Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Damals
von Felicia Folge, 86161 Augsburg (Deutschand)

Die Sonne schien,
Du lachst Tränen,
unterm Apfelbaum.

Die Blätter fielen,
Du träumst auf der Wiese
vom wehenden Wind.

Heute scheint die Sonne,
du sitzt daheim
vor deinem Computer.

Die Jahreszeiten wechseln,
die Zeit rinnt weiter fort,
ewige Verschwendung.

Nun ist es wieder Herbst.
Du träumst vom Apfelbaum,
und wirst grau.

WILLST DU DENN
NICHT DEINEN
COMPUTER AUSSCHALTEN?

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Virus "Gefühl"
von Sonja C.M. Stegelmann, 23619 Badendorf (Deutschand)

Sie saß mir gegenüber und sah mich verständnislos an. Ihre Augen waren vom vielen Weinen ganz rot und geschwollen. Die Wimperntusche war verlaufen und ließ sie bizarr aussehen. Erfolglos versuchte ich ihrem Blick standzuhalten. Mir schien, dass sie mich nicht verstehen wollte. Ich fragte mich, warum Frauen die Dinge immer so kompliziert machen. In Wirklichkeit war ich es, der die Dinge verkomplizierte. Sie drängte auf klare Aussagen. Aussagen, die ich leider nicht machen konnte. Sie brachte mich an meine Grenze. Und hinter dieser Grenze wurde eine Sprache gesprochen, die ich nicht verstand.
"Es tut mir leid! Aber ich kann nur wiederholen, dass ich einfach nicht weiß, was ich für dich empfinde!"
"Warum weißt du das nicht?" In ihren Augen stiegen wieder Tränen auf.
"Es muss doch irgendein Gefühl für mich in dir sein, das du beschreiben kannst. Irgendeines! Ich weiß einfach nicht woran ich mit dir bin. Das macht mir noch verrückt, und es lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Du bist wie eine Maschine!" Die Tränen liefen mittlerweile ihre Wangen herunter. Eine Maschine? Ja, genau das war ich, eine Maschine! Mir schien selbst, als würde sich mein Wesen auf ein paar Nullen und Einsen reduzieren lassen. Als wäre ich nichts weiter als eine mathematische Gleichung mit einer Unbekannten – mir selbst.
Ich hatte nie das Bedürfnis, mich wirklich mit meinen Gefühlen zu beschäftigen. Das war mir immer alles viel zu schwammig und nicht greifbar. Gefühle konnten in der einen Sekunde so und in der nächsten wieder ganz anders sein. Sie machten mich unsicher und haltlos.
"Du hast leider Recht", sagte ich zu ihr. "Ich bin eine Maschine, ich bin wie ein Computer. Du hast versucht deine Software zu installieren, doch das ging schief. Es ist nicht dein Fehler, nur enthielt das Programm einen Virus den man "Gefühl" nennt. Und das hat mich zum Absturz gebracht. Wie soll ich jetzt noch klare Informationen wiedergeben können?"
Ich hoffte, dass sie das verstehen würde. Sie sah mich eine zeitlang schweigend an, und sagte dann: "Das, was dich da zum Absturz gebracht hat, stammt nicht von meiner Software. Es ist auch kein Virus. Es ist ein Hardwarefehler! Dann stand sie auf und ging zur Tür. Auf der Schwelle drehte sie sich noch ein letztes mal um. "Eines verstehe ich nicht," sagte sie mit einem entfernten Blick, "Warum fährst du den Rechner nicht einfach runter und machst einen Neustart?" Dann ging sie.

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Com - puter
von Rosemarie Hahn, 48432 Rheine (Deutschand)

magische Kraft - Gelüste entstehen
benebelter Geist - Sinne vergehen
heissgelaufen - zusammengefallen
abgestürzt - Blicke erstarren
suchtbesessen - selbstvergessen
verschlingende Hände - extremer Genuss

Gierig werden zwei Festplatten geputzt . . .

"Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?"

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Der Suchende
von Heinrich Leschber, 25336 Elmshorn (Deutschand)

In einer Ein-Zimmer-Wohnung, deren einzige Aussicht das Reklameschild einer Schlachterei ist, wird einem Vegetarier wie mir nicht gerade ein positives Lebensgefühl beschert. Ich hatte schon lange vor hier auszuziehen und es hatte sich auch schon eine bessere Wohnung gefunden, zwar teurer aber dafür lebensfreundlicher für meine Belange. Leider hat sie dann doch jemand anders bekommen, aber im Nachhinein trauere ich der Wohnung auch nicht hinterher, denn wie ich nachher erfahren hatte gab es keine Möglichkeit sich dort zumindest ISDN legen zu lassen und das ist für einen Webdesigner nun mal nicht vorstellbar. Daher nehme ich auch weiterhin eine Aussicht in Kauf, die nicht meiner Lebensphilosophie entspricht und lebe hier weiter. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn in den fünf Jahren, die ich hier bereits verbracht habe ist es mir noch nicht gelungen meine Bedürfnisse auf ein Minimum zu reduzieren und mich ganz meiner Arbeit zu widmen. Meine Arbeit ist das Einzige, was mich noch nicht am Leben verzweifeln lässt. Was mir fehlt ist ein anderer Mensch, den ich schon lange hier in den Weiten des Internets versuche zu finden. Doch leider bisher ohne Erfolg. Auch wenn das Internet in mancher Hinsicht ein Segen ist, man denke nur an die Einfachheit ein Buch zu bestellen oder die günstige weltweite Kommunikation mit Menschen aus der ganzen Welt ohne dafür teure Telefongebühren bezahlen zu müssen. Doch leider gibt es hinter diesem gepriesenen, aus tausenden und abertausenden verbundenen Kabeln, die alle mit einem bestimmten Knotenpunkt in den weiten der Welt eins werden leider nicht die Möglichkeit sich einen anderen Menschen nach seinen Wünschen zu formen und mit ihm seine tiefsten Gedanken und Wünsche zu teilen. Es hat zwar immer den Anschein, dass man sofort beim ersten Einloggen in einen Chatroom und beim Antworten auf eine Kontaktanzeige sein perfektes Gegenüber hat, doch ist das in der Tat nicht so. Denn auch bei allen Heiligkeiten des weltweiten Gedankenaustauschs, sind die Illusionen nur noch raffinierter geworden. Man sieht nicht mehr die Persönlichkeit, wie eine Handschrift oder den Geruch, welcher an einem Liebesbrief haften bleibt, der heimlich von einem Mittelsmann überbracht worden ist, weil die Verfasserin zu schüchtern ist. Meine Gefühle sagen mir schon seit langem "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?" und Dich um die Andere da draußen kümmern, die vielleicht gerade dort an dem kleinen Springbrunnen auf Dich wartet?

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Ein ungeheurer Gewinn
von mayflower, 1120 Wien (Österreich)

Sie hatte immer schon etwas gegen das "neue" Medium gehabt. Nicht, dass sie nicht fortschrittlich genug war! Nein! Aber sie erkannte, dass der Ausspruch "Jedes Ding hat zwei Seiten" gerade hier seine Richtigkeit hatte. Was für den Einen Notwendigkeit, ja Unerlässlichkeit bedeutete, war für den Anderen nichts weiter als Spielerei, Überspielen von Langweile, das Unvermögen, sich mit realen Dingen auseinanderzusetzen.
Kurz und gut, eines Tages war es jedoch so weit. Sie ließ es zu, dass ihr Mann das Internet anmeldete. Nach einer langen Diskussion, denn sie sträubte sich und sah in diesem Anschluss eine Bedrohlichkeit auf sich zukommen, die zu erklären sie nicht wirklich imstande war. Aber: Die Pforten zur Außenwelt mussten auch hier geöffnet werden. Der jüngste Sohn wurde in der Schule ja schon als "Mondkalb" und "Hinterwäldler" bezeichnet.!
Es dauerte ein paar Tage, bis sie die ersten Schritte in die virtuelle Welt unternahm. Mit einem Schlag begriff sie, dass sie Wissen in kürzester Zeit abrufen konnte. So, als wäre es nur für s i e bereitgestanden. Sie freute sich, dort ergänzen zu können, wo sie vor langer Zeit aufgehört hatte, anzubinden. Eine neue Welt tat sich auf! Sie war nicht mehr auf teure Kurse angewiesen, die zu bezahlen sie oft nicht imstande war,so, dass sie ihre Vorhaben immer wieder aufgeben musste. Sie fühlte sich wie neugeboren, sie vergaß die Welt um sich, wenn sie "Die Entwicklung der Welt" auf den Internetseiten abrief, sie versank förmlich, ja verschmolz mit Bildern, Aussagen, wurde eins mit der Geschichte vom Altertum bis in die Gegenwart. Sie sog die Zitate der Philosophen in sich ein, hatte keine Ohren mehr für ihre Umwelt, vergaß den Sonnenschein der den Bildschirm ihres Computers nur zu oft blendete. Sie hörte kein Telefon, verschob ihre Pflichten in ihrem Heim von einem Moment zum nächsten.Ihr Essen nahm sie nurmehr vornübergebeugt, in der rechten Hand die Mouse, stets bereit, den nächsten "Link" abzurufen, ein. Wurde sie von ihren Lieben unterbrochen, antwortete sie nicht selten unwirsch, zumeist zerstreut. Stunden, bis tief in die Nacht hinein, verbrachte sie in dieser künstlichen "Welt".
Eines Tages, ungewöhnlich früh, registrierte sie ihren Mann im Türrahmen, einen Koffer in der Hand und sie lächelte ihm für einen Augenblick abgelenkt, zu. "Willst du nicht den Computer ausschalten?", hatte er gefragt. Sie hatte genickt und abwesend die Mouse geklickt. . .

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