Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

64MB
von Franz Reischl, A-4600 Wels (Österreich)

Mein Sohn:

64 MB S-DRAM, 20 GB Harddisk, 40fach Speed CD-ROM 16 MB AGP-Grafikkarte, 16 Bit Soundchip. 533 MHz. Inklusive. Internetzugang, Cyber-Space, Mobiltelefon, internes 56k V.90 PCI Fax/Modem DVD- und CD-Player. MP3-Downloading. 2,5 Mio. Pixel, 4,6 cm TFT Color LC-Display, 3fach Zoom, 8 MB Karte, TTI System, Media-Suite-Software, Ladegerät und Akkus. Robotic-Invention-System. C 2500L Cam-Digital AF von: ...

... egal von wem. Auf jedem Fall alles vom Helmhard. Indirekt. Hinter vorgehaltener Hand und vollem Mund. Scheinfromm. Vom Christkindl. Unter ́m Weihnachtsbaum. Der Stern von Bethlehem hinter ́m schwarzen Himmelszelt. Sein Silberschweif am äußersten Rand des Bildschirms. Auf deinem Schreibtisch, mein Sohn. Neben dem Lego-Star-Wars-Fighter und dem Pokemon-Gameboy-Spiel. Meine Versuche dir diese wirklichkeitsverdrehte Welt noch ein wenig vorzuenthalten blieben unerhört. Keine Ritterburg. Keine Hit-Car-Bahn. Kein Matador. Kein Taschenmesser. Kein...

...des Stiefvaters Wille ist allmächtig. Sakral. Heilig. Und vor allem gesetzlich. 64 MB und mehr. Im Lichte des Christsterns. In der Dunkelheit unserer Gesellschaft. Internetwerbung, die als erste Information in dein Gehirn knallt. Noch bevor du die eigentliche Information abrufen konntest. Gib acht mein Sohn. Ich kann dich nicht schützen.

Ich schlaf unruhig, weil ich fürchte, dass jemand über den Datenhighway ungebremst in meine Festplatte rast und mir den letzten Rest an Individualität zerfetzt. Lustig lockere Letter lenkten von der literarischen Ladung ab. Die wahre Allmacht erwächst aber in der Möglichkeit Überflüssiges mit der Entf-Taste verschwinden zu lassen. Vier Buchstaben und ein Strich, um sich zu erheben. Gottesgleich. 64MB und 533 MHz als Funktionsbasis. Ein Eselsritt, der mich über das Christkind stellt. Eine Detonation in den toten Seelen der rechtschaffenden Stiefväter. Sakrosankt. Das Verglühen der christlichen Sternschnuppe. Die Delete-Taste als Exekutor göttlicher Replikanten. Ad hoc fällt mir einer ein, in deiner unmittelbaren Nähe, den sein “Helm” und der Gesetzestext nicht mehr “hard” schützen könnten. Gerechtigkeit. Über meinen Joystick.

Willst du denn nicht den Computer ausschalten?! Mein Sohn. Und mit mir draußen im Schnee spielen? Es ist schon der dritte Weihnachtstag. Komm! Du darfst zu mir. Lass uns Josef und Jesus spielen. Wenn wir schon ́mal dürfen. In dieser absurden Gesellschaft.

Geh offline!

Bussi Paps

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Lohn und Arbeit
von Christoph M. Wintersteiger, 4020 Linz (Österreich)

„Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?“, warf sie ihm aus dem Hintergrund zu, woraufhin er mit einem hohlen „Nein“ begann zu sagen: „Du weißt doch, daß ich arbeite.“ Sie, die mittlerweile hinter ihm stand, legte ihre Arme um seine Schultern und flüsterte ihm ins Ohr: „Du weißt doch, daß deine Arbeit keine Arbeit ist.“ Da stand er wortlos auf und ging aus dem Raum. Er kniete sich im Vorraum auf den Boden, schnürte sich die angezogenen Schuhe, warf sich seinen Mantel über und verließ das Haus. Sie hingegen, die noch immer am selben Platze stand, ärgerte sich kurz, setzte sich aber dann auf den Arbeitssessel und begann den Weg ihres Mannes auf dem Bildschirm zu verfolgen. Sie war eine der wenigen, die froh über die vielen Satelliten die unsere Köpfe allzeit überkreisen waren und auch ein der noch viel wenigeren, die wußten wie man sie zu benutzen hatte.
Als er etwa eine halbe Stunde später die Wohnung wieder betrat, sich seiner Schuhe und Überbekleidung entledigte, saß sie noch immer an der Maschine, jedoch war sie nun dabei mit Freunden zu sprechen. Er ging ohne zu sprechen in die Küche, nahm dort eine Flasche aus dem Kühlschrank und goß den Inhalt in ein aus dem Schrank genommenes Glas. Er nahm einen Schluck und ließ dann die Flasche offenstehend zurück. Er ging zu seiner Frau, legte die Hand auf ihre Schulter und sprach: „Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?“ Entgegen seiner Erwartung jedoch, stieß sie die Hand von ihrer Schulter und brummte aus den Mundwinkeln: „Du weißt doch, daß ich arbeite.“

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Die Rettungskapsel
von Rheno, 45141 Essen (Deutschand)

Dolores legte das Besteck neben den halbvollen Teller. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Fernsehschirm und kapierte nicht mehr, was sie sah. Das Bild war fast dreidimensional, die Menschen hatten blecherne Stimmen, sie schienen alle zu schreien. Die Wände des Wohnzimmers waren weiter weg als sonst. Aus dem Nebenraum hörte sie Gemurmel. Eine Welle ging durch ihren Körper, vom Fuß bis zum Kopf und wieder zurück. Sie konnte nicht sprechen. Blei in Gliedern und Geist. Der Nacken verhärtete sich und wurde zu Stahl, der Kopf schien viel zu klein für ihr Gehirn zu sein. Sie konnte sich noch nicht einmal die Frage stellen, was mit ihr los war. Unwirklichkeit. Vakuum. Abwesenheit jeglicher Emotion.
Nebenan hörte sie ihn husten. Der andere wimmerte leise.
Weil sie überhaupt nicht wusste, was sie tun sollte, ging sie in die Küche und wischte wie ein Roboter die Spüle. Jetzt hatte sie gar keine Kraft mehr. "Ich muß mich hinlegen", dachte sie.

Im Bett sah sie den Ventilator an der Decke an, aber es hörte nicht auf. Dolores fühlte nichts mehr, noch nicht einmal ihren Schmerz, und das war so entsetzlich, daß sie begann, Selbstmörder zu verstehen. Sie konnte nicht weinen. Sie konnte nicht können. Schwarze Vorhänge fielen von allen Seiten. Wieder Gemurmel. Die Haustür fiel ins Schloß.

So kündigte sich also der Tod an. Sie wusste nicht, was fürchterlicher war: der nächste Moment oder die Überzeugung, daß es keinen nächsten Moment mehr gab. Die Vorstellung, handeln zu müssen wurde zum Horrortrip. Zum ersten Mal in ihrem Leben dachte sie an synthetische Mittel. Die gute alte Valium. Ganz langsam setzte sie sich auf. Gleich würde ihr Kopf platzen.

Wie sie den Weg zum Badezimmer geschafft hatte, wusste sie nicht. Dolores spürte, wie die Kapsel ihre Kehle herunterrutschte und setzte sich auf den Toilettendeckel. Nein, das war keine Lösung, das wusste sie. Aus weiter Ferne vernahm sie das unaufhörliche Geklicker der Tastatur. Er hustete.

Als sie wieder laufen konnte, horchte sie an seiner Tür. Er tippte immer noch. Dolores klopfte leise und öffnete einen kleinen Spalt.

"W....willst Du Deinen Computer nicht ausschalten und Feierabend machen...? Es ist gleich sieben und ich dachte wir könnten..." Er drückte seine Zigarette aus und drehte sich um.
"Ach Schatz, bitte, ich muß arbeiten. Ich erwarte gleich noch einen Patienten. Später, ja?"

Dolores schloß die Tür. Er hatte nicht gesehen, wie blass sie war. Wenigstens gab es noch genug Valium.

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Jedem das Seine
von Karl-Heinz Ganser, 52152 Simmerath (Deutschand)

"Egon, ich muss dringend mit dir reden!" sagte Maria zu ihrem Mann, der wie immer abends in dem kleinen Wohnzimmer vor dem Computer hockte.
"Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten und dir anhören was ich dir zu sagen habe?"
Als er etwas von später murmelte, griff sie blitzschnell in die Tastatur. Der Bildschirm wurde dunkel.
"Bist du denn von allen guten Geistern verlassen!" schrie Egon sie an. "Du hast den Computer kaputt gemacht!" Sein Gesicht lief puterrot an.
"Dich interessiert doch nur der blöde Computer. Dass ich mir auch mal was wünschen könnte, auf die Idee kommst du überhaupt nicht!" polterte sie zurück.
Egon blickte seine Frau irritiert an. Was war nur in sie gefahren?
"Ich bin es leid immer nur zu Kochen und zu Putzen. Ich möchte auch etwas für mich ganz persönlich haben." Maria sah ihn jetzt herausfordernd an.
"Ich möchte ein Klavier haben ... so, jetzt weißt du es!"
"Was? Du und ein Klavier?" Egon lachte laut. "Du kannst ja kaum Noten lesen und
außerdem ... ein Klavier ist viel zu teuer."
"Ach nein! Als du den Computer haben wolltest, da habe ich nicht gesagt, dass der zu teuer ist. Ich fand es gut, dass du dich in deinem Alter noch mit etwas Neuem beschäftigen wolltest."
"Aber das ist bei einem Mann ja was ganz anders", sagte er bissig."
Gut!" sagte sie entschlossen, "dann gehe ich eben morgenfrüh alleine ins Musikgeschäft."

Am nächsten Morgen ging Egon dann doch mit. Er hatte sich in der Nacht überlegt, wie er sie von der absurden Idee abbringen würde.
"Grüß Gott, gnädige Frau!" begrüßte der Geschäftsinhaber sie mit einer tiefen Verbeugung.
"Das ist ja schön, dass Sie ihrem Herrn Gemahl mal das herrliche Klavier zeigen."
Egon stand wie versteinert da. Als er sich gefangen hatte, fiel sein Blick auf das Preisschild. Er stieß seine Frau an und murmelte halblaut: "Hast du nicht den Preis gesehen? Dreitausend Euro ..."
Er schnappte nach Luft und zischte so laut, dass der Verkäufer es hören musste. "Das kommt überhaupt nicht in Frage! Mehr als tausend zahle ich nicht, hast du mich verstanden?"
"Prima, damit bin ich einverstanden, lieber Egon."
"Wie bitte?" stammelte er total verwirrt.
"Ja, mein Lieber! Ich habe in den letzten Jahren fleißig gespart und jetzt habe ich zweitausend zusammen." Sie sah ihn triumphierend an.
"Das hättest du wohl nicht gedacht, was?"
Egon wischte sich den Schweiß von der Stirn.
"So!" sagte sie, "und jetzt hat jeder das Seine!" ----

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Hitze
von Yorgos, 45141 Essen (Deutschand)

"Ein Tag wie jeder andere - nur wärmer als sonst." dachte er bei sich. Er hatte sich schon den ganzen Tag unwohl und müde gefühlt. Wie immer nach Feierabend verbrachte er fast seine gesamte Freizeit am Computer. Genau so wie er gegen seine Müdigkeit ankämpfte, quälte sich der PC mühevoll durch den Boot-Vorgang. "Diese Hitze heute ist unerträglich." sprach er halblaut vor sich hin und bemerkte kleine, blitzende Sterne in seinem Blickfeld. Der Kaffe schmeckte fad. Während der Rechner seinen Kampf gegen die Boot-Dateien erfolgreich beendete, überlegte er kurz, ob er sich in den Garten neben seine gutaussehende Nachbarin in die pralle Sonne legen sollte – und verwarf den Gedanken. "Warum lieben andere Menschen die Sonne?" dachte er und bekam Seitenstiche, die ihm die Luft nahmen. Er stöhnte fast unmerklich auf und flüsterte: "Es wird schon gehen...". Der blinkende Cursor des Rechners bettelte um Input. "Warum haben andere Menschen eine Eigentumswohnung?" Es kam ihm vor, als ob der PC die Hitze des Raumes noch steigerte. Schweißperlen tropften von seiner Stirn auf die Tastatur. Sein Herz schmerzte und die Sterne vor seinen Augen wurden heller und deutlicher. "Warum haben andere Menschen Kinder?" Die Hitze kam ihm jetzt bedrohlich vor. Der Cursor blinkte. In seinem Kopf waren die Stiche von tausend Wespen zu spüren und ein Tropfen Blut tropfte aus seiner Nase auf die Tastatur. "Warum haben andere Menschen Spaß?" Das Gefühl von der ihn umgebenden Hitze wurde aberwitzig. Sein ganzer Körper war ein einziger Schmerz und er lachte kurz und laut auf. "A house, a car, a family and friends – all that means to justify the ends" waren seine letzten und befriedigenden Gedanken. Er schloß müde die Augen und konnte die Sterne jetzt ganz klar erkennen. "Nur einen kurzen Moment..." dachte er.
Seine Frau kam in den Raum, legte ihre Hand auf seine Schulter und fragte: "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?" Sie bekam keine Antwort mehr; las lediglich neben dem unaufhörlich blinkenden Cursor über seine Schulter hinweg den Satz: "Ein Tag wie jeder andere – nur wärmer als sonst."...

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