| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Der Besuch von Barbara Siwik, 06242 Braunsbedra (Deutschand) Als bunter Fleck auf grüner Wiese da hopst ganz eifrig die Luise vor und zurück auf einem Beine, erst mit dem Paul und nun alleine. Die Mutter siehts mit frohem Blick und kehrt an ihren Herd zurück. Zur Mittagszeit ruft sie geschwind jedoch vergeblich nach dem Kind. Die Nachbarn werden alarmiert ... Es heißt, Luise sei entführt, denn Paulchen kenne einen Mann, der spreche gerne Kinder an. Die Mutter weint, der Vater flucht, bald gibt es keinen, der nicht sucht! Da naht genau zur rechten Zeit der Oberlehrer Hebestreit. Er kommt direkt vom Bahnhof her und trägt an seinem Koffer schwer. Ein kleines Mädchen? Vorschulalter? Das steht ganz brav am Kartenschalter! Mit viel Gezeter stürmen alle samt Eltern in die Bahnhofshalle. Da steht Luise und sie schmollt: Ihr habt mich gar nicht abgeholt! Ich komm euch von weit her besuchen! Krieg ich, wie Oma, Streuselkuchen? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Rekapitulation des Geschehens von Claire Laetitia, 33100 Paderborn (Deutschland) Anfangs wollte Robert die Streitereien vor allem vor Christiane, seiner Tochter, verbergen. Sie weiss aber schon seit einiger Zeit, wie es um unsere Beziehung steht, ich habe mich ihr anvertraut. Warum auch nicht, sie ist schliesslich meine Stieftochter und erwachsen genug um über uns Bescheid zu wissen. Wie ich meine.
Als ich gestern gegen Mitternacht aufwachte, lag ich noch vollständig angekleidet im Bett. Schlaftrunken torkelte ich ins Wohnzimmer. Wo waren Christiane und Robert? Der Löffel lag auf dem Fußboden. das in tausend Teile zerfallene kristallene Weinglas und die Scherben einer Tasse lagen verstreut auf dem weissen Teppich. Ich nahm einen Schluck kalten Kaffee zu mir, spuckte die süße Brühe aber sofort wieder aus. Das Nippen an der anderen, noch gefüllten Tasse löste fast schon einen Brechreiz in mir aus. Ich trinke nur ungesüßt!!!!
Dann wurde ich hierher gebracht. Die Tageszeitung hat man mir erst heute Abend zum Lesen gegeben. Im dumpfen Licht der Neonleuchte verschwimmt alles vor meinen Augen. Nur das fettgedruckte ist lesbar. Erste Seite: KALTBLÜTIGER DOPPELMORD- EHEFRAU und STIEFMUTTER UNTER.....! Schrecklich!
Was ist schiefgelaufen gestern Abend, ich hatte doch vorgesorgt? Schlaftabletten--rezeptpflichtig und über Monate in verschiedenen Apotheken besorgt, damit niemand Verdacht schöpfen konnte---lagerten in meiner Nachttischschublade. Es sollte passieren, während sie noch im Wohnzimmer saßen. Mein Entschluss stand fest, noch bevor Christiane an diesem Abend auftauchte. Wie immer, wenn sie zu Besuch kam, gab's Kaffee nach dem Abendessen. Zweimal mit, für Christiane und Robert und einmal ohne Zucker. Obwohl ohne Zucker, durfte der Löffel zum Umrühren nicht fehlen. Wie gewöhnlich servierte ich den Kaffee, dann, bevor ich mich zu ihnen setzte, schloss ich die Fenster. Und wie schon so oft zu so später Stunde machte sich dieses unangenehme Schwindelgefühl wieder bemerkbar. "Kein Grund zur Sorge " wie mein Hausarzt und inzwischen auch Robert und Christiane immer wieder beteuerten.
Nun sitze ich hier. Die Zeitung liegt ausgebreitet vor mir, der Kaffee ist inzwischen kalt. Ich habe ihn nicht angerührt, weil der Löffel zum Umrühren fehlt---obwohl ich darum gebeten habe.
Vielleicht klappt's beim nächsten mal. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers der ausbruch von Schnipp Fidelius Adelzahn, 70734 fellbach (Deutschand) Konzentriert und leise las ich: "SCHON WAR ALLES IN FURCHTBARSTER AUFREGUNG UND VOLL GEFÄHRLICHER VERMUTUNGEN, ALS EIN HERR DIE NACHRICHT BRACHTE, ER HABE DAS KIND GEGEN DREI UHR AM BAHNSCHALTER GESEHEN.""Welches Kind ?" wollte meine Mutter wissen, während ich brütend über diesem Text hing, "Welches Kind ?" drängelte sie. "Gabi etwa ?""Ja, hm" murmelte ich unbedacht, was zur Folge hatte, dass sich nun über mich eine furchtbare Aufregung voll gefährlicher Vermutungen ergoss. Dies riss mich aus meinen Überlegungen und ich schlug angenervt und demonstrativ laut mein Notizbuch zu."Mutter !" brüllte ich, fast schon hysterisch "Ich schreibe an einer Kurzgeschichte." Wütend eilte ich aus dem Wohnzimmer in meinen kleinen, miefigen Raum und unterstrich meine Gereiztheit mit dem hörbaren Zuschmettern der Tür. Doch was bei Normalsterblichen ein deutliches Zeichen von Grenzziehung ist, scheint bei meiner Mutter das Einläuten zur ersten Runde zu bedeuten .So wie sie mir zuvor neugierig über die Schulter geschaut hatte, überschritt sie nun abermals den Bereich meiner Intimsphäre indem sie ungebremst in mein Zimmer stürzte."Was fällt dir ein mich so in die Irre zu führen und dann meine berechtigte Aufregung mit einer solchen Ungezogenheit zu strafen?" konterte sie und forderte mich körpersprachlich auf sich ihr zu stellen. "Geht das schon wieder los." schnaubte ich ."Willst du dir deine Langeweile mal wieder mit einem verbalen Schlagabtausch vertreiben, mich mit Vorwürfen in die Knie zwingen und dann- ach, mir fehlen die Worte und die Lust. Ich habe die Schnauze voll von dir. Du, immer nur Du. Ich , ich." stotternd kam ich in meiner Überlegung zum Stehen. Sie starrte mich kampfeslustig an. Ich schaute sie an. "Ich ziehe aus !" entschlüpfte es mir knapp und entschieden. Eine Stunde später saß ich sehr zufrieden mit zwei gepackten Koffern in einem Internetcafe und staunte über mich selbst. Durch den Mut zur Entscheidung war ich selber zum Akteur einer Geschichte geworden, meiner Geschichte ! "Schluss," sagte ich mir. "Ab heute höre ich auf, mich in meine selbstgeschriebenen Geschichten zu flüchten.""Ich lebe !" brach es aus mir heraus und viele überraschte Gesichter kamen hinter den Computern zum Vorschein um mich zu beäugen. "Ab heute lebe ich selber !" schmetterte ich ihnen befreit entgegen und bestellte mir dann voll Schwung und Lebensfreude eine große Tasse Cappuccino, um mit viel Genuss meinen neuen Start beginnen zu können. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Intermezzo am Nachmittag von Ilka Döhnert, 42279 Wuppertal (Deutschand) "Ich hab’s verloren" kreischte eine Mutter. "Gemach Gemach" mahnte der Souveräne. "Wozu ist denn die Polizei da, meine Dame?" "Finden sie’s, es ist noch so klein!" Flugs wurde ein Vermisstenbericht getippt, die Verwandtschaft informiert und Frühstückspause gehalten. Die Mutter nahm einen Tee und wischte sich über die Stirn. "So, jetzt können wir starten" sagte der Beamte, sammelte sich und schrie: "Wir haben hier ein Kind verloren! Kann das mal an die Streifenwagen gehen?"
"Verehrte Bürgerinnen und Bürger. Wir bitten um ihre Aufmerksamkeit. Die Polizei sucht nach dem Kind einer Mutter. Es ist männlich, klein und trägt zerrissene Hosen."
Eine Anwohnerin berichtete durchs Telefon, sie habe etwas Kleines im dritten Stock am offenen Fenster erspäht. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. "Aber es hat Angst vor Zügen" sagte die Mutter und weinte ein bisschen. "Vielen Dank für ihre Mitarbeit" sagte der Souveräne zum Herrn und öffnete ihm die Tür. "Haben sie das Kind denn gut behandelt?" fragte er dann die Mutter und tätschelte sie. "Natürlich, es kriegt genug zu Essen" empörte sich dieselbe und versank in Schweigen. 43 Minuten vergingen, bevor eine haarzerraufte Frau das Revier betrat, im Schlepptau einen Knaben, dem der Rotz die Wange hinunterlief. "Wollen sie nicht den hier haben? Ich brauch ihn nicht mehr." "Nein" sagte die Mutter und weinte ein wenig mehr. "Ich will mein Eigenes wieder haben." "Da sind sie glücklich" bemerkte die Frau und ging. "Wo wollen sie hin?" fragte der Souveräne, als die Mutter auch aufstand. "Ich erinnere mich" antwortete sie. "Ich hab’s gar nicht verloren, ich hab’s nur vergessen. Es liegt noch im Supermarkt in der Bällchenburg." "Dann ist’s ja gut" sagte der Souveräne und stempelte ein "erledigt" auf die Akte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Paula von Monika Zieschang, 64289 Darmstadt (Deutschand) Heute war Paulas sechster Geburtstag. Bald würden die Verwandten kommen. Paulas Mutter blickte aus dem Küchenfenster hinüber zum See, der direkt an ihren Garten grenzte. Wie befürchtet, saß Paula wieder auf dem alten, morschen Bootssteg und baumelte mit den Beinen im Wasser. Ihre Puppe Lilli hielt sie fest im Arm. Wie oft hatte Frau Wemmer schon geträumt, Paula würde ertrinken ... Sie spurtete los. "Paula! Sofort zurück in den Garten! Hab’ ich dir nicht verboten, dort zu spielen? Du kannst doch nicht schwimmen!" Paula schob die Unterlippe vor und sah ihre Mutter trotzig an. "Aber Lilli wollte ans Wasser. Ich kann sie doch nicht alleine lassen!" Ihre Mutter lächelte. "Schon gut, jetzt aber ab mit dir! Die Gäste kommen gleich!" Mürrisch trottete Paula ihrer Mutter hinterher. Während Frau Wemmer in der Küche nach dem Kuchen schaute, sah sie durch das Fenster, wie ihre Tochter eifrig mit Lilli sprach. Sicher heckte sie wieder irgendeinen Unsinn aus. Sie lächelte. Alles an Paula erinnerte sie daran, wie sie als kleines Mädchen gewesen war. Das Telefon klingelte und sie ging hinaus in den Flur. Es war ihre Mutter. Erst als ein leicht angebrannter Geruch zu ihr herüberwehte, gelang es ihr, sie endlich abzuwimmeln. Eilig stürzte sie in die Küche und riss den Kuchen aus dem Ofen. Im selben Augenblick klingelten die ersten Gäste an der Tür. Sie öffnete. "Na, wo ist denn das Geburtstagskind?", fragte ihre Schwester und sah sich suchend um. "Im Garten!", antwortete Frau Wemmer geistesabwesend. "Nein, da ist sie nicht!", rief ihre Schwester. Paulas Mutter wurde blass. "Der See!", stammelte sie. "Oh Gott! Sie ist bestimmt wieder an den See gelaufen! Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Sofort begann alle nach Paula zu suchen, doch es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Lauras Vater schwärmte mit einigen Helfern aus, um nach ihr zu suchen und die Nachbarn zu befragen. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Seither war erst eine Viertelstunde vergangen. Also konnte Paula nicht weit gekommen sein. Tränen der Erleichterung liefen über das Gesicht von Paulas Mutter, während sie zum Bahnhof rannte. Woher hätte sie auch wissen sollen, dass dort ein kleines Mädchen saß, das ihrer Tochter verblüffend ähnlich sah, während Paula mit weit aufgerissenen Augen immer tiefer im See versank - ihre Puppe Lilli fest im Arm. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |