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Corona-Hysterie: Die schönsten Viren in der Weltliteratur [Bakterien-Bonus]

Bekanntes Pest-Motiv: Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom (Wikipedia)
Bekanntes Pest-Motiv: Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom (Wikipedia)

Die Angst geht um. Kann man der Corona-Hysterie entkommen? Eines ist sicher: Wir werden alle sterben. Wer in Quarantäne sitzt oder sich wegen des Corona-Virus’ nicht vor die Tür traut, kann tödlichen Viren und Bakterien auch in der Literatur begegnen. Wir haben vier verseuchte Lesetipps zusammengestellt. Außerdem gibt es noch einen Bonus-Tipp.

Es ist vornehmlich die Pest (Bakterien!), die in unterschiedlicher Weise zu beeindruckenden literarischen Werken geführt hat. Vier Geschichten aus unterschiedlichen Zeiten haben wir für Sie ausgesucht:

Giovanni Boccaccio: Decamerone (um 1350)

Dies ist das wohl bekannteste Werk, das eine Quarantäne beschreibt und wie kreativ sie genutzt werden kann. Die berühmte Sammlung von 100 Novellen entstand um das Jahr 1350. In Florenz wütet 1348 die Pest und rafft die Menschen dahin. Sieben Frauen und drei Männer ziehen sich in ein Landhaus in den Hügeln von Florenz zurück. Ob sie ausreichend Nudeln, Desinfektionszeug und Klopapier bei sich hatten, ist nicht überliefert. Sie verbringen insgesamt zehn Tage in der Villa, und um die Zeit zu überbrücken, muss jede und jeder an jedem Tag eine Geschichte erzählen. So entstehen 10×10 Novellen, die so ziemlich alle Themen der damals bekannten Welt behandeln. Und wie immer, wenn das Ende nahe scheint und der Verfall der Sitten droht, sind einige Geschichten durchaus derb und erotisch angelegt. Giovanni Boccaccio (1313–1375) greift viele traditionelle Erzählungen und Motive auf, arbeitet sie für seine Novellensammlung jedoch individuell um und aus.

In der Einleitung beschreibt Boccaccio sehr eindrücklich und eindringlich das Wüten der Pest in den Gassen von Florenz:

Die Seuche gewann um so größere Kraft, da sie durch den Verkehr von den Kranken auf die Gesunden überging, wie das Feuer trockene oder brennbare Stoffe ergreift, wenn sie ihm nahe gebracht werden. Ja, so weit erstreckte sich dies Übel, dass nicht allein der Umgang die Gesunden ansteckte und den Keim des gemeinsamen Todes in sie legte; schon die Berührung der Kleider oder anderer Dinge, die ein Kranker gebraucht oder angefasst hatte, schien die Krankheit dem Berührenden mitzuteilen.

Doch bei Giovanni Boccaccio haben die zehn Menschen Glück: Nach zehn Tagen Quarantäne kehren sie unversehrt nach Florenz zurück.

Giovanni Boccaccio: »Das Dekameron« gemeinfrei bei zeno.org lesen

Edgar Allan Poe: Die Maske des Roten Todes (1842)

Eher gegenteilig läuft die Quarantäne bei Edgar Allan Poe ab. Poe (1809–1849) hat sich bereits in seiner Erzählung »König Pest« mit der Seuche in einer Hafenstadt beschäftigt, meisterlich ist jedoch eine andere Kurzgeschichte: »Die Maske des Roten Todes«

Auch hier ziehen sich Leute in einen fürstlichen Prachtbau zurück. Während draußen im Land eine Krankheit herrscht, die Poe in Anlehnung an die Umschreibung der Pest als »Schwarzer Tod« hier »Roter Tod« nennt, feiert Fürst Prospero mit Freunden und Gefolgsleuten ein rauschendes Fest. Zu jeder Stunde werden der Maskenball und das bunte Treiben vom sonoren Schlag einer Standuhr unterbrochen. Ein klassischer Memento-Mori-Moment. Doch um Mitternacht, als die Uhr am längsten schlägt, betritt ein ganz besonders kostümierter Besucher die Räumlichkeiten. Er trägt eine rote Maske, und allen ist klar, dass die Krankheit unter ihnen ist und sie ihr nicht entkommen können.

Und nun erkannte man die Gegenwart des Roten Todes. Er war gekommen wie ein Dieb in der Nacht. Und einer nach dem andern sanken die Festgenossen in den blutbetauten Hallen ihrer Lust zu Boden und starben – ein jeder in der verzerrten Lage, in der er verzweifelnd niedergefallen war. Und das Leben in der Ebenholzuhr erlosch mit dem Leben des letzten der Fröhlichen. Und die Gluten in den Kupferpfannen verglommen. Und unbeschränkt herrschte über alles mit Finsternis und Verwesung der Rote Tod.

Edgar Allan Poe: Die Maske des Roten Todes gemeinfrei bei zeno.org lesen

Albert Camus: Die Pest (1947)

Das Buch, das allein schon wegen des Titels immer genannt wird, wenn’s um Seuchen in der Literatur geht. Das Werk von Albert Camus (1913–1960) ist neben dem Roman »Der Fremde« vielerorts Schullektüre. Camus beschreibt den Ausbruch und Verlauf der Pest und den Kampf gegen die Seuche im algerischen Küstenort Oran in den 1940er-Jahren. Was hilft besser gegen die Krankheit: Beten oder (solidarisches) Handeln?

Der Roman ist als Parabel zu verstehen, die Pest steht bei Camus für den Krieg oder allgemein das Böse in der Welt, gegen das es zu kämpfen gilt. Nur wenn sich die Menschen gemeinschaftlich gegen die Krankheit stemmen, kann sie besiegt werden. Camus Werk ist ein Plädoyer für Solidarität und Zusammenhalt. Allerdings ist zu beachten: Die Solidarität wird nicht belohnt. Die Ehefrau des Protagonisten Rieux, weit entfernt vom Ort der Eingeschlossenen und damit eigentlich in Sicherheit, kommt dennoch ums Leben. Bei Camus schimmert immer das »trotzdem« durch. Der Einzelne muss sich immer für das Gute entscheiden, ohne auf Belohnung zu spekulieren.

Lassen Sie also trotzdem im Supermarkt auch noch eine Packung Nudeln und Klopapier für die anderen im Regal stehen.

Camus, Albert; Aumüller, Uli (Übersetzer): Die Pest. Taschenbuch. 1998. Rowohlt. ISBN/EAN: 9783499225000. 12,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Steward O’Nan: Das Glück der anderen (2001)

Bei Stewart O’Nan (*1961) wird ein Bergarbeiterdorf in Wisconsin kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg von der Diphterie heimgesucht. Der Ort wird unter Quarantäne gestellt. Gleichzeitig rast eine Feuerfront auf den Ort zu. Die Bürger sitzen also in der Falle.

Hauptfigur ist Sheriff Jacob Hansen, der zugleich Pfarrer und Leichenbestatter ist. Die Erzählhaltung denkbar ungewöhnlich: Hansen spricht sich selbst immer mit »Du« an. Die Schutzmaßnahmen, die ergriffen werden müssen, werden auch vom Sheriff nicht befolgt, weil er diejenigen retten will, die er am meisten liebt.

Die Katastrophe trifft auch den Leser mit voller Wucht. Denn der Sheriff wird anders als bei Camus nicht zum Helden, sondern zum Opfer seiner Gefühle. O’Nan hat einen wahrhaft tragischen Knoten geschürzt. Gefühl gegen Vernunft und Moral. Da gibt es keine Gewinner. Der englische Titel »A prayer for the dying« trifft es für diese gemütvolle Erzählung viel besser als der deutsche Titel. Trotzdem würde auch O’Nan im Katastrophenfall nicht fürs Beten votieren.

O'Nan, Stewart; Gunkel, Thomas (Übersetzer): Das Glück der anderen. Taschenbuch. 2003. Rowohlt Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783499234309. 11,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Astrid Braun und Wolfgang Tischer

Bonus-Tipp und Nachtrag:

Alessandro Manzoni:
Die Brautleute – I Promessi Sposi (1827)

Natürlich erhebt diese Auswahl nicht einmal ansatzweise einen Anspruch auf Vollständigkeit. Vier Texte dieser Art wären auch recht wenig. Die Romanistin und literaturcafe.de-Leserin Regine Littig schreibt uns:

Ihr habt ein literarisches Werk über die Pestepidemien der Vergangenheit vergessen aufzulisten, einen Klassiker der italienischen Literatur, der sogar die Entstehung der heutigen italienischen Standardsprache (Toskanisch in römischer Aussprache) maßgeblich beeinflusst hat: Alessandro Manzoni, Die Verlobten (I promesi sposi, 1827), in der Neuübersetzung von Burkhart Kroeber Die Brautleute (2003).

In dem historischen Roman, der im Mailand des 17. Jahrhunderts spielt, hat das verlobte Paar Renzo und Lucia viele Hindernisse wie die Willkürherrschaft mächtiger Adliger zu überwinden, bis es endlich heiraten kann. In diesem Kontext wird auch die Pestepidemie in Mailand geschildert, die im Zuge des Dreißigjährigen Krieges von fremden Soldaten eingeschleppt wurde.

Man erfährt von selbstloser Aufopferung eines Priesters, der Pestkranke pflegt, bis er selbst der Krankheit erliegt, von falschen Annahmen (Astrologen glaubten, die Pest würde von einer bestimmten Konstellation der Gestirne ausgelöst), von Hysterie und Verschwörungstheorien (angeblich würden sogenannte »Salber« im Auftrage feindlicher Mächte die Pest über infizierte Gegenstände und Oberflächen bewusst in Mailand verbreiten, was zu Menschenjagden führt), über untaugliche staatliche/kommunale Gegenmaßnahmen (die Stadt Mailand nimmt Ansteckungsverdächtige zunächst in eine große Sammelquarantäne, in der sich die Menschen gegenseitig anstecken, und entlässt sie dann vorzeitig nach Hause, was zur Ausbreitung der Seuche beiträgt. Am Ende sterben einige der Bösen an der Pest, und der Weg wird frei für die Heirat der Guten …

Manzoni, Alessandro; Kroeber, Burkhart (Übersetzer): Die Brautleute: I Promessi Sposi, Roman. Taschenbuch. 2003. dtv Verlagsgesellschaft. ISBN/EAN: 9783423130387

Kennen Sie noch weitere Epidemie-Texte? Wir freuen uns über Ihre Tipps in den Kommentaren?

11 Kommentare

  1. Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne – darf hier keinesfalls fehlen!

    Weil die Bewohner des Emmentals die Hilfe des Teufels (Symbolfarben: grün-rot) in Anspruch nehmen, um sich erdrückender Lasten durch feudale Unterdrückung zu erwehren, müssen sie diesem als Preis ein ungetauftes Kind übergeben. Weil sie sich weigern, wird das Tal dreifach mit einer tödlichen Spinnen-Pest überzogen. Überstanden ist alles erst, nachdem sich ein Bewohner als Märtyrer (Heiliger) opfert. Interessant auch, dass der Teufelspakt von einer (zu) selbstbewussten Frau ausgeht. – Die Novelle/Legende kann auch als Stellungnahme des von der Französischen Revolution enttäuschten Autors gelesen werden, der erst Revoluzzer, später dann Landpfarrer war.

    • Ja, es stimmt, das mit dem Titel ist ungenau. Das hatte auch schon sofort jemand bei Twitter vermerkt, und zumindest in der Einleitung haben wir die Bakterien nachgetragen. Unsere medizinische Unkenntnis gepaart mit der Liebe zur Alliteration hat zu dieser Überschrift geführt. Alternativ wäre »Die schönsten Bakterien in Buchform« möglich. Oder »Die schönsten erzählten Epidemien«. Oder eine Kombination: »Erzählte Epidemien: Die schönsten Bakterien in Buchform und Viren der Weltliteratur« Aber nun lassen wir das so.

      • Aber den Unterschied zwischen “Alliteration” und “Illiterarität” kennt Ihr schon? Man kann durchaus auch dann illiterat sein, wenn man sich in Literatur gut auskennt… Das war mein Problem mit dem Artikel und dem Teilen auf Facebook.

  2. Die wunderbaren Empfehlungen kann man ergänzen mit Werner Bergengruens ‘Am Himmel wie auf Erden’, worin die Pest in den Sternen vorausgesagt wird, am Himmel über Berlin/Brandenburg des 16. Jh. [Arche 1947]. Weiter mit G.G. Marquez’ ‘Liebe in der Zeit der Cholera’, der Romanze eines sich spät im Alter gefundenen Paares, das in freiwilliger ‘Quarantäne’ auf seinem sonst leeren Dampfer den Magdalenen-strom hinauf und hinunterfährt, mit gehisster gelber Choleraflagge zum Schutz gegen die epidemisch graue Welt [Mondadori España 1987].

  3. Ich erinnere mich an zwei weitere Bücher zu diesem Thema:
    Jean Hegland: Die Lichtung –
    Die Schwestern Nell und Eva, 17 und 18, leben weit außerhalb am Waldrand. Wie betäubt vom Tod ihrer Eltern realisieren sie zunächst nicht, was um sie herum geschieht. Nachrichten von Krieg und Seuchen kommen. Bald gibt es keinen Strom, keine Lebensmittel mehr. Nell und Eva sind von der Welt abgeschnitten. Gemeinsam müssen sie ihren Weg suchen, um zu überleben.

    und nicht zu vergessen: Stephen Kings Meisterwerk: Das letzte Gefecht/The stand – in dem eine Supergrippe 99 % der Weltbevölkerung dahinrafft. Mich wundert, dass es noch nicht erwähnt wurde. Ich habe es vor vielen Jahren gelesen und nicht vergessen, war sehr spannend!

  4. Mir fällt ein Jugendbuch ein: “Stafette in Alaska” beschreibt das Heranschaffen von Grippe-Impfstoff durch eine Hundeschlitten-Stafette quer über den Kontinent an die Nordwestküste.
    Wurde auch verfilmt und ist Vorbild für ein jährliches Schlittenhunde-Rennen – das härteste der Welt.

  5. Nun fehlt aber doch noch Thomas Mann mit dem “Der Tod in Venedig” (1911) aus dem Jahre 1911, der in Venedig spielt, als die Cholera ausbricht. Dort hält sich Gustav von Aschenbach auf, bleibt aber dort, erkrankt und stirbt an der Seuche. Spannend ist, wie sich die äußeren Bedingungen in Venedig und ein innerer Zustand parallel entwickeln.
    Thomas Manns Novelle ist nun wahrhaft ein “Klassiker” zum Thema.

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