Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: Cover: Brennendes Geheimnis

Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen.

Mika spielt Cowboy
von Harald Kämmerer, 81669 München (Deutschland)

Ich glaub’s nicht, was der Typ sagt. Aber ich seh’s. Die Panik, die Scherben. Ich hab nichts gehört, die Schüsse, das klirrende Glas, die Schreie. Keine fünf Minuten kann man den Jungen allein lassen! Fünf Minuten? 15.08 Uhr. Ich hab fast ‘ne halbe Stunde gebraucht! Was kann ich dafür, wenn die Klos hier am Arsch der Welt sind. Ich hätte das Zeug nicht essen sollen. Und ich hätte den Aktenkoffer und den Mantel nicht bei Mika lassen dürfen. Die Kohle, die Papiere, die Pistole. Mika spielt Cowboy! Ballert die Menütafel in tausend Scherben! Und das Geld!? Ich kann’s mir genau vorstellen, wie sich die Geier auf die Scheine gestürzt haben, die von der Ballustrade in die Halle geflattert sind. Ich seh nach unten. Ein paar Scheine liegen unerreichbar auf den Kartenautomaten.
Aber wie? Was ist passiert? Mein Kopf braust. Langsam. Mika geht runter und kauft Tickets, weil ich so lange auf dem Klo bin. Er geht wieder zu McDonald’s und kramt aus Langeweile in dem Mantel, er findet die Wumme. Er spielt rum, das Ding geht los. Panik. Er haut ab, stolpert auf der Treppe, der Koffer geht auf. Geldregen. Möglich. Unmöglich. Ach, was weiß ich? Scheiße. Mit Bankraub sollte man kein Kind ernähren.
Ich lass den Blick schweifen. Es wimmelt von Polizisten. Sie machen die Schalterhalle dicht. Keine Spur von Mika. Ich seh auf die Abfahrtstafel. Unser Zug ist schon lange weg. Hat er den Zug genommen? Nein, er war gegen drei am Bahnschalter, jetzt ist es gleich Viertel nach. Mika will nach Hause, zu seiner Ma, ich bin mir sicher. Recht hat er. Frankfurt 15.17. Der nächste. Die Züge fahren noch, nur die Schalterhalle ist dicht. Vier Minuten bis Abfahrt. Wie komm ich an den Cops vorbei? Ich hab nicht mal ‘nen Ausweis, der ist im Mantel. Ich seh mich um. Schnell! Das könnte gehen, die zwei Pakete mit den druckfrischen Kino-News am Eingang des McDonald’s. Ich schnapp sie mir und geh die Treppe runter, auf die Polizistenkette zu.
»Sie können hier nicht durch«, werde ich angezischt.
»McDonald’s, Untergeschoss, Presselager.«
Das klingt dünn. Der junge Polizist mustert die Pakete. Er nickt und tritt beiseite. Ich bin durch. Ich geh ein paar Meter und lass die Bündel hinter einer Säule fallen. Ich renn los. Gleis 12. Das penetrante Piepen der Türen. Plock! Ich drück den Knopf. Nichts. Ich starr den ICE an. Zu spät. Oder? Irgendwo geht eine Tür auf. Ein Kopf taucht aus der Hochglanzhaut. Pschhhh… Ja! Ich spring rein. Und haste durch das Großraumabteil. Wenn Mika jetzt nicht da ist…
»Papa!«

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Mein Schatz
von Sebastian Kraftmeier, 80799 München (Deutschand)

Die große Uhr hing an der Stirnseite der hohen Halle. Noch zehn Minuten, bis der Zug abfuhr. Die Zeit kroch nur so dahin. Ich hätte gern geredet, doch mein Schatz war schon eingeschlafen und hatte sich friedlich in meine Umarmung gekuschelt. Ich schaute aus dem Fenster.
Sofort fiel mir der verwirrte Mann auf. Er drängte sich durch die Menge der Reisenden hindurch, die ihm verwundert nachschauten.
Da nur wenige Züge auf den Gleisen standen, konnte ich ihn gut beobachten, während er an der Kopfseite des Bahnhofs entlang eilte, dort, wo die Gleise endeten und unzählige kleine Kioske standen. Während er zwischen den Ständen hin und her taumelte, rief er etwas, das ich nicht verstand. Auch die Verkäufer beantworteten seine fahrigen Gesten nur mit Kopfschütteln.
Plötzlich lief er los. Zuerst erkannte ich nicht, warum, aber dann teilte sich die Menge und ich sah am Bahnschalter ein kleines Mädchen mit einer roten Jacke. Er packte es am Arm und drehte es zu sich um. Die Kleine schrie auf, und ihr Vater schubste den erschrockenen Mann weg.
Er landete in den Armen zweier Polizisten, sah zuerst bestürzt aus, und dann erleichtert. Hektisch redete er mit wild fuchtelnden Händen auf sie ein, während sich um sie herum langsam eine Menschentraube bildete. Schließlich kam auch ein Bahnbeamter hinzu und sagte etwas. Alle Köpfe drehten sich ihm zu, als er mit der Hand in eine Richtung zeigte, die einige Bahnsteige, auch den unseren, einschloß.
Sogleich teilte sich die Menge: Einige Leute kamen in unsere Richtung, die andere Hälfte eilte zum nächsten Bahnsteig. Der Mann lief voran und begann wieder zu rufen. Ich runzelte die Stirn.
Die Durchsage ertönte, dass unser Zug nun abfahren würde, gerade als der Mann die Höhe unseres Abteils erreichte und eine Frau ansprach. Doch auch sie schüttelte den Kopf in ratlosem Bedauern.
Die Stimmen drangen laut durchs Fenster und mein Schatz wälzte sich unruhig im Schlaf. Ich wollte das Fenster öffnen und fragen, was passiert sei, doch ich fürchtete ihn damit zu wecken.
Endlich durchfuhr ein Ruck den Zug und er rollte los. Die Erinnerung an den Bahnhof und die vielen Männer verblasste schnell, als die Vorstadt am Fenster vorbei flog und bald dem weiten Land Platz machte.
Voller Stolz betrachtete ich das goldene Haar meines Engels, ihre rote Jacke, die Tüte mit den besonderen Bonbons in ihren Händen und die Puppe, die ich ihr geschenkt hatte. “Ruh dich aus, mein Schatz!” Sanft küsste ich die unschuldige Stirn. “Wir haben viel Zeit.”

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Max haut ab
von Maria, 91413 Neustadt (Deutschand)

"Max? Max!" ruft Eva durchs Haus. "Till, hast du deinen Cousin gesehen?"- "Ich hab allein gespielt, Mama, der Blödmann hat mich geärgert!" – "Aber er muss jetzt sein Insulin kriegen, wo steckt er denn?" Da klingelt das Telefon, Eva geht ran. Nach ein paar aufgeregten Rückfragen wirft sie den Hörer hin und rennt ins Arbeitszimmer, wo ihr Mann am Computer sitzt.
"Du, der Max ist verschwunden! Und Herr Klinger hat gerade angerufen, dass er ihn am Bahnhof gesehen hat, ob das denn in Ordnung sei. Er hat auf dem Heimweg seine Zweifel daran bekommen, weil der Junge doch erst acht ist! Die Kinder haben sich gestritten, deshalb ist Max wohl abgehauen.Und er muss jetzt dringend sein Insulin kriegen!"
Evas Mann stöhnt: "Ach du liebe Zeit, wenn dem Jungen was passiert! Meine Schwester reißt mir den Kopf ab! Du weißt ja, sie hat ihn die Woche bei uns gelassen, weil du Krankenschwester bist. Und er war schon zweimal im Zuckerkoma! Was machen wir jetzt? Schnell, ruf im Bahnhof an, ob ein blonder Junge vor Kurzem eine Fahrkarte gekauft hat."
Eva legt wieder auf: "Ja, stell dir vor, er hat tatsächlich eine Fahrkarte nach München gekauft! Dabei ist seine Mutter doch gar nicht daheim! Schnell, wir müssen mit dem Auto nach München, wir müssen ihn dort am Zug erwischen. Mit dem Auto sind wir schneller! Der Zug kommt in einer Stunde an. Schnapp du dir Till, ich hol das Auto aus der Garage!
Überstürzt fahren die Drei los. So bemerken sie nicht die kleine Gestalt im Rückspiegel, die gerade auf ihr Haus zusteuert. "Muss doch noch meinen Gameboy nach Hause mitnehmen, den lass ich dem blöden Till bestimmt nicht da!"brummt Max vor sich hin. "Komisch, ich bin auf einmal so müde..."
Als Max im Krankenhaus wieder zu sich kommt- nach zwei bangen Tagen- da fragt er doch als Erstes nach seinem Gameboy!

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Alles Mörder!
von Sabine Kalff, 12059 Berlin (Deutschand)

Ganz sicher sei es der kleine Franz gewesen, denn der Herr habe sich noch gewundert, daß so ein kleines Kind schon allein verreise! Kaum über die Theke hat er schauen können, und doch ein Billet nach Frankfurt gelöst! Frankfurt! Ja, was konnte er denn bloß in Frankfurt wollen? Alle sahen sich betreten an, doch da brach schon die Mutter in Geschrei aus: Siehst du, was du damit angerichtet hast, daß du ihm gedroht hast, ihn aufs Internat zu tun, wenn er nicht richtig lernt! Und Eduard fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf schoß - er erinnerte sich natürlich, aber konnte der Franz denn wirklich gemeint haben, daß es ihm damit ernst war? Und war das ganze Schlamassel also seine Schuld? Da neigte sich sein Schwager zu ihm und flüsterte: Glaub ihm kein Wort! und sprach mit seiner feinen Stimme weiter: Man weiß doch, daß dieser Herr eine Schwäche für so kleine Burschen hat. Wer weiß! Und Eduard wurde bleich, als er das unordentlich in die Hose gestopfte Hemd des Mannes registrierte. Er hätte sich auf ihn stürzen mögen, doch da fiel ihm ein, was seine Frau ihm nächtens erzählt hatte über die sichere Impotenz seines schönen Schwagers. Der wollte ihm also nur Angst machen? Oder noch schlimmer, war er es, der seinem armen Kind etwas angetan hatte? Er betrachtete, wie dieser seine Hand eitel auf die Lende gestützt hielt, die offenbar weniger kraftvoll war, als es den Anschein hatte. Oder wollte ihn das seine Frau nur glauben machen, um ungehindert die Kräfte jener Lende zu genießen?
Als dann die kleine Klara noch anfing zu kichern: Endlich ist er weg, der Blödmann, hoffentlich ist er total tot und kommt nie wieder, ging das Geschrei von neuem los, und Eduard schaute zum ersten Mal sein Töchterchen an und fragte sich, ob sie so unschuldig war, wie es schien und dachte an alle Filme, in denen Kinder einfach so andere Leute abknallen, weil sie zuviel ferngesehen haben. Aber konnte es möglich sein? Aber so vergnügt wie sie durchs Zimmer tanzte, konnte es keinen Zweifel geben, daß sie mit dem Verlust ihres Bruders verdächtig gut fertigwurde.
Eduard rieb sich ungläubig die Augen, als plötzlich die Lehrerin mit dem Totgeglaubten vor der Tür stand, den man am Basler Bahnhof mit reichlich Geld aus unbekannter Quelle angetroffen hatte.
Er lebte! und sie waren alle waren unschuldig, der Mann mit dem losen Gürtel, seine Tochter, sein Schwager - nur sein Söhnchen nicht. Aber wenn sie auch keine Mörder waren, zutrauen tat er es von dieser Stunde an trotzdem allen von ihnen.

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Moderner Rattenfänger
von Birgit Wagner, 50674 Köln (Deutschand)

"...rote Locken, 135 Zentimeter, Leberfleck auf der rechten Wange, blauer Anorak...ich versuche mein Möglichstes... Polizeiwache Altdorf, guten Tag, was kann ich für Sie tun...Junge, 12 Jahre, blond...vermißt, ja Sie sind hier richtig...guten Tag...Ihre Tochter, wie war noch mal der Name?" Die rote Leuchtanzeige des Telefons blinkte unentwegt. Hauptwachtmeister Böhm wischte sich den Schweiß von der Stirn. Was war das für ein Tag! So etwas hatte er während seiner ganzen Dienstzeit nicht erlebt. Tobias, der Laufbursche steckte den Kopf durch die Tür. "Hier nimm das und brings der Pressestelle, schnell." Er reichte ihm ein paar lose Blätter mit den Beschreibungen der Kinder. Dann wandte er sich wieder dem Telefon zu und kritzelte weitere Namen aufs Papier. Auf einmal vernahm er Stimmen. Besorgte Eltern hatten sich in der kleinen Polizeiwache eingefunden und drängten sich vor seiner Bürotür. Die denken wohl, ich kann ihre Kinder wieder hervorzaubern, ging es ihm durch den Kopf, als er von weitem Tobias hörte: "Hier ist jemand, der will zu Ihnen." Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. "Was?" schrie Böhm. Mit einem Satz war er an der Tür, riß sie auf, zerrte den Fremden in sein Büro und stieß ihn auf seinen Schreibtischstuhl. "Hast wohl gedacht ich erkenn dich nicht. Von wegen ein Kind. Hunderte... Machst einen auf feinen Herrn. Aber ich weiß wer du bist. Deine Stimme..." "Na und," spöttelte der Fremde, "ich wollte nur helfen." "Pah, helfen! Vom Betrüger zum Samariter. Nein, mein Freund, Rache treibt dich hierher: Zehn Jahre Knast. Und nun rück das Handy raus." Noch ehe er reagieren konnte, faßte Böhm in die Jackentasche des Fremden und zog ein mobiles Telefon heraus. Gekonnt drückte er auf die Tasten bis "Textmeldung versenden" im Display erschien. Danach drückte er noch einmal und las folgende Worte: "Kinderparadies entdeckt. Keine Erwachsenen. Keine Schule. Nur für kluge Köpfe. Treffpunkt Gleis 1. Heute." Böhm grinste übers ganze Gesicht. "Was für ein Zufall. Alle vermißt gemeldeten Kinder besitzen ein Handy!" Er tippte schnell ein paar Worte auf der Tastatur. "Das wird sie hierher bringen."
Dann nahm er die Handschellen aus der Schublade und legte sie ihm an. Auf dem Display war zu lesen: "Live dabei. Verbrecher hautnah. Polizeiwache Altdorf. Heute."

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