Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Ein gewöhnlicher Tag
von Thomas Ritter, 06618 Naumburg (Deutschand)

Ein gewöhnlicher Tag mit einem gewöhnlichen Beginn in einer gewöhnlichen Kleinstadt mitten in Deutschland, einem eher gewöhnlichen Land. Ich stehe auf, dann die Morgentoilette, die Zahnpastatube rutscht auf den kalten Fliesen aus und verbreitet ihren künstlichen Inhalt auf meine Füße. Wieder so ein gewöhnlicher Morgen, denke ich. Langsam schleiche ich mit meinem Butterbrot zum Computer, die übliche Prozedur eines gewöhnlichen Tages beginnt. Spontane Gedanken sind abgeklemmt, träge Routinen bringen den Computer in Funktion. Mein Kaffee ist wieder zu heiß, ich werde es wohl nie lernen, den Kaffee meiner Freundin zu kochen, der ist immer wohltemperiert. Ich starre auf den Monitor, bllue screen. Schwerwiegender Fehler, ha, das Leben ist ein schwerwiegender Fehler. Wenn man da mal reset drücken könnte. So einfach eine Wiederholung, Auffrischung unter anderen Umständen... Tastendruck bringt nichts. Also alles nochmal von vorn, es scheint ein gewöhnlicher Tag zu werden, einer jener Tage, wo du glaubst, die Zeit bleibt stehen und alle Aktion wird am Abend wieder rückgängig gemacht, ohne Dich zu fragen, von ferner Hand sozusagen.
Black screen, dann eine Textzeile, unberechtigter Zugriff auf das System, etwas von nicht authorisiert, Zahlen, Verwirrung auf beiden Seiten. Was jetzt? oder Warum? Träge suche ich eine Lösung, nichts passiert, vielleicht sollte ich einfach meinen Computer ausschalten und schlafen gehen, oder wegfahren oder irgendetwas tun? ...an diesem gewöhnlich ungwöhnlichen Tag....

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Was hat er, dass ich nicht habe?
von Heike Rau, 07318 Saalfeld (Deutschand)

In aufreizender Pose stelle ich mich neben meinen Mann, der schon wieder seit Stunden am Computer sitzt. "Na, willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?", frage ich mit zuckersüßer Stimme.
Mein Mann hebt nicht mal den Blick. Alles was ich zu hören bekomme, ist ein Grunzen, dass ich als Abfuhr werten muss.
Beleidigt ziehe ich wieder ab. Ich gehe ins Bad und stellte mich vor den Spiegel. Was hat der Computer, dass ich nicht habe, frage ich mich. Gut, ich bin nicht ganz gertenschlank, der Bauch ist nicht ganz straff. Ich könnte ein klein wenig Training gebrauchen. Oder ich lasse mir das Fett absaugen, das geht schneller. Bei der Gelegenheit kann ich gleich etwas gegen die Stirnfalten tun, damit ich nicht so ernst aussehe. Ich habe gelesen, da kriegt man irgend so ein Gift unter die Haut gespritzt und dann sind die Falten weg. Und dann hier noch etwas Silikon und da noch etwas Spachtelmasse...
Aber würden diese Aktionen wirklich meinen Mann vom Computer weglocken?
Er hatte mich doch nicht mal angesehen! Vielleicht wäre es besser, ab und zu mal die Sicherung abzuschalten. Ich könnte auch eine Ratte besorgen und unter den Tisch zu den Kabeln lassen. Ich könnte einen Computerfachmann bitten, ein Programm zu installieren, dass wahllos Fehlermeldungen auf den Monitor bringt. Kurz, ich muss meinem Mann das Computerspielen so mies machen, dass er die Nase voll hat, von dem Kasten, und sich bei mir ausweint.
Noch heute, werde ich zur Tat schreiten.

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Nachbarschaftshilfe
von Georg Fahrenhorst, 04668 / Grimma (Deutschand)

„Hallo Herbert“
„Guten Tag wie geht’s“
„Ganz gut und selber“
„Selber gut doch Frau & Kinder
Sind krank seit zwei Tagen schon
Doch Schluss mit den ganzen Gebaren
Ist ja nicht weiter schlimm
Der Bitte über die wir neulich sprachen
Wie geht es voran“

„Zwei Tage ist es her glaub ich
Da kam mir die Idee
Auf dem Weg vom Café
Kurz nach Elf denk ich
War ich am Haus dann
Das Projekt nahm langsam Gestalt an
Wie ich den Flur betrat
Die Klingel ertönte in Es-Dur
Ich hatte die Lösung nur
Ein kurzes Lächeln gab sie mir
Ich stand noch in der Tür
Als deine Silhouette
Weit hinten in der Ecke
Über den Kopf zog die Decke
Aus echten Gänse-Federn
Ohne zu zetern
Auf einmal war alles ganz klar
Das halbe Bier aus der Bar
Nahm ich mit
In das Bett
Die Feinheiten überlegte ich mir
Als ich Deine Frau von hinten nahm

Ich glaube du übergabst dich irgendwann
Die Geräusche konnte ich hören
Durch die offene Tür
Doch nimm’s mir nicht übel
Das war mir egal
Ich ließ mich nicht stören
Denn sie besorgte es mir
Gerade oral

Und zum Schluss
Diesmal wieder frontal
War ich mir sicher
Ich hatte es raus

Und als ich ihr schließlich noch half
Dich in euer Bett zu tragen
Machte ich deinen Computer aus“

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... weil sie danach verlangte
von Hans E. Aeschlimann, CH-8046 Zürich (Schweiz)

Überladen mit aufgestauten Geschichten eilte Anne erwartungsvoll zu mir. Sie wusste, ich war immer zu Hause. Die verschlossene Türe dämpfte jedoch ihre Erzählfreude. Bei ihr Zuhause schlossen sie die Türen nie; zu stehlen gab es nichts, weil sie selbst nichts besassen, und Besuch war ohnehin den ganzen Tag willkommen. An den kalten Winterabenden füllte sich die Stube mit Menschen und Geschichten, Geflunker und Rauch.
Das Sturmläuten überhörte ich, weil ich auf der Suche nach einem Wort stecken blieb, aber auch weil sich Annes Augenfarbe immer in ein tiefes, unergründliches Blau veränderte, wenn sie erzürnte. Indigo mit einem Schimmer frischem Grün ihrer Heimat Irland, wie liebte ich das an ihr. Ihre Ausstrahlung entdeckte ich vor einigen Jahren, als ihr die Strassenbahn knapp entwischte. Ich meinte einen Augenblick sie würde zurückfahren. Stand sie nicht wirklich still?
Natürlich steckte wieder mein Schlüssel im Schloss. "Na endlich, warum öffnest du nicht, willst du mich nicht sehen, schläfst du etwa um diese Zeit, weisst du was ich soeben erlebt habe?", übersprudelte sie mich mit Fragen, auf die sie keine Antwort erwartete, während sie die Schuhe von den Füssen streifte. Ich hasste Fragen, die keine Antwort erwünschten. Ihre hübschen Augen, in einem kräftigen Grün schimmernd, liessen mich verstummen. Ich träumte mit offenen Augen. Mein gesuchtes Wort fiel mitten in ihre quellenden Worte: Lebensfreude. Die Wirklichkeit holte mich zurück, mein Leben forderte ein Weiter. Lebensfreude, dieses Wort hatte ich gesucht. Davor strotzte sie, wie niemand den ich kannte. Sie erlebte immer etwas, weil sie dazu offen war, weil sie danach verlangte, weil sie das Leben genoss. Sie fand alles interessant, ausser meinen Computer. Täglich überhäufte sie ihn mit Flüchen und Verwünschungen. "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?", fragte sie mich immer wieder, und sie meinte für immer.
Wenn ich den Computer laufen liess, während sie ihre Geschichten schauspielerte, stellte sie sich mit dem Rücken zum Bildschirm. Sie hasste Elektronik. Selbst schrieb sie am liebsten mit einem Gänsekiel in gelenkigen Lettern. Meine unzähligen Geschichten überwältigten sie meistens. Kein Wunder, sie hatte sie mir selbst erzählt, auszuschmücken gab es nur noch wenig, meistens beschnitt ich noch einige Gefühle, entfernte ein herzhaftes Lächeln oder trocknete einige Tränen.

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Störenfried Computer
von Sabine Böhringer, 70597 Stuttgart (Deutschand)

Nach einem Blick ins Büro folgt Tina ihrem Freund Carsten in die Küche. "Duhu! Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten? Seit einer Stunde arbeitest du nicht mehr dran!"
"Es tut dem Gerät nicht gut, wenn man es ständig ein- und ausschaltet!" belehrt sie Carsten.
"Du musst es ja wissen. Du Computertechniker!" meint sie in etwas zynischem Ton. "Trotzdem. Das ständige Rauschen stört mich. Bitte, stell es ab. Du wirst heute bestimmt nicht mehr zum Surfen kommen!"
"Woher willst du das wissen?"
"Ich dachte, du bist heute mit Einkaufen dran!?"
"Mach ich auch. Aber ich muss später nochmals ins Internet, ein Programm herunterladen."
"Dann fährst du den Kasten eben nachher wieder hoch. Ich will in Ruhe mein Buch lesen und ich kann dieses Gesumme nicht mehr ertragen!"
"Dann geh doch in ein anderes Zimmer! Außerdem versteh ich nicht, dass du es überhaupt hörst!" Carsten schüttelt verständnislos den Kopf.
"Sensible Menschen hören das eben!"
"Ahh, ich verstehe. Du willst also sagen, dass ich nicht sensibel bin!"
"Zumindest ist dir das Wohl deines PCs wichtiger als meins!"
"Du spinnst doch! In unserer Welt muss man eben mit der Technik leben!"
"Aber ich seh’ nicht ein, dass mich die Technik beherrscht. Wenn mich ein Gerät stört, schalte ich es aus. Basta. Auch dein’s."
"Dich stört doch die Mücke an der Wand!"
"Und du kannst nicht ohne ständigen Geräuschpegel sein! Das ist doch degeneriert, so was!" Tina wird rot im Gesicht vor Zorn, geht auf Carstens Computer zu. "Dann fahr ich das Ding eben runter!"
"Untersteh dich!" Er schiebt sie drohend zur Seite.
Tina zieht den Stecker heraus ...

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