| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Endlich von Schnipp Fidelius Adelzahn, 78713 Schramberg (Deutschand) Unendliche Zeit, schnuppernd in der Ecke, wartet er, Stunde um Stunde, vergeblich, hoffend, doch voller Zweifel.
Da, auf einmal, der erlösende Laut, zunächst ein dünnes Winseln, dann ein heller Ton.
Er ahnt es, er weiß es, es ist gefunden und in Sicherheit. Und da, die endgültige Nachricht: Gerettet, sie wurde gesehen.
Zufrieden rollt er sich ein, in sein geliebtes Körbchen, auf ihre blaue Decke: Sie wird wiederkommen! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Kleiner Bruder von Gunther Friedrich, 19075 Lehmkuhlen (Deutschand) Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Mist, verdammter! schrie Michael. In seinem Ton lag eine Mischung aus Wut und Erleichterung. Er fühlte sich schuldig. Es war doch nur ein Spiel! Der Herr verstand nicht und fragte: Soll ich die Polizei verständigen? Nein. Ronny trat auf ihn zu. Trotzdem, vielen Dank. Kopfschüttelnd entfernte sich der Herr. Die vier Jugendlichen schauten ihm sorgenvoll nach. Was, wenn er nun doch zur Polizei ging. Ronny brach die Starre. Er blickte auf seine Uhr. Jetzt war es halb Vier. Los Leute, auf zum Bahnhof. Sie schwangen sich auf ihre Räder. Vorn fuhr Ronny, hinten Michael, dazwischen die beiden Mädchen. Zügig erreichten sie das Dorfende. Die kräftige Augustsonne verschwitzte ihre Körper. Ronny dachte an seinen Bruder. Ärger stieg in ihm auf. Wie konnte der nur so blöd sein. Es war einfach belastend, mit fünfzehn kleinere Geschwister zu haben. Michael riss ihn aus seinen Gedanken. Nicht so schnell! schrie er. Denk an die Mädels! Dann sollen sie hier warten. Wir haben keine Zeit! Michael hörte den Vorwurf seines besten Freundes aus diesen Sätzen heraus. Du mit deinen dämlichen Spielideen. sollte es heißen. Inzwischen hatten sie das nächste Dorf erreicht. Hier lag der Bahnhof. Die Mädchen gaben auf. Michael zog mit Ronny gleich. Der würdigte ihn keines Blickes. Wenn jetzt nur kein Zug käme, schoss es Michael durch den Kopf. Dann dachte er an seine Spielidee. Eigentlich war Ronny schuld, stellte er fest. Warum hatte der auch seinen achtjährigen Bruder mitspielen lassen. Es musste wirklich belastend sein, in Abwesenheit der Eltern auf kleinere Geschwister aufzupassen. Die beiden bogen in eine Zufahrtsstraße ein, als sie plötzlich das Geräusch eines abfahrenden Zuges hörten. Schwer atmend stoppten sie ihre Räder. Michael erhaschte den verzweifelten Blick seines Freundes. Jetzt tat er ihm leid. Weiter! befahl Ronny. Wenig später rannten sie in den Warteraum des Bahngebäudes. Michael entdeckte ihn zuerst. Da! rief er erleichtert. Ronny konnte seine Wut kaum noch halten, doch sein Bruder kam ihm zuvor. Als er die beiden entdeckte, fragte er mit einem erwartungsvollen Lächeln. Und, hab ich mich gut versteckt? Ronny starrte ihn an. Mit einem befreienden Lachen nahm er seinen Bruder in die Arme. Freudig kopfschüttelnd stand Michael daneben. Ja, du Spinner, das hast du! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der schüchterne Draufgänger von Nils Schwerdtner, 22850 Norderstedt (Deutschand) Der Baron, der in den letzten zwei Stunden nervös vor der verglasten Tür auf und abgegegangen, die nach dem Park hinausführte, ließ sich mit einem Seufzer der Erleichterung, der nicht recht zu seinem vornehmen Auftreten passen wollte, in einen der schweren ledernen Sessel fallen und bat den Diener, ihm ein Glas Rotwein zu bringen. Der sonst so unerschüttlerliche und unnahbare Baron war nach der ausgestandenen Anspannung noch immer so aufgewühlt, dass ihm nichtmal ein missfälliges Wort entfuhr, als der Diener mit einem Weinfleck auf den makellosen Handschuhen zurückkehrte. Er griff nur nach dem Glas und ließ sich in den Sessel zurücksinken. Offenbar ohne sich der Gegenwart des Dieners und des Herren, den er dem Kind hinterhergeschickt hatte, weiter bewusst zu sein, starrte er, tief in Gedanken versunken, in den Garten hinaus. Die Haushälterin, deren Behauptung, sie habe das Kind am Fluss gesehen, den ganzen Tumult erst ausgelöst hatte, verließ das Zimmer still und beschämt. Er konnte nicht glauben, dass er sich zu einer verzweifelten Tat wie dieser hatte bewegen lassen. Und ausgerechnet ein Weibsbild hatte ihn dazu gebracht – gerade ihn, der stets fest von der Schwachheit der Frauen überzeugt gewesen war. Da saß er nun, mit verkrampftem Magen und einem Weinglas in der zitternden Hand, und all seine Hoffnung lag in der Frage, ob das Kind die Botschaft korrekt übermitteln würde. Ein Kind, das in einer heruntergekommenen Hütte am Rande der Stadt aufgewachsen war und von dem niemals jemand wissen durfte, dass blaues Blut in seinen Adern floss. Die Vorkommnisse, die den Baron in diese unangenehme Lage versetzt hatten... Hätte er während all der Zeit nur einen einzigen Gedanken an die Umstände verschwendet, unter denen dieses Kind entstanden war – vielleicht hätte er nach Jahren seine Lektion doch noch gelernt. Der Baron fühlte, wie sein Puls raste. Wenn das Kind nun noch einmal von seinem vorgegebenen Wege abwich... wenn es die Botschaft falsch übermitteln würde... wenn die Dame nicht im Hause wäre... – und was passierte, wenn das Kind an ihren Gatten geriet und ein falsches Wort verlor! Mindestens zwei Tage würden vergehen, bis der Baron Antwort erhielt. Nein, so lange konnte er nicht warten! Er durfte sich nicht auf sein Glück verlassen. "Satteln Sie mein Pferd", befahl er dem Diener und fühlte, wiesein alter Geist ihn wieder durchdrang, "und packen Sie reichlich Proviant in die Satteltaschen. Ich gehe auf einen längeren Ausritt." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Aus den Augen von Verena Blecher, 65817 Eppstein (Deutschand) verloren entglitten ist mir deine Hand während mein Blick noch zu folgen sucht aufgelöst in einem Meer aus Farben schrilles Klangwerk saugt dich end lose Stunden durch Labyrinthe Beton Schluchten zuckende Sonnen endlich fand ich dich am Bahnsteig Fahrschein gelöst ein eisiger Wind wirbelt Staub und tote Blätter der Zug abfahrbereit Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Mark von Ctortnik Michael, 1070 Wien (Österreich) Es war 15.32 Uhr als diese in ein beiges ,H&M flair versprühendes, Leinenkostüm gewandete, mittelgroße, blondierte aber durchaus attraktive Mittdreißigerin mit weit geöffneten Augen und nüsternähnlich aufgeblähten Nasenflügeln laut juchzend über den Bahnsteig 11 des Hauptbahnhofes ziemlich orientierungslos, schließlich aber doch den Weg zu einem, im üblichen uniblau gekleideten, Bahnsteigsbeamten findend, herumlief. Mein Sohn..,mein Sohn.., er ist doch erst neun, bitte.., mein Sohn,..weg, war doch nur kurz am Imbißstand, drehte mich um.., Mark, er ist doch erst neun.. Ein unzusammenhängender Wortregen prasselte auf den sichtlich nicht vorbereiteten Beamten nieder. Fassungslos blickte er die Frau an, sich abmühend einen Konnex zu finden. Aber er schaffte es sich schnell zu fassen und versuchte die Frau zu einer ruhigeren und zusammenhängenden Darstellung der Dinge zu bewegen. Um Atem ringend bemühte sie sich auch um Contenance und brachte es tatsächlich zu Wege dem Stationsschaffner die Story ihres Kurzbesuchs beim Imbißstand und des plötzlichen Verschwindens ihres neunjährigen Sohnes zu erzählen. Durch die erhebliche Lautstärke des Erzählten wurde auch die Aufmerksamkeit anderer Passanten geweckt. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Auf die Frage nach genaueren Details berichtete er von seinem Ticketkauf am Inlandsschalter 12 und der Szene eines in Tränen aufgelösten Kindes, daß über den Verlust seiner Mutter klagte. Die letzten der Worte hörte die verlustiggeglaubte Mutter nur noch aus der Ferne, denn ihr schneller Schritt führte sie direkt zu besagtem Schalter, in dem sie schon von weitem den blonden Schopf ihres Sohnes erkennen konnte. Mark saß mit leerem und total verängstigtem Blick da. Als er seine Mutter ,die er schon verloren glaubte, bemerkte, brach erneut der Tränenstaudamm und sintflutähnlich rannen salzige Bäche über die erröteten Wangen des Jungen. Auch bei der Mutter, die sich fest vorgenommen hatte belehrend auf ihren Jungen einzuwirken, war von dem Vorhaben nichts mehr zu bemerken und die Erleichterung übermannte auch sie. Es war eine rührende Wiedervereinigung einer Familie wie sie Andreas Türck oder Christian Clerici nicht besser hätten in Szene setzen können. Und sogar den sonst der Phlegmatik bezichtigten Beamten entlockte diese Szene ein Na dann ist ja wieder alles in Ordnung. Der Nächste?. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |