StartseiteBachmannpreis 2026Medienblick zum Bachmannpreis: Wie war's und wird's weitergehen?

Medienblick zum Bachmannpreis: Wie war’s und wird’s weitergehen?

Die vier Preisträger der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur (von links): Kinga Tóth (Kelag-Preis), Magdalena Schrefel (3sat-Preis), Bachmannpreisträgerin Lena Schätte (zugleich Publikumspreis) und Ozan Zakariya Keskinkılıç (Deutschlandfunk-Preis) am Sonntagabend im Radiostudio des ORF in der Sendung »Extrazimmer« (Foto: Tischer)
Die vier Preisträger der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur (von links): Kinga Tóth (Kelag-Preis), Magdalena Schrefel (3sat-Preis), Bachmannpreisträgerin Lena Schätte (zugleich Publikumspreis) und Ozan Zakariya Keskinkılıç (Deutschlandfunk-Preis) am Sonntagabend im Radiostudio des ORF in der Sendung »Extrazimmer« (Foto: Tischer)

Die Gewinner-Texte der 50. Ausgabe des Bachmannpreises sind gekürt. Zum Doppeljubiläum waren ungewöhnlich viele Medienvertreter nach Klagenfurt gereist. Ein Überblick, wie andere den Jubiläumsjahrgang bewerten und wie man die Zukunft der »Tage der deutschsprachigen Literatur« einschätzt.

Gestraffte Eröffnung, Rede gegen das Klischee

Schon die Eröffnung begann mit einer Premiere. Erstmals übertrug 3sat die Abendveranstaltung live von 19.00 bis 20.15 Uhr im Fernsehen. Bislang konnte man sie nur per Web-Stream verfolgen. Das Sendefenster zwang zur Kürzung: Die Lesereihenfolge war bereits am Vorabend ausgelost worden, die Grußworte der Sponsoren liefen nur noch als kurze Einspielfilme. Gerrit Bartels begrüßt im Tagesspiegel diese »wohltuende Straffung« der zuvor oft langwierigen Eröffnungsrituale.

Der scheidende Juryvorsitzende Klaus Kastberger nutzte sein Eröffnungsstatement »Wunder geschehen«, um die höhere Dotierung und den wiederbelebten Nachwuchs-Literaturkurs zu würdigen – und die Politik zu mahnen, nicht bei den Schwächsten zu sparen.

Die Straffung hatte allerdings ihren Preis, den Bartels zugleich benennt: Ausgerechnet Schuberts Rede habe unter dem Sendekorsett gelitten. Von den rund zwanzig Minuten, die Helga Schubert für ihre »Klagenfurter Rede zur Literatur« vorgesehen waren, trug sie auf der Bühne nur etwa die Hälfte vor. Die vollständige, 37-minütige Fassung lässt sich online und gedruckt nachholen.

Bedauerlich findet Bartels die Kürzung gerade deshalb, weil die Rede Gewicht habe. Er lobt sie ausdrücklich. Unter dem Titel »Und führe uns nicht in Versuchung« wandte sich Schubert, Bachmannpreisträgerin 2020, gegen die Reduktion Ingeborg Bachmanns auf das Spektakuläre ihrer Biografie – auf Nachthemd und Zigarette, auf die Briefwechsel mit Max Frisch und Paul Celan. Sie wolle Bachmanns Sprachkunst rühmen, nicht den Mythos.. Eingewoben waren Stationen ihres eigenen Bachmannpreis-Erfahrung, etwa die 1980 von der DDR verweigerte Ausreise zum damals geplanten Auftritt in Klagenfurt.

Den Eröffnungsabend haben wir im Podcast unmittelbar danach besprochen; das ausführliche Gespräch mit Helga Schubert ist in der Folge zum ersten Lesetag zu hören.

Ein starker Jahrgang? Die Urteile gehen auseinander

Die wohlwollenden Stimmen sehen einen guten Jahrgang. Paul Jandl beschreibt in der NZZ einen Wettbewerb, der sich von der Last der großen Gegenwartsthemen gelöst habe: Die Texte trügen ihre schweren Stoffe leicht. Auch in der taz sind Julia Hubernagel und Yannic Walter angetan und stellen unter dem Titel »In frontaler Opposition zu allem« fest, das Niveau habe über dem des Vorjahres gelegen – bei 13 von 14 Eingeladenen mit bereits veröffentlichten Büchern. Am enthusiastischsten urteilt die ZEIT: Adam Soboczynski sieht einen »fulminanten Wettbewerb« und nennt die Siegerwahl »herausragend«.

Andere urteilen nüchterner.

Bei SWR Kultur nennt Christoph Schröder im »lesenswert Magazin« den Ausgang vorhersehbar und die Texte insgesamt »eher mittelmäßig«. Am deutlichsten wird Jan Wiele in der FAZ. Er diagnostiziert eine »Retromanie« des Wettbewerbs, eine Neigung zu immer denselben Mustern: Geschichten vom Sterben und von Grenzregionen, performative Texte, der ironische Metatext über den Literaturbetrieb. Sein Fazit: Im Jubiläumsjahr habe oft der Eindruck überwogen, »dass die Jury besser war als die Texte«.

Bei aller Uneinigkeit über das Niveau fällt der Grundton übereinstimmend auf. Die ZEIT registriert eine selten erlebte Schwermut und deutet die neue Ernsthaftigkeit als literarische Reaktion auf die Krisen der Gegenwart. Selbst ein kurioses Detail fügt sich ins Bild: In auffällig vielen Texten tauchen Flecken auf, was taz wie ZEIT eigens vermerken.

In einem Punkt sind sich am Ende fast alle einig: Die Jury stimmte ungewöhnlich geschlossen ab. In der Berliner Zeitung hebt Cornelia Geißler hervor, dass die Punkte klar verteilt waren und keine Stichwahl nötig wurde.

Lena Schättes Doppelsieg – und ein übergangener Favorit

Im Zentrum aller Berichte steht natürlich die Gewinnerin Lena Schätte. Mit ihrem Text »Was wir tragen« gewann sie Haupt- und Publikumspreis, wie im Vorjahr Natascha Gangl. Von der Geschichte zweier übergewichtiger Mädchen, die in der Schule zusammenhalten, zeigten sich Jury und Publikum laut FAZ ziemlich einhellig begeistert. Die Laudatio-Wendung Thomas Strässles von der »existenziellen Wucht« wird von nachtkritik bis hin zu den Agenturen breit zitiert. Der Text sei laut ZEIT ein »Ausweis seiner Klasse« und Adam Soboczynski vergleicht Schättes harte Milieuschilderung mit dem frühen Ralf Rothmann oder mit Angelika Klüssendorf.

Als unangefochtene Siegerin sieht sie dennoch nicht jeder. Die taz findet, den Hauptpreis hätte ebenso Ozan Zakariya Keskinkılıç verdient, der für »Vater ohne Sohn« am Ende den Deutschlandfunk-Preis erhielt.

Wie Albert Otti in seiner dpa-Bilanz anmerkt, kreisen mehrere der ausgezeichneten Texte um »Frauenkörper und weibliche Selbstbestimmung«: neben Schätte auch Kinga Tóths »OstblockMädl« (Kelag-Preis) und Magdalena Schrefels Brustkrebs-Erzählung (3sat-Preis). Die FAZ bedauert zudem, dass zwei starke Arbeiten leer ausgingen: Derya Uzuns »Fragmente eines Suizids« und Gesche Heumanns nur zwei Seiten lange Miniatur »Das tiefe Gesicht«.

Eine Jury, die sich selbst zitiert

Auffällig oft geht es in diesem Jahr um die Jury selbst. Ihren Ton loben mehrere als konstruktiv: Die taz etwa fühlt sich streckenweise eher in eine »Schreibwerkstatt« versetzt als in den bedeutendsten Bewerb des deutschsprachigen Raums, und die ZEIT verfolgt die eingespielte Runde mit sichtlichem Vergnügen.

Die FAZ beschreibt eine Runde, die ihre eigenen Rollen inzwischen ironisiert: die oft als »Eiskönigin« apostrophierte Mara Delius ebenso wie Philipp Tingler, der den strengen Kritiker erst ablegen wollte und dann doch wieder hervorholte.

Wiederkehrend ist die alte Frage, ob das öffentliche Zergliedern der Texte vor den anwesenden Autoren einem Tribunal gleiche – eine Debatte, die auch in diesem Jahr wieder aufkam.

Im Mittelpunkt der Jury-Betrachtung steht zudem ein Abschied. Klaus Kastberger verlässt die Jury nach zwölf Jahren, drei davon als Vorsitzender. Die ZEIT attestiert ihm Witz und kräftige Bühnenpräsenz und hält fest, man werde ihn vermissen. Im Podcast des literaturcafe.de zieht er in einem ausführlichen Interview Bilanz. Auf Seiten des Organisators ORF scheiden außerdem Chef-Organisator Horst L. Ebner nach 14 Jahren und ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard aus. Wer den Vorsitz in der Jury übernimmt, ist offen. Solche Neubesetzungen werden gewöhnlich erst im Dezember bekanntgegeben.

Die Frage nach der Zukunft

Auch das Stellen der Existenzfrage des Preises gehört wieder zur Berichterstattung dazu. Vor dem Bewerb stand die Finanzierung auf der Kippe: Der Standard berichtet, Klagenfurt sei ohne beschlossenes Budget und nur mit Zwölftelregelung ins Jahr gegangen, das Preisgeld zunächst nicht gesichert gewesen.

Inzwischen sei die Lage entspannter. Die taz meldet, die Sparpläne seien vorerst vom Tisch, eine 51. Ausgabe somit wahrscheinlich. news.at erinnert daran, dass das Gerede vom Ende beim Bachmannpreis Tradition habe, und zitiert Kastberger mit der Aussage, es werde den Preis noch lange geben.

Ob der Wettbewerb für die Gegenwart zu lang(sam) und zu elitär sei, dieser Frage tritt Kastberger auf news.ORF.at entgegen: Gerade die ruhige, langsame Lektüre sei in aufgeregten Zeiten ein Wert. Dass die Texte heute fast nur noch »Ich-Texte« seien, vermerkte er mit Skepsis.

Die Rückschau übernahm der Deutschlandfunk, der in einer Live-Sondersendung aus dem Musil-Museum auf 50 Jahre Wettlesen zurückblickte. Die frühere Jurorin Daniela Strigl dämpfte die Feststimmung mit dem Hinweis, die Ergriffenheit über einen Text sei oft von kurzer Dauer.

Geregelt ist immerhin laut Veranstalter die Sponsorennachfolge: Den Publikumspreis stiftet nach dem Ausscheiden der BKS Bank ab 2027 die Kärntner Sparkasse.

Ein Abgang und zwei Verdachtsfälle

Für den meisten Gesprächsstoff jenseits der Preise sorgte Slata Roschal. Wie zuvor im Interview in der Süddeutschen Zeitung angekündigt, stand sie unmittelbar nach ihrer Lesung auf und verließ das Studio, ohne sich der Jurydiskussion zu stellen.

Ob das der Sache nützte oder unhöflich war, beurteilen die Medien unterschiedlich. Die taz hält ihre Kritik an der prekären Lage vieler Autoren für berechtigt, ihr Zögern bei der Frage nach dem Teilen eines Preisgeldes jedoch für wenig überzeugend. In der Jury nannte Mithu Sanyal die Geste konsequent, Philipp Tingler entgegnete, man dürfe sich der Diskussion nicht entziehen. Die ZEIT wiederum hält den Abgang für unnötig: Gerade in diesem Jahr werde kaum kritisiert und fast alles gelobt – wobei längst nicht jeder gefeierte Text ein Meisterwerk sei. Wirksam war der Auftritt, unumstritten nicht. Besprochen haben wir ihn im Podcast direkt nach dem ersten Lesetag.

Der zweite diskutierte Punkt war juristischer Natur. Bei zwei Texten stand der Verdacht im Raum, sie seien vorab veröffentlicht worden – bei Slata Roschal und bei Caroline Rosales. Der ORF-Justiziar prüfte und sah in beiden Fällen keinen Verstoß gegen die Statuten; beide blieben im Wettbewerb. Wir haben beide Fälle ausführlich analysiert.

Quellen

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1 Kommentar

  1. Endlich ist seit 17.36 Uhr die Punkteverteilung der Jury online. Interessant, dass Herr Kastberger Lena Schätte 0 Punkte gegeben hat, während sie bei allen anderen an 1. oder 2. Stelle Punkte bekam, außer bei Herrn Strässle, der aber weil Vorschlagender, da nicht mitstimmen durfte. Insgesamt also ein haushoher Sieg.

    Slata Roschal wurde wohl ob ihrer Aufmüpfingkeit mit 0 Punkten insgesamt abgestraft, desgleichen der freunliche Herr Popp. Und beide wurden von Herrn Kastberger nominiert.

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