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Folge 106 vom 16. Juli 2007

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Ohne ein bestimmtes Ziel wanderten Stefan und Bettina über die hügeligen Wiesen unterhalb der Bergkette. Die unberührte Weite belebte Stefan und er vergaß, wie er sich noch eben von Bettina bedrängt gefühlt hatte. Ein Murmeltier pfiff, ließ sich aber nicht blicken. Stefan zeigte Bettina einen großen, in der Nähe eines Gipfels kreisenden Vogel und behauptete, der Vogel sei ein Adler.

Als er überlegte, umzukehren, um nicht in Sichtweite des Tauernhöhenweges zu gelangen, erkundigte sich Bettina nach der Stelle, bis zu der er mit der kleinen Engländerin gegangen war. Das war ein guter Grund, die Richtung zu wechseln; eifrig machte er sich auf die Suche, aber ein Hügel ähnelte dem anderen und die Aussicht auf den Priacher auf der gegenüber liegenden Seite des Tales blieb unverändert und lieferte keinen Anhaltspunkt. Schließlich behauptete er auf dem nächstbesten Buckel, hier sei es gewesen. Bettina blieb stehen, und als er schon an eine Schweigeminute glaubte, hielt sie ihm das Zifferblatt ihrer Armbanduhr hin.

Ist das eine Theatervorstellung? fragte er sich. Sollte er erschrecken und hastig zum Aufbruch blasen? Schlagartig änderte sich seine Stimmung.

»Es ist Zeit.« Mehr sagte er nicht.

Den Abstieg brachte er einsilbig hinter sich. An der Hütte erreichte seine Anspannung einen Höhepunkt, bei dem er sich am liebsten übergeben hätte.

»Wie lange benötigen wir zum Einpacken?« fragte Bettina und schloss die Hüttentür hinter sich.

»Eine Stunde, vielleicht anderthalb. Putzen ist nicht notwendig, aber der Ofen muss gesäubert werden.« Seine Stimme klang gequält und er hätte sich dafür ohrfeigen können. Verdammt! schrie er sie in Gedanken an, sag schon, dass wir jetzt aufbrechen!

»Ich bin hungrig, mit richtigem Appetit. Würden Sie es nicht missverstehen, wenn ich vorschlage, erst morgen zu fahren?«

Er beugte sein Gesicht zur Ofenklappe, schloss die Augen unter der geballten Wucht der befreiten Gefühle und zog mit aufeinander gebissenen Zähnen eine Grimasse. Mit jedem Tag, den sie freiwillig blieb, schmolz die Bürde der Entführung wie der Schnee draußen an den Hängen.

»Es ist Ihre Entscheidung«, sagte er. »Ich wollte die ganze Woche bleiben und wäre heute nur gefahren, um Sie zurückzubringen. Sie sind herzlich willkommen.«

Er fachte das Feuer an und besprach mit ihr das Essen. Viel auszuwählen gab es nicht, denn ohne Kühlschrank musste gegessen werden, was ansonsten zu verderben drohte. Bettina deckte den Tisch und setzte Reis im Wasserbad auf.

Folge 105 vom 15. Juli 2007

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»Ich möchte trotzdem gerne wissen, wie Sie auf die Idee gekommen sind, mich zu entführen.«

»Die Absage von Weigold war die letzte und Ihr Name war mir in guter Erinnerung. Zur Hütte wäre ich ohnehin nach der Schicht gefahren, auch ohne Ihren Fahrauftrag.«

»Eine zufällige Kurzschlusshandlung?«

»Vermutlich. Die ganze Woche habe ich mich nicht wohl gefühlt. Höhepunkt war am Dienstag ein Kreislaufkollaps auf der Landsdorfer Straße. Daher das Pflaster hinter dem Ohr. Ich hätte dem ärztlichen Rat folgen sollen.«

Bettina pflückte einen Grashalm und drehte ihn zwischen den Fingern. »Wie lautete der ärztliche Rat?« Sie schaute Stefan an, bis er ihrem Blick auswich. »Ich will Sie nicht bedrängen«, fügte sie leiser hinzu.

»Gründlich durchchecken, die Ursache suchen. Man fällt nicht einfach um, sagte Dr. Römer.«

»Ich gehe nur zum Arzt, wenn es unbedingt nötig ist. Mir reichen die regelmäßigen Untersuchungen, die ich als Frau über mich ergehen lassen muss.«

»Dr. Brinkmann?«

»Woher wissen Sie? Also doch kein Zufall – Sie haben mir nachspioniert!«

Hastig bastelte Stefan an einer Ausrede. Die Namensnennung sei ein Zufall, eine Erinnerung an einen Namen, den er eigentlich nicht einordnen konnte, Dr. Römer musste ihn erwähnt haben, als er wegen der Kopfverletzung im Krankenhaus war. Ansonsten kenne er – wie sollte er auch? – keine Frauenärzte.

»Gut«, sagte Bettina, »ich glaube Ihnen. Dr. Brinkmann ist nämlich eine Ärztin.«

Stefan lehnte sich erleichtert in die Wiese zurück. Der Rucksack behinderte beim Liegen; er zog ihn vom Rücken und holte eine kleine Flasche Mineralwasser heraus.

»Bevor das Wasser warm wird, sollten wir es trinken. Sie zuerst.«

Sie reichte ihm die Flasche halbvoll zurück.

Zu korrekt, wie er fand, und trotzdem verständlich. Die vorbeiziehenden Wolken fesselten seine Aufmerksamkeit und er begann das Alm-Spiel, wie er es nannte, beobachten und dabei nichts tun, den Gedanken freien Lauf lassen, die Einfühlsamkeit schärfen, sich so weit vom Alltag entrücken zu lassen, dass ihm das Leben leicht erschien wie eine vom Wind getragene Feder, wenn er nur anhielt und sich mitnehmen ließ, wie von den Wellen einer starken Strömung. Er schob die Bilder an die Seite, ohne sich von ihrer Bedrohlichkeit vollends lösen zu können. Ein Stapel Papier geriet in Bewegung, schwappte über – tausend Seiten aufeinander lagen schwer auf dem Magen und drückten wie ein zu fett angerichtetes Essen. Nur der Wind konnte Abhilfe schaffen und den Stapel zerlegen und die Wörter zurück lassen, die ohne ihren Zusammenhang keinen Sinn mehr ergeben.

Stefan stützte seinen Oberkörper auf die Ellenbogen und sagte in Bettinas Richtung: »Ihre Bemerkung über den Kraftakt – als hätte es jeder von uns mit zwei Frauen getrieben. Typisch schwarz-weiß: Männer wollen nur das eine, wollen Sie damit sagen.«

»Moment«, hakte Bettina ein, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Frauen klagen über sexuelle Belästigung und machen daraus ein allgemeines Vorurteil gegenüber Männern. Das ist genauso verwerflich wie Ihnen an die Brust oder das Gesäß zu fassen. In jedem Falle wird der andere missachtet.«

»Ausgerechnet Sie müssen von Missachtung sprechen. Wenn Sie Achtung vor mir gehabt hätten, säße ich jetzt …« Sie schaute auf die Armbanduhr. »In der Mittagspause.«

Stefan hob den Kopf. Die Sonne blendete und er musste eine Hand hochhalten, um Bettina ins Gesicht schauen zu können. »Es gibt viele Formen von Missachtung.«

»Sprechen Sie schon wieder von zurückgeschickten Manuskripten?«

»Ach was! Sie haben die Entführung als Totschlagsargument benutzt, und das ist unsachlich. Und Sie haben damit Ihre Person ins Spiel gebracht, und das ist unklug. Oder habe ich Sie etwa nicht geachtet?«

Sie kniete sich neben ihn. »Später«, sagte sie. »Am Anfang waren Sie ein bisschen verrückt. Das hat mir Angst gemacht.«

Stefan ließ die Hand sinken. Für den Blick an ihr vorbei brauchte er keinen Schutz vor der Sonne.

TV Movie multimedia empfiehlt das Hörspiel »Schweiß«

Cover: TV Movie multimedia 7/2007In der aktuellen Juli-Ausgabe der Zeitschrift TV Movie multimedia ist das von uns produzierte Mini-Hörbuch »Schweiß« der Download-Tipp der Redaktion. Auf Seite 117 heißt es dort: Der Münchner Kabarettist Jörg Maurer vergnügt seine Fans nicht nur mit musikalischem Krimi-Kabarett, sondern nun auch mit einem Hörspiel: »Schweiß« unterhält bei nur 14 Minuten Länge mit pfiffigen Ideen und Wortwitz. Als Sprecher sämtlicher Rollen glänzt Wolfgang Tischer.

TV Movie multimedia ist ein Ableger der gleichnamigen Fernsehzeitschrift. Das Heft befasst sich mit aktuellen technischen Geräten, aber auch mit aktuellen Music-CDs und Hörbüchern. Der vom literaturcafe.de vertonte Beitrag »Schweiß« ist der erste Gewinner des Schreibwettbewerbs »Die Feder« der Zeitschrift »Federwelt«.

Zum kostenlosen Hörspiel-Download »

Folge 104 vom 14. Juli 2007

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Unmerklich drehte er den Kopf wie jemand, der in die Betrachtung der Landschaft vertieft ist und die Perspektive langsam ändert, damit der Gesamteindruck nicht verloren geht. Soweit er aus ihrem Profil deuten konnte, nahm sie ruhig auf, was sie sah. Sie ist hübsch, dachte er, sie kniete über ihm und er hielt sie an den Hüften, die Daumen auf ihrem flachen Bauch, und mit jeder ihrer Bewegungen glitten seinen Hände bis über die Rippenbögen und zurück.

Ein Schmerz zog vom Unterleib bis in die Brust, unerwartet und mit solcher Heftigkeit, dass er den Mund öffnete und nicht schrie.

»Ich bin ein Mann!« platzte er heraus.

Bettina starrte ihn überrascht an. »Haben Sie daran gezweifelt? Etwa, weil Sie sich bislang anständig verhalten haben?«

»Wer weiß schon von sich, wer er ist«, antwortete Stefan und horchte auf den verebbenden Schmerz.

»Ich möchte Sie gerne verstehen. Erzählen Sie.«

»Ich bin Taxifahrer«, sagte er lapidar.

»Die überwiegende Zahl der Taxifahrer sind Männer. Das reicht nicht für eine Begründung. Und außerdem ist der Beruf nicht alles am Menschen. Haben Sie keine Ziele, Ideale, Abneigungen, Wünsche? Können Sie auf diese Frage eine Antwort geben, ohne das Wort Lektorin in den Mund zu nehmen?«

Stefan forschte in ihrem Gesicht, ohne eine Spur von Provokation zu erkennen.

»Ich wünsche mir Zufriedenheit durch die Dinge, die ich tue.«

»Wir haben eine Gemeinsamkeit entdeckt«, sagte sie, mit Enthusiasmus in der Stimme. »Kurz: Ein Leben wie die Senner. Erzählen Sie mehr über sich.«

Die Aufforderung traf Stefan unvorbereitet. Er konnte nur gestehen oder sich aus dem Stegreif selbst erfinden, mit den zu erwartenden Widersprüchen und Ungereimtheiten. Zu Alm und Hütte war ihm, seit Alfred ihm das Bild gezeigt hatte, jedes Detail geläufig, er zweifelte nicht im geringsten, alles so erlebt zu haben, auch wenn er die Frauengarderobe in den Schubkästen und die gelegentlichen weiblichen Einblendungen in seinem Kopf nicht einordnen konnte.

»Alfred kann Ihnen über mein Leben mehr erzählen als ich. Er hat – sagen wir – die nötige Distanz.«

»Das klingt nicht wie eine Ablehnung, eher wie eine Verlockung. Ist Alfred ihr Freund?«

»Wir waren eine kurze Zeit sehr intim.«

»Bitte?« Bettina geriet mit Armen und Beinen in Bewegung, als wüsste sie nicht, ob sie sitzen bleiben oder aufstehen sollte. »Aus dieser Ecke weht also der Wind. Ist das die Auflösung für Ihr Verhalten?«

»Nein. Wir haben sozusagen unsere intimsten Gedanken geteilt. Ich kann das nicht besser erklären.«

»Ein Schriftsteller kann alles erklären, sonst ist er keiner. Ich respektiere aber, dass Sie nicht erklären wollen.«

»Ich kann Sie beruhigen. Meine sexuellen Fantasien beschäftigen sich mit Frauen.«

»Wie steht es mit den weniger intimen Details?« fragte sie.

Seine Kurzbiografie! Geboren in Bochum, Ingenieur der Nachrichtentechnik, zuletzt freiberuflich tätig. Stefan hatte die wenigen Sätze wohl dutzendfach in dem Hefter mit den Anschreiben an die Verlage gesehen. Es musste an der Verwirrung gelegen haben, mit denen er anfänglich der unbekannten Umgebung begegnet war, dass er seine Biografie nicht wahrgenommen hatte. Zumindest die diesseitige Erinnerung funktionierte, noch dazu im richtigen Moment.

»Ich habe Nachrichtentechnik studiert«, sagte er. »Wahrscheinlich war ich ein schlechter Ingenieur, sonst hätte ich nicht mit dem Schreiben angefangen. Also bin ich ein Quereinsteiger.«

»Den ich nicht habe einsteigen lassen.«

»Wenn ich das Wort Lektorin nicht in den Mund nehmen darf, klammern Sie das Thema Manuskripte aus.«

Die Grönemeyers und Bonos der Literatur

Jörg Sundermeier sorgt sich in der Berliner Zeitung darum, dass aus ökonomischen Gründen (»Der Agent hat kaum noch Zeit, der Verlag nicht das Geld«) Autoren immer mehr zu Selbstvermarktern ihrer Bücher werden müssen, wobei jedoch »poppige Medienkritik« und der Zwang, dem Publikum einen Lacher zu entlocken, nicht mehr zeitgemäß seien. Derzeit lägen die konservativen Autoren im Trend. »Autoren, die sich selbst vermarkten müssen, kommen oft zu spät mit ihren Einfällen«, so Sundermeier. Noch schlimmer seien jedoch die Autoren, die ihre Selbstvermarktung bereits beherrschen. Der Artikel ist in der Online-Ausgabe der Berliner Zeitung nachzulesen.

Achduschreck: literaturcafe.de-Tasse kaputt!

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Zerbrochene TasseAuf vergangenen Buchmessen haben wir allen Besucherinnen und Besuchern, die uns ein Gedicht geschrieben haben, eine literaturcafe.de geschenkt. Heute erreicht uns die verzweifelte Mail eines Ehemannes, der beim Abwasch die Lieblingstasse seiner Frau fallen ließ. Es war jene Tasse, die sie vor einigen Jahren auf einer Buchmesse erhalten hatte. Das Desaster wurde im Bild dokumentiert.

Eine neue Tasse ist auf dem Weg…

Folge 103 vom 13. Juli 2007

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Sie stiegen am Bach entlang den Hang hinauf wie auf einer nicht enden wollenden Treppe. Dahinter öffnete sich die Girpitsch-Alm mit ihren hügeligen Wiesen. Sie erklommen den ersten Buckel.

Bettina hielt ihn vom Weitergehen zurück. »Gönnen Sie mir den Ausblick, auch wenn es für Sie nichts Neues ist.«

Die Aussicht reichte über das Priachtal bis zum Oberalmsattel und entgegengesetzt hinunter in Richtung Josephskirch, wo die Berge niedriger und grüner wurden. Das Priachtal war eng und gab aus dieser Entfernung den Blick auf den Weg nicht frei. Gegenüber lag ein Felsmassiv, das sich mit seinen Ausläufern über mehrere Kilometer ausdehnte. Stefan zeigte Bettina die Gipfel des Priachers und der Karner Kalkspitze, den Steinkarsattel, der zwischen beiden Bergen lag und das Priachtal vom Gitzlachtal trennte, und die Route über die Decker-Alm auf den Priacher, die es auf keiner Karte gab. Die letzten dreihundert Meter seien zur Herausforderung geworden, erzählte er, und schilderte das Glücksgefühl, am Gipfelkreuz zu stehen. Die Belohnung war der Ausblick. Der Berg vergab sie an jeden, der auf dem Gipfel stand.

»Und wenn der Gipfel in den Wolken liegt?«

»Dann ist schlechtes Wetter. Für Verrückte hat der Berg nichts übrig.« Stefan deutete nach links, den Weg vom Priacher hinunter zum Steinkarsattel. »Wir waren wie im Rausch und sind noch am gleichen Tag über den Steinkarsattel auf die Karner Kalkspitze gestiegen. Eine Doppelbesteigung.«

»Ich verstehe«, sagte Bettina. »Wie das eben ist, wenn Männer einen Kraftakt vollziehen.«

»Hören Sie auf, mir Etiketten anzupappen.« Er sparte sich die Schilderung, wie sie vom Steinkarsattel aus den steilen Pfad auf die Karner Kalkspitze geklettert waren, mit dem Berg dicht vor den Augen. Die letzten Meter bis zum Gipfelkreuz führten um einen Felsen, und im Herum schoss der Blick kilometerweit ohne Halt und Horizont in die Landschaft, dass ihm schwindelig wurde und er sich wie ein Abstürzender an den Felsen klammerte. Noch nie zuvor hatte er in der Höhe einen solchen Schock erlebt. Minuten vergingen, bis er die Vision vom freien Fall abgeschüttelt hatte.

Stefan setzte sich in die Wiese, und nach kurzem Zögern folgte Bettina. Ihre Anspielung hatte ihn aus einem erlebten Traum gerissen und den Entschluss, sich zu setzen und nicht weiter zu gehen, als Antwort auf die Frage nach dem Wohin und Was erwartet mich? erscheinen lassen. Die Wohnung, Moosbauer und Berta Böttcher waren die bekannten Größen seines Lebens. Gerne würde er Stefanie kennen lernen. Die Sache mit Alfred hatte sich wohl erledigt. Seltsam, er konnte sich nicht richtig darüber freuen, wieder Herr im eigenen Kopf zu sein. Bettina erschien ihm als die realste und zugleich lebendigste Begegnung, seit er in Stefanies Wohnung aufgewacht war. Sollte er ihr die Autoschlüssel geben und die Straßenkarte? Sie würde allein nach Hause finden, vielleicht die Strafanzeige noch in Österreich aufgeben. Sie war umgänglich und hörte interessiert zu, sie hatte das Maß mehr an Sensibilität, um auch das nicht Geschriebene zwischen den Zeilen zu verstehen. Was sie allerdings über ihren Beruf sagte, klang sehr rational. Bücher zu verlegen ist Betriebswirtschaft. Wozu dann geisteswissenschaftliche Fachrichtungen studieren?

Was würde sie ihm bedeuten, wenn er sie als Frau und nicht als Entführte kennen gelernt hätte?

Autorenstammtisch mit Moderatoren und Ton

Touch-Autor Bogus Curry am AutorenstammtischAm Donnerstag, 12.07.07 um 20 Uhr, wird es an unserem Autoren-Stammtisch in Second Life eine Premiere geben: Erstmals wollen wir nicht nur den Text-Chat, sondern auch die Stimme zur Kommunikation nutzen. Seit dem vergangenen Wochenende ist das digitale Baden-Württemberg, in dem sich das literaturcafe.de befindet, »voice enabled«. Dies bedeutet, dass wir uns dort nun richtig unterhalten können. Voraussetzung hierfür ist eine Kopfhörer-Mikrofon-Kombination (Headset), die es für wenig Euro in jedem Computergeschäft gibt, und der Download des sogenannten »First-Look-Clients«. Letzeres ist eine spezielle Version der Second-Life-Software, die die Kommunikation per Sprache ermöglicht. Die Version kann nach dem Herunterladen einfach über die bestehende Software installiert werden und übernimmt die alten Einstellungen.

FAZ gegen Perlentaucher: Eine wunderbare Antwort

FAZ gegen PerlentaucherEs ist nicht schön, was das gerade zwischen Perlentaucher und FAZ passiert (siehe »Die FAZ hasst den Perlentaucher«). Insbesondere die FAZ gibt dabei kein gutes Bild ab und schreibt sich in aller Öffentlichkeit um Kopf und Kragen. Um einen (vermeintlichen) Konkurrenten zu diffamieren, verließ FAZ-Autor Sundermeyer die Grenzen des guten Geschmacks und der journalistischer Qualität und schrieb einen Artikel mit dubiosen Formulierungen und einer reichlich tendenziösen Wortwahl. Es galt, dem Perlentaucher Schmarotzertum und qualitativ schlechte Arbeit zu unterstellen.

Heute nun – einige Tage vor der nächsten Gerichtsverhandlung zwischen FAZ und Perlentaucher – nimmt Anja Seeliger den Artikel Sundermeyers im Perlentaucher auseinander. Eine sehr lohnenswerte Lektüre, die in einem fulminanten letzten Satz gipfelt! Lesen!

Folge 102 vom 12. Juli 2007

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Am Dienstag versprachen frische klare Luft und ein unentschlossen zwischen Blau und Weiß schwankender Himmel einen schönen Tag. Beim Frühstück hielt Stefan einen Vortrag über das Wetter und die Angewohnheit moderner Menschen, vom Wetter unabhängig zu planen und zu handeln; auf der Alm müsse man dagegen erst einen Blick aus dem Fenster werfen. Bettina amüsierte sich über seine Ernsthaftigkeit, und beinahe wäre das harmlose Gespräch in einen Streit gemündet, hätte sie nicht eingelenkt.

Stefan hatte schon beim Aufwachen an das Manuskript gedacht, seine Frage nach der Seitenzahl aber zunächst zurück gestellt, um nicht aufdringlich zu sein. Als sie zur Wanderung aufbrachen, war er guter Laune und das Manuskript vergessen. Gerne hätte er sein Herz zum Girpitsch empor geschleudert: Hallo, ich komme in netter Begleitung.

Zu Fuß ging es nicht so schnell wie in seinem Kopf. Hinter der Fromml-Hütte folgten sie der Mure bis zu der Stelle, an der die Weiße Wand in die Bergflanke stieß. Ein Stück kraxelten sie den Felsausläufer empor und trafen oben auf einen schmalen Fußsteig, der sie am Abhang vorbeiführte. Sträucher und kleine Bäume versperrten den Blick in das Tal. Nur die Jäger und Bauern und damals auch die Senner würden diesen Weg benutzen, wenn sie zum Girpitsch wollten, erzählte Stefan.

Der Weg endete am Wald im Unterholz. Die Lärchen standen weit genug auseinander, um das Sonnenlicht in hellen Streifen einzulassen und Gras und kleinen Sträuchern eine Überlebenschance zu geben. Stefan stieg geradlinig den Wald hinauf und wich selbst umgestürzten Bäumen nicht aus. Weit oben, nahe dem linken Waldrand, schlug er plötzlich einen Zickzackkurs ein und verließ schließlich zielstrebig den Wald zwischen zwei Sträuchern.

»Hier ist die Lärche mit dem verkrüppelten toten Ast.« Schwer atmend standen sie am unteren Ende einer Wiese, die den Berg hinauf reichte.

»Pause«, sagte er und setzte sich ins Gras. »Die Sonne bringt uns ordentlich ins Schwitzen, selbst hier im Wald. Können Sie unten die Hütte sehen?«

Bettina trat einen Schritt die Böschung hinunter, schrie ein helles aah! und krabbelte auf allen vieren einige Meter die Wiese hinauf. »Himmel, ich stand direkt am Abgrund.« Sie krallte ihre Hände in das Gras.

»Vor einigen Jahren ist hier eine Kuh abgestürzt.«

»Wenn ich nicht so erschrocken wäre, würde ich darin eine Anspielung sehen. Können wir noch einen Augenblick hier sitzen bleiben?«

Aus dem Augenblick wurde eine in der Sonne verdöste halbe Stunde. Mitten hinein fragte Bettina, wie denn diese Kuh auf die Weiße Wand und die anderen von Lori und Georg auf die Alm gekommen seien, etwa mit dem Lastenaufzug oder dem steilen Pfad am Wasserfall vorbei? Es müsse noch einen anderen Weg geben.

Über die Decker-Alm, sagte er träge in den Himmel, dort drüben. Weiter unten im Tal gebe es eine Weggabelung, mit dem Auto könne man den Weg nicht hinauf fahren und zu Fuß sei er ein viel zu weiter Umweg, um zur Walln-Hütte zu kommen. Selbst wenn sie den Weg kennen würde, sei er für eine Flucht im Schnee ungeeignet.

Bettina fragte nicht, wo die Decker-Alm und dort drüben war. Später gab sie das Zeichen zum Aufbruch. Sie stiegen in Serpentinen über die Wiesen nach oben und erreichten schnaufend eine bucklige, mit hohem Gras und Latschen bewachsene Ebene. Um eine ausgedehnte sumpfige Stelle schlug er einen Bogen, an dessen Ende die Wiesenbuckel auseinander traten und den Blick auf den See freigaben.

Vor der massigen Girpitschkarspitze wirkte der See wie ein Tümpel, in dem sich das Wasser des letzten Regens gesammelt hat, vorne hell und gegen das rückwärtige Steilufer in das Dunkelgrün der Sträucher übergehend. Die Hänge verloren nach oben schnell an Bewuchs und endeten mit vielfältigen Schattierungen an Kalkfelsen und Schutthalden. Vor einer senkrecht aufsteigenden Felswand hatte die Zeit einen Steinbruch aus gewaltigen Brocken angelegt. Eine imposante Kulisse für einen eher mickrigen See, urteilte Bettina.

Stefan führte sie ein Stück am Seeufer entlang. Die Luft bewegte die Wasseroberflache so sanft, dass die Brechung des Lichts beim Blick auf den Grund kaum wahrnehmbar war. Ein kleiner Fisch stand regungslos, verschwand dann blitzschnell zwischen Steinen, dass Stefan nur ein Da! herausbrachte, ohne eine Chance, den Zeigefinger in Richtung auf das Fischlein zu bewegen.

»Kennen Sie diese Pflanzen?« Bettina deutete auf die vereinzelt und in kleinen Gruppen stehenden fleischigen Stängel, die beinhoch aus dem Gras ragten. Die langen Blätter standen nur oben kraftvoll, unten hingen sie schlaff und färbten sich an den Rändern braun.

»Weißer Germer«, antwortete Stefan. »Er fällt wegen seiner Üppigkeit auf, wo ringsum alles kahl ist.« Er übersprang ein schmales Bächlein, das den Zufluss zum See bildete.

»Geradeaus können wir durch die Steine bis an den Fuß der Felswand klettern. Rechts hoch kommen wir auf die Girpitsch-Alm.«

»Ist das der Aufstieg, den Sie mit der kleinen Engländerin gemacht haben?«

»Ja. Möchten Sie?«

»Warum wollen Sie mir den Ausblick verweigern, von dem Sie so geschwärmt haben?«

»Bitte!« sagte er, als erfülle er Bettina einen lang gehegten Wunsch. Jede Stunde auf der Alm vergrößerte die Aussicht, dass er heute nicht mehr nach Hause fahren müsste und verdrängte den Gedanken an das danach.

Folge 101 vom 11. Juli 2007

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»Hinter der Hütte, durch die Latschen das Geröll hoch, führt der Weg zum Girpitsch. Man hält sich links«, zeigte er mit dem Finger, »und kann dann auf die Weiße Wand wechseln und kommt in einen Wald – er breitet sich nach oben wie ein Trapez aus.« Stefans Arme umrissen die Form. »Auch im Wald bleibt man an der linken Seite und erreicht oben schließlich die höchste Stelle der Weißen Wand.«

»Muss ich mit dort zurechtfinden – allein?«

Anstatt zu antworten setzte sich Stefan auf einen flachen Felsbrocken und rückte ein Stück, damit sie Platz bekam.

»Es tut mit leid«, sagte Bettina, »ich war unnötigerweise verletzend, auch als ich eben Ihre Großzügigkeit lächerlich gemacht habe.«

»Mir ist es peinlich, wenn Sie sich bei mir entschuldigen.«

Bettina schaute ihn von der Seite an.

»Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mir die Entführung leid tut«, sagte Stefan. »Sie sind eine angenehme Begleitung.«

»Das konnten Sie aber nicht wissen.« Bettina erhob sich, ging ein paar Schritte und blieb stehen. »Sie lieben Ihr Paradies und möchten mich teilhaben lassen. Ihre Gefühle für die Alm sind so erdrückend wie ein Felsmassiv und darum versuchen Sie ständig, sie mir auf erzählerische Weise zu vermitteln. Ohne eigenes Erleben funktioniert das jedoch nicht. Deshalb sollten wir jetzt die Fromml-Hütte besichtigen. Wie ich sehe, hat sie einen Keller, im Gegensatz zu unserer.«

»Die Sennerin musste Milch und Butter kühl lagern. Ich hätte ihr gerne frühmorgens beim Buttern zugeschaut, habe es aber nicht ein einziges Mal geschafft, zeitig genug aus den Federn zu kommen.«

»Los«, ermunterte sie ihn.

»Jetzt pressiert es nicht mehr. Seit dem die beiden Sehenswürdigkeiten in den Ruhestand getreten sind, ist die Fromml-Hütte eine wie jede andere.«

An der Wand neben der Eingangstür stand noch der Tisch mit den beiden Bänken, das eigentliche Wohnzimmer. Alle saßen dort, Verwandte, die Genossenschaftsbauern, Freunde und Nachbarn aus dem Dorf. Stefan führte vor, wie der Senner trotz seiner Blindheit und seines Alters von der Bank den abschüssigen Weg um die Hausecke zum Kellereingang flitzte, um kühles Bier und Schnaps zu holen.

»Er kannte sich in seiner Welt aus«, kommentierte Bettina. »Klein, überschaubar und nicht so kompliziert wie unsere. Ich vermute, er war glücklich.«

»Die beiden haben sich nie beklagt. Natürlich hat ihnen die Arbeit in ihrem Alter Mühe gemacht. Sie haben nicht ferngesehen, keine Zeitung gelesen, geschweige denn ein Buch; sie waren ausschließlich auf Kommunikation mit den Leuten angewiesen, die an ihrem Tisch vor der Hütte saßen. Können Sie sich ein Leben ohne intellektuellen Anreiz vorstellen?«

»Schwerlich«, antwortete Bettina nachdenklich. »Des Senners Horizont waren die Viecher, meiner sind die Bücher. Wenn Sie das falsch verstehen, bekommen Sie Streit mit mir.«

»Nein, nein, Sie sind nicht überheblich.«

»War das etwa ein Kompliment?« fragte Bettina argwöhnisch.

»Eine Feststellung. Sehen Sie, Georgs Lebensinhalt bestand aus Essen und Trinken, Unterkunft, Kleidung, regelmäßig eine Frau. Wenn er nicht Senner, sondern Bauer gewesen wäre, hätte es schon mehr bedurft, um ihn zufrieden zu stellen.«

»Die Erfüllung soll man dort suchen, wo man im Leben steht. Oder den Platz wechseln.«

»Hatten die Senner eine Chance zu wechseln?«

»Wohl kaum«, meinte Bettina. »Das ist das übliche Dilemma.« Weil Stefan das Gespräch nicht unmittelbar fortsetzte, sagte sie: »Wir werden auf diese Frage jetzt keine schlüssige Antwort finden.«

»Sie hätten mein Manuskript lesen sollen.«

»Nein«, sagte Bettina gequält, »bitte machen Sie aus der Geschichte keinen Alptraum. Hatten Sie ein Exposé eingeschickt oder das Manuskript?«

»Ich habe es bei mir.«

»Vermutlich haben Sie das Manuskript geschickt. Ich habe den Einstieg in das Thema nicht gefunden und mich an die Abarbeitung der anderen Texte gemacht. Herrgott, Sie sind nicht der Einzige!«

»Wollen Sie es lesen?«

»Gut. Heute Abend, und mit dem Versprechen, Ihnen exakt die Seitenzahl zu nennen, an der ich das Manuskript endgültig zugeklappt habe.«

»Das ist ein Wort«, stimmte er zu.

Bevor er zu Bett ging, fragte er erwartungsvoll, wie weit Sie gekommen sei.

»Ich lese noch«, antwortete sie, ohne den Kopf zu heben.

Folge 100 vom 10. Juli 2007

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Nach dem Frühstück lud Stefan zu einer Almbesichtigung ein. Die Wolkendecke war bereits an einigen Stellen aufgerissen und ließ die Sonne durchscheinen und die Alm in Grün leuchten. Auf den Hängen hatte sich der Schnee bis in die geschützten Winkel zurückgezogen, nur ganz oben lag er noch als Fleckenteppich auf den Matten.

Wie ein dicker Bauch hing der Hang, den sie gestern im Schnee hinaufgestiegen waren, auf der Alm. Sie gingen bis zur Kapelle und weiter zur Priach. Der Bach hatte sich an dieser Stelle den Berg hinunter einen felsigen Einschnitt gegraben. Lärchen wuchsen auf den Felsabsätzen bis an den Rand der engen Schlucht und hielten das karge Erdreich fest, einige von ihnen waren von der Priach überwältigt und umgestürzt worden. Unten im Bach war eine tiefe Stelle entstanden, aus der das Wasser flacher und ruhiger abfloss, ein idealer Badeplatz, wie Stefan erklärte, für die Hartgesottenen. Nur einmal habe er sich zusammen mit Hermann überwinden können.

»Und die kleine Engländerin?«

»Wenn sie sich ausgezogen hat, wollte sie es lieber warm.«

Bettina bückte sich und tauchte einen Finger in das Wasser. »Du meine Güte«, sagte sie und schüttelte die Wassertropfen ab. »Ich kann sie verstehen. Bei der Temperatur würde ich Wärme zur Weltanschauung machen.«

»Gehen Sie mit mir den Bach ein Stück aufwärts?«

»Durch das eiskalte Wasser?« fragte Bettina entsetzt.

»Was glauben Sie! Wir nutzen alles, was im Wasser liegt, um nicht hineinzutreten, Felsen, Steine, Sand- und Kiesbänke, Baumstämme, die Böschung. Hundert Meter etwa habe ich es bis oben hin geschafft, dann wurde es mir zu steil. Das Klettern ist eine wirkliche Herausforderung für die Körperbeherrschung. Einige knifflige Stellen haben es in sich.« Er fasste Bettina am Arm und stieg auf einen flachen Stein.

Sie zögerte.

»Folgen Sie mir einfach. Beim nächsten Mal schaffen Sie es allein.«

Zwanzig Minuten benötigten sie bis zu einem kleinen Wasserfall, ab dem sie nicht mehr weiter kamen.

»Hat es Spaß gemacht?«

»Es ist tatsächlich kein Kinderspiel«, sagte Bettina, »trotzdem irgendwie albern. Die Zeit, in der ich mich für Abenteuerspielplätze begeistern konnte, ist vorbei.«

»Steppen auf der Stelle, hundert Mal das gleiche Gewicht stoßen – ein Fitness-Studio ist aufregender, und viel erwachsener.«

»Sie haben mich überzeugt«, nickte Bettina.

»Dann gehen wir jetzt zur Fromml-Hütte, wo die letzten Senner dieser Alm gelebt haben, Lori und Georg, so bis 1980 etwa. Die beiden waren über siebzig und hatten sich ihren Ruhestand verdient. Vor Georg, dem alten Schlawiner, war kein Weiberrock sicher. Halb blind, wie er war, hat er noch Holz gehackt, ohne jemals daneben zu hauen. Bei den Frauen musste er nichts sehen, da hat er ohnehin lieber getastet. Erst um die Schultern und dann an die Brust.«

»Ich hätte ihm schon auf die Finger geklopft.«

»Ich habe das nie so eng gesehen. Der Alte war ansonsten ein lustiger, liebenswerter Kerl.«

»Männer unter sich! Hat Sie das nicht gestört, wenn er die kleine Engländerin begrapscht hat?«

»Wie gesagt … « Er glaubte Georgs Hände zu spüren, wie sie auf seinem Schenkel lagen. »Bier und Obstler gingen bei Georg nie aus. Blieben wir länger, lud uns Lori zu einer Brotzeit mit Wurst und Speck ein. Am Ende haben wir selbstverständlich bezahlt, und immer etwas mehr, als Lori verlangte.«

»Wollten Sie das Brauchtum fördern oder war das etwas mehr ein Almosen?«

Stefan schwieg betreten. Die Lektorin verdarb ihm mit ihrer messerscharfen Analytik die Stimmung. Von Feinfühligkeit und Bewunderung für ihr urtümliches Leben konnten die beiden armen Teufel nicht leben, nie hatten sie die Wahl gehabt, sich für oder gegen die Alm zu entscheiden. Stefan war versucht, die Nase der Lektorin auf diese Sichtweise zu stoßen, unterließ es aber und streckte den Arm aus. In einiger Entfernung lag die Fromml-Hütte vor einem hoch aufragenden Berghang mit der grauen Blutspur einer alten Mure. Latschenkiefern bedrängten das Geröll und bedeckten einen Teil der Mure wie die Kruste einer Wunde.

Spielen Sie mit uns Harry-Potter-Bingo

Das Harry-Potter-Bingo (hier klicken und Spielplan runterladen)Am 21. Juli 2007 erscheint die englische Ausgabe des siebten Harry-Potter-Romans, am 27. Oktober 2007 die deutsche. Und auch zu diesem Band wird es in den Medien die immer gleichen Meldungen geben. Wir laden Sie daher ein: Spielen Sie mit uns das Harry-Potter-Bingo!

So gehts: Wir haben einen Spielplan mit insgesamt 16 Meldungen erstellt, die in den kommenden Wochen in den Zeitungen zu lesen sein werden. Drucken Sie sich diesen aus. Wann immer Sie zum 7. Harry-Potter-Band eine der Meldungen im Internet entdecken, kreuzen Sie das entsprechende Feld an. Wer zuerst vier Kreuze in einer Reihe hat (horizontal oder vertikal) und uns die Internet-Adressen der entsprechenden vier Meldungen an redaktion ät literaturcafe punkt de schickt, gewinnt eine literaturcafe.de-Tasse. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Meldungen vor Juli 2007 und zu älteren Potter-Bänden gelten nicht, ebenso Einträge in Blogs. Die Meldungen dürfen deutsch oder englisch sein und sich auf die englische oder deutsche Ausgabe beziehen.

Einen Joker schenken wir Ihnen.

Nachtrag: Bitte nicht mehr »Bingo!« rufen, die erste Reihe ist bereits komplett gefunden worden.

Der Hörverlag macht sich selbst Konkurrenz im Download-Bereich

Download-AngeboteDas Hörbuch-Download-Portal audible.de hat heute eine Kooperation mit dem Hörverlag bekannt gegeben. Zum Start werden 230 Titel des wohl größten und bedeutendsten Hörbuch-Verlages auf audible.de zum Download bereitstehen.

Interessant an dieser Kooperation ist, dass der Hörverlag als Gründer und Gesellschafter auch am konkurrierenden Download-Portal claudio.de beteiligt ist. claudio.de startete mit großem Tamtam im Herbst 2005 (Interview in unserem Podcast). Es schien, als hätten sich mit claudio.de zwei starke Partner zusammengetan, denn neben dem Hörverlag ist an claudio auch der Burda-Verlag beteiligt. Doch obwohl zunächst zu erwarten war, dass Burda die Macht seiner Zeitschriften einsetzen würde (Focus, Freundin, Playboy u.a.), um die eigene Plattform zu bewerben, ist es um claudio sehr ruhig geworden. Und auch von den vollmundigen Ankündigungen, dass man Bücher ausschließlich im MP3-Format anbieten werde, das auf jedem Player wiedergegeben kann, ist wenig übrig geblieben, denn man beugte sich schnell den Hörbuch-Anbietern, die ohne digitale Rechtebeschränkungen der Käufer (DRM) keine Hörbücher zum Download auf der Plattform bereitstellen wollten.

Folge 99 vom 9. Juli 2007

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»Ich freue mich«, schob er nach.

»Ich gebe Ihnen noch mehr Grund zur Freude.« Bettina beobachtete ihn, während sie kaute.

Schlagartig war er verunsichert. Wer hat hier wen in der Gewalt? Nein, sie war nicht der lächelnd zustechende Typ, beruhigte er sich.

»Ich werde Ihren Roman schreiben.«

Er verschluckte sich und musste husten. »Meinen Roman? Wie soll er denn heißen? Ich meine – das Thema?«

»Entführung einer Lektorin.«

»Ist das Thema oder Titel?«

»Dumme Frage. Beides.«

Stefan verzog den Mund. »Das können Sie mir nicht weismachen. Den Titel kaufen nur schadenfrohe Schriftsteller und Kolleginnen, die wissen möchten, ob eine Stelle frei wird. Vielleicht, mit dem richtigen Cover, eine halbnackte Blondine, gefesselt und mit zerrissener Bluse, wo jedermann nicht nein sagen würde, wenn sich eine solche Chance böte, natürlich unerkannt. Also braucht sie eine Augenbinde und ein erschrecktes Gesicht, das den Betrachter richtig lüstern macht.«

»Ich habe Sie unterschätzt«, sagte Bettina steif. »Das Thema bleibt, der Titel wird später gefunden. Ich schildere die Entführung aus Sicht der Lektorin, die Auseinandersetzung mit dem Entführer, die schrittweise Aufdeckung seiner Motive, das Psychogramm, das ganze Drum und Dran halt. Ich dachte, in Form eines Tagebuchs.«

»Ich übernehme den zweiten Teil. Der Entführer sitzt im Gefängnis. Auch er schreibt Tagebuch.«

»Keine schlechte Idee«, meinte sie. »Ich komme Sie besuchen. Zwischen uns ist eine Beziehung entstanden – im Roman, selbstverständlich.«

»Würden Sie mich wirklich besuchen kommen?« Seine Stimme vibrierte.

»Warum nicht, wenn Sie anständigen Text abliefern?«

»Mit einer Lektorin im Tandem kann Qualität doch nicht ausschlaggebend sein, oder?«

»Sie sind ein Träumer«, sagte Bettina, »als ob Qualität je das einzig selig Machende für eine Veröffentlichung war. Mein Chef gab mir bei der Einstellung ein Motto mit auf den Weg: Wir sind ständig auf der Suche nach dem zukünftigen Literatur-Nobelpreisträger, in der Zwischenzeit aber verdienen wir Geld, und zwar soviel wie möglich. Verleger sind Unternehmer, sie basteln an Medienkonzernen, mehren Umsatz und Gewinne, damit sie sich die Verluste mit den Kleinauflagen für Leute wie Sie leisten können.«

»Auf den Punkt gebracht wollen Sie verkaufen, und zwar bedrucktes Papier. Wozu braucht Weigold dann noch Lektorinnen?«

»Ich könnte antworten, es ist eine Frage der Kapazität. Einer muss sortieren, weil wir nicht alles drucken können, was getippt wird. Oder ich könnte sagen, weil es unser Marketing noch nicht geschafft hat, vom Inhalt abzulenken. Bücherkauf, das ähnelt heute dem Gang in den Supermarkt. Nehmen Sie zum Beispiel Bratensoße, Maggi und Knorr. Wenn daneben eine Packung – na, wie heißen Sie?«

»Stefan Bruhks.«

»Wenn daneben eine Packung Bruhks – Garantiert klumpenfrei im Regal steht, welche Marke kaufen Sie?«

»Ich bin keine Marke!«

»Eben. Jetzt verstehe ich endlich, warum Sie mir gesagt haben, Sie seien ein Niemand.«

Stefan knurrte.

»Ein Unternehmensberater riet uns zu mehr Wegwerfbüchern, am besten Thriller. Wer die Lösung kennt, liest das Buch kein zweites Mal, sondern kauft ein neues.«

»Ich soll Fast-Food-Literatur schreiben?«

»Muss Ihr Erguss denn für die Ewigkeit sein? Wenn etwas von Ihnen in der Zukunft weiterleben soll, warum zeugen Sie nicht ein Kind? Ich … Sie …«

»Etwa mit Berta Böttcher? Sie ist meine Nachbarin, sitzt abends allein auf der Bettkante und flüchtet sich in Träume.«

»Wie sieht es denn mit Ihrer Einsamkeit aus? Sitzt allein an der Schreibmaschine …«

Nicht schlecht, die Lektorin, dachte er, sie könnte Alfreds Schwester sein. »Und träumt von Lektorinnen«, ergänzte er ihren Satz und drehte dabei beide Hände gegenläufig um einen nicht vorhandenen Hals.

»Oh, Sie lassen Ihren Humor von der Leine.«

»Galgenhumor«, erklärte er und fügte an, was ihm zu Galgenhumor einfiel: »Lektorinnen hängen Schriftsteller auf.«

»Nun machen Sie mal einen Punkt«, sagte Bettina heftig, »bevor aus Wortgeplänkel Ernst wird und ich verlange, dass Sie sich entschuldigen.«

»Schluss-Punkt«, sagte er, indem er die Spitze des Zeigefingers auf dem Tisch drehte. »Ich habe mir die Seele wund geschrieben.«

»Und ich sollte wohl Ihr Pflaster sein?«

Stefan lächelte andeutungsweise und fasste sich hinter das Ohr. »Die Heilung macht Fortschritte.«