Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Der Befund
von Dorothee Tataun, 40764 Langenfeld (Deutschand)

Eva lag mit geschlossen Augen da und ließ die Gedanken an sich vorüber ziehen. Vorgestern war sie eingeliefert worden, da auf Grund eines Verdachts ein umfangreiches CT erforderlich war, um eine genaue Diagnose zu stellen. Alles hatte mit einem harmlosen Kribbeln im Daumen und Zeigefinger der linken Hand begonnen und nur beiläufig hatte sie es ihrem Arzt erzählt. Es folgten endlose Tests und schließlich die stationäre Einweisung. Sie gab sich zuversichtlich und wehrte sich gegen die immer wieder in ihr aufkommende Frage: Warum gerade ich? War das etwa schon alles? Die Tür ging auf und ein Pfleger sagte: "Dr. Siebert erwartet sie in seinem Sprechzimmer. Ich werde sie begleiten". Sie zog den Morgenmantel über und dachte: na dann ist es ja wohl so weit. Die Urteilsverkündung! "Nehmen Sie Platz Frau Pfaff. Uns liegt nun das genaue Ergebnis des gestrigen CT´s vor" sagte Dr. Siebert freundlich. Eva war froh sich setzen zu können, denn ihre Knie zitterten. "Bei einem CT werden viele kleine Schichtaufnahmen gemacht, die eine exakte Diagnose zulassen. Also, um es gleich vorweg zu nehmen, es gibt keinen Grund sie weiter hier zu behalten". So hoffnungslos ist es also, durchfuhr es Eva. "Jetzt kann ich ihnen unseren Anfangsverdacht gestehen, den ich ihnen vorenthalten habe, um sie nicht zu beunruhigen. Alle Symptome deuteten auf eine beginnende Multiple Sklerose hin. Aber das CT, hat uns einen genauen Aufschluß gegeben. Der Befund ist eindeutig negativ, dass heißt, die Probleme rühren offensichtlich von der Halswirbelsäule her. Bei permanenter Schreibtischarbeit keine Seltenheit. Ich empfehle ihnen eine entsprechende Gymnastik und eine Akupunktur sowie Rückenschwimmen und sie werde in Kürze wieder frei von Beschwerden sein". Langsam lösten sich Evas Hände, die voller Anspannung die Armlehnen des Stuhls umklammert hielten. "Heißt das, ich bin gesund?" fragte sie mit zweifelnder Stimme. "Wie ein Fisch im Wasser. Ich habe hier ein ärztliches Gutachten, in dem es ihnen attestiert wird" bestätigte Dr. Siebert lächelnd. "Ich würde gerne so schnell wie möglich nach Hause gehen. Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen. Vielleicht können sie mich noch heute nachmittag entlassen" sagte Eva, die erst jetzt spürte, dass ihre unterdrückte Angst wich und Platz schaffte für ein tiefes Gefühl von Erleichterung und Dankbarkeit. "Dem steht absolut nichts im Wege. Ich werde alles veranlassen" sagte Dr. Siebert und reichte ihr das Gutachten.

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Die Wende
von Anne Stanarius, 13437 Berlin (Deutschand)

Fragte leise die kleine Gestalt mit einem unsicheren aber flehenden Blick auf den stattlichen Empfangschef,der wie ein sorgfältig gestriegeltes Pferd in seiner makellosen Livree, seinem schnurgeraden Scheitel, dem die glatten kurzen Haare so gehorchten, daß nicht eines abstand, seinem hochgewirbelten fast weißen Bismarkschnurrbart, der ihm den notwendigen Respect sicherte, aber vor allem von dem einzigen Makel, die dicke Warze an der Nasenseite ablenkte, sie durch seine dicken Brillengläser eher herablssend musterte und nicht wie die Gäste freundlich zuvorkommend, wie es seine Pflicht war.Sie konnte seine Verlegenheit nicht erkennen in die sie ihn gebracht hatte, da sie nur mit einer winzig kleinen Abendtasche vor ihm stand und er absolut nicht fragen wollte, was sie mitzunehmen gedächte. So deutete er nur ein hocheitsvolles Nicken an, worauf die Gestalt unmittelbar seinem Blickfeld entschwand.Ihm standen dicke Schweißtropfen auf der Stirn, er mußte handeln, sofort, da er nicht zulassen konnte, daß ein unbekanntes Objekt eingeschleust war.In seinen zwanzig Dienstjahren war es nicht vorgekommen.Die Gestalt,in ihrem Zimmer angekommen, verriegelt die Tür, war ab sofort weder klein noch unsicher, nahm das Handy, drückte auf die Speichernummer:
Ich habe es hier auf meinem Zimmer!
sehr gut
Mit dieser Antwort war das Gespräch beendet.
Die Gestalt wußte, nun würde ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen.

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Ansichts-Sache
von Wolfgang Metzger, 50 858 Köln (Deutschand)

Ansichts-Sache

´Kein Damenbesuch´ hat meine Vermieterin gesagt als ich vor Semesterbeginn einzog. Frau Kluth ist mit ihren 72 Jahren noch ganz rüstig. Sie ist nett aber streng. Das Zimmer hat mir gleich zugesagt: Es ist preiswert und grade mal 10 Minuten von der Uni entfernt.Ich wollte es unbedingt haben.
Ich bin außer Atem vom Treppensteigen.
-Frau Kluth . . ich möcht Ihnen . . was zeigen. Kommen Sie . . mal mit! Wir gehen zum Wohnzimmer-Fenster.
- Was ist denn das für ein Ungetüm! Sagt Frau Kluth überrascht. Auf dem Bürgersteig liegt ein Paket: 2,0 m x 0,7 m x 0,5 m (=0,7 m³). Was ist denn da drin?!
-Ein Fitnessgerät ,sage ich. – Kann ich ES mit aufs Zimmer nehmen ?
-Passt das denn überhaupt in Ihr Zimmer . . ? sagt Frau Kluth.
-Sie wissen doch Frau Kluth, sage ich. – Das meiste ist heutzutage doch die Verpackung. Den Inhalt muss man oft suchen . .
-Und was sind das für Leute . . ?
-Ach die, sage ich. – Das sind Kalle, Pils und Eberle. Kommilitonen von mir. Die helfen mir beim Hochtragen.
-Hm, sagt Frau Kluth. Sie hat offenbar nichts dagegen.
Wir müssen ein paar Mal absetzen. Das Teil ist sperrig und unhandlich. Die untere Fläche ist mit einer dünnen Sperrholzplatte verstärkt. Am vorderen Ende ist das Paket eingerissen. Wir müssen ES etwas verkanten um durch die Türen zu kommen. Frau Kluth überwacht alles. Kalle, Pils und Eberle grüßen kurzatmig. Es ist Viertel vor acht. Das Timing stimmt. Ich weiß, sie fiebert schon der Hitparade der Volksmusik entgegen, die zur Primitime in der ARD gegeben wird.
Wir packen ES hinter verschlossener Tür aus. Ich stelle vier Flaschen Bier auf den Tisch. Lege den Öffner daneben. Während Pils die Flaschen von den Kronkorken befreit gieße ich eine Apfelschorle ein. Wir klönen verhalten.
Während die Tagesschau läuft verabschiede ich die drei hörbar. Frau Kluth hat ihre Ruhe. Vielleicht denkt sie: Hoffentlich ist das Fitnessgerät nicht zu laut. Quietscht oder gibt sonst wie störende Geräusche von sich.

Um halb eins bringe ich Ilka zur Wohnungstür. Sie stößt im Halbdunkel gegen eine Schranktür, die unverständlicherweise offen geblieben ist.
- Ist was passiert?! Ruft Frau Kluth. (Warum schläft die noch nicht!)
- Nein Frau Kluth, sage ich. – Alles in Ordnung.
´

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Das Buch
von Verena Raupach, 41238 Mönchengladbach (Deutschand)

es kann nicht so sein wie ich will
ich kann es nicht mitnehmen aufs Zimmer!
Der Kellner würde erbleichen
und die Zimmermädchen kleine weiße Schreie ausstoßen
es wäre zu gefährlich, das Buch
dieses fürchterliche Buch!

Aus seinen Seiten quellen
Birken und Bäche
und sein Blut schminkt die Wangen
des Mondes in schamloser Absicht
es kann nicht so sein wie ich will!

Obwohl es sich niederließ
mit zarten Gesten
damit ich es auffressen möge
unter Tränen
überantwortete ich es der Nacht
übte ich Verrat an seinem Anspruch
und dem gelben Feuer seiner
verruchten Zeilen

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Nur ein Glas Wasser
von Sigrid Schwach, 78050 Villingen-Schwenningen (Deutschand)

Kann ich es mit auf mein Zimmer nehmen? Fragte ich den Kellner und deutete auf das fast volle Glas Wasser vor mir.
Es war ein langer Abend geworden, viele Gäste waren gekommen, viel zu viel Alkohol wurde getrunken, manch einer lag zwar gerade nicht unter dem Tisch, aber in den Sesselpolstern und schnarchte den Schwips aus. Warum ließen sich so viele Leute mit Gratis-Getränken voll laufen?
Irgendwo tönte aus einem Radio Musik zum Träumen. Mir schwirrte der Kopf von den vielen wichtigen oder unwichtigen Gesprächen, die während der Party um mich herum oder mit mir geführt wurden. Ich hatte innerhalb der letzten Stunde keinen Alkohol mehr getrunken, um am nächsten Morgen einen klaren Kopf zu haben, denn die Verhandlung über mein Projekt war zu wichtig, als dass sie wegen Unwohlsein scheitern durfte.
Der Kellner hatte inzwischen genickt, ich stand auf und ging zum Lift. Auch einige andere Gäste wollten ihn benutzen, drängelten zur Türe und rempelten mich an. Ich verlor das Gleichgewicht und kippte mein Glas über das Kleid einer älteren Dame, die wie ein Christbaum voller Schmuck hing. Sie jaulte auf, als das kalte Wasser sie traf, schrie etwas von einem Überfall und man wolle sie berauben. Jetzt stand ich da wie ein begossener Pudel, mein Glas leer und umgeben von plötzlich nüchtern gewordenen Männern, die mich wie eine Diebin festhielten. Als sie bemerkten, dass nichts gestohlen worden war, ließen sie mich zwar los, doch die ältere Dame jammerte weiter wegen ihres nassen Kleides, das nun ganz ruiniert wäre, auch Wasser vertrage es nicht. Erst als ich versprach, den Schaden zu ersetzen, begab sie sich beruhigt auf ihr Zimmer.
Das verschüttete Wasser ist mir sehr teuer zu stehen bekommen: Zwar ersetzte meine Versicherung den Schaden, das Kleid war ein Designer-Kleid für einige tausend Mark. Viel schlimmer war, gerade ihr Mann sollte mein Projekt unterstützen, und dazu war er jetzt auf Drängen seiner Frau nicht mehr bereit.

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