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Preis der Leipziger Buchmesse 2020: Wer hat ihn wirklich verdient? – Lutz Seiler gewinnt

Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020

Die Leipziger Buchmesse 2020 ist aufgrund des Corona-Virus’ abgesagt worden. Am 12. März 2020 wäre dort der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben worden. Nachtrag: Alternativ werden die Gewinner nun im Deutschlandfunk bekannt gegeben. Unser Textkritiker Malte Bremer hat sich die fünf nominierten Titel in der Rubrik »Belletristik« angesehen, um zu schauen, welches Buch den Preis verdient hätte. Nur zweieinhalb der fünf Nominierten sind für ihn preiswürdig.
Nachtrag: Gewonnen hat den Preis schließlich Lutz Seiler mit »Stern 111«. Mehr dazu im Nachtrag unten.

Nachtrag vom 12. März 2020: Lutz Seiler gewinnt mit »Stern 111«

In der zweistündigen Sondersendung »Lesart« des Deutschlandfunk Kultur wurden die Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse bekannt gegeben. In der Kategorie Belletristik gewann Lutz Seiler mit seinem Roman »Stern 111«, was der Name eines DDR-Radiogerätes ist. Lutz Seiler gehörte auch zu den zweieinhalb Preiswürdigen, die unser Kritiker Malte Bremer aufgrund seines »Buchhandelstests« ausgemacht hatte. Mehr dazu weiter unten. Zur Begründung der Preisvergabe an Lutz Seiler schreibt die Jury:

Dieser Roman leuchtet auf jeder Seite, und das mit menschenfreundlichem Humor. (…) In Lutz Seiler kunstvollem Roman wird groß und genau die Neuordnung der Dinge in einem plötzlich regellosen Raum beschrieben, und das in der Verquickung von Geschichtsschreibung und Privatmärchen.
»Zur vollständigen Jurybegründung

Mit dem Gewinner-Buch aber auch mit den anderen vier nominierten hat unser Kritiker Malte Bremer den  so genannten Buchhandelstest gemacht: Was taugen die ersten Seiten? Überzeugen sie? Will man das weiterlesen? Lesen Sie hier seine Urteile:

Verena Güntner: Power

 

Verena Güntner: Power

Wie bitte? Da steht eine Kerze am Eingang eines großen Kaufhauses und hört das Rauschen der Lüftungsanlage über ihrem Kopf … Wo denn sonst? Etwa unten? Wäre bei Kerze aber egal, die trägt sicher nicht das Kleid dieser Marylin. Sowas nennt man Zeilenschinderei. Aber Kerze ist wohl doch keine Kerze, sondern eine weibliche Person (die Kerze) mit diesem Kosenamen. Und was tut Kerze da? Sie sieht, wie Leute an ihr vorbeiziehen und große Glastüren aufstoßen usw. Logisch, denn die Leute können ja nicht durch Kerze hindurchgehen! Aber wir Leser*innen müssen erdulden zu erfahren, dass die Leute einen Bogen um Kerze machen, statt sie einfach umzurennen … Dann folgt eine Beschreibung von dem, was Kerze anhat (nein: keinen Docht), sondern Paulis Pullover, der Kerze zu groß ist, und Hennes kurze Hosen. Ha! Petzi, Pingo und Pelle fallen mir da ein. Warum ausgerechnet die drei, weiß ich nicht. Vielleicht, weil das ebenfalls drei sind bei den guten Dingen? Also wie Kerze, Pauli und Hennes? Außerdem gibt es noch eine Taube mit kaputtem Bein. Die fliegt dann weg. Und ich habe beschlossen, diesem Unfug nicht weiter zu folgen!

Güntner, Verena: Power: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783832183691. 22,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Wie anders und deshalb vielversprechend dagegen beginnt dieser Roman! Hauptperson ist ein Antiquar, der einen unvergleichlichen Ruf genießt, weil er sich nicht von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken lässt. Es folgt eine lebendige Schilderung, wie er seine Fans behandelte, er hatte aber offenbar ein schlechtes Namensgedächtnis, was seine Stammkunden betraf, aber die halfen ihm bei der Wiederfindung. Und er war eigen, was das Bezahlen anging. Das liest sich locker-leicht, da wird nichts aufgeplustert oder verschwiegen oder kompliziert verschachtelt: Dieser Roman macht einfach große Freude! Das ist mein erster preiswürdiger Kandidat für den Preis der Leipziger Buchmesse!

Schulze, Ingo: Die rechtschaffenen Mörder: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103900019. 21,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Lutz Seiler: Stern 111

Lutz Seiler: Stern 111

Schon die erste Kapitelüberschrift »Das Drahtwort« macht neugierig: Was ist denn ein Drahtwort? Ein Wort, das man nach Lust und Laune in alle möglichen Richtungen biegen kann – also auf jede beliebige Art und Weise interpretieren oder benutzen? Das macht neugierig. Der erste Satz setzt das fort: Ein Zug, in dem ein Carl sitzt, stoppt weit vor der Einfahrt, und das wird begleitet »von einem stählernen Stottern und Zucken, als hätte das Herz seiner Fahrt kurz vor dem Ziel plötzlich aufgehört zu schlagen«. Da gibt es »ein Meer sich überkreuzender Schienenstränge«, eine »kilometerlange Klagemauer« die das Leipziger Bahnhofsgelände zur Stadt hin begrenzt. Warum Klagemauer, die wähnt man doch eigentlich in Israel? Wir geraten schnell in einen Strom überraschender Bilder, manchmal gibt es dazu Erläuterungen, manchmal bleibt es uns Lesern überlassen: Wenn die Verwendung von Klagemauer dann so nebenbei erklärt wird, ist man irgendwie erleichtert. Mir ging es jedenfalls so! Für mich ist dieses Werk der zweite Kandidat für den Preis der Leipziger Buchmesse!

Seiler, Lutz: Stern 111: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518429259. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Leif Randt: Allegro Pastell

Leif Randt: Allegro Pastell

Auch hier sind wir sofort mittendrin, statt nur dabei: Jerome kokettiert mit seiner Rolle des überglücklichen heterosexuellen Partners von Tanja, die er am Bahnhof abholt und bereits in der U-Bahn küsst – Kusspause nennt er das. Wir erfahren ohnehin viel von Jerome selbst: Er hat volle Kontrolle über seine Mimik und freut sich darüber, dass er sich selbst unerträglich finden würde, könnte er sich von außen sehen. Er genießt es, dass er sich jederzeit entscheiden kann zwischen einer inneren Persönlichkeit und einer äußeren. Das erweckt Neugierde, was sich da wohl entwickeln wird mit und zwischen Tanja und ihm! Das könnte auch ein Kandidat sein, zumindest an dritter Stelle!

Randt, Leif: Allegro Pastell: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Kiepenheuer&Witsch. ISBN/EAN: 9783462053586. 22,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Maren Kames: Luna Luna

Maren Kames: Luna Luna

Es sei aus dem Klappentext zitiert: »Luna Luna« ist ein dunkler Text. Er ist rasend und atemlos und spricht von tief innen aus dem weit offenen Gaumenraum heraus. Es geht um die dünne Wand zwischen Traum und Trauma, um dünne Haut, um eine Gans aus Pappmaché und den Bären, den sich eine aufbindet.
Warum soll sich jemand selbst einen Bären aufbinden, was unsinnig ist, da er den Bären doch kennt? Das ist nicht dunkel, sondern Geschwafel. Was soll die dünne Wand zwischen Traum und Trauma sein? Was ist von Maren Kames‘ zu Pseudolyrik aufgeblasenem Text zu halten, in dem ein Ausschnitt lautet (Schrägstriche zeigen das Zeilenende an): es rauschte/ ich genoss/ und litt/ zeitgleich/ immerzu/ ich lachte/harsch und so weiter. Seitenlang! Würde man diese Schnipsel hintereinander setzen, hätte man einen ganz normalen Satz. Der Duden kennt kein gloriös, sondern nur ein glorios. Eine Steigerung wäre glorioser, die Autorin macht daraus gloriöser. Soll das eine schriftstellerische Leistung sein? Und die Ich-Schreiberlingin stellt fest, sie sei ziemlich lunar gewesen, also den Mond betreffend. Das verstehe, wer will!

Der Perlentaucher schreibt über die Kritik in der Süddeutschen Zeitung vom 28.12.2019: Wer sich auf dieses »wild ausufernde Langgedicht« einlässt, muss sich darauf gefasst machen, dass ihm der Sinn hinter dem Text immer wieder zu entgleiten droht, warnt Rezensent Samir Sellami. Was aber, wenn da weder ein Sinn hinter noch in diesem Text stünde, auch nichts rast oder Atemnot verursacht? Für mich ist das albernes l’art pour l’art, also pseudo-poetisches Wortgeklingel, das sage und schreibe 35€ kostet …

Maren Kames: Luna Luna. Gebundene Ausgabe. 2019. Secession Verlag für Literatur. ISBN/EAN: 9783906910673. 35,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Malte Bremer

Nachtrag vom 06.03.2020:
Gewinner werden im Radio bekannt gegeben

Wie die Leipziger Buchmesse und der Deutschlandfunk soeben bekannt geben,  werden die drei Preisträger in den Kategorien Übersetzung, Sachbuch/Essayistik und Belletristik in der zweistündigen Sondersendung »Lesart« am 12. März ab 9.05 Uhr vorgestellt. Zu Gast in der Sendung sind der Jury-Vorsitzende Jens Bisky und weitere Mitglieder des siebenköpfigen Auswahlgremiums.

Nachtrag: »So peinlich wie nur möglich«

FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus kritisiert Verkündung des Preises der Leipziger Buchmesse im Radio (Zum Bericht) »

2 Kommentare

  1. Interessant. Die von Männern geschriebenen Bücher werden als gut, die von Frauen als schlecht eingestuft. Ich beobachte und recherchiere weiter. Sexismus in der Buchbranche ist und bleibt ein wichtiges Thema.

    • Gemäß Ihrer simplen Logik haben wir Malte Bremers Besprechungen der Vorjahre einmal für Sie angeschaut, beobachtet und recherchiert. Wir betrachten das Verhältnis von guten zu schlechten Besprechungen und das Geschlechterverhältnis (Frauen zu Männer), um so knallhart und mathematisch unwiderlegbar aufzuzeigen, in welchen Jahren unser Kritiker frauen- und männerfeindlich geurteilt hat:

      • 2019 war Malte Bremer männerfeindlich! (50:50//34:66)
      • 2018 war Malte Bremer frauenfeindlich! (34:66//100:0)
      • 2017 war Malte Bremer frauenfeindlich! (34:66//50:50)
      • 2016 erfolgte keine Kritik
      • 2015 war Malte Bremer frauenfeindlich! (50:50//66:34)
      • 2014 war Malte Bremer männerfeindlich! (100:0//50:50)

       
      Rechnen wir 2020 mit, so war Malte Bremer also viermal frauenfeindlich und zweimal männerfeindlich. Verdammt! Sie haben Recht! Was sollen wir künftig machen? Soll Malte Bremer schlechte Bücher von Frauen grundsätzlich besser finden? Oder gute Bücher von Männern grundsätzlich schlechter?

      Leider zeigen die Zahlen aber auch, dass bereits die Shortlist selbst frauenfeindlich ist, denn es waren in diesen Jahren immer mehr Männer als Frauen nominiert. Statistisch gesehen gibt es also mehr Männerbücher zum Besserfinden. Berücksichtigt man diesen Faktor, so sind die Besprechungen von Malte Bremer in sich wieder ausgewogen.

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