| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Lebende Fracht von Katrin Atmanspacher, 79115 Freiburg (Deutschand) "Nein! Sie müssen sich täuschen, haben Sie auch wirklich die richtige Kiste...?" Die Dame unter dem großen Hut fächelte sich erregt Luft mit ihrem bestickten Taschentuch zu. M.R., die Initalien darauf – das war sie. "Ich versichere Ihnen, ich habe alles genau überprüft", versicherte der Stationsvorsteher. "Nein, nein. Wie können Sie es wagen, meinen Besitz zu veruntreuen? Nicht umsonst läuft die Kiste unter "besonders wertvoll", jeder weiss, dass man auf ihrerlei gut aufpasst! Jedes Kind weiß das!" Und nach dieser letzten Äußerung zuckte der Kopf der Dame kurz nervös. "Liebes, bitte...", schaltete sich nun auch der beanzugte und krawattierte Herr zu ihrer Rechten ein, eine Hand hatte er seiner Frau in beschwichtigender Geste auf den Oberarm gelegt, wohl konnte man daraus aber auch die Bereitschaft ablesen, wenn nötig zuzugreifen und zu drücken. "Sehen Sie noch einmal nach", ließ er sich an den standhaften Stationsvorsteher herab, auch er musste zu ihm aufblicken, diesem Großkonstruiertem. "Ich versichere Ihnen, ich habe alles genau überprüft", versicherte der Stationsvorsteher mit synthetischer Stimme. "Dann suchen Sie danach! Es kann doch nicht einfach so verschwunden sein, dies ist ein gutbewachter Ort und es wird wohl kaum einen Zug besteigen und im All verschwinden können. Es fällt doch auf!" "Wissen Sie eigentlich, wie lange wir darauf gewartet haben? Alles haben wir versucht, alles, und nun, da wir endlich so kurz vor den glücklichen Umständen stehen, endlich unseren teuren Besitz einnehmen zu können, ...." murmelte M.R., Blässe überzog ihr Gesicht. "So nah und doch so fern", lachte ein Nebenstehender, der die Szene mit Spannung und Freude verfolgt hatte. Und ein weiterer schaltete sich ein: "Was ich mich frage, wie konnte es denn aus der Kiste überhaupt entkommen? Wenn Sie mich fragen, da hat jemand nachgeholfen!" "Ich versichere Ihnen, ...", setzte der aluminene Stationsvorsteher an zu versichern, aber schon gingen seine Worte im allgemeinen Tumult unter, schon erregten sich weitere Umstehende, schon sprach man von Terrorismus, Humanschützern, Menschenrechtlern und Ähnlichem, M.R. schien einer Ohnmacht nahe – kurz: Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Es sei dort aufgegriffen und unter strengster Bewachung in eine der artgerechten Kisten zurückverschlossen worden und sei somit zur Abholung bereit. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers auf und davon von Anne Stanarius, 13437 Berlin (Deutschand) Das Kind aber, war sehr erleichtert, schon fast glücklich, als der Zug tatsächlich den Bahnhof verließ, denn so problemlos hatte es sich seine Flucht nicht vorgestellt. Es preßte seine Stirn an die kalte Fensterscheibe des Abteils, wobei sich langsam der Herzschlag beruhigte, der immer noch sehr hart gegen die Brustknochen hämmerte. Als einige Sekunden später der Zug den Bahnhof verlassen hatte, ließ es sich auf die Sitzbank fallen, sah nicht zurück und genoß das erste Gefühl davon, was wohl mit dem Wort Freiheit gemeint sein könnte, nun wurde alles sehr spannend und auf keinen Fall wollte es etwas davon verlieren durch Schlaf, oder so. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Unrechte Sorge von Winfried-Paul Sdun, 22559 Hamburg (Deutschand) Das Kind sei ihm aufgefallen, und er habe sich im Nachhinein an das Kind erinnert, weil es vor ihm in der Warteschlange stand und in außerordentlich ruhiger und souveräner Weise am Schalter eine Fahrkarte nach Paris löste. Das Kind habe so freundlich nach rechts und links gesehen, so dass jeder dort den Anschein haben konnte, alles sei in bester Ordnung. Er glaube an das Gute auf der Welt und hielt das Verhalten des Kindes für das normalste überhaupt. Er habe dann später erst auf der großen Leinwand in der Bahnhofshalle von den schrecklichen Vermutungen gehört, habe die tränenerfüllten Augen der Mutter gesehen, die an unbekannte Entführer appellierten, ihr das unschuldige Kind zurückzugeben. Aber noch konnte er beides nicht miteinander verbinden, denn dieses wohl zehnjährige Kind am Schalter war so selbstsicher gewesen, dass es nicht zur bedauernswerten Hilflosigkeit eines entführten Kindes passte.Es sei vielmehr ein ganz anderes Detail gewesen, was dazu führte, dass der Herr die beiden Erlebnisse des Tages miteinander in Einklang bringen konnte. Die spekulativen Berichte über die Entführung haben sein Neugier geweckt und schließlich wurde der französische Vater verdächtigt. Er lebe in Paris, habe vor einigen Monaten die Familie verlassen und wolle nun möglicherweise das Sorgerecht beanspruchen und habe offensichtlich das Kind nach der Schule abgefangen, um es nach Frankreich zu bringen. Der Herr sei sich aber sicher, dass das Kind vollkommen ruhig gewesen sei. Auch habe das Kind allein am Schalter gestanden und sei nach dem Kauf der Fahrkarte allein zum Zug gegangen. Nachdem er die Nachricht auf der Großleinwand gesehen hatte, habe er noch kurz gezögert und habe auf der Abfahrtstafel nach der Abfahrtszeit des Zuges nach Paris gesucht, aber der Zug sollte in wenigen Minuten vom Gleis am anderen Ende der Halle abfahren. Das sei ihm zu aussichtslos gewesen und ein Polizist sei auch nicht in der Nähe gewesen. Ob er Kinder habe, wurde der Überbringer der Nachricht gefragt. Er verneinte und wich unbeholfen der immer deutlicher werdenden Peinlichkeit und der Empörung aus, die seine Gleichgültigkeit ausgelöst hatte. Während der Überbringer der Nachricht verhört wurde, feierte das Kind 12 Stunden nach seiner Abreise ein fröhliches Wiedersehen mit dem Vater, der das Kind auf Betreiben seiner Mutter monatelang nicht mehr gesehen hatte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Kind von Sibylle Böcher, 1100 Wien (Österreich) Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Kinder sehen schließlich für jeden harmlos aus und so wurde jedem die Möglichkeit klar, dass das Kind sich mit samt seiner bedrohlichen Fracht auf den Weg in die weite Welt gemacht hatte.
Das alleine wäre noch nicht Grund zur Panik, man wäre um jedes andere Kind nur sehr besorgt gewesen. Dass es nicht zu Schaden käme wäre ein allgemein natürlicher Wunsch, bei einem Kind von sieben Jahren.
Doch dieses Kind war seit seiner Geburt vor sieben Jahren und drei Monaten in diesem Heim für anonym weggelegte Kinder und es hat von Anfang an Absonderlichkeiten vermuten lassen. War es doch eindeutig nur wenige Stunden nach seiner Geburt durch die Klappe des Heimes gesteckt worden, so hat es doch eindeutig zwei Tage danach die Gesichter seiner Umgebung erkannt und eindeutige Vorlieben deutlich gemacht.
Körperlich gab es nie Besonderheiten zu erwähnen. Die Geistige, vor allem die kognitive Entwicklung ging jedoch rasch und es entwickelte bald ein zwanghaftes Bedürfnis nach Wissensvermehrung. Es war diese verbissene Art mit der das Kind hinter jeder neuen Lektion her war, welche die Herzen seiner Erzieher mit Schrecken füllte. Es verkroch sich nachts heimlich in die Labors, welche es nach eigenen Plänen selbst erweiterte. Hatte die Institution früher nur einen bescheidenen Physik- und Chemiesaal, so hätten diese jetzt den Bedarf anerkannter Wissenschafter leicht entsprochen.
Das Kind kam trotzdem nicht zur Ruhe. Es forschte bereits seit einiger Zeit mit Substanzen, welche die Hauslehrer schon lange nicht mehr verifizieren konnten. Dachte man anfangs, es wäre am Besten das Kind einfach machen zu lassen, so erkannte man bald, dass eine unmittelbare Gefahr drohte. Das Kind hatte soziale Kontakte noch nie wichtig genommen und Menschen nur als weitere Forschungsobjekte betrachtet. Durch einen Zufall wurde den Erziehern bekannt, dass die wissenschaftlichen Übungen des Kindes in den Bereichen der Genforschung bewegten und sie hatten keine Möglichkeit über das Niveau oder die Fortschritte der Arbeiten zu befinden.
Die Aufregung die diese Einblicke in seine Forschung verursachten blieben dem Kind nicht verborgen. Das ist wohl der Grund, weshalb das Zimmer des Kindes am nächsten Morgen leer war.
Seit sieben Jahren und drei Monaten war das Kind nun das erste Mal außerhalb der Heimmauern. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Ein Kind? von Haifisch, 17491 Greifswald (Deutschand) Ein Kind am Bahnschalter? Wo gibt es denn so etwas in dieser sonst kinderlosen Welt? Sie schüttelte fassungslos den Kopf, konnte es einfach nicht glauben, als der Mann ihr sagte, er habe das Kind gesehen. Sie kraulte sich die leicht angegrauten Haare während der Übermittler dieser Botschaft auf eine Reaktion wartete. Was ist zu tun? Sie schüttelte den Kopf, denn für diesen Fall, der eigentlich nie eintrat, gab es keine Vorgabe. Wo sollte sie jetzt jemanden auftreiben, der wusste, was zu tun war? Kinder ... da gab man sich die größte Mühe sie zu vermeiden, erschuf Gesetze und erließ Strafen und dann tauchte plötzlich, wie aus dem Nichts, ein solches Exemplar auf und das auch noch an einem Nachmittag mitten in der laufenden Woche. Sie schaut auf die große Bahnhofsuhr und sah, dass seit dem Auftauchen des Kindes gerade einmal 15 Minuten vergangen waren. Also musste das Geschöpf noch irgendwo sein, denn Züge fuhren schon lange nicht mehr. Sollte sie es suchen? Eigentlich hatte sie zu viel Angst und wozu gab es denn den Herrn, der ihr die Neuigkeit überbracht hatte? Sie schickte ihn los in der leisen Hoffnung, dass er wiederkam und seinen Irrtum gestand. Er ging. Sie wartete. Er war weg. Sie schaute auf die Uhr. Er lief. Sie atmete ein wenig schneller. Eine kleine Weile später, sie hatte die Angelegenheit insgeheim schon als erledigt abgehakt, stand er vor ihr. Schweißperlen auf der Stirn, sein Atem sehr schwer. Sie sah nur ihn. Niemanden sonst. Und? Könnt ihr es denn nicht sehen? Sie könne niemanden sehen, weil es niemanden sonst außer ihm gab. Erstaunt beugte er sich zu dem Kind, welches ihm daraufhin ins Ohr flüsterte: Nur du kannst mich sehen, denn ich bin die Hoffnung.Er schaut verdutzt auf, denn das Kind stellte fürwahr ein Rätsel dar. Die Dame schaute ihn derweilen immer ungeduldiger an und trommelte fordernd mit den Fingern auf dem Tisch. Was nun? Wo ist das Kind? Als er keine Antwort gab, schob sie verärgert ihren Schalter zu und ließ ihn stehen. Er schaut zu der Kleinen hinab und fragte sie, wie sie das mit der Hoffnung meine. Sie lächelte sein gequältes Gesicht an, zog ihn an seiner Hand zu sich hinunter und flüsterte noch einmal: Ich bin die Hoffnung deines Herzens. Er wollte sie noch einmal fragen, beugte sich erneut zu ihr, merkte dann aber, dass sein Blick ins graue Nichts des Bahnhofsbodens ging. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |