Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Die Klassenarbeit
von Simone Schiess, 50677 Köln (Deutschand)

"Darf ich es mit auf das Zimmer nehmen?"
"May I take it to the room?"
"Prima! - Ja, du darfst!”
"Yes, you may!" übersetzt Paul angestrengt.
"Und was hieße: Nein, du darfst nicht?”
"No, you mustn’t."
"Na, das sollte für deine Englischarbeit morgen genügen,” seufzt Louisa, während die Gedanken zurück gleiten.

"May I show you your room?" – "Oh, ... yes, please ...". Ein wenig steif folgt die Austauschschülerin Louisa ihrem Gastgeber nach oben. Die erste Begegnung mit John, ein erster scheuer Blick in die Augen des Anderen.
Monate, bis die Gefühle deutlicher werden. Die ersten Berührungen. Tastend, zärtlich, unsicher. Dann warm, fest und mit den Schwüren ewiger Liebe. Sie gehen zur Schule, sie tanzen und segeln mit dem Boot von Johns Eltern. Der Himmel ist strahlend blau.

Dann muß Louisa zurück nach Deutschland. Leise Worte am Telefon und endlose Briefe, die doch immer zu kurz sind. Die Sonne scheint. In den Ferien treffen sie sich in London. In Johns winziger Studentenbude ist Platz für all die gesammelte und nun überquellende Sehnsucht.
Die Zeit vergeht. Der Wind wird rauher und schließlich dreht er. Das Telefon klingelt nur noch selten. Schließlich die Nachricht: "Es ist aus." Es lag in der Luft. Louisa hat es beim letzten Treffen schon geahnt. Ihr ganzer Körper schmerzt. Ihr ist schlecht. Schließlich ruft sie ihn an.
"Es ist vorbei, Louisa, das hab ich doch schon gesagt!"ranzt er in den Hörer.
"Aber .."
"Kein Aber".
"Aber wir müssen doch miteinander reden! Es ist wichtig .."
"Ich will nicht mit dir reden! Es gibt nichts, was mir in diesem Zusammenhang noch wichtig wäre!"
"Aber ..."
John legt auf. Louisa weint. Im Blau schwimmt literweise schwarz.

Louisa seufzt wieder. Sie hebt den Blick und betrachtet liebevoll ihren Sohn. Johns Sohn. Morgen wird es bestimmt klappen.

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Er hat mich nie........ ??und ich werde ihn nie....??
von Greta-Elisabeth, 06618 Naumburg (Deutschand)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?" Der Hotelier, vom Hotel Europa in St. Petersburg, gab ihn mir und sagte: " Selbstverständlich es ist ja ihre Post." Ich schaute ihn mir genau an. Diese Schrift kannte ich, es war unverwechselbar die Schrift meines Vaters. Er schrieb wie ein kleiner Junge. Er schrieb jeden Bogen fein säuberlich aus. Ich öffnete den Brief und fing an zu lesen.

Liebe Sophie,
Was machst du so? Ich hoffe es geht dir gut und du genießt den Urlaub mit deinen Kindern.Ich wollte dich eigentlich anrufen, aber ich konnte nicht, deshalb schreibe ich dir lieber.
Ich wollte dir sagen, das ich viel falsch gemacht habe und es gerne wieder gutmachen würde. Du musst mich verstehen auch wenn du mir nicht glaubst.Ich liebe dich und habe dich immer geliebt.
Ich weis, das ich dir oft weh getan habe, seelisch wie auch körperlich.Erst jetzt wo ich Zeit zum nachdenken gefunden habe ist mir das Bewusst geworden. Ich hoffe du verzeihst mir und wagst noch einmal einen neuanfang mir mir.
In Liebe dein Papa
Ich ließ mich auf einen Stuhl in der Hotelhalle fallen, pfiff nach einem Kellner und bestellte einen Scotch. Ich kochte innerlich. 20 Jahre war ich ihm scheiß egal und jetzt auf einmal, wo er Zeit hat fällt ihm ein, das er eine Tochter hat. Ich holte meinen Laptop aus der Tasche und begann gleich zu schreiben.

Lieber Papa,
der Urlaub ist sehr schön. St. Petersburg ist sehr aufregend. Nun zu deinem Angebot. Dir geht es wohl nicht gut, oder? Immer war ich dir egal du hast mich vor meinen Freunden runtergemacht. Du hast mich bewußtlos geprügelt und auf den eiskalten Fliesen im Flur liegen lassen. Du hast mir ins Gesicht gesagt, das du mich hasst. Nie hast du gesagt, Schön gemacht oder Toll oder ich hab dich lieb. Nie. In den ganzen 20 jahren in denen ich jetzt lebe bist du nie auf die idee gekommen mich einmal zu unterstützen. Mir nur einmal mental und seelisch unter die Arme zu greifen. Immer hast du mich mit geld abgespeist. Merk Dir eins. Ich hasse dich auf ewig, ich will dein Geld nicht und bild dir nicht ein, dass du je eines von deinen drei Enkelkindern zu Gesicht bekommst. Du hast mich gequält,gedemütigt und gehasst. Jetzt mache ich das Gleiche mit dir. Du wirst es nie lernen. Du hast es bei meiner Mutter versaut, bei mir hast du nur drauflosgeprügelt und deine Freundin hast du verbal so gekränkt und verletzt, dass sie sich aufgehangen hat. Du hast sie und hättest mich bald in den Tod getrieben.

In Liebe deine Sophie

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Hinter der "Welt" versteckt sich Vater
von Hans Pulina, 33611 Bielefeld (Deutschand)

Verloren sieht sie aus, mit dem Kamel an der Leine, mitten in der Hotelhalle. Sie geht auf einen Klubsessel zu, in dem eigentlich ihr Vater hinter der ausgebreiteten Zeitung sitzen sollte. Jedenfalls ist es seine helle, hier und da abgewetzte Flanellhose. Mama sagt, für diesen Urlaub wäre sie noch gut genug. Und, es sind seine blank geputzten Schuhe. In den Schuhen muss sich der Mensch widerspiegeln, der sie trägt, sagt Papa jeden Samstag morgens, wenn er seine Schuhe auf dem Balkon putzt. Früher staunte sie über so viel Klugheit.Heute aber erweckt er den Eindruck, sich hier in der Hotelhalle zu verstecken. Nur die Hose, die blank geputzten Schuhe sieht sie. Seine Hände sind es, die, die Zeitung halten. Er trägt wieder den goldenen Siegelring am kleinen Finger. Ach diese Hände! Sie sind stark, wenn er sie hoch wirft und wieder auffängt, hart, wenn er sie festhält und mit ihr schimpft, aber sehr weich, wenn er ihre Tränen abwischt und das Gesicht streichelt. Sie muss ihn unbedingt etwas fragen. Doch er sitzt hinter der Zeitung "Die Welt", einer grauweißen, raschelnden Wand und sie steht davor: "Papa", "hm" brummt es hinter der Zeitung. "Papa, ich muss dich was fragen", wieder hört sie nur sein "hm." "Schläfst du Papa?" Diesmal jedoch hört sie keinen Ton. Sie steht vor der Zeitungswand und liest eine Schlagzeile: "Zirkus verliert Kamel". Während dessen zieht das Hotelleben mit duftigen Kleidern, luftigen Röcken und Hosen schemenhaft vorüber. Menschen eilen, scheinbar ziellos, an ihr vorbei. Niemand schenkt ihr einen Blick oder eine Sekunde seiner Zeit. Das Kamel liegt jetzt zu ihren Füßen.Der Hotelportier kommt auf sie zu. "In unserem Hotel haben Kamele nichts zu suchen!" In ihrer Verzweiflung, wagt sie es noch einmal ihren Vater zu stören, was so klingt, als würde eine Fremde fragen: "Kann ich das Kamel mit auf das Zimmer nehmen?" "Hm," kommt es von hinter der Zeitung, "aber nimm den Fahrstuhl." Meint er es ernst? Sie will es wissen, muß ihn sehen. Sie reckt und streckt sich, wächst über den Rand der "Welt". Ihr Vater wird dabei immer kleiner, schließlich so klein, dass seine Schuhe nur noch zwei stecknadelkopfgroße, glänzende Punkte sind. Vertieft in der Zeitungslektüre, kaum etwas wahrnehmend, scheint er sich sich mitten im regen Treiben einer Hotelhalle in Nichts aufzulösen. Zu Füßen des Mädchens liegt, Vaters Händen entglitten, "Die Welt".

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Das Experiment
von Jens Erdmann, 1731 Zellik (Asse) (Belgien)

Schweigend saßen sie am Küchentisch, der das Herz der Wohngemeinschaft bildet. Außer ihnen war niemand anwesend, was unbefangenes Unterhalten möglich machen sollte, doch schienen bei ihnen die Berührungspunkte von Abstoßung geprägt. Sie konnten es sich beide nicht erklären, doch ihre Gespräche und Unterhaltungen endeten oft in Meinungsverschiedenheiten oder zumindest Verstimmungen, manches Mal konnte nur der Zwang der Gemeinschaft sie hindern, sich am Geschirr zu vergreifen. So sehr sie auch beide über sich und ihre Beziehung nachdachten, Hass war es nicht, der sie so heftig bewegte. Es war auch keine Gleichgültigkeit zwischen ihnen. Manchmal erwischten sie sich selbst bei Sehnsuchtsgefühlen, fühlten eine Leere, wenn der tägliche Kampf in der Küche nicht stattfand. Es war nicht einfach für sie auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, doch sie konnten sich auch nicht aus dem Wege gehen. Statt sich links liegen zu lassen, zog es diese beiden unterschiedlichen und stets aufgeladenen Energiepole zueinander mit vorhersehbaren Gewittern. Wenn diese auch teilweise verletzten, so tat doch beiden die regelmäßige Entladung gut. Endlich brachte sie ihre Frage, nachdenklich in ihrem Kaffee rührend, hervor: «Ich habe gehört du sollst sehr gut zeichnen.» Er blickte verstört auf, nach Gefahren in der Fragestellung suchend: «Ja, was soll denn diese Frage?» Sie erwiederte, unterstrichen vom durchdringenden Blick ihrer grauen Augen: «Ich habe die letzte Zeit über unsere traurige Beziehung, ich meine unseren Dauerstreit nachgedacht und finde da keinen Ansatzpunkt oder keine Erklärung für. Ich dachte mir, du könntest mich zeichnen, ich bin neugierig, wie du mich dabei siehst. Es wird immer behauptet, das viel von der Seele eines Künstlers in seinen Bildern zurückzufinden ist…» «Das finde ich ziemlich schräg…» antwortete er verunsichert: «Du kannst mir ein Passbild geben und wenn ich es mit auf das Zimmer nehmen kann, so hast du es vielleicht noch diese Woche die Antwort.» Sie blieb unbeugsam: «Abzeichnen von Fotos ist ohne Öffnung der Seele des Künstlers. Ich will wissen, wie wir zueinander stehen, denn es ist mir nicht gleichgültig, wie du über mich denkst. Deshalb musst du mich zeichnen, zum Modell nehmen.» Er wusste, dass diese Frau nicht zu unterschätzen war, dass er sie eigentlich dringend brauchte und willigte ein: «Wann und wo?» Sie trat zu ihm, nahm seine Hand und zog ihn mit sich: «Sofort natürlich, solche Dinge dulden keinen Aufschub».

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Das Ding
von Nadine, 80805 München (Deutschand)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"
Susi guckt lieb, Susi guckt unschuldig,
Susi ist schließlich noch ein Kind.
Susi hält ein Einmachglas hoch.
"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"
Die Eltern betrachten das Ding in dem Einmachglas.
Ein gräßliches Ding. Ein schleimiges Ding.
Ein Ding aus einer anderen Welt.
Ein Ding das herauskommen wird - früher oder später.
"Bitte!", sagt Susi.

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"
Nhörr guckt lieb, Nhörr guckt unschuldig,
Nhörr ist schließlich noch ein Brütling.
Nhörr hält das Einmachglas hoch.
"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"

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