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Bachmannpreis 2026: Jury-Wertung veröffentlicht – Kastbergers Kandidaten-Pech

Ingeborg, die Gewinner-Statue aus Bronze, wartet im Studio auf die Jury-Abstimmung (Foto: Tischer)
Ingeborg, die Gewinner-Statue aus Bronze, wartet im Studio auf die Jury-Abstimmung (Foto: Tischer)

Vier Tage nach Vergabe des Bachmann-Preises 2026 an Lena Schätte wurde vom ORF die bislang geheime Punkteliste der Jury-Abstimmung veröffentlicht. Diesmal war keine Stichwahl erforderlich, es konnte kaum taktiert werden und dennoch gibt es ein paar bemerkenswerte Dinge zu beobachten.

Die Preisträger der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur (von links): Kinga Tóth (Kelag-Preis), Magdalena Schrefel (3sat-Preis), Bachmannpreisträgerin Lena Schätte (zugleich Publikumspreis) und Ozan Zakariya Keskinkılıç (Deutschlandfunk-Preis) (Foto: Tischer)
Die Preisträger der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur (von links): Kinga Tóth (Kelag-Preis), Magdalena Schrefel (3sat-Preis), Bachmannpreisträgerin Lena Schätte (zugleich Publikumspreis) und Ozan Zakariya Keskinkılıç (Deutschlandfunk-Preis) (Foto: Tischer)

Lena Schätte gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis 2026 mit deutlichem Abstand. Anders als bei vielen anderen Literaturpreisen gibt es in Klagenfurt keine abschließende Jurydiskussion. Die sieben Jurymitglieder vergeben am Sonntag auf Basis der öffentlichen Diskussionen der Vortage in einer zunächst geheimen Abstimmung Punkte von 5 (höchste Wertung) bis 1 an die ihrer Meinung nach fünf besten Lesenden – für die beiden jeweils selbst Eingeladenen dürfen sie dabei nicht stimmen. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Es folgen nach Rangfolge der Kelag-, Deutschlandfunk- und 3sat-Preis.

Die genaue Punktewertung veröffentlicht der ORF den Statuten des Wettbewerbs entsprechend kurz darauf auf der Website des Bewerbs. In diesem Jahr ließen die Zahlen etwas länger auf sich warten: Abgestimmt wurde am Sonntag, die Punkte waren erst am Donnerstagabend nachzulesen.

Die Punktevergabe der Jury

Thomas Strässle:
5 Kinga Tóth
4 Ozan Zakariya Keskinkılıç
3 Derya Uzun
2 Jovana Reisinger
1 Fiona Sironic

Mara Delius:
5 Lena Schätte
4 Gesche Heumann
3 Magdalena Schrefel
2 Kinga Tóth
1 Seraina Kobler

Laura de Weck:
5 Lena Schätte
4 Ozan Zakariya Keskinkılıç
3 Seraina Kobler
2 Kinga Tóth
1 Caroline Rosales

Klaus Kastberger:
5 Kinga Tóth
4 Derya Uzun
3 Magdalena Schrefel
2 Christoph Szalay
1 Ozan Zakariya Keskinkılıç

Brigitte Schwens-Harrant:
5 Magdalena Schrefel
4 Lena Schätte
3 Ozan Zakariya Keskinkılıç
2 Derya Uzun
1 Gesche Heumann

Mithu Sanyal:
5 Lena Schätte
4 Kinga Tóth
3 Ozan Zakariya Keskinkılıç
2 Magdalena Schrefel
1 Gesche Heumann

Philipp Tingler:
5 Lena Schätte
4 Kurt Prödel
3 Caroline Rosales
2 Jovana Reisinger
1 Christoph Szalay

Die Rangfolge nach Punkten

In Klammern das jeweils einladende Jurymitglied:

  1. Lena Schätte (Thomas Strässle) – 24 Punkte
    Bachmann-Preis (30.000 Euro)
  2. Kinga Tóth (Brigitte Schwens-Harrant) – 18 Punkte
    Kelag-Preis (15.000 Euro)
  3. Ozan Zakariya Keskinkılıç (Mara Delius) – 15 Punkte
    Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro)
  4. Magdalena Schrefel (Laura de Weck) – 13 Punkte
    3sat-Preis (7.500 Euro)
  5. Derya Uzun (Mithu Sanyal) – 9 Punkte
  6. Gesche Heumann (Philipp Tingler) – 6 Punkte
  7. Seraina Kobler (Philipp Tingler) – 4 Punkte
    Kurt Prödel
    (Thomas Strässle) – 4 Punkte
    Jovana Reisinger (Mara Delius) – 4 Punkte
    Caroline Rosales
    (Mithu Sanyal) – 4 Punkte
  8. Christoph Szalay (Brigitte Schwens-Harrant) – 3 Punkte
  9. Fiona Sironic (Laura de Weck) – 1 Punkt
  10. Wolfgang Popp (Klaus Kastberger) – 0 Punkte
    Slata Roschal (Klaus Kastberger) – 0 Punkte

Von wie vielen Jurymitgliedern kamen die Punkte?

Neben der reinen Punktzahl ist aufschlussreich, von wie vielen verschiedenen Jurymitgliedern die Punkte kamen. Da wie erwähnt nicht für die eigenen Kandidaten gestimmt werden darf, wäre sechs die Maximalzahl.

Von fünf Jurymitgliedern: Lena Schätte, Kinga Tóth, Ozan Zakariya Keskinkılıç
Von vier: Magdalena Schrefel
Von drei: Derya Uzun, Gesche Heumann
Von zwei: Seraina Kobler, Jovana Reisinger, Caroline Rosales, Christoph Szalay
Von einem: Kurt Prödel, Fiona Sironic
Von keinem: Wolfgang Popp, Slata Roschal

Interessant ist die Punktzahl für Ozan Zakariya Keskinkılıç: Er bekam von ebenso vielen Jurymitgliedern Punkte wie Schätte und Tóth, blieb in der Gesamtwertung aber zurück, weil ihm eine Höchstnote fehlte – er erhielt keine 5 Punkte. Breite Zustimmung und hohe Punktzahl sind also nicht dasselbe. Magdalena Schrefel wiederum reichten für ihren Preis die Stimmen von vier Jurymitgliedern, weil darunter eine Höchstwertung war.

Eindeutiges Ergebnis ohne Stichwahl

Festzustellen ist, wie klar sich in diesem Jahr das Feld an der Spitze ordnet. Zwischen dem vierten Platz (Magdalena Schrefel, 13 Punkte) und dem fünften (Derya Uzun, 9 Punkte) liegen deutliche vier Punkte Abstand. Die vier Preisträger setzen sich damit deutlich vom übrigen Feld ab, eine Stichwahl war anders als 2025 nicht nötig, da auf keinem Preisrang Punktgleichheit herrschte und mindestens 2 Punkte Abstand bestand. Lena Schätte wiederum liegt deutlich mit 24 Punkten auf Platz 1 vor der zweitplatzierten Kinga Tóth mit 18 Punkten.

Kastbergers Kandidaten ohne Punkte

Klaus Kastberger (Foto: Johannes Puch/ORF)
Klaus Kastberger (Foto: Johannes Puch/ORF)

Bemerkenswert ist auch, wer gar keine Punkte bekam. Die beiden einzigen Lesenden ohne Punkte wurden vom scheidenden Juryvorsitzenden Klaus Kastberger eingeladen.

Slata Roschal hatte nach ihrer Lesung das Studio verlassen, ohne sich der Jurydiskussion zu stellen. Diesen als unhöflich empfundenen Abgang hat die Jury entsprechend abgestraft. Vom Vorwurf einer Vorabveröffentlichung hatte der ORF-Justiziar sie zuvor ausdrücklich freigesprochen. Wolfgang Popp, Kulturredakteur bei Ö1, wurde in der Diskussion als sympathischer, freundlicher Autor gelobt. Sein ironischer Metatext über den Bachmann-Preis war der Jury dann aber offenbar zu wenig originell.

Der scheidende Jury-Vorsitzende verabschiedet sich mit einer schwachen Einlader-Bilanz.

Kastberger ließ die Siegerin aus

Klaus Kastberger hatte umgekehrt als einziger keinen Punkt für die Siegerin vergeben (der einladende Thomas Strässle durfte ja nicht). Kastbergers Höchstwertung ging an Kinga Tóth. Da nach Meinung vieler Beobachter sowohl Schätte als auch Tóth vor der Abstimmung als Favoriten gehandelt wurden, könnte natürlich vermutet werden, dass Kastberger Schätte bewusst keine Punkte gab, um Tóths Chancen auf den Gewinn zu erhöhen. Sollte dies der Fall gewesen sein, ging dieser Plan jedoch aufgrund des eindeutigen Punktvorsprungs für Schätte nicht auf.

Lena Schätte kommt auch ohne Kastberger Hilfe auf 24 Punkte und damit sogar auf einen mehr als Natascha Gangl im Vorjahr. Vier der sechs möglichen Jurymitglieder gaben Schätte 5 Punkte (Mara Delius, Laura de Weck, Mithu Sanyal, Philipp Tingler), Brigitte Schwens-Harrant vergab 4.

Mithu Sanyal stimmt normal

Auffällig war in den Vorjahren die Wertung von Mithu Sanyal. In den Vorjahren vergab sie ihre Höchstpunkte oft an Außenseiter, die sonst kaum Punkte bekamen. In diesem Jahr stimmte sie durchweg mehrheitsfähig: 5 an Lena Schätte, 4 an Kinga Tóth, 3 an Ozan Zakariya Keskinkılıç, 2 an Magdalena Schrefel, 1 an Gesche Heumann – nahezu die Reihenfolge des Gesamtergebnisses. Ob sie ihr Muster geändert hat oder die Preisträgerinnen und Preisträger diesmal einfach ihrem Geschmack entsprachen, bleibt offen.

Eigenwilliger Tingler

Philipp Tingler war der eigenwilligste Wähler: Außer Lena Schätte findet sich auf seiner Liste (Kurt Prödel, Caroline Rosales, Jovana Reisinger, Christoph Szalay) kein Name der anderen Preisträger. Kurt Prödels vier Punkte stammen ausschließlich von ihm.

Derya Uzun war mit 9 Punkten der stärkste Text jenseits der Preisränge. Die Punkte kamen von Klaus Kastberger (4), Thomas Strässle (3) und Brigitte Schwens-Harrant (2).

Fazit

Am stärksten fällt Klaus Kastberger auf: Der scheidende Vorsitzende ließ die Siegerin bei der Punktvergabe aus und hat mit Slata Roschal und Wolfgang Popp zugleich die beiden einzigen Lesenden eingeladen, die ohne Punkt blieben. Für Lena Schätte dagegen fiel das Votum ungewöhnlich klar aus. Sie ist die eindeutige Gewinnerin des Jahres 2026.

Wolfgang Tischer

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