
Eine Autorin, die man kaum auf Lesungen sieht, die Bühnen meidet und Interviews scheut, erhält die höchste literarische Auszeichnung des Landes: Christine Wunnicke bekommt den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis 2026.
Als Christine Wunnicke im Herbst 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert war, wollte sie zur Verleihung nach Frankfurt eigentlich gar nicht erst anreisen. Dabei wird es stillschweigend erwartet, dass die Autorinnen und Autoren der Shortlist im Publikum sitzen. Erst mit viel Zureden ließ sich Wunnicke überzeugen, nach Frankfurt zu kommen. Den Deutschen Buchpreis gewann sie 2025 nicht.
Jetzt bekommt Christine Wunnicke den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht der Münchner Schriftstellerin den Georg-Büchner-Preis 2026. Ob sie zur Preisverleihung und Dankesrede im Herbst erscheinen wird?
Die Jury würdigt ein »stets überraschendes und souverän konzipiertes Erzählwerk«, das an Schauplätzen wie Hollywood, Nagasaki oder Paris angesiedelt ist, und lobt die »unbeirrbare Arbeit eines Vierteljahrhunderts«. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird am 24. Oktober 2026 im Staatstheater Darmstadt überreicht, die Laudatio hält Judith Schalansky.
Von der Max-Planck-Verwaltung zur Wissenschaftssatire
Christine Wunnicke wurde am 29. September 1966 in München geboren. Sie studierte Linguistik, Altgermanistik und Psychologie in Berlin und Glasgow. Danach, so berichtete der Tagesspiegel zur Preisverleihung, verschlug es sie für einige Jahre in die Verwaltung der Max-Planck-Gesellschaft – ein Ausflug ins Wissenschaftssystem, von dem ihre Romane bis heute zehren, wenn sie Forscher, Sammlerinnen und Sonderlinge durch Archive und Institutionen schickt.
Seit 1991 arbeitet Wunnicke als freie Autorin, zunächst vor allem fürs Radio: Sie schreibt Features und Hörspiele, darunter eines über Andy Warhol und eines über die Anfänge des amerikanischen Punk. 1998 gewinnt sie mit »Nothschrei eines Magnetisch-Vergifteten« den Internationalen Hörspielpreis des Kroatischen Rundfunks. Daneben übersetzt sie aus dem Englischen, unter anderem E. M. Forster und Ronald Firbank, und übertrug später auch barocke englische Dichtung.
Ihr erster Roman, »Fortescues Fabrik«, erscheint 1998, im Zentrum steht ein schwules Paar. Es folgen »Jetlag« (2000), die Biografie »Die Nachtigall des Zaren« über den Kastratensänger Filippo Balatri (2001) und der im barocken London angesiedelte Roman »Die Kunst der Bestimmung« (2003). 2008 kündigt ihr Verlag »Serenity« als »ultimative literarische Internet-Groteske« an.
Wissenschaftler, Séancen und ein queerer Blick
Gemeinsamkeiten in Wunnickes Werk zu finden, ist nicht ganz einfach. Selbst die Jury des Georg-Büchner-Preises spricht lieber von »Verblüffungskraft« und »unbekümmertem Eigensinn«. Ein roter Faden lässt sich trotzdem ziehen: Wunnicke interessiert sich für Wissen, das noch nicht gesichert ist – für Forscherinnen und Forscher, Entdecker und Sonderlinge, die sich im Zweifel zwischen Erkenntnis und Spiritismus verlaufen.
In »Katie« (2017) etwa arbeitet der britische Wissenschaftler William Crookes mit dem Medium Florence Cook zusammen, das sich irgendwann mit eigener Séancen-Show und Sekretärin selbstständig macht. In »Die Dame mit der bemalten Hand« (2020) trifft der Forschungsreisende Carsten Niebuhr auf einen persischen Astronomen – eine Begegnung, die es so nie gab, aber hätte geben können. Der Roman bringt Wunnicke den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ein und erreicht Platz eins der SWR-Bestenliste. Im selben Jahr erhält sie zudem den Literaturpreis der Landeshauptstadt München für ihr Gesamtwerk.
Ein Jahr zuvor hatte sie die Annahme des Ernst-Hoferichter-Preises abgelehnt – als Protest gegen die gemeinsame Verleihung mit dem Karikaturisten Dieter Hanitzsch, der wegen einzelner Zeichnungen in der Kritik stand. Auch das passt zu einer Autorin, die sich von Betrieb und Bühne konsequent fernhält. »Ich habe vielleicht einen queeren Blick«, sagte sie einmal, laut Tagesspiegel, in einem ihrer seltenen Interviews – zurückhaltend formuliert, wie es zu einem Werk passt, das immer wieder von Doppelgängern, Grenzüberschreitungen und zweifelhaften Identitäten erzählt.
»Wachs« und der übliche Unsinn, den man spricht bei der Liebe
2025 erscheint »Wachs«, angesiedelt im Paris des 18. Jahrhunderts: Die Apothekerstochter Marie Biheron möchte Anatomie studieren und fertigt dafür lebensnahe Wachsmodelle menschlicher Organe, ihre Lehrerin ist die Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte. Der Roman findet große Aufmerksamkeit, steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und trägt Wunnicke den Jean-Paul-Preis für ihr Gesamtwerk ein. Außerdem zeichnet ihn die Darmstädter Jury »Buch des Monats« im Juni 2025 aus.
Wunnickes Ton bleibt dabei lakonisch, ihr Stil unprätentiös. Selbst wenn es zwischen ihren Figuren ernst wird, baut sie gern Distanz ein – etwa wenn es in »Wachs« über Liebeserklärungen heißt, man spreche dabei »den üblichen Unsinn«. Eine Haltung, die man auch bei ihr selbst wiederfindet, wenn sie sich Bühnen und Mikrofonen entzieht, während ihre Bücher längst ihren Weg zu den Leserinnen und Lesern finden.
Der 1951 erstmals von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergebene Georg-Büchner-Preis gilt als bedeutendste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum. Unter den bisherigen Preisträgerinnen finden sich Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek und im vergangenen Jahr Ursula Krechel. Mit Clemens J. Setz erhielt den Preis 2021 einer der jüngsten Preisträger überhaupt. Mehr dazu hier.
Wolfgang Tischer

