| Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: |  | »Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?« Sonntags wenn Lindenstraße läuft von Sabine Hinterberger, 58638 Iserlohn (Deutschand) Sonntags, wenn Lindenstraße läuft
Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen? Er stand vor ihnen. Es war das alte, ungeladene Luftgewehr meines Vaters. Er war mein Bruder Toby, der meinen Eltern, als sie gerade vor dem Fernsehgerät saßen und Lindenstraße guckten, diese Frage stellte. Sie schauten nur kurz auf. Nickten beide desinteressiert. Selbst mein Vater, der das Luftgewehr in seiner Hand bemerkte, nickte. Für ihn war Toby ein zehnjähriger Versager, der stotterte. Er hielt ihn für einen kompletten Idioten, der nicht wusste, wie man das Gewehr lud.
Als der Schuss aus Tobys Zimmer kam, reagierte zunächst keiner von ihnen. Mein Vater stellte sogar noch den Ton etwas lauter. Er war sehr eigen, wenn ihn jemand bei seiner sonntäglichen Serie störte.
Ich war es, der Toby fand, bzw. das, was von ihm übrig war, nachdem er sich den halben Kopf weggeschossen hatte. Noch heute, sehe ich ihn da liegen, wenn ich die Tür zu seinem Zimmer aufmache.
Drei Wochen später erinnerte nichts mehr an seinen Tod. Sein Zimmer wurde komplett zum Sperrmüll gegeben. Renoviert hatte es eine Malerfirma aus dem Nachbarort. Die stellten keine Fragen und waren nach drei Tagen fertig. Ich hätte sein Zimmer haben können. Doch ich konnte es nicht. Ich tauchte ab in meine Fassungslosigkeit, mit der ich das Leben meiner Eltern weiter beobachtete.
Meine Eltern blieben weiter wie gewohnt vor dem Fernsehgerät sitzen. Sonntags. Zwanzig vor sieben. Lindenstraße. Ich hatte das Gewehr gefunden. Mein Vater hatte es in der Garage in eine alte Decke gewickelt. Mehr nicht. Die Patronen waren noch alle im Lauf. Ich nahm es und wusste, dass er mich für genauso einen Trottel halten musste, wenn er das Gewehr so liegen ließ.
Ich ging ins Wohnzimmer. Stellte mich vor ihnen auf und sagte: Kann ich...? Ich hatte noch gar nicht weiter gefragt, als meine Mutter schon ungeduldig Ja, kannst du! sagte und abwinkte. Mein Vater schaute noch nicht einmal hoch. Ich setzte mich mit dem Luftgewehr in Tobys Zimmer. Das Gewehr auf meinen Knien. Nach einer Stunde zitterte ich nicht mehr und fühlte auch nichts mehr. Seitdem habe ich nie wieder etwas gefühlt.
Als ich den Abspann der Lindenstraße hörte, ging ich ins Wohnzimmer und drückte zweimal kurz hintereinander ab. Dann rief ich die Malerfirma an und erteilte ihnen für die nächste Woche einen neuen Auftrag. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |