Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Besuch bei Wesslers
von Simone Schiess, 50677 Köln (Deutschand)

„Am Teiche saß ein Wasserfrosch
der wütend auf das Wasser drosch
gefragt warum er dieses täte
sagt er zu seiner Frau, der Käthe ...“
„Willst Du den Computer nicht endlich abschalten, Liebling?“
Iris tritt leise hinter mich.
„Scheiße, nein, Du siehst doch, daß ich schreibe!“
„Ich meine ja nur, wir sind doch nachher bei Wesslers zum Essen eingeladen ...,“ sagt Iris mit diesem Unterton in der Stimme, den ich hasse. Ich möchte die Änderungen im Dokument nicht speichern und lasse den Frosch sein Geheimnis auf ewig für sich behalten. Soll er doch wenigstens machen was er will. Und wenn er Froschschenkel essen will, schießt es mir durch den Kopf.
Laut sage ich:“Du könntest mich ruhig unterstützen. Ich bin Schriftsteller, verstehst du: ich schreibe!!!“ Bevor sie antworten kann, und ich weiß, sie willl antworten, brülle ich:“Du denkst, ich kriege nichts mehr zustande! Du denkst, ich bin fertig! Keine Ideen mehr! Ha, da liegst du vollkommen daneben!“ Während Iris flehentlich das Gegenteil beteuert, weiß ich, daß es genau so ist. Ich bin leer. Ausgebrannt.
Eine Weile labe ich mich an ihrem verzweifelten Versuch, mich aufzubauen. Ein seltsames Gefühl von Macht beschleicht mich. Ich möchte sie niederwerfen und schlagen.
Unenedlich müde sage ich:“Was soll ich denn anziehen zu Wesslers?“
„Zieh doch die blauen Shorts an, die stehen dir so gut!“ Sie hat den Fröhlichkeitsjoker schnell ausgespielt. Ich schaue hinaus. Die Schneeflocken rieseln. Wahrscheinlich zeigt das Thermometer 15 Grad unter Null.
„Wenn die mich irgendwas fragen, gehe ich sofort,“ und noch während ich spreche, bemerke ich die Absurdität des Satzes. Armselig. Beinselig. Ich gebe auf, falle zusammen.
„Zieh mich an,“ flüstere ich. Iris schiebt den Rollstuhl ins Schlafzimmer und zieht die Shorts über die Stummel, die einmal meine Beine waren.

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Schreib mal wieder
von Dorothee Tataun, 40764 Langenfeld (Deutschand)

So, nun ist es passiert. Ich bin jetzt auch – nein, nicht auf den Hund gekommen - aber auf den Computer. Nach längerem Herumirren in diversen Fachgeschäften habe ich mich endlich entschieden und zwar für einen von der Firma Aldi, weil es dort keine Auswahl gab, die mich ratlos das Geschäft verlassen ließ.
Die ersten Schwierigkeiten stellten sich sofort ein. Beim Anschließen des Druckers musste ich die Hilfe der Hotline in Anspruch nehmen. Nachdem man mir dort einige computertechnische Fragen in computertechnischer Sprache gestellt hatte, die ich nicht beantworten konnte, verlangte man, ich solle meinen Sohn ans Telefon holen, weil die Materie sicher zu schwierig für mich wäre. Leider habe ich es vor 20 Jahren versäumt, einen Sohn zur Welt zu bringen, weil mich damals niemand darauf aufmerksam gemacht hat, dass für den Kauf eines Computers erst einmal die Anschaffung eines Sohnes erforderlich sein würde. Und nun ist es zu spät und ich muss versuchen, es alleine zu schaffen. In Zukunft werden also meine Briefe mit dem Computer geschrieben, korrigiert und gedruckt, so dass sich niemand mehr über meine Handschrift beklagen muss. Beim ersten zaghaften Druckversuch, muss ich mich wohl unfreiwillig für einen Vielfachdruck entschieden haben. Jedenfalls zog der Drucker Mengen von Papier, wie ein gefräßiges Raubtier, in sich hinein und ich wusste mir nicht anders zu helfen, als es seinem gierigen Schlund zu entreißen, damit er endlich Ruhe gab.
Skeptisch machte mich auch, dass jedes Wort meines ersten Schreibversuchs rot unterstrichen war, nur das Wort Cappuccino nicht. Der Gebrauchsanweisung hatte ich entnommen, dass die rote Schlangenlinie ein Hinweis auf einen orthographischen Fehler sei. Ein näheres Erforschen der Rechtschreibungs- und Grammatikkorrektur ergab, dass sie auf italienisch programmiert war. Bienne!
Beim Korrekturlesen meines ersten Briefes stellte ich fest, dass die Rechtschreibkorrektur an einigen Stellen schlampig arbeitet. Daher werden meine Briefe wohl auch in Zukunft Flüchtigkeitsfehler aufweisen. Sorry!
Ich gestehe jedoch, dass ich immer mehr Zeit mit ihm verbringe und zu ihm ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis entwickelt habe. Mein Mann beobachtet dies mit Argusaugen und eben fragte er: willst du denn nicht deinen Computer ausschalten? Geschwind und mit einer gewissen Routine bediene ich Tastatur und Maus und gebe den Befehl: herunterfahren – ok.

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kleine anfrage
von Ckaudia Regine Schuler, 33824 Werther (Deutschand)

willst du
willst du denn nicht
willst du bitte würdest du
und zwar jetzt
deinen - hörst du mir überhaupt
zu
das ist ja nicht mehr aus
zu
halten
was soll ich also ich soll
den mund halten aber du kannst mich doch
nicht
einfach so ausschalten
bitte willst du denn nicht deinen go,puter
deinen computer ausschalten
sag mal
willst du mich überhaupt
ach
du kannst mich mal wollen wie du willst

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Maniac
von Bettina Eichhorst, 13347 Berlin (Deutschand)

"Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?", wiederholte Kate den Satz nun schon zum vierten Mal an diesem Abend. Wie hypnotisiert starrte John auf dem Monitor. Selbst beim Schreiben blickte er unentwegt auf dem Bildschirm. Ärger, ja sogar Wut stieg in ihr auf. Das Klackern der einzelnen Tasten, das Surren des Lüfters, das Piepen bei jeder Aktion und das Einwählen des Modems ins Telefonnetz. Der Wählton, das Rauschen und denn das "Sie haben Post".
"Sie haben Post", äffte Kate die weibliche AOL-Stimme nach. Dann fing
sie hysterisch an zu lachen. Tief in ihrem Inneren entstand die eiskalte Gewissheit, dass sie den Verstand verlor. Aus der Bar nahm sie eine Flasche Whisky. Sie goss diesen billigen Fusel in ein Wasserglas und prostete John zu.
"Schatz, willst du denn nicht deinen Computer ausschalten und ins Bett kommen?", stöhnte Kate, während ihre Augen tückisch glitzerten.
"Nein, Kate. Ich muss noch meine Mails beantworten," sang sie und leerte das Glas in einem Zug. Wie Feuer brannte der Whisky in ihrer Kehle. Sie schüttelte sich und schlenderte dann Richtung Schrank. Langsam öffnete Kate die oberste Schublade. Unter den Tischdecken hatte sie vor zwei Wochen eine Smith & Wessen Model 586 versteckt. Sie wählte diesen Double Action Revolver, weil der Abzug nicht nur den Schuss auslöst, sondern zuvor den Hahn spannt und die Trommel weiter dreht, sodass jeweils die nächste Patrone hinter dem Lauf zum liegen kommt. Kate drehte den Revolver in ihrer Hand. Dabei huschte ein diabolisches Grinsen über ihrem Gesicht.
"Sie haben Post", intonierte Kate.
Mit dem Revolver in der rechten Hand schritt sie gemütlich Richtung Arbeitszimmer. Durch einen Türspalt sah Kate das Flackern des Bildschirms. Sie stieß die Tür auf und musste erstaunt feststellen, dass John nicht im Zimmer war.
"Schatz, du hast vergessen den Computer auszuschalten", wisperte sie.
Von weitem hörte sie das Rauschen der Dusche. Sie schritt den langen Korridor entlang Richtung Badezimmer. Der weiße Duschvorhang war zugezogen. Heißer Dampf stieg aus der Duschkabine empor und verwandelte das Badezimmer in eine Sauna. Nur schemenhaft konnte sie die Konturen ihres Mannes erkennen. Kate hob den Revolver und riss mit einem Ruck den Duschvorhang zur Seite.
"Sie haben Post", raunte Kate und schoß.
Fünf Kugeln durchlöcherten den nackten Körper des Mannes, der sie in den Wahnsinn trieb. Die sechste Kugel war für sie selbst. Sie hielt sich den Revolver an die Schläfe und drückte ab.

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Schweigen vor blauem Hintegrund
von Sabine Hinterberger, 58638 Iserlohn (Deutschand)

„Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?“ Er hob nicht einmal den Kopf, als sie neben ihm stand. Hörte sie nicht. Nicht mehr seit zwei Jahren. Seit dieser Zeit war er stolz online. Als Erster in seiner Klasse war er online bei AOL. Das hatte ihm gut getan. Solange die anderen noch keinen Anschluss hatten, war er der King. Mit jedem neuen Anschluss eines Klassenkameraden wurde er wieder weniger. Wurde wieder zu dem, der er vor dem Anschluss war. Ein Einzelgänger. Einer, den man beim Sport erst dann wählt, wenn sonst keiner mehr da ist. Einer, den man nicht fragt, ob er mit ins Kino oder zum Fußball kommt.

Er hatte wieder den ganzen Samstag vor dem Bildschirm gehockt. Nichts gegessen. Die Verpackungsreste waren noch von gestern. Sie hatte ihn zu einem Schnellimbiss überreden können. Doch dafür musste er weg vom PC. Der musste online bleiben. Sein Handy sagte ihm, wenn er eine Mail hatte.

Der Burger King war um die Ecke. Doch sie tat ihm den Gefallen und fuhr mit dem Wagen. Damit es schneller ging. Damit sie nicht länger als nötig in sein gehetztes, blasses Gesucht sehen musste. Damit sein Zittern ihn nicht ganz bewegungsunfähig machte. Damit sie für eine Fahrt von drei Minuten, eine Bestellung, und die Fahrt zurück das Gefühl hatte, ihr Bruder sei doch ganz normal.

Er nahm immer dasselbe: Einen Cheeseburger mit Fritten und Cola. Er aß nie im Auto. Das dauerte ihm zu lang. Sie fuhr sofort wieder zurück. Zuhause angekommen, ging er sofort wieder an den PC. Vor das kalte blaue Licht des Monitors. Sie sah seinen schmalen Rücken. Das Zittern, das verschwand. Wenn er in die Tüte griff, wusste sie, dass er sich wieder im Griff hatte. Dann konnte er essen. Schnell. Hastig. Er schlang alles herunter. Spülte mit Cola nach. 23.00 Uhr. Er fing gerade erst an. Das würde die ganze Nacht so gehen.

Sie setzte sich mit ihren Chicken Wings vor den Fernseher. Die Fernbedienung zappte sie sprachlos aus dem Wohnzimmer heraus. Weit weg. Weit weg von ihm, der sie nicht mehr hörte. Nicht mehr sah. Nicht mehr sprach.

Als sie mitten in der Nacht wach wurde, saß sein schweigender Körper unverändert vor dem kalten blauen Viereck. Sie nahm eine Schlaftablette, ging nach oben und entfernte wie jeden Abend die Sicherung aus dem Stromkasten. Wie immer hörte sie kein Geräusch aus seinem Zimmer. Er würde sich angezogen auf sein Bett legen und bis zum nächsten Morgen nicht schlafen können.

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