte sie sich einen Tee, schob den einzigen Stuhl ans Fenster und setzte sich. An der Scheibe rannen die Tropfen herab, manche schlängelten sie um andere herum. In einigen spiegelte sich das Licht der Schreibtischlampe. Es regnet seit Tagen, dachte sie. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Zug fährt später von Monika Detering, 33619 Bielefeld (Deutschand) Das kalte Telefon schweigt. Der Anrufbeantworter zeigt grüngelbe Nullen. Die rote Lampe leuchtet konstant.
Sie hat alles Geschirr abgewaschen. Die Türen und Türklinken. Damit nichts Schmutziges übrigbleibt. Es riecht mürrisch nach Gemüsesuppe. Beim Geraderücken alltäglicher Gegenstände fällt das Salzfaß um. Feine Körner glitzern bösartig auf grauem Kunststoff. Ein gelber Abendhimmel schaut gelangweilt zu. Die Stille in der Küche zerstört sie mit einem kräftigem Fluch.
Er ist am späten Nachmittag weggefahren. Er sagte nicht, wohin.
*
Ihre gepackten Koffer hat sie seit gestern im Schließfach am Hauptbahnhof. Sie sieht sich in diesem Haus um, das sie nicht mehr betreten will. Gewohntes, Vertrautes scheint schon fremd zu werden, so, als wäre sie nur zu Besuch hier. Vielleicht war es die ganzen Jahre so.
Es ist kalt geworden zwischen uns, schreibt sie am Ende eines Briefes, den sie seit Tagen schreibt. Sie schließt den Umschlag, schreibt seine Adresse drauf. Ihr gebeugtes Gesicht wirkt dabei teilnahmslos, zeigt die Hautringe im Hals.
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Die Häuser an der Straße sind grün und ocker, blaugrau die Dächer. Fenster gähnen mit tiefblauen und maisgelben Höhlen. Schritte hallen auf geometrisch angeordnetem Pflaster. Am Ende der Straße zieht ein tiefer Himmel Nebel wie eine Schleppe hinter sich her.
Nur die Frau ist unterwegs. Das Geräusch ihrer Schritte hallt gegen die Hauswände. Zwei altmodische Laternen sonnen sich im gelben Licht. Auf der Straße ist weder Hund oder Katze zu sehen, noch ein Vogel zu hören. Bevor sie um die Ecke biegt, zieht sie den Brief aus der Manteltasche. Ehe sie es sich anders überlegt, wirft sie ihn in den Briefkasten, diesem leuchtenden Farbklecks am müden Grün einer Hauswand.
Sie wickelt den Mantel eng um ihren Körper, starrt gedankenvoll auf ihre Fußspitzen.
Kurz vor dem Bahnhofsgebäude bleibt sie erschrocken stehen. Vergessen. Einfach vergessen. Neben dem Telefon liegt der Schlüssel für das Schließfach. Sie erinnert sich. Und der Schlüssel für das Haus. Daran erinnert sie sich nicht.
Während sie den langen Weg eilig und zornig zurückgeht, vorbei an Platanen mit sattgrünen Blättern, läutet in dem Haus das Telefon. Das Läuten wiederholt sich in regelmäßigen Abständen. Der Anrufbeantworter zeigt eine grüngelbe Ziffer. Unermüdlich blinkt die rote Lampe, einziges Licht in diesem Haus. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Die Perle von Marlies Kühr-Schack, 99974 Mühlhausen (Deutschand) Nase voll Meer und Salz Ohr fängt Wellen und Wind auf den Spuren des Rauschens zwischen Tang und Sand zum Kern der Muschel.
Gleich dieser Perlmutter voll Duft voll Verheißung flüstert dein Brief im Windklagelied von unserer Liebe.
Wie den Strom zum Meer zum Schiff das herübergrüßt im Rhytmus der Gezeiten zieht sie mich zu dir kostbarste Perle in meinem Collier. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |