| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Eine gräßliche Geschichte von Wolfgang Rainer Srb, A-1100 Wien (Österreich) Wie das Schnattern einer aufgeregten Gänseschar war es am Bahnhof des kleinen Provinzortes zu vernehmen. Vor allem die Frauen dieser Ansammlung umringten den stattlichen Herrn, der schmal gebaut, aber von einer unübersehbaren Körpergröße war, die bei annähernd zwei Metern liegen mußte. Bekleidet mit einem dunklen Sportsakko, weißem Hemd, passender Krawatte und einer cremefarbenen Schnürlsamthose, sah man ihm an, dass er aus der gehobenen Gesellschaftsschicht stammte. "Wenn ich Ihnen doch sage, grüne Hose, gelber Pullover, braunes Mützchen, auffällig viele Sommersprossen im Gesicht und Stupsnase, in der Hand einen schwarzen Schulranzen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, Herr Oberwachtmeister Hansmayer." Der Beamte musterte den Aussagenden genau, war dieser doch der einzige Anhaltspunkt für die Ermittlungen im Fall Mathias, der Junge, der seit fünf Tagen abgängig war. Ganz ohne Zweifel wirkte Joachim Fallath seriös, seine Aussagen schienen absolut zuverlässig zu sein. Die Echtheit wurde durch die Beschreibung des Jungen von Mathias' Mutter untermauert. Hansmayer war im Moment machtlos. "Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, und halten Sie sich zu unserer Verfügung, solange die Angelegenheit nicht gelöst ist" ersuchte er Fallath mit einer verächtlichen, Beamten dieses Standes eigenen, Miene. Verbindlich lächelnd drückte er dem Oberwachtmeister eine Visitkarte in die Hand und entfernte sich. Zurückblickend nahm er wahr, dass sich das Menschenknäuel langsam auflöste. Es wurde still um das Bahnhofsgelände. Stunden später kam Fallath zurück. Die Finger seiner rechten Hand bluteten. Versehentlich hatte er sich geschnitten, als er nach seiner Bahnfahrkarte kramte und dabei mit der Klinge des in seiner Sakkotasche befindlichen Messers in Berührung kam. Am Schaft klebten noch Haare von Mathias. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Susanne macht einen Ausflug von Andreas A. Riglione, 79189 Bad Krozingen (Deutschand) Atemlos kam Prof. Creed in die Wache der Bahnpolizei gelaufen. Er keuchte: "Alarmieren Sie Ihre Kollegen. Eine Katastrophe; wir vermissen ein Kind!" "Wir haben täglich Dutzende Anfragen," sagte der Beamte," kein Grund zur Panik." Er hielt inne, sammelte sich. Jede Sekunde zählte. Er zückte seinen Dienstausweis. "Ian Creed, Leiter der Kinder-Nervenheilanstalt. Ihren höchsten anwesenden Vorgesetzten. BITTE!" Das wirkte. Drei Minuten später saβ Creed Kommissar Jahn gegenüber, der nach dem Grund der Aufregung fragte. Sehr ernst begann der Arzt: "Ich werde mich kurz fassen. Sie müssen sofort nach einem Mädchen suchen, Name Susanne, 1,50 m groß, sieht aus wie 12, ist aber schon 15. Dünn, braune Haare, blaue Augen..." "Langsam," bremste Jahn Creeds Redefluβ. "Sie betreuen geistig behinderte Kinder, stimmt’s? Braucht sie Hilfe oder...?" "Um Himmels Willen, nein!" Creed sprang auf. "Susanne ist eine paranoide Pyromanin mit einem IQ von 149, sehr gerissen und nur schwer zu fassen! Sie hat in Brandenburg in drei Jahren sieben Plattenbauten abgefackelt und wurde nie erwischt. 37 Tote, 112 Verletzte und 1200 obdachlos. Sie wurde eben in unser Heim eingewiesen." "Aber wie konnte sie Ihnen entkommen?" rief Jahn erregt. "Auf der Fahrt zur Klinik im Kleinbus hat sie ihr Kennschild vertauscht, mit einem autistischen, unansprechbaren Mädchen. Während der Fahrt hat sie sich verhalten wie sie, um keinen Verdacht zu erregen. Nach ihrer Ankunft hat sie zwei Tage lang ihre Rolle gespielt, bis sie heute mit einer Gruppe unter Aufsicht in den Zoo gefahren ist." Jahn hob die Hand, wählte bereits; er brauchte nichts mehr zu hören, um zu handeln, gab die Beschreibung durch. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. "Sie stand hinter mir; danach war meine Brieftasche weg. Ich gab gerade die Anzeige auf, als Sie mit der Beschreibung des Mädchens kamen," erklärte der betuchte Mann. Es war 20 nach drei, sie hatten noch eine Chance. Glaubten sie. Sie war verschwunden. Mit der Kreditkarte ihres Opfers hatte sie mehrere Fernreise-Tickets am Automaten gelöst und so ihre Spur verwischt. Er hatte zudem seine PIN auf die Karte notiert, verkehrt herum, was ihn in Sicherheit gewiegt hatte. Sie dürfte dafür 30 Sekunden gebraucht haben, schätzte Creed. Susanne lehnte sich zurück und genoss die Fahrt nach Paris. Frei. Sie freute sich auf ‚La Defense’. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Geburt von Verena Raupach, 41238 Mönchengladbach (Deutschand) Die Stille wabert im Zwielicht (voll gefährlicher Vermutungen) zittert ein Herz wie ein gestrandeter Fisch die Zeit drängt in Intervallen
und trotz furchtbarster Aufregung konnte kein Herr die Nachricht bringen er habe das Kind gegen drei Uhr gesehen
nein! Die Schranke zwischen Himmel und Erde der Bahnschalter blieb geschlossen vorerst und auch der unfaßbare Mond der das Antlitz der Mutter kalkt mit vager Hoffnung bleibt zaudernd hinter'm Vorhang verborgen Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Sorgerecht von Elke Kuehnel, 91460 Baudenbach (Deutschand) Blaßlila wollte er's tünchen, das Zimmerchen von seinem Kindchen. Doch das Kind schrie: "Mein Gott, hör bloß auf mit dem Schrott! Ich zieh' lieber zur Mama nach München!" Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Glücksritter von York von Gaza, 22765 Hamburg (Deutschand) Friedrich Freisinger stieg aus dem Salonwaggon und spürte fast augenblicklich, wie die befreiende Wirkung einsetzte. Er sog die Luft des Kurortes ein und mit jedem Atemzug lockerten sich die festen Ringe um seine Brust. Sein Leiden hatte nichts mit einer schwachen Lunge zu tun, im Gegenteil, er war kerngesund. Nicht die klare Luft ließ ihn genesen, sondern der Geruch des Geldes. Freisinger betrat die Bahnhofshalle wie ein Spieler das Spielfeld. Erholungsbedürftige Bankdirektoren, Industriekapitäne und Fabrikbesitzer drängten sich durch den Raum, begleitet von ihren mondänen Frauen. Er musste nur einen dieser Geschäftsleute von seiner Idee überzeugen, dann wäre er ein gemachter Mann. Aber er brauchte einen Zugang zu dieser Welt, eine Eintrittskarte. Freisinger schaute sich um. Sollte er den Dicken dort drüber versehentlich anrempeln? Dort die Koffer vertauschen? Oder die klassische Verwechselung? Am Schalter hatte sich eine lange Schlange gebildet. Der Beamte versuchte einem kleinen Mädchen etwas zu erklären, dass ihm unbeirrt eine Banknote entgegenhielt. Das Kind schien allein zu sein, keiner der wartenden Erwachsenen kümmerte sich um sie. Freisinger Instinkt für Gelegenheiten ließ ihn näher treten. "Junges Fräulein!" sagte der Schalterbeamte, "Auch wenn sie mich tausendmal bitten: es fährt heute kein Zug mehr nach Lübeck!" Das Mädchen hielt die Banknote fest umklammert und erwiderte leise: "Ich will aber nach Hause! Bitte!" Freisinger drehte nachdenklich seine Schnurrbartspitze. Das Kind war teuer gekleidet, offensichtlich wohlhabende Eltern. Die nirgends zu sehen waren. Hatte sie sich voller Heimweh davongeschlichen? Wurde sie bereits vermisst? Vielleicht alarmierte gerade jetzt im Moment eine verzweifelte Mutter den Hoteldirektor und der besorgte Vater befragte die anderen Gäste nach seinem Töchterlein? Wer hatte sie zuletzt gesehen? In die Wartenden kam Bewegung, die Schlange rückte auf. Freisinger wurde aus seinen Überlegungen gerissen. Das Mädchen war nicht mehr da. Verschwunden! Hektisch sah er sich um, aber er konnte sie im Gedränge nirgends entdecken. Er begriff sofort: Das Schicksal hatte ihm ein Freilos zugespielt, nun war es an ihm, diese Nachricht in Gold zu verwandeln. Eilig drängelte er sich durch die Reisenden in der Wartehalle nach draußen zu den Mietdroschken und rief beim Einsteigen dem Kutscher zu: "Zum Sanatorium! Schnell!" Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |