Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
von Ewald König, 82515 Wolfratshausen (Deutschand)

A kommt am Abend nach Hause. B sitzt schon am Computer. A legt ab und kommt ins Zimmer. Nach einer kurzen Begrüßung und einem Kuß sagt sie:
A: Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
B: Nein. Schließlich habe ich ihn erst gerade angemacht.
A: Dann könnten wir zusammen was tun.
B: Was zum Beispiel?
A: Abendessen und uns danach vergnügen.
B: Ich habe keine Lust Abend zu essen.
A (indem sie ihre Hände auf seine Schultern legt): Dann vergnügen wir uns eben gleich.
B (abwesend): Bin ja schon dabei.
A: Aber ohne mich. (Sie zieht langsam ihre Hände zurück.)
B: Wir können das Computerspiel auch zusammen machen.
A: Ballern und Töten ist nicht meine Sache.
B: Aber Abendessen und sich danach vergnügen?
A: Ja, schon besser.
B: Du bist eine alte Jammerliesel! Nichts ist dir recht!
A: Dann spiel doch dein blödes Computerspiel alleine! Ich gehe jetzt Abendessen!
B: Und was machst Du danach?
A geht beleidigt und ohne eine weitere Antwort in die Küche. B spielt einfach weiter und scheint erleichtert, nun alleine zu sein und sich aufs Spiel konzentrieren zu können. Zuerst hört er Töpfeklappern, schließlich Geschirr- und Besteck-Hantieren aus der Küche. Er lauscht hinüber, wartend auf eine Reaktion von A, bleibt aber äußerlich konzentriert beim Spiel. Nachdem A das Abendessen vorbereitet hat, deckt sie den Tisch.
B: Was machst Du?
A (schweigt)
B (nach einem Augenblick): Wärmst du auf? Pass bitte mit dem Gasherd auf.
A: Ja.
B: Ich bin gleich fertig.
A (schweigt).
B: (nach einem weiteren Augenblick): So gut war ich noch nie!
A (kommt u. sieht in der Tür stehend zu B hinüber): Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
B: Gleich.
A: Nein, sofort. Ich bitte dich!
B: Ja, gleich, bin ja gleich fertig.
A: Ich bin auch fertig – mit dem Abendessen. Komm’ jetzt endlich!
B: Was machen wir dann nach dem Abendessen?
A: Weiß noch nicht.
B: Wir wollten uns doch vergnügen.
A (zögernd) Mir ist die Lust vergangen.
B (belehrend): Vom Essen allein wird man nicht satt.
A: Vom Computerballern auch nicht.
B: Ich möchte mit dir schlafen – am besten gleich jetzt.
A (erst zögernd, dann weich in der Stimme): Machst du dann den Computer aus?
B (drückt schnell den Einschaltknopf des Computers): So.
Nach einer Weile hört man Sirenen in der Ferne, die schnell näherkommen. Nichts hat sich wirklich verändert. Doch liest man in der Boulevardpresse am nächsten Tag in großen Lettern: „Liebendes Paar in inniger Umarmung erstickt!“.

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Gedicht: Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
von Yvonne Campbell Körner, 47433 Kleve (Deutschand)

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Sieh, die Sonne lacht im Gras / ihr zarter Ton flüstert von Liebe / sie küsst meinen Nacken und perlt mir die Haut / Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten? / Am Abend wird das Gras kalt sein / der Schweiss getrocknet / Und die Lust schlafen gegangen

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Das Lächeln der Seele
von Carsten Jacob, 49170 Hagen a.T.W. (Deutschand)

Lautlos wie eine Katze schlich sie sich von hinten an ihn heran, beugte sich vor und hauchte ihm sanft ins Ohr: »Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?«
Vier Jahre waren vergangen als sie sich das letzte Mal gesehen hatten und hier hatten sie sich wiedergetroffen, unverhofft, mitten in Paris in einer kleinen Seitengasse am Montmartre. Es war die schönste Woche seines Lebens gewesen. Jetzt saß er in einem kleinen Cafe und war dabei, die letzten Zeilen seines Romans in dieses Wunderwerk der Technik zu bringen was sich Computer nannte.
»Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?« Er kannte diese warme, weiche Stimme nur zu gut und es fuhr ihn ein warmer Schauer durch seinen Körper als er ihre langen, roten Haare über seine Schultern fallen sah und ihr Atem an seiner Schläfe vorbeihuschte. Und nur einen winzigen Augenblick später. Bekam er wieder dieses Gefühl der Angst? Was wenn er sich jetzt umdrehen würde und alles wäre nur ein Hirngespinst? Eine "falsche" Geschichte in seiner Traumwelt in der er sich zu oft zurückgezogen hatte, wenn er vor den Problemen im wahren Leben wegzulaufen versuchte. Deswegen war er auch Schriftsteller geworden. Hier konnte er wenigstens seine Geschichten immer so schreiben wie er es gerade wollte. Es war ja so einfach! Genauso einfach es vor vier Jahren gewesen war, sich von dem Menschen abzuwenden, den er liebte. Aber irgend etwas war anders. Tief im innern spürte er es. Er hatte keine Angst mehr. Er drehte sich um und lächelte sie an. Dann klappte er den Deckel seines Laptops runter, nahm das Geld aus seiner Tasche und legte es auf den Tisch.

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Pause
von Marlene Geselle, 72513 Hettingen (Deutschand)

Der Azubi guckt sich vorsichtig um.
Die Kollegen stehen gerade auf.
Es ist Kaffeepause.
Mit Absicht als letzter aufgestanden.
Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
So hat der Kollege gefragt.
Nein, geht nicht. Noch eine Anwendung im Hintergrund.
Drei wurden eingestellt. Nur zwei werden behalten.

Die faltige Dame staubt sorgfältig den Monitor ab.
Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
Hat ihre längst erwachsene Tochter gefragt.
Um Himmels Willen! Es könnte eine Mail kommen.
Still genug ist es geworden.
Wenn mal was kommen sollte, will man da sein.

Der Rotzbengel kommt langsam ins Esszimmer geschlurft.
Sich auf den Stuhl fallen gelassen, der freien Blick gewährt.
Der Bildschirm hat Action. Er nicht.
Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
Will die kleine Schwester wissen.
Noch voll drauf oder was!
Hochfahren dauert viel zu lange.

Der Wirbelsturm hat das E-Werk lahm gelegt.
Pause für zwei Stunden.

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Krümelchen und Bärchen
von Heidi Hoppe, 21635 Jork (Deutschand)

Svea übte sich in Nachsicht. Sie liebte doch ihren Oliver. Er konnte so charmant sein. Doch schon seit längerer Zeit hatte sie das Gefühl zu kurz zu kommen. Seit dieser Kasten im Hause war, hatte er kaum noch Augen für sie. Ständig klapperte er auf den Tasten herum und hatte irgendwelche Ausreden parat, um nur nicht diese oder jene Tätigkeiten verrichten zu müssen wie zum Beispiel das Rasenmähen.
"Bärchen" säuselte sie. "Sieh doch mal, der Rasen…"
"Ach Krümelchen, später. Mein Computer ist abgestürzt. Nun bin ich dabei, ihn wieder in Gang zu bringen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie kompliziert das ist, da ist der Rasen doch…"
"Na gut, dann werd ich ihn noch mal mähen."
Svea wollte keinen Ärger und mühte sich mit dem Schneidegerät ab. Sie war ziemlich in Rage. Das bekam der Knatterapparat zu spüren. Er wurde gescheucht und mit den schlimmsten Flüchen bedacht.
"Was tun" überlegte Svea. So konnte es nicht weitergehen. Ihr kam die rettende Idee.
Als Oliver eines Abends wieder wie gebannt vor seinem Lieblingsspielzeug saß, machte seine Liebste sich auf den Weg zu ihrer Freundin.
"Tina, ich muss heut Abend unbedingt chatten." Sie weihte ihre Freundin ein.
Svea wusste, in welchem Chat sich ihr Oliver austobte und loggte sich mit dem Nick Krümelchen ein.
"Wie einfallslos" dachte sie, als sie ihr Bärchen erspähte. Krümelchen wurde von allen Teilnehmern begrüßt, außer von Bärchen.
Krümelchen - Hi Bärchen, wie geht´s denn heute? Was macht deine Frau?
Bärchen - Wieso Frau? Ich bin doch solo
Krümelchen - Seit wann das denn?
Bärchen - Warum fragst du?
Krümelchen - So wie du schreibst, kannst du nur verheiratet sein.
Bärchen - Frechheit
Krümelchen - Hat sie nicht eben noch den Rasen gemäht?
Bärchen - Hä?
Krümelchen - Das war ´ne Frage
Bärchen - Ja, wieso?
Krümelchen - Und wo ist sie jetzt?
Bärchen - Keine Ahnung
Krümelchen –Interessiert es dich gar nicht, wo deine Frau sich jetzt rumtreibt?
Bärchen - Wo soll die schon sein – wie kommst du eigentlich auf diesen idiotischen
Nick?
Krümelchen - Mein Mann nennt mich so
Bärchen - Sag mal, bist du…
Krümelchen – ja, bin ich. Ich frage dich jetzt ein letztes Mal

Willst du denn nicht deinen Computer abschalten?

Überleg dir deine Antwort gut, sonst kannst du meinetwegen vor diesem dämlichen Kasten verschimmeln und du wirst mich nie
wieder sehen!

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