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»So peinlich wie nur möglich« – FAZ-Literaturchef kritisiert Verkündung des Preises der Leipziger Buchmesse

Leere Gänge der Leipziger Buchmesse. Da die Messe abgesagt wurde, fand die Preisverkündung des Preises der Leipziger Buchmesse im Radio statt.
Leere Gänge der Leipziger Buchmesse. Da die Messe abgesagt wurde, fand die Preisverkündung des Preises der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr im Radio statt.

»Wie konnte diese Peinlichkeit passieren?«, fragt sich Andreas Platthaus, Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Damit meint er nicht die Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse, sondern die diesjährige Verleihungszeremonie. Tatsächlich muss man sich fragen, warum Deutschlandfunk Kultur so eine billige Radiosendung zusammengezimmert hat.

Wegen der Corona bedingten Absage der Leipziger Buchmesse wurden die Gewinner nicht in der Glashalle des Messegeländes in Leipzig, sondern aus Berlin im Radio auf Deutschlandfunk Kultur verkündet. Bereits nach der Absage der Messe hatte Messe-Direktor Oliver Zille angekündigt, dass man die drei Gewinnerinnen und Gewinner in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung auf jeden Fall in einem geeigneten alternativen Rahmen am 12. März bekanntgeben wolle.

Rahmen und Partner waren schnell gefunden: Der Deutschlandfunk bot die Verkündung der Preisträger im Radio an. Deutschlandfunk Kultur ist ohnehin Programmpartner der Messe, und eine Radiosendung bietet ohne Frage die beste Öffentlichkeit bei minimaler Corona-Ansteckungsgefahr. Und so wurden die Gewinner gestern morgen kurz nach 9 Uhr in der Sendung »Lesart« bekannt gegeben.

Andreas Platthaus hat die Sendung gar nicht gefallen, wie er in einem Kommentar schreibt. Der Deutschlandfunk habe sich wenig Arbeit gemacht, meint Platthaus. »Wie dieses Nichts an Zeremonie auf 55 Minuten Sendedauer gestreckt wurde, darüber möchte man lieber schweigen«, schreibt Platthaus weiter, um natürlich nicht darüber zu schweigen. Die lieblose und peinliche Sendung habe daher zwar drei Gewinner gekürt, und dennoch wurden die 15 nominierten Titel nicht entsprechen gewürdigt und es gäbe somit 15 Verlierer, da sie »um ihre großen Momente betrogen« wurden.

Im Podcast des Deutschlandfunks kann man sich die Sendung noch anhören. Tatsächlich wirkt sie irritierend laienhaft. Bisweilen hat man den Eindruck, man hört die Tonspur einer Medienpreisverleihung im Fernsehen.

Allen Ernstes hat man beim Deutschlandfunk zur Vorstellung der Nominierten die Tonspur der Video-Trailer abgespielt, die für die Veranstaltung auf der Messe angefertigt waren. So hört man in üblicher Art und Weise die Nominierten und andere mit kurzen Zitaten, aber als Radiohörer weiß man gar nicht, wer da worüber spricht. Hinzu kommt die billige Musik, die großes Oscar-artiges Flair verbreiten soll und doch nach Kaufhaus klingt. Heute im Angebot, der neue Lutz Seiler zum Sonderpreis!

Mit Messedirektor Oliver Zille – der traditionell bei der Verleihung begrüßt – wurde alternativ kein Telefoninterview geführt, sondern eine akustisch qualitativ schlechte Audio-Botschaft abgespielt, als hätte er sie per WhatsApp-Sprachnachricht ins Studio geschickt. Das klang wie die Mitteilung eines Politikers im Asyl, in die Moderator Joachim Scholl auch noch drübersprach als Zille noch gar nicht am Ende war.

Platthaus bemängelt, dass weder alle Jury-Mitglieder noch die Nominierten oder Gewinner im Studio anwesend waren, wie es in der Regel bei der Preisverleihung auf der Messe der Fall ist.

Tatsächlich waren nur drei Jury-Mitglieder da, die in gewohnt schlechter Weise die Jury-Begründung vom Blatt ablasen. Die hätte man doch in diesem Fall wirklich von einem Profi-Sprecher vortragen lassen können. Knisternd durfte Moderator Scholl die Umschläge öffnen (»Das kriegt man ja kaum auf!«).

Man hatte im Radio die Chance und die Zeit, alle Nominierten ausführlich zu besprechen und vorzustellen, schließlich dürften sich die Literaturredakteure des Senders eingehend mit ihnen beschäftigt haben. Man hätte die Gewinner würdevoll verkünden können, ohne Kaufhausmusik und theatralischem Papiergeknister. Man hätte die Juryarbeit transparenter machen können und nicht mit lapidaren Fragen behandeln wie: »Gab es auch Streit?«

»Das war lieblos und ohne jede Dramatik«, urteilt FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus. Seiner Meinung nach hätte man das auch in fünf Minuten abhandeln können, anstatt es auf 55 Minuten zu strecken.

So sehen wir uns im nächsten Jahr dann hoffentlich alle unter der Glaskuppel in Leipzig wieder. Mit der akustischen Umsetzung im Radio hat der Deutschlandfunk leider die Chance auf eine adäquate und würdevolle Adaption der Preiszeremonie vertan.

Die Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2020

Mit Links zur Begründung auf preis-der-leipziger-buchmesse.de

1 Kommentar

  1. So schlimm fand ich es nun auch wieder nicht. In dieser Zeit muss ganz viel improvisiert werden: man kann nicht viele Personen zusammenholen. Die Kultur muss auch ein Sparprogramm fahren.
    Wir können nicht so tun, als ob wir das volle Programm machen können. Eine gewisse Bescheidenheit und Beschränkung sollte jede/r verstehen. Es kommen wieder Zeiten, in denen
    alle “in die Vollen” gehen werden und Eitelkeiten ausgelebt werden. Ich habe jedenfalls gleich
    “Unterleuten” gekauft.
    Martin Holtermann, Magdeburg, Buchhändler i.R.

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