Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Kommunikation
von Dorothee Dunker, 37075 Göttingen (Deutschand)

„Hallo, da bin ich!“
„Hallo! - schon wieder klappt was nicht!“
„Ich habe Dir etwas Wichtiges zu erzählen“.
„Aha ! - was passiert denn jetzt schon wieder?“
„Kann ich mit Dir sprechen?“
„Aber ja! - verflixt, Startseite kommt nicht!“
„Es wäre sehr wichtig für mich“.
„O.k.! - wieder die Verbindung abgebrochen!“
„Hörst Du mir eigentlich zu?“
„Klar! - wie oft soll ich denn noch anwählen!“
„Willst Du denn nicht Deinen Computer abschalten?“
„Gleich! - das ist doch nicht zu fassen!“
„Hörst Du mir jetzt endlich zu?“
„Moment! - jetzt lädt die Seite!“
„Also, mir reicht es, ich gehe. Schluß!
„Wie so? – abgestürzt! Blechkopf!“

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Spielende
von Harry Hoekstra, 29227 Celle (Deutschand)

"Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?" fragte die Frau ihren Mann. "Seit über zehntausend Jahren spielst du jetzt damit! Und was ist dabei herausgekommen? Die eine Hälfte stirbt immer noch vor Hunger, bei Epidemien oder Erdbeben, während die andere durch Verfettung, Krebs oder Selbstmord umkommt! Und wenn es nichts davon ist, bringen sie sich gegenseitig um! Du hättest sie aus deinen Planspielen herauslassen und dich weiter mit Landschaften, Tieren und Pflanzen beschäftigen sollen. Du warst viel fröhlicher und ausgeglichener damals! Also los, schalt ab! Wir könnten mal wieder ins Theater gehen, ins Kino, oder unseren Sohn besuchen!"
Er überlegte. "Aber wenn ich den Computer ausschalte, ist alles weg! Und bei einem Neustart würde das Spiel kurz vor dem Zeitpunkt aufsetzen, an dem die Saurier ausgestorben sind!" gab er zu bedenken. "Ja und?" entgegnete seine Frau und zuckte mit den Schultern, "bis dahin war das Spiel doch schön, und du könntest dann versuchen, die Saurier zu retten! Nun los, mach schon – schalt ihn aus!"
Der Mann dachte einige Jahre über das von seiner Frau Gesagte nach und kam nicht umhin, ihr wieder einmal recht geben zu müssen. Leise "na dann..." seufzend schaltete er seinen Computer a

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Arbeitswut
von Franz Eiermann, 55262 Heidesheim (Deutschand)

Ellen Enter und Rudi Reset arbeiteten in einer Spedition, er als Fahrer, sie im Büro.
Rudi Reset kam herein: „Hallo, EE!“
Das Hallo galt Ellen Enter, die sich darauf mit: „Hallo RR!“, revanchierte.
Sie saß am Computer und stellte Transportlisten zusammen, dabei ließ sie sich nur ungern stören. Sie war jetzt 45 Jahre. Mühsam hatte sie sich in diese moderne Technik eingearbeitet, mit dem Vorsatz: „Ich lass’ mir doch von Jüngeren nichts vormachen.“
Die anderen hänselten sie oft wegen ihres Eifers am PC, aber sie erkannten auch ihre Leistung an und das wollte sie ja schließlich.
Rudi hatte schon 52 Jahre auf dem Buckel, beruflich war er ohne Illusionen: „Ich fahre, solange ich kann, was soll ich jetzt noch umsatteln.“
Die beiden mochten sich aber gut leiden und Rudi lud Ellen öfter mal abends zum Essen ein.
So auch heute: „Mit dieser Fuhre wird’s etwas später, ich hole dich bei dir zu Hause ab.“
„Prima“, erwiderte Ellen, „ich warte auf dich.“
Der Tag ging vorbei.
„Feierabend, ich geh jetzt“, sagte die Kollegin, „lass’ deinen Rudi nicht warten.“
„RR kommt heute später, da muss ich mich nicht so beeilen.“
Dann fiel ihr aber ein, sie könnte ja auch zu Hause an ihrem PC weiterarbeiten, bis Rudi kommt.

Ellen saß am Computer, vertieft in ihre Arbeit. Erst als es klingelte fiel ihr wieder die Verabredung mit Rudi ein.
„Ah, RR, setz dich noch einen Augenblick ins Wohnzimmer, ich bin gleich fertig.“
„Eil dich, du weißt, wir wollen ausgehen.“
Rudi tat, wie ihm geheißen, aber der „Augenblick“ wurde ihm lang. Nach einer Viertelstunde meldete er sich: „Nun mach' mal langsam Schluss, ich hab’ Hunger.“
„Ja gleich“, gab sie zurück, „schalt’ dir ein wenig den Fernseher ein.“
„Davon werd’ ich auch nicht satt“, brummte Rudi, „willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?“
„Nur noch diese eine Liste, dann bin ich fertig, es dauert nicht mehr lange“, vertröstete ihn Ellen und klapperte eilig weiter.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch: Was war das? Die Wohnungstür? „RR“, rief sie, „warst du das?“
Keine Antwort. Nun doch etwas beunruhigt riss sich Ellen Enter vom Computer los, ging ins Wohnzimmer und erschrak, Rudi Reset war weg. Auf dem Fernsehbildschirm klebte ein Zettel, darauf stand mit Filzstift geschrieben:

„Wenn du deinen Computer verspeist hast, kannst du auch noch den Fernseher als Dessert genießen! RR.“

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

schaltzentrale
von Widukind Remus, 36100 Petersberg (Deutschand)

willste oder willste nicht
wille will sich selbst

stoische musik
bildschirmflackern
holzzerhacker
stoische musik

hacken feist hinein
tierzerhacken
kacken feist hinein
stoische musik

willste
willste nicht
gedicht
stoische musik

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Ein Tag wie jeder andere
von Yorgos, 45141 Essen (Deutschand)

"Ein Tag wie jeder andere." dachte er bei sich. Wie immer verbrachte er seine gesamte Freizeit an dem aus Wohnraummangel in den Keller verbannten Computer. Genau so wie er gegen die durch 8-stündiges Nichtstun verursachte Müdigkeit ankämpfte, quälte sich der PC mühevoll durch den Boot-Vorgang. Erste Gelegenheit, sich Gedanken über die heutige EDV-Sitzung und sein gleichmütiges Leben zu machen. Leere stieg in ihm auf. Noch 4 Stunden bis die Frau mit Nahrungsmitteln von der Arbeit kommen sollte. "Na gut, erst den Kontoauszug." überredete er sich selbst. Für die Dauer des Einwahlvorganges drängten sich ihm Gedanken über das Leben anderer Leute auf. Das Modem jaulte. Ja, die Anderen. Wie glücklich sie doch waren. Eigentumswohnungen, Kinder, berufliche Erfüllung. Und er? Warum nur beschäftigte er sich bei strahlendem Sonnenschein stundenlang mit einer leblosen Maschine? Zudem in einem Keller, dessen einziges Fenster aus Sichtschutzgründen mit einer Styroporplatte verdunkelt war? Der Einwahlvorgang war abgeschlossen und für den Bruchteil einer Sekunde überlegte er, ob er aus Langeweile Aktien ordern sollte. Von der Straße vernahm er den Lärm der von glücklichen Nachbarn gezeugten Kinder. Angst und Wut stiegen in ihm auf, als er sich die neuen Kratzer im Lack seines Autos bildhaft vorstellte. Während er routiniert sein leeres eMail-Postfach kontrollierte, dachte er an die Schulfreundin, die mit Hilfe des Internets einen Weg gefunden hatte, sich mit Menschen zu treffen und ihre sexuellen Wünsche in die Tat umzusetzen. Die künstliche Deckenbeleuchtung flackerte kurz auf. Mit ein paar gezielten Mausklicks surfte er sich professionell auf die ihm bestens bekannten Seiten mit halbseidenem Inhalt und beurteilte fachmännisch die Brüste fremder Frauen. "It’s always the same – just another name" geisterte ihm der Text eines Liedes durch das Hirn während er Gedanken über den Sinn und Unsinn von Sexualhormonen und des alten Rein-und-Raus-Spiels zu verdrängen versuchte. Die Zeit kroch dahin. Wie in Trance startete er das verbotene Ballerspiel und fragte sich, welchen Sinn sein eigenes Dasein am Ende wohl hätte und ob er jemals wirklich erwachsen werden würde. Er schaffte es bis zum 6. Level und war stolz auf sich.
Fast unbemerkt kam seine Frau in den Keller, legte ihre Hand auf seine Schulter und fragte: "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?" "Niemals." antwortete er. Und er stellte fest, daß er der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt war.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Mehr Beiträge: Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Weiter
Zur Übersichtsseite des Satzfischers - Zu den Beiträgen der Runde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor.