
Die USA feiern im Juli 2026 ihren 250. Geburtstag, und überall erscheinen Listen mit großer amerikanischer Literatur. Wir haben stattdessen ins eigene Archiv geschaut – und dort ein anderes Amerika gefunden.
»Ich möchte lieber nicht.« Diesen Satz sagt ein blasser Kanzleischreiber an der New Yorker Wall Street im Jahr 1853. Herman Melvilles Bartleby ist bis heute der berühmteste Arbeitsverweigerer der Literaturgeschichte – und nur einer von vielen Amerikanern, die uns über die Jahre im literaturcafe.de begegnet sind.
Am 4. Juli 2026 werden die Vereinigten Staaten 250 Jahre alt. Zum Jubiläum erscheinen allerorten Listen mit der großen amerikanischen Literatur, von Poe bis Pynchon. Eine weitere wollten wir dem nicht hinzufügen.
Stattdessen haben wir in unser eigenes Archiv geschaut: Welche Bücher haben wir besprochen, vorgelesen und diskutiert, die von diesem Land erzählen? Herausgekommen ist eine Zeitreise durch die amerikanische Geschichte – sortiert nicht nach Erscheinungsjahr, sondern nach der Zeit, von der die Bücher berichten. 250 Jahre USA lassen sich fast lückenlos mit eigenen Beiträgen erzählen.
Aussteiger, Verweigerer, Maskenträger
1845 zog Henry David Thoreau in eine selbstgezimmerte Hütte in den Wäldern von Massachusetts, um herauszufinden, was man wirklich zum Leben braucht. Sein Buch »Walden« wurde zum Gründungsdokument des amerikanischen Individualismus, und seine Staatsskepsis wirkt bis in die heutige Survivalist-Bewegung nach. Wolfgang Tischer hat das Werk im Mai 2020 in zehn Teilen vorgelesen. Im Schwarzwald.
» Alle Videos online: Wolfgang Tischer liest »Walden« von Henry David Thoreau

Melvilles Bartleby wiederum kann man bei uns nicht nur nachlesen, sondern in voller Länge nachhören: Die ungekürzte Erzählung gibt es als kostenlosen MP3-Download, dazu eine Deutung von Bernhard Horwatitsch über Verweigerung als persönliches Recht.
» Herman Melville: »Bartleby, der Schreiber« – Download als MP3-Hörbuch und Textversion
» Verweigerung als persönliches Recht: »Bartleby, der Schreiber« von Herman Melville
Und Edgar Allan Poe? Der Erfinder der amerikanischen Schauergeschichte schildert in »Die Maske des Roten Todes«, wie sich die Reichen vor einer Seuche in einen Prachtbau zurückziehen und feiern, bis die Krankheit mitfeiert. Wir haben die Erzählung im März 2020 in unsere Zusammenstellung literarischer Seuchen-Lektüren aufgenommen.
» Corona-Hysterie: Die schönsten Viren in der Weltliteratur
Zwölf Jahre, die kein Roman sind

Das eindringlichste Amerika-Zeugnis in unserem Archiv ist zugleich das älteste – und es ist keine Fiktion. Der frei geborene Afroamerikaner Solomon Northup wurde 1841 von zwei Betrügern geködert, verschleppt und in die Sklaverei verkauft. Zwölf Jahre lang. Sein Bericht »Twelve Years a Slave« von 1853, spätestens seit der oscarprämierten Verfilmung weltbekannt, schildert das Plantagensystem ohne Schwarzweißmalerei: die täglichen Auspeitschungen, das Brett zum Schlafen, aber auch den anständigen ersten Besitzer. Man konnte auch anders.
» Emotionaler Peitschenhieb: Twelve Years A Slave von Solomon Northup
Colson Whitehead hat aus dem historischen Fluchthelfernetzwerk der »Underground Railroad« eine tatsächliche unterirdische Eisenbahn gemacht – und einen Pulitzer-Preis-Roman, den Barack Obama ebenso empfahl wie Oprah Winfrey. Unsere Besprechung haderte seinerzeit vor allem mit der deutschen Übersetzung.
» »Underground Railroad« von Colson Whitehead: Sprachlich in den Untergrund
Im Western was Neues

Wie die USA zu den USA wurden, erzählt ausgerechnet ein Ire. Sebastian Barrys Erzähler Thomas McNulty flieht um 1850 vor dem Hunger in Irland nach Nordamerika, verdingt sich als Soldat und stürzt sich mit dem Bajonett in die Gemetzel der Indianerkriege und des Bürgerkriegs – um in einem lichten Moment festzustellen, dass es Frauen und Kinder waren, die man niederstach. »Tage ohne Ende« ist zugleich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, erzählt in nüchterner und doch poetischer Sprache.
» Sebastian Barry: Tage ohne Ende – Im Western was Neues
Treue zum Kapital

Amerika ist auch die Geschichte des Geldes. Hernan Diaz führt in seinem Pulitzer-Preis-Roman »Treue« in die New Yorker Finanzwelt der 1920er-Jahre und lässt die Lesenden selbst zu Textdetektiven werden: Vier Versionen einer Geschichte, und die Wahrheit gehört dem, der sie sich leisten kann. Der Pulitzer-Preis der Kategorie »Fiction« zeichnet übrigens ausdrücklich Werke aus, die sich mit der amerikanischen Lebenswirklichkeit beschäftigen. Passender geht es kaum.
» Schwerer Roman über große Themen: »Treue« von Hernan Diaz
Panik aus dem Radio

Am Vorabend von Halloween 1938 unterbricht eine Nachrichtenstimme das Radioprogramm: Marsianer landen in New Jersey. Orson Welles‘ Hörspiel-Adaption von »Krieg der Welten« ging als das Medienereignis in die Geschichte ein, das Amerika in Panik versetzt haben soll. Wie viel Wahrheit in dieser Legende steckt und warum sie so gut zum Land passt, haben wir in einem eigenen Beitrag nacherzählt.
» Halloween-Hörspiel erschüttert Amerika: »Krieg der Welten« von Orson Welles
Flusskrebse im Süden

In den Sümpfen North Carolinas der 1950er- und 60er-Jahre spielt Delia Owens‘ Welterfolg »Der Gesang der Flusskrebse«. Denis Scheck attestierte dem Buch »literarische DNA«. Wir kamen beim Literarischen Buchhandelsquartett auf den Stuttgarter Buchwochen zu einem anderen Befund: Mit Literatur hat dieses Buch so viel zu tun wie Nutella mit gesunder Ernährung. Die Leserschaft widersprach in den Kommentaren leidenschaftlich. Bis heute.
» Literarisches Buchhandelsquartett: »Denis Scheck hat die Wattestäbchen verwechselt«
Vorstadtträume der 1950er
Bevor Philip K. Dick zum Kultautor der Science-Fiction wurde, schrieb er realistische Romane über das Amerika seiner Gegenwart – die zu Lebzeiten niemand drucken wollte. »Unterwegs in einem kleinen Land« erzählt vom Vorstadt-Amerika der 1950er-Jahre, von kleinen Leuten, Autohändlern und geplatzten Träumen. Ganz ohne Marsianer.
» Roman: »Unterwegs in einem kleinen Land« von Philip K. Dick

In derselben Zeit, nur an der Westküste und in Bestsellerform: Bonnie Garmus‘ »Eine Frage der Chemie«. Die hochbegabte (und erfundene) Chemikerin Elisabeth Zott arbeitet Ende der 1950er-Jahre an einer kalifornischen Universität – und wird für eine Schreibkraft gehalten. Garmus erzählt von der selbstverständlichen Diskriminierung jener Jahre so amüsant, dass wir bei der Lektüre skeptisch wurden: zu glatt, zu kalkuliert, zu manipulativ. Auch hier meldete sich die begeisterte Leserschaft in den Kommentaren zu Wort.
» Amüsant aber manipulativ: »Eine Frage der Chemie« von Bonnie Garmus
Zeitreise nach Dallas

Am 22. November 1963 wird John F. Kennedy in Dallas erschossen. Was wäre, wenn nicht? Stephen King schickt in »Der Anschlag« (im Original schlicht »11/22/63«) einen Zeitreisenden los, um das Attentat zu verhindern. Wir haben die 32-stündige Hörbuchfassung besprochen – und nebenbei die Verschwörungstheorien um Lee Harvey Oswald eingeordnet, die das Land bis heute beschäftigen.
» »Der Anschlag« von Stephen King: Wer nicht schauen kann, sollte hören
Dickens in den Appalachen

Barbara Kingsolver verlegt in »Demon Copperhead« Charles Dickens‘ »David Copperfield« in die Appalachen – mitten hinein in Armut, Pflegefamilien und die Opioidkrise, die das ländliche Amerika seit den 1990er-Jahren verwüstet. Dafür gab es 2023 den Pulitzer-Preis, geteilt mit Hernan Diaz. Zwei Preisträger, zwei Amerikas: hier die Wall Street, dort die abgehängte Provinz.
» Besuch von Dickens: »Demon Copperhead« von Barbara Kingsolver
Agnes liest in Chicago

»Sie beginnt an jenem Tag vor neun Monaten, als wir uns in der Chicago Public Library zum erstenmal trafen.« Nicht jeder Amerika-Roman stammt von Amerikanern: Der Schweizer Peter Stamm siedelte »Agnes« komplett in Chicago an. Malte Bremers Verriss des Romans, der in Baden-Württemberg zur Pflichtlektüre wurde, löste eine der längsten Kommentardebatten in der Geschichte des literaturcafe.de aus – ganze Schülergenerationen arbeiteten sich daran ab.
» Peter Stamm, Agnes – oder wie man Schülern die Lust am Lesen austreibt
New York, Zufall inklusive

Niemand stand in Europa so sehr für den intellektuellen New Yorker Autor wie Paul Auster. Seine New-York-Trilogie machte ihn 1987 berühmt, sein letzter Roman »Baumgartner« erzählt vom Lebensabend eines Professors an der Ostküste. Nach Austers Tod am 30. April 2024 erinnerten wir an drei bleibende Texte – darunter die Weihnachtsgeschichte, die in der Wikipedia mit unserem Urteil zitiert wird: »der moderne Weihnachtsklassiker«.
» Paul Auster zum 70. Geburtstag: Ein Mann fürs Intellektuelle
» Aus der Zeit und Wirklichkeit: »Baumgartner« von Paul Auster
» Paul Auster (1947–2024) – »Nichts ist wirklich, außer dem Zufall«: Drei bleibende Texte
Der 11. September, aus nächster Nähe

Am 11. September 2001 befand sich unser Redaktionsmitglied Gero von Büttner in den USA und erlebte die Anschläge auf das World Trade Center und die Zeit danach unmittelbar mit. Sein Reisetagebuch, zum zehnten Jahrestag 2011 noch einmal aktualisiert, ist eines der eindrücklichsten Dokumente in unserem Archiv. Wie die Literatur das Datum verarbeitet, zeigt Ellis Averys Roman »Die Tage des Rauchs«: eine Geschichte, die ihre Kraft nicht aus dem Spektakel zieht, sondern aus der Stärke des Banalen.
» 10 Jahre nach 9/11: Kollektives Gruseln bei multimedial aufbereiteten Todesschreien
» Stärke des Banalen: »Die Tage des Rauchs« – Ellis Avery über den 11. September 2001
Ein Gedicht fürs Kapitol

Am 20. Januar 2021 trug die 22-jährige Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden ihr Gedicht »The Hill We Climb« vor – wenige Tage nach dem Sturm aufs Kapitol. »Wir haben gelernt, dass Ruhe nicht immer Frieden bedeutet«, hieß es darin. Wir haben den Auftritt seinerzeit eingeordnet und uns später auch die deutsche Übersetzung genauer angesehen: vom amerikanischen Wir zum deutschen Nominalstil.
» Amanda Gorman dichtet für den US-Präsidenten: »Wir haben gelernt, dass Ruhe nicht immer Frieden bedeutet«
» Amanda Gorman übersetzt: Vom amerikanischen Wir zum deutschen Nominalstil
Maine und das gespaltene Land

Elizabeth Strout, Pulitzer-Preisträgerin für »Olive Kitteridge«, kehrt in »Erzähl mir alles« erneut in die kleine Küstenstadt Crosby in Maine zurück. Selbst dort, fernab der großen Bühnen, reden die Figuren von der Pandemie und vom »gespaltenen Land«. Das Amerika der Gegenwart erreicht auch die Provinz.
» Das Unspektakuläre als große Literatur: »Erzähl mir alles« von Elizabeth Strout

Wie sich diese Provinz von außen anfühlt, hat die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel ausprobiert: Ihr Aufenthalt in Iowa wurde zum Buch – ein Blick von Maisfeld bis Mississippi, mit europäischen Augen und ohne Ehrfurcht.
» Von Maisfeld bis Mississippi: Stefanie Sargnagels Ausflug nach Iowa

Und die politische Gegenwart? Kein Buch verbindet Literatur und Politik derzeit so direkt wie »Hillbilly Elegy« von J.D. Vance – mittlerweile Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Seine 2016 erschienene Autobiografie erzählt vom Aufwachsen im Rust Belt von Ohio: Armut, die drogenabhängige Mutter, die resolute Großmutter Mamaw, die ihn durchbringt, schließlich der Aufstieg über die Marines bis nach Yale. Das Buch wurde als Erklärstück für die abgehängte weiße Arbeiterklasse gelesen, die Trump wählte – lange bevor sein Autor selbst Teil dieser Regierung wurde. Wir haben uns mit dem Buch und einem reichlich absurden Cancel-Culture-Vorwurf beschäftigt, der sich daran entzündete.
» Absurder Cancel-Culture-Vorwurf: Warum Vance mal wieder schnell gehen muss
Wenn der Dollar fällt

Was, wenn die USA bankrottgehen? Lionel Shriver entwirft in »Eine amerikanische Familie« ein Land der nahen Zukunft, in dem der Dollar seine Rolle als Leitwährung verliert, Mexiko zum Auswandererziel wird und asiatische Investoren die Vereinigten Staaten übernehmen. Als Satire lesbar. Als Warnung auch.
» Dystopie oder Realität? »Eine amerikanische Familie« von Lionel Shriver
Der US-Buchmarkt blickt in den Spiegel

Auch der amerikanische Literaturbetrieb selbst ist längst Romanstoff. Rebecca F. Kuang seziert in »Yellowface« kulturelle Aneignung, Cancel Culture und die Mechanismen der Verlagswelt – ein beklemmendes Vergnügen. Und die US-Amerikanerin Jean Hanff Korelitz erzählt in »Der Plot« von einem gestohlenen Manuskript und einem Autor, der es zum Bestseller macht.
» »Yellowface« von Rebecca F. Kuang: Beklemmendes Vergnügen
» Von Grisham bis Suter: Romane über gesuchte und geklaute Manuskripte
New York, jetzt mit Farbschnitt

Und heute? Da ist New York vor allem Kulisse. Lena Kiefers New-Adult-Bestseller »Coldhart« lässt sein Rich-Boy-Poor-Girl-Personal durch die Immobiliendynastien Manhattans stolpern und stieg im Januar 2024 direkt auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein. Die Stadt funktioniert auch 250 Jahre nach der Unabhängigkeit noch als Sehnsuchtsort. Jetzt eben auf BookTok.
» Spannend und entspannend: »Coldhart« von Lena Kiefer
250 Jahre Unabhängigkeit, und was ist der langlebigste Satz, den die amerikanische Literatur hervorgebracht hat? Vielleicht doch der eines Kanzleischreibers aus dem Jahr 1853: »Ich möchte lieber nicht.« Wer mag, kann ihn bei uns kostenlos nachhören.

