| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Aufbruch von Veronika, 80809 München (Deutschand) Wie jeden morgen um diese Zeit stehe ich unter der Dusche und mit dem Wasser läuft alles in den Ausguss, jedesmal ein Stück mehr von mir selbst. Doch irgendwie ist heute alles anders als sonst. Kurz vor dem Aufwachen konnte ich meine Zukunft als ein wunderschönes grünes Land deutlich vor mir sehen. Aber nur einen Moment lang. Automatisch drehe ich den Hahn zu, trockne gleichgültig einen Körper ab, der mir längst nicht mehr gehört. Ich ziehe ihn gedankenlos an, den Einkaufszettel auf dem Küchentisch stecke ich ein. Schon fällt die Tür ins Schloss, die Beine schreiten aus, der Kopf ist leer aber irgendwie ist alles gut. Leicht trägt es mich durch die Strassen, immer weiter, irgendwo hin.
Abends kommt Gerd nach Hause, die Wohnung ist leer, kein Essen auf dem Tisch. Er ruft bei der Vermittlungsagentur an, doch das freundliche Fräulein meint nur, der Vertrag sei mit der Eheschliessung erfüllt, für die Zeit danach könne leider keine Haftung übernommen werden. Ausserdem sei es empfehlenswert, die Frau bei Abwesenheit in der Wohnung einzusperren. Das alles könne er den Richtlinien für die Eingewöhnung entnehmen.
Inzwischen ist seine Mutter eingetroffen, doch es gelingt ihr nicht, Gerd zu beruhigen. Gerade telefoniert er mit Klaus, seinem besten Freund. Der begibt sich gleich auf die Suche, denn weit kann ja nicht gekommen sein.
Mutter kocht inzwischen Schinkennudeln, Gerds Leibgericht. Nach dem Essen sitzen sie wortlos bei einer Dose Bier am Küchentisch zusammen, zwei Stunden lang, bis Klaus kommt. "Leider nichts. Nur ein Penner glaubt, sie nachmittags am Bahnhof gesehen zu haben. Die will wohl mit dem Zug zurück nach Korea, total durchgeknallt. Aber der Alte hat ständig was von einem Kind erzählt, war ziemlich besoffen." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Eine ganz alltägliche Geschichte? von Diana Beese, 64283 Darmstadt (Deutschand) Sam ging sofort dorthin, um zu schauen, welche Züge gegen diese Zeit abfuhren. Es waren drei. Er überlegte, wo Thomas hingefahren sein könnte. Wo kennt er jemanden? Wovon schwärmte er immer? Und überhaupt, wieviel Geld hatte er denn? Er mußte sich mühsam Dollar für Dollar zusammengespart haben. Allzu viel konnte es dennoch nicht gewesen sein. Sam machte sich Vorwürfe. Nach dem Tod der Mutter hatte er Thomas sehr vernachlässigt. Er ließ sich gehen, betrank sich sinnlos. Jetzt erst fiel ihm auf, daß Thomas sich immer mehr zurückgezogen hatte und oft sehr verweint aussah. Sam kam zu dem Schluß, daß er nicht mehr viel über seinen Sohn wußte, weder, mit wem er spielte, was er tat, noch was ihn beschäftigte. Ein Schauer des Entsetzens lief ihm über den Rücken. Wie blind war er gewesen? Wie dumm? Es gab so viele, die helfen wollten. Sogar Leute aus der Nachbarschaft, die er sonst nichtmal grüßte. Alle wollten helfen. Doch er selbst schickte sie weg. Er komme schon klar. Wollte den starken Mann spielen. Wie lächerlich. Jetzt erst, wo Thomas weg war, ist er aus seinem Trauma erwacht. Ist es jetzt schon zu spät? Kann er seine Fehler wieder gutmachen? Sam wurde aus seinen Überlegungen gerissen, als ihm jemand auf die Schulter tippte. Er schaute nach oben und sah die Silhouette eines Mannes, die, geblendet durch die Sonne, nichts weiter erkennen ließ. Sam stand auf und erkannte nun den Polizisten, der ihm bei der Suche half. Dessen Gesicht sah sehr ernst aus und ließ das Schrecklichste vermuten. Er hörte den Polizisten sachlich und kalt, mit wenig Mitgefühl sagen: "Wir haben ihren Sohn gefunden. Er kauerte bis zur Bewußtlosigkeit zusammengeschlagen in einem Schuppen in der Nähe des Bahnhofs. Er ist jetzt im Hospital. Er phantasierte von mehreren Jungs, die ihn so zugerichtet hätten und stammelte was von Erpressung. Leider hatte ihr Sohn keine Namen genannt. Haben Sie eine Vermutung, wer diese Jungs waren?" "Nein", stotterte Sam benommen und ihn überflogen erneut Gewissensbisse. Die folgenden Worte des Polizisten rauschten an ihm vorbei. Sam wollte zu seinem Sohn, und zwar so schnell wie möglich. Das Hospital lag zwei Straßen weiter. Es war inzwischen Nacht geworden. Der Arzt sagte: "Warten... abwarten... schwere innere Verletzungen...". Also wartete Sam. Stundenlang. Oder kam es ihm nur so vor? Irgendwann fielen ihm die Augen zu. Er träumte, daß der Arzt zu ihm kam und sagte: "Es tut mir leid, aber ihr Sohn hat es nicht geschafft". Oder war es doch kein Traum? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Nackte Angst von gm, 27749 Delmenhorst (Deutschand) Ich wurde unruhig, Jarle hätte bereits vor fast einer Stunde zu Hause sein müssen. Seine Kindergartengruppe war an dem Tag zu einer Besichtigung des Bahnhofes. Endlich klingelte es. Susanne und Kathrin, Jarles Kindergärtnerinnen standen vor der Tür. Schonend erklärten sie mir, dass er plötzlich nicht mehr bei der Gruppe gewesen sei. "Wieso passt ihr nicht richtig auf? Ihm kann sonst was passiert sein", ging ich sie an. Ich war zornig und hatte furchtbare Angst um Jarle. Nachdem ich wieder einigermaßen beieinander war, beschlossen wir, ihn im 5 Minuten von unserer Wohnung entfernten Bahnhof suchen zu gehen. Wir baten noch Nachbarn um Mithilfe. Sie waren sofort bereit, mit uns zu kommen. Immer wieder verdrängte ich, mir auszumalen, was meinem Kind alles passiert sein konnte. Sicher irrte er irgendwo herum – zwar auch ein schrecklicher Gedanke, aber immer noch halbwegs erträglich. Im Bahnhof teilten wir uns auf. Zwei Nachbarinnen zogen los, die 12 Bahnsteige abzusuchen; die Kindergärtnerinnen suchten die Bahnhofsvorplätze ab. Meine Freundin und ich gingen zu den Schaltern. Dort bot man mir an, Jarle auszurufen. Ich gab noch eine Personenbeschreibung ab für den Fall, dass ihn jemand gesehen hatte. Nach einer Viertelstunde waren die Kindergärtnerinnen ergebnislos zurück gekehrt. Die Ansage wurde alle paar Minuten durchgegeben. Plötzlich kam ein junger Mann auf uns zu. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als er die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Das war jetzt anderthalb Stunden her. Tränen rollten mir über die Wangen. Nackte Angst packte mich. "Ich muss mich setzen", stotterte ich und hatte das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weg gerissen wurde. Doch ehe irgend jemand etwas unternehmen konnte hörte ich hinter mir das fröhliche Rufen meines Kindes "Mama, Mama, ich hab’ so viele Züge gesehen!" Ich drehte mich um, sah Jarle strahlend auf mich zu rennen, hinter ihm meine lächelnde Nachbarin. Ich riss die Arme auseinander und drückte überglücklich mein Kind an mich. Meine Nachbarin hatte ihn schlafend in einem der Wartehäuschen vorgefunden. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Albert und das Mädchen von Jürgen Heimlich, 1110 Wien (Österreich) Albert hatte Angst. Er stand am Bahnhofsgelände, und an seinen Händen klebte Blut. Zum Teufel, was war in ihn gefahren, als er das kleine Mädchen auf dem Fahrrad beobachtete? Sie machte einen ganz normalen Eindruck. Es war so, als ob sie darauf wartete, angesprochen zu werden, hatte er gedacht. Also ran an das Mädchen. Und sie klappte sofort die Jalousien herunter. Keine Angst, junges Fräulein, sagte er, und hatte jetzt selbst so starke Angst, dass er es kaum aushalten konnte. Ich tue dir nichts. Und sie schrie, als ob es um ihr Leben ginge, und da drückte er ihr die Kehle zu. Sie hatte Würgemale am Hals, als sie total geschockt zum Bahnhof ging, um sich dort ein Ticket zu kaufen. Aber um diese Zeit gab es nichts mehr zu kaufen, und Albert war stets an die Fersen des Mädchens geheftet. Sie war schon sicher gewesen, verschont zu werden, aber diese Sicherheit sollte sich als trügerisch herausstellen. Denn er setzte dem Mädchen ein Messer an die Kehle, riss ihm die Kleider vom Leib, und verging sich an ihm, und schließlich war es ganz still, da er es in die Bauchgegend stach. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Und es dauerte nicht lange, da standen bereits die Eltern des 12-jährigen Mädchens bei der Leiche, und die Gewissheit, dass das Mädchen Opfer eines schweren Verbrechens geworden war, brachte Albert fast um den Verstand. Ich war´s nicht, sagte er immer wieder. Ich wollte sie doch nur streicheln. Die Kommissare staunten über dieses seltsame Geständnis, und teilten dem alten Junggesellen mit, dass das Mädchen tot sei, und er es sicher nicht zu Tode gestreichelt habe. So glauben Sie mir doch, sagte er. Ich wollte das nicht. Die Mutter des Mädchens schlug Albert ins Gesicht, und die Kommissare konnten den Vater nur mit Mühe davon abhalten, sein eigen Fleisch und Blut zu rächen. Du gehörst aufgehängt, du Schwein, riefen einige Zaungäste im Chor, während der Mörder im Polizeiwagen Platz nahm. Albert hatte Angst. Große Angst. Hoffentlich hängen sie mich nicht auf, dachte er, und faltete seine Hände zum Gebet. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Enthüllung von Wolfgang Metzger, 50858 Köln (Deutschand) Normalerweise macht Feldmann einen großen Bogen um Kameras und Mikrofone. Aber die hübsche Reporterin, Anfang 20 schätzt er, hat ihn angelockt. Und er will sie nicht enttäuschen. Sie hält den Befragten ein Foto des Kindes entgegen, das seit ein paar Tagen verschwunden ist. Das zweite in einem Monat. Alles war aufgebracht in dem Städtchen. Es war Städtchen-Gespräch. - Haben Sie das Kind gesehen? Fragt die Reporterin Feldmann. Feldmann ist eher durchschnittlich strukturiert. Nicht der polare Blick, der Frauen schwach macht. Aber er kann sie mit Informationen beeindrucken - Ja. Ich habe das Kind gesehen, sagt Feldmann ganz überzeugend. - Gestern gegen drei Uhr in der Bahnhofshalle. Am Schalter. - Und? Wollte es eine Fahrkarte lösen . . ist es weggefahren . . ? - Nein. Natürlich nicht, sagt Feldmann aufreizend cool.. - Sondern?! War das Kind allein . . ? - Der kleine Junge ist mit einem Mann zu einem Auto gegangen . . - Marke . . Farbe . . ? - Ein grüner Wagen. Ein Golf . . Ja, ein VW-Golf war es. - Haben Sie den Eindruck gehabt, dass der Junge freiwillig mitging mit dem Mann? - Er hat ihn an der Hand geführt. Ob es ein Bekannter war oder sonst jemand. Keine Ahnung. - Und weiter . . ! - Sie sind weggefahren. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Feldmann hat der hübschen Reporterin die ganze Zeit in die Augen gesehen. Es war wie im Traum. Doch jetzt fühlte er sich nicht mehr wohl in seiner Haut. Er wollte gehen. - Sagen Sie, haben Sie heute Abend Zeit? - Kommt drauf an wann, sagt Feldmann. Ab sechs könnte ich. - OK. Um halb sieben in Küppers Bistro. Kennen Sie? sagt sie mit ihrem gewinnendsten Lächeln, das ihr bis dato noch nie geschadet hat. - Kenn ich, sagt Feldmann knapp. - Also bis halb sieben.
Feldmann blieb noch genügend Zeit um etwas zu essen.. Um vier konnte er seinen Wagen aus der Werkstatt abholen. Kundendienst 80 000. Er erwartete keine Sonderforderungen. Um sechs fuhr er los, war sich aber nicht sicher, ob er hingehen sollte. Es war doch alles gesagt. Er tat es, weil er sich ein wenig verliebt hatte. Im Endeffekt erfuhr sie bei einem Cappuccino (sie) und einem Bitburger Pils (er) substantiell nichts Neues. Das Gespräch verlor sich ins Private. Sie schien etwas enttäuscht, was ihr aber gut stand. Sie verabschiedeten sich nach einer knappen Stunde vor dem Lokal. Als Feldmann in seinen grünen Astra einstieg, winkte sie ihm. Sie ist ihm nachgegangen. Es war ihm nicht recht. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |