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Folge 95 vom 5. Juli 2007

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»Bei Ihnen gibt es einiges zu entlarven«, sagte Bettina. »Das macht neugierig.«

Stefan überlegte, das Stamperl zu holen, auch wenn es sich nicht mit dem Rotwein vertrug und bei Bettina einen falschen Eindruck hinterlassen würde. Scheinbar musste die Entlarvung nicht heute sein, denn sie lenkte das Thema auf den Girpitsch-See. Stefan rutschte auf der Bank in eine entspannte Sitzposition. »Der Berg, der See, die Alm – ich wüsste kein besseres Beispiel für den Irrtum, wir Menschen hätten alles unter Kontrolle, mit Ausnahme gelegentlicher Erdbeben und Überschwemmungen natürlich. Merken Sie, wie gut das Wort natürlich passt? Eine Menge Respekt habe ich vom Girpitsch mit herunter genommen und Gefühle mitgebracht, die ich bisher in dieser Intensität nicht kannte, Angst und Verlorensein. Obwohl der Girpitsch kein Wort darüber verlauten ließ.«

»Und?«

»Ich bin mit der kleinen Engländerin gegen Mittag aufgestiegen, eigentlich recht spät, auch wenn man nur anderthalb Stunden bis zum See braucht. Zum Girpitsch führt kein Weg, streckenweise gibt es einen Trampelpfad, aber im Wesentlichen orientiert man sich an bestimmten Punkten am Berg. Ich war schon mehrfach oben und glaubte, die Wanderung sei wie der Spaziergang durch den Wald vor der Haustür. Wir sind am See entlang gegangen. Danach haben wir Blaubeeren für einen Pfannkuchen gesammelt. Schließlich lagen wir im Gras und haben uns die schroffen Bergspitzen angesehen. Ich erwähnte, ohne mir etwas Besonderes dabei zu denken, ich sei vom See aus noch nie weiter aufgestiegen, und sie meinte, wie schade und dass heute der Tag sei, der wie geschaffen sei, weiße Flecken in unserer persönlichen Landkarte auszufüllen. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und ich ließ mich von ihrer Begeisterung anstecken. Der Anblick über den Girpitschsee und das Tal entschädigten für den steilen Anstieg über die Wiesen. Je höher wir kamen, umso berauschender wurde das Panorama. Verstehen Sie, das war wie ein Kick, der Rausch einer erstmalig eingenommenen Droge.«

»Nein«, sagte Bettina, »aber ich bin neugierig.«

»Scheitellinien sind wie Sirenen, sie besitzen einen verführerischen Lockruf. Weil er unhörbar ist, hilft es auch nicht, wenn man sich die Ohren zuhält.«

»Erzählen Sie mir nichts von romantischer Geometrie. Was war mit dem Panorama?«

»Wir standen unten am See vor dem Hang und sahen dahinter das Bergmassiv mit der Spitze. Auf der Scheitellinie angekommen, waren wir zwar höher, aber es hatte sich nichts geändert. Vor uns türmte sich ein weiterer Hang auf, den wir von unten nicht erkennen konnten, und dahinter blieb der Berg. Das Spiel wiederholte sich wohl fünfmal, und auf jedem Hügel, den wir erklommen, entschädigte uns der Ausblick für die Anstrengung. Die Hänge zogen uns nach oben. Jedes Mal glaubte ich, das war’s, und dann kam der nächste Hügel und ich dachte, wenn wir schon so weit gekommen sind und jetzt umkehren würden, wäre alle Anstrengung umsonst gewesen, und dass wir den einen Buckel vor uns auch noch schaffen würden.«

»Also doch keine Sirenen, sondern gewöhnlicher Ehrgeiz.«

»Ich lasse nur Ehrgeiz gelten, alles andere ist ungewöhnlich. Die Hügel flüstern, sie möchten bezwungen werden und versprechen dir, den Horizont zu erweitern und dir ein Stück Erde zu zeigen, mehr, als du je gesehen hast. Als wir endlich nur noch den Felsen mit der Bergspitze vor uns hatten und das Holzkreuz an den Drahtseilen erkennen konnten, war es halb sechs.«

»Zu spät, vermute ich.«

»Ich hatte glatt die Zeit vergessen. Wir mussten den Abstieg bei Tageslicht schaffen. Von der Hütte aus waren wir mindestens drei Stunden aufgestiegen! Ich geriet in Panik und dachte, jetzt hat es dich erwischt, du bist verloren, abseits jeglicher Wanderwege, und nichts von der Erfahrung und dem Wissen, mit denen du den Alltag locker beherrschst, rettet dich. Meine Angst übertrug sich sofort auf die kleine Engländerin. Seltsam, ihr erschrecktes Gesicht gab mir Kraft. Ich hatte die Verantwortung, und der wollte ich gerecht werden.«

Folge 94 vom 4. Juli 2007

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»Bei Ihrer Ehrfurcht für die Natur dürfen Sie keine andere Einstellung haben. Wie war das mit der Einrichtung? Haben Sie die Kommoden, Tische und Bänke zusammensuchen müssen?«

»Bis auf den grünen Kachelofen in der Ecke ist die Einrichtung unverändert seit die Senner ausgezogen sind. Die Gardinen und die Kissenbezüge habe ich genäht.«

Bettina machte große Augen. »Sie haben genäht?«

»M-meine Mutter«, stotterte er. »Außerdem haben wir die achtundachtzig Nägel aus den Wänden gezogen.«

»Sie brauchen mir nichts vorzumachen. Mir ist es egal, wer genäht hat, die Gardinen und Kissen sehen hübsch und gekonnt aus. Achtzehn Nägel würden mir auch reichen.«

»Warum sollte ich übertreiben? Bei der Masse an Nägeln mussten wir einfach nachzählen, schon um unsere Leistung zu würdigen.

»Hat Ihnen der Nagler auch die schreckliche Tapete im Saustall hinterlassen?«

»Die Tapete ist ein Restposten. Im Laden sah sie gar nicht übel aus, hell und freundlich. Erst in der holzbraunen Umgebung entfalteten Farben und Muster ihre volle Wirkung. Von Hermann stammt, glaube ich, der Spruch, dass die Tapete die Verdauung beschleunigt, voraussgesetzt, man verrichtet sein Geschäft mit offenen Augen. Na ja, er hat es damals wohl etwas drastischer ausgedrückt.«

»Ich kann einen derben Witz vertragen, wenn er zündet.«

»So bemerkenswert war der Witz nicht. Die Pointe lief wohl auf schneller scheißen hinaus.«

»Wo ist denn die Verbindung zu Ihrem Paradies, wenn hier oben lediglich übliche Männerwelt geherrscht hat?«

»Der Eindruck täuscht. Bis auf die kleine Engländerin war ich in den letzten Jahren immer allein hier«, erklärte er aufs Geratewohl. Sie konnte es ohnehin nicht nachprüfen. Auch in seinen Erinnerungen suchte er nach Brücken, um die Bruchstücke, die er ohne nachzudenken erzählte, miteinander zu verbinden.

»Hat die kleine Engländerin auch einen Namen?«

»Natürlich.« Er könnte einen Namen erfinden, Sandra oder Jennifer oder Vivien, sie pflegten aber beim Erfinder schnell in Vergessenheit zu geraten und waren später Anlass für peinliche Nachfragen. »Für mich ist sie eben die kleine Engländerin.« Sabine, dachte er, aber der Einfall löste bei ihm keine Erkenntnis aus. »Sie hat eine ausgesprochene Neigung zum Anglikanischen. Das fängt mit den Sprachkenntnissen an und gipfelt in Bed & Breakfast als der höchsten Stufe, auf der man in die englische Lebensart eintreten kann, so wie ein Wurm, der sich durch den Apfel frisst und erst im Kerngehäuse glücklich ist.«

»War sie Ihre Freundin?«

»Ja«, antwortete er und überlegte, warum er sich so sicher war, nie mit ihr im Bett gewesen zu sein.

»Danach wollten Sie Ihr Paradies mit niemandem mehr teilen?«

»Es ergab sich so.«

»Leben Sie jetzt allein?« fragte Bettina, hörbar vorsichtig.

Vor ein paar Tagen hatte er sich gefragt, ob er vielleicht Familienvater mit zwei Kindern sei. Inzwischen schätzte er diese Version als unwahrscheinlich ein. Keine der Begebenheiten, die er erzählte, bot einen Anhaltspunkt für eine Partnerschaft, weder auf Frau oder Kinder, noch auf eine Freundin. Ja, er lebe allein, sagte er ihr. Fehlt nur noch, dass sie wissen wollte, ob er Bindungsängste habe. Der Gedanke, dass er eine Psychoanalytikerin dringender als eine Lektorin brauchte, beunruhigte ihn für einen Moment. Weit davon entfernt, in der Hütte eine Couch aufzustellen, war sie mit ihrer ständigen Fragerei nicht.

»Ich betrachte das Alleinsein als eine Phase der Besinnung und Orientierung«, erklärte er. Die Aussage klang glaubhaft und hörte sich überlegen an, alles unter Kontrolle. »Vielleicht wird aus mir ein Schmetterling.« Oder eine Motte. Ob sie mit ihrer Schlagfertigkeit darauf kommen würde?

Berthold Brecht war doch kein Österreicher, oder?

Bei unserem Literatur-Quiz in Zusammenarbeit mit der Schiller Buchhandlung in Stuttgart dürfen Sie auch in diesem Monat wieder mitraten.

Zum Literatur-Quiz » 

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 4.

Zutaten für einen PustekuchenDiesmal: Veröffentlichungen. Zuschussverlage.

Das letzte Mal habe ich über Anthologien und das manchmal etwas dubiose Vorgehen der Herausgeber geschrieben. Wenn man jetzt noch einmal zurückdenkt zu den Autoren, die für die Veröffentlichung in der Anthologie auch noch pro Seite einen gar nicht so niedrigen Preis bezahlen sollen, drängt sich einem die Assoziation zum Schreckgespenst der heutigen Jungautoren-Generation auf: Der ZUSCHUSSVERLAG. Heutzutage kann sich Hinz und Kunz (nicht die aus Volker Brauns Erzählung) ein eigenes Buch drucken lassen, vorausgesetzt man hat genug Geld. Eine Art Zweiklassenliteraturgesellschaft. Manche bezahlen eben für die Bücher, die andere geschrieben haben, und andere zahlen eben für die eigenen Bücher, um diese zu Weihnachten, zum Geburtstag, zu Ostern, zum Nikolaus, zum Valentinstag, zum Welttag des Buches, zum Murmeltiertag, , zum St. Nimmerleinstag ihren Verwandten und bedürftigen Kindern zu schenken. Was dann übrig bleibt stapeln sie nach nochmaligem Bezahlen an den Verlag (sonst werden die schönen Bücher ja vernichtet!) in ihrem eigenen Keller. Klar, es ist nicht unseriös und unmoralisch, den Autoren von vornherein zu sagen, dass sie ihr Buch quasi selbst finanzieren müssen. Wer will, der kann. Wenn ich wollte, hätte ich wahrscheinlich schon das fünfte Buch und würde mich für die ersten drei mittlerweile schämen. Und meine Eltern würden mir raten, einen extra Lagerraum zu mieten.

Folge 93 vom 3. Juli 2007

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Sie räumten den Tisch ab und spülten das Geschirr. Stefan versuchte sich zu erinnern, mit wem er zuletzt gemeinsame Tage auf der Hütte verbracht hatte. Hermann war es nicht, auch nicht die kleine Engländerin. Gelassener als sonst nahm er die Lücken in seinem Gedächtnis zur Kenntnis.

Als sie wieder am Tisch saßen, getrennt durch eine Flasche Rotwein, fragte Bettina, was er denn über die Alm und das Tal erzählen könne, sie sei neugierig wegen seiner Andeutung an der Kapelle.

»Ich bringe zuerst die Wie-komme-ich-zu-einer-Almhütte-Geschichte zu Ende. Wo hatten wir unterbrochen?«

»Sie haben mit Hermann die Bettstellen gezimmert.«

»Und die Wände im Schlafraum zur Wetterseite hin mit Profilholz verkleidet. Schauen Sie sich um.« Stefan fuhr mit dem Zeigefinger ein Ritze zwischen zwei Balken entlang. »Die Senner haben hier Moos und Stoffreste hineingestopft, damit es nicht zieht. Als wir einzogen, kam die Kälte zusätzlich von unten. Die alten Bohlen waren verzogen und an vielen Stellen gebrochen. Der Walln-Bauer hat im Schlafraum und in der Küche einen neuen Fußboden gelegt und für das Holz mehr Geld ausgegeben, als ihm die Pacht der ersten Jahre eingebracht hat. Ihm geht es aber nicht darum, Geld zu verdienen. Die Hütten verfallen, wenn sie nicht bewohnt und beheizt werden.«

»Wenn niemand die Wetterschäden repariert …«

»Dahinter steckt mehr als nur Vernachlässigung. Eine Hütte lebt, und für mich hat sie auch eine Seele. Lachen Sie mich jetzt aus?«

Bettina hob abwehrend die Hände. »Nein. Menschen verkümmern ebenfalls, wenn sie nicht in Gemeinschaft leben.«

Argwöhnisch schaute er sie an.

»Sind Sie anderer Meinung?«

Bevor Stefan verneinte, nahm er einen Schluck aus dem Rotweinglas. »Im vergangenen Jahr hat der Lugleitner das Dach und den Kamin erneuert. Auf die traditionelle Art, versteht sich.«

In die Pause, die er einlegte, sagte Bettina: »Sie wissen, dass ich es nicht weiß, also spannen Sie mich nicht auf die Folter.«

»Die neuen Dachschindeln wurden nach dem überlieferten Verfahren hergestellt. Eine Lärche wird zwischen Weihnachten und Neujahr gefällt und mit der Spitze nach unten in den Hang gelegt. Ein gefällter Baum, der …« Stefan lachte. »Bäumt sich halt ein letztes Mal auf, sagt man, und schickt seine ganze Kraft in die Zweige. Wenn im Frühjahr die Äste abgeschnitten werden, ist das Stammholz besonders hart und eignet sich hervorragend für die Schindeln.«

»Das Gefälle«, sagte Bettina.

»Mir ist die Überzeugung des Walln-Bauern sympathischer als die naturwissenschaftliche Erklärung.«

Züge werden in Eutingen nicht mehr geflügelt

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Ein Hinweis für BahnfahrerWer anderen eine Nachricht übermitteln will, der sollte darauf achten, dass er die Sprache der anderen spricht. Schon das Verwenden von Fachbegriffen kann dazu führen, dass man nicht mehr verstanden wird. Im Bereich der Wissenschaft werden Fachbegriffe gerne eingesetzt. Zum einen, weil sie tatsächlich einen bestimmten Sachverhalt genauer bezeichnen können, zum anderen, um Banalitäten bedeutender klingen zu lassen.

Aber auch Berufsgruppen und sogar Unternehmen haben oft eine eigene Sprache. Wie zum Beispiel die Deutsche Bahn. Und blöd ist es dann, wenn man zum Kunden spricht, aber dabei nicht dessen Sprache spricht, sondern die eigene. So teilt man den Bahnkunden per Aushang mit, dass aufgrund von Gleisbauarbeiten demnächst die Züge in Eutingen im Gäu nicht mehr geflügelt werden.

Alles klar? Oder verstehen Sie nur Bahnhof?

Folge 92 vom 2. Juli 2007

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Auf dem Tisch am Ende der Küche erhellten zwei Kerzen ein unruhig flackerndes Oval, in dessen Mitte ein Buch lag. Henry, der Protagonist des Romans, durchlebte soeben eine Krise und wurde von Selbstzweifeln geplagt, mit denen sich Stefan auf Anhieb identifizieren konnte. Nicht das Scheitern ist das Unglück, sondern es nicht versucht zu haben, war die Erkenntnis, mit der sich Henry am eigenen Schopfe aus dem Dilemma ziehen wollte.

Stefan schlug das Buch zu.

Er fand Bettina schlafend im Wohnraum. Sie lag unbequem mit dem Oberkörper auf der Bank an der Wand. Mit den Fingerspitzen trommelte er eine Melodie auf die Tischplatte, und als sie nicht reagierte, klopfte er auf den Tisch.

»Du meine Güte«, sagte sie und richtete sich auf. Sie schüttelte die Haare und benutzte die Finger als Kamm. »Ich wollte mich nur einen Augenblick ausruhen und habe mich zur Seite gelegt. Dabei bin ich eingeschlafen.«

»Kein Wunder, Sie haben die halbe Nacht draußen verbracht, sind zwei Stunden gewandert, haben Bier getrunken. Und jetzt die Abendessenszeit verschlafen.«

Bettina stand auf und dehnte ihre Hüften.

Während des Essens lenkte Stefan das Gespräch auf die Hütte.

»Ich habe die Hütte seit acht Jahren vom Lugleitner gepachtet«, erzählte er. »Einer seiner Vorfahren hieß Walln, deshalb wird er auch der Walln-Bauer genannt, die Alm heißt Walln-Alm und die Hütte …« Er steckte sich einen seiner Appetithappen in den Mund.

»Das ist nicht schwer zu erraten«, sagte Bettina. »Wie kommt man an eine Hütte? Ich schätze, sie wird nicht als Kleinanzeige im Express angeboten.«

»Mit Dusel. Wir waren zu viert, alles Freunde aus dem Studium. Über Christi Himmelfahrt wollten wir ein zünftiges langes Wochenende in den Bergen verleben. Wandern, saufen, Karten spielen. Mein Freund Hermann kannte unten im Priachtal die Jausenhütte – sie gehört übrigens auch dem Lugleitner. Dort bieten sie Nachtlager an. Hermann hatte uns vier Matratzen für vier Nächte reserviert. Stellen Sie sich vor, Sie liegen ruhig und warten auf den Schlaf, hören das gleichmäßige Atmen Ihrer Schlafgenossen. Neben mir lag Hermann und ich fragte ihn, warum er sich denn verdammt noch mal in die Hose gepinkelt hätte, anstatt auf die Toilette zu gehen. Lenk nicht ab, antwortete Hermann, wer den Furz zuerst gerochen …«

»Wie originell!«

»So ist das eben mit Obstler und Murauer Märzen. Die anderen beiden unterstützten mich und meinten, sie könnten wohl eine mit Obstler verfeinerte Bierfahne von Uringeruch unterscheiden. Am nächsten Morgen schaute Hermann unter den Laken nach. Es war ekelhaft. Dunkel geränderte Urinflecken lebten in Gemeinschaft mit Blutflecken – eine Frau sollte doch wissen, wann sie mit ihren Tagen zu rechnen hat.«

Bettina legte die belegte Brothälfte zurück auf das Holzbrettchen.

»Der Lugleitner sah an diesem Morgen auf der Alm nach dem Vieh und hörte von unserer Beschwerde. Zusammen mit den Matratzen warf er gleich den Pächter raus. So kamen wir mit dem Lugleitner ins Gespräch und ins Saufen, obwohl der Lugleitner keiner von denen ist, die sich mit einem Obstler bestechen lassen. Der weiß, was er will und was er hat. Kurz und gut, er glaubte uns die Leidenschaft fürs Gebirge und fragte, ob wir Interesse an seiner oberen Hütte hätten, der Pachtvertrag liefe dieses Jahr aus. Wir stiegen noch am gleichen Tag herauf, haben uns die Hütte angesehen und ich machte den Pachtvertrag per Handschlag fest.«

»Und Sie sind gleich umgezogen?«

»Ja. Allerdings war es hier auch nicht viel besser. Wir verbrannten die Matratzen und legten uns mit unseren Schlafsäcken aufs Heu, das wir auf dem Dachboden fanden.« Stefan wie in die Richtung des Schlafraums. »Die Luke in der Decke vor der Schlafzimmertür führt unter das Dach. Im nächsten Frühsommer zimmerten Hermann und ich die Bettstellen und die Schubladen darunter. Das Holz hat uns der Lugleitner geschenkt.«

Bettina schaute ihn nachdenklich an. »Sie sind ein Glückspilz.«

Stefan wiegte den Kopf. »Ich möchte jetzt nicht abwägen, was mir ein veröffentlichtes Manuskript im Vergleich zur Hütte wert ist.«

»Sie haben die Alm Ihr Paradies genannt. Wenn ich einen Ihrer Romane zur Veröffentlichung bringe, würden Sie mir dann den Pachtvertrag überschreiben?«

Stefan lachte. »Wahrscheinlich nicht. Sie sind eine kluge Frau.«

»Ich habe mich lediglich von Ihrer Begeisterung anstecken lassen.«

»Das ist gut«, sagte er zufrieden.

Folge 91 vom 1. Juli 2007

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Im Herd knackte ein Scheit wie ein Pistolenschuss. Bettina stand auf und versorgte das Feuer.

»Gedrosselt«, informierte sie und setzte sich auf ihren Platz.

»Willkommen an Bord«, sagte er und betrachtete die Tür zur Küche. »Ich kann den Kurs nicht halten.«

»Die Entführung läuft doch nach Plan, oder? Nachdem ich Ihr Manuskript gelesen habe, drängt sich bei mir der Verdacht auf , dass …«

»Ich habe keine wildfremde Frau entführt«, unterbrach er. »Ich kannte Ihren Namen.«

»Ich bin schon einen Schritt weiter. Amanda, die Lektorin, das bin ich, und Sie spielen das Literaturphantom. Stimmt’s?«

»Nein. Amanda hat hellblonde schulterlange Haare und sie trägt ein hautenges pinkfarbenes Kostüm, für Männer praktisch eine Klarsichtverpackung. Vielleicht bin ich selbst Amanda oder sie ist meine Schwester.«

Bettina antwortete nicht sofort. »Das klingt alles ein wenig …« Sie suchte nach dem passenden Ausdruck. »Überspannt.«

»Wundern Sie sich? Sie haben mir doch bereits gestern gesagt, dass ich verrückt bin. Und ich Ihnen, dass Sie sich in dieser Meinung nicht beirren lassen sollen.«

»Nein«, schüttelte Bettina den Kopf. »Sie tischen mir leicht Verdauliches auf. Hier findet keine Entführung statt, sondern eine Parodie, obwohl ich das weiß Gott nicht komisch finden kann mit dieser Angst, die mir immer wieder auflauert.«

Stefan hielt die Bierflasche mit beiden Händen. Seine Daumen streichelten die Rundung am Hals. »Wenn ich Ihnen«, sagte er langsam, »einen status quo anböte, eine Art von Garantie …«

»Ob ich einem Versprechen glauben würde?«

Stefan wartete, aber Bettina beantwortete ihre Frage nicht. »Zum Frühstück habe ich das Brotmesser nicht gefunden«, sagte er. »Es lag nicht in der Besteckschublade und auch nicht in den anderen. Sehr viele Möglichkeiten, ein Brotmesser zu verlegen, gibt es hier nicht. Die Erkenntnis kam mir schlagartig: Frauen greifen immer zum Brotmesser. Sie verbinden mit der Größe der Klinge die Wirkung als Waffe. Dabei hat ein Brotmesser eine runde Spitze und es ist zu biegsam. Soll ich Ihnen nicht besser das Kartoffelschälmesser ins Bett legen?«

Bettina funkelte ihn an. »Was bezwecken Sie mit Ihrer Bemerkung? Den Beweis, dass Sie obenauf sind? Oder wollen Sie sich dahinter verstecken?«

»Warum sollte ich abwarten, über Sie herzufallen? Wegen eines intensiveren Genusses?«

»Wenn Sie verrückt genug sind, macht auch das Unwahrscheinliche einen Sinn.«

»Sie müssen es wohl oder übel darauf ankommen lassen.«

»Dann entscheide ich mich für das Kartoffelschälmesser«, sagte Bettina.

Stefan lachte. »Sie nehmen mich ernst, und das fasse ich als Kompliment auf.«

»Werden Sie mich morgen gehen lassen?«

»Ja.« Er ließ vom Hals der Bierflasche ab und füllte das Stamperl mit Obstler auf.

»Was werden Sie wegen der Entführung tun? Werden Sie untertauchen?«

»Das ist meine Sache«, antwortete er bestimmt und trank, um ihr nicht ins Gesicht schauen zu müssen.

»Gut«, sagte Bettina, ohne dass es nach Triumph klang.

Folge 90 vom 30. Juni 2007

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19

Stefan kniete vor der geöffneten Herdklappe und schob zerknülltes Zeitungspapier in den Ofen.

»Darf ich?« fragte Bettina.

»Können Sie denn Feuer machen?«

»Hätte ich sonst gefragt? Sie denken, ich sei eine Frau aus der Wohlstandsgesellschaft, perfekt in der Handhabung des Raumthermostats.«

»Vielleicht waren Sie bei den Pfadfinderinnen. Dann könnten Sie immerhin die Windrichtung bestimmen und einen Knoten schlingen, den niemand ohne Schere öffnen kann.«

Bettina nahm ihm das Papier aus der Hand und steckte es in den Ofen. Er stand unschlüssig und wusste nicht, was er mit der geschenkten Zeit anfangen sollte. Die Betrachtung ihres Rückens und der Bewegungen beim Aufstehen und Niederknien erschien ihm aufdringlich. Für die Vorbereitungen zum Abendessen war es noch zu früh. Er füllte den noch dreiviertelvollen Wasserbehälter im Herd bis zum Rand und die Gießkanne am Wassertrog bis zum Überlaufen auf und setzte sich dann im Wohnraum an den Tisch. Nebenan schloss Bettina die Ofenklappe.

»Wie haben Sie die Luftzufuhr eingestellt?« fragte er, als sie im Türrahmen erschien.

»Offen. Es ist noch nicht genug Glut vorhanden. – Sie sollten Ratgeber schreiben statt Romane.« Bettina setzte sich ihm gegenüber. »Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Ich bin ganz Ohr.«

»Geschichten von der Alm? Auch wenn Sie einen falschen Eindruck bekommen, ich trinke einen Obstler und ein Bier. Leider habe ich kein Murauer Märzen.«

Bettina zögerte. »Keinen Schnaps«, entschied sie. »Ich nehme ein Bier. Von unserem bayerischen.«

Stefan servierte und prostete sich mit einem Nippen am Obstler zu. »Ich trinke sonst nie Schnaps«, erklärte er, doch klang, was er sagte, eher nach einer Entschuldigung.

»Sie bevorzugen Schenkelspreizer, nicht wahr?« Kaum hatte Bettina den Satz ausgesprochen, saß sie stocksteif und sortierte die Finger an beiden Händen.

»Sie sind vorlaut«, sagte Stefan und verbarg dabei geschickt sein Vergnügen über ihre unbedachte Äußerung.

»Nicht vorlaut.« Bettina legte die Hände auf den Tisch. »Frau darf in einer von Männern beherrschten Welt nicht auf den Mund gefallen sein.«

»Da stimme ich Ihnen aus eigener Erfahrung zu.«

»Sie?« fragte Bettina und machte ein ungläubiges Gesicht. »Erzählen Sie, was Sie als Frau erlebt haben.«

»Ich meine – ganz allgemein«, stotterte er und suchte krampfhaft in der Erinnerung nach einem Beispiel. Sein Kopf blieb leer. Genauso gut hätte er einen Blinden mit verbundenen Augen auf Entdeckungsreise schicken können.

»Kann es sein, dass ich Ihnen in einem früheren Leben als Frau begegnet bin?«

Stefan wurde einen Moment schwarz vor Augen, wie auf der Landsdorfer Straße, gerade lang genug, dass es Bettina auffallen musste.

»Ist Ihnen wieder schlecht?« fragte sie. »Wir bringen uns gegenseitig ganz schön aus der Fassung. Die Anspielung auf die Inkarnation war ein Scherz. Ich glaube nicht an eine Wiederkehr.«

Stefan trank das Stamperl in einem Zug leer.

»Ich frage mich, welcher Mensch Sie sind«, sagte Bettina leise. »Sie entführen eine wildfremde Frau – das Thema drängt sich ja wohl auf«, fügte sie hinzu, weil er die Augen verdrehte, »und fallen bei harmlosen Bemerkungen fast in Ohnmacht.«

»Ich weiß es nicht«, antwortete er.

Die FAZ hasst den Perlentaucher

Die FAZ titelt: Auschwitz und der PerlentaucherIn einer kleinen Meldung der FAZ steckt eine große Menge Hass gegen das Internet-Angebot des Perlentauchers. Die FAZ berichtet, dass das Berliner Kammergerichts nun entschieden habe, dass einer Aussage der FAZ in der täglichen Feuilleton-Presseschau des Perlentauchers falsch wiedergegeben sei. Doch mit welchen Worten, Informationen und Nebensätzen die FAZ dies berichtet, zeigt den blanken Hass der Zeitung auf den Perlentaucher. Gleich im ersten Satz wird darauf hingewiesen, dass der Perlentaucher »staatlich subventioniert« sei. Da schimmert der Vorwurf durch, dass die gerichtlich bestätigten Falschaussagen mit staatlicher Unterstützung erfolgten.

Folge 89 vom 29. Juni 2007

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»Rechts, das ist die Priacher Kalkspitze. Priacher nennen wir ihn kurz und bündig, was nicht heißt, dass ich keinen Respekt vor den zweitausendfünfhundert Metern Höhe habe.«

»Wie hoch sind wir jetzt?«

»Achtzehnhundert Meter etwa.«

»Wollen Sie noch weiter hinauf?«

»Nur noch bis vor den Sattel, wo die Steigung beginnt. Die sollten wir uns schenken.«

»Rutschgefahr?«

Stefan ärgerte der ironische Unterton. »Knapp daneben. Wenn die Wolken aufreißen, zeigt uns der Priacher vielleicht noch sein graues Haupt.«

»Der Berg ist wohl so etwas wie eine Legende?«

»Am ersten Sonntag nach dem 15. August wird eine Messe auf dem Gipfel gehalten. Dann ist ganz Josephskirch oben – also die, die noch gut beisammen sind. Vorsicht, hier ist es matschig.«

»Hat das Datum eine Bewandtnis?«

»Der 15. August ist Mariä Himmelfahrt.«

»Aha«, sagte Bettina.

Stefan schenkte sich die Frage, was sie mit dem einen Wort ausdrücken wollte. Sie überquerten einen flachen Zulauf zur Priach. Jeder Schritt platschte und färbte den Schnee dunkel. Stefan schlug einen Bogen und sie hatten wieder Gras unter den Füßen. Ein vom Schnee freigewehter Felsbrocken trug ein rot-weißes Zeichen mit einer Nummer, verwittert, aber noch erkennbar.

»Hier verläuft ein Wanderweg«, bemerkte Bettina überrascht.

Stefan brummte eine Zustimmung. »Von dort drüben«, sagte er, ohne die Richtung konkret anzuzeigen. »Das ist eine alte Markierung, der Weg führt mittlerweile hinter dem Priacher her«, log er geistesgegenwärtig. »Hier herum ist es zu gefährlich.«

Bettina blieb stehen und öffnete ihre Arme. »Sie sind offensichtlich der Tarzan der Berge. Ohne Sie …« Ihre Arme fielen herab.

»Ich hatte bereits zweimal das Vergnügen.«

»Verdammt ja!« sagte sie heftig. »Verdammter Zwiespalt! Sie gehören abgestürzt!«

»Damit ich mich zwiespalte?«

»Zwei Teile werden Ihrem Anspruch nicht gerecht. Sie zerfallen in soviel wie mögliche Steinchen mit der gewissen Rundung. Zum Drauftreten für harmlose Touristinnen.«

Nein, für Lektorinnen, dachte er. Ein eigenartiger Einfall drängte sich ihm auf. Wenn er schon als Stefan Gibtesnicht untergehen sollte, dann müsste sie das Urteil vollstrecken und ihm einen ihrer Sprüche mit auf den Weg geben, oben an der Weißen Wand im Augenblick des Abschieds. Flieg mit den Lerchen …

»Ist hier das Ende der Gefährdungen?«

Stefan drehte sich abrupt weg. Sollte doch ihr Einfühlungsvermögen entscheiden, ob sie seine Reaktion als Missachtung oder als Eingeständnis seiner Niederlage einstufte. In den folgenden Minuten blieb er stumm. Der Weg war hier sehr ausgetreten und uneben, und die Gefahr, auf einen verdeckten Grasbüschel oder Stein zu treten … Schluss! Seine ständigen wohlmeinenden Hinweise und Erklärungen mussten überheblich und anmaßend auf Bettina wirken, als sei sie ein dummes Ding ohne Gespür für Achtsamkeit und er eine Nervensäge. Vergeblich suchte er nach einem unverfänglichen Neuanfang für ein Gespräch und fühlte sich erlöst, als sie bemerkte, sie würden sich inzwischen oberhalb der Baumgrenze befinden.

»Sie könnten auch die Strauchgrenze und die Vegetationsgrenze sehr schön am Kegel des Priacher erkennen«, erklärte er. »Leider verwischt der Schnee heute alle Unterschiede.«

»An den Schnee im Juni habe ich mich inzwischen gewöhnt, ich würde mir nun gern auch einmal anschauen, was darunter ist. Sind die Alpen Ihr Hobby?«

»Nein. Das Meiste habe ich aus den Gesprächen mit den Bauern.« Er blieb stehen und schaute sie direkt an. »Wenn es Sie interessiert …«

Bettina wich seinem Blick nicht aus. »Antworten Sie ehrlich: Wann ist der Weg nach unter wieder frei?«

Er hätte gelogen und weitergespielt, so gut es ohne Gewalt ging, doch ließ ihm der Appell an seine Ehrlichkeit keine Wahl. Ein warmer Tag genügte, um das Weiß in Wiesen und Felsen zu verwandeln. Das Wetter knabberte bereits grüne Tupfer in den Schnee. »Morgen.«

»Gut«, nickte sie. »Dann weiß ich wenigstens, was wir heute Abend machen.«

Stefan verkniff sich die Frage, was sie damit meinte. Eine große Abrechnung, stellte er sich vor, bei der sie ihn lektorieren und alles in Frage stellen würde. Leider konnte er ein Buch, das Wirklichkeit hieß, nicht umschreiben.

Am Fuße des Oberalmsattels kehrten sie um und machten erst an der Kapelle halt. Hinter einem Kreuzgeflecht aus schwarzem Eisen stand eine Madonna in einer in den Spitzbogen eingelassenen Nische, das Kind auf dem Arm. Unter dem Enzianblau von Marias Umhang schimmerte der Gips hervor.

Mit Bildstöcken und Wegkreuzen waren nach Stefans Vorstellung Errettung aus Bergnot oder Tod verbunden. Er wusste nichts über die Entstehung dieser Kapelle und erzählte Bettina deshalb von dem Holzkreuz hinter dem Oberalmsattel; es gedachte dem Tod von zwei jungen Leuten anno 1912. Sie wurden Fronleichnam auf dem Weg nach Josephskirch von einem Schneesturm überrascht. Stefan ging nie an dem Kreuz vorbei, ohne einen Augenblick zu verweilen. Heutzutage war es kaum vorstellbar, mitten im Juni in einem Schneesturm umzukommen. Wer ging schon Fronleichnam übers Gebirge nach Josephskirch, etwa zur Prozession? Und ohne den Wetterbericht gehört zu haben?

Stefan war auf einen Aufguss der Kontroverse mit Bettina vorbereitet. Sie dagegen sprach von einem traurigen Schicksal, von Hoffnung, Erwartung und Lebensfreude, die plötzlich zerstört wurden, von der Angst der Betroffenen und dem quälend langen Zeitraum bis zu der Erkenntnis, dass es viel zu früh vorbei war, die bitteren Momente der Rückschau. Bettina war es auch, die weiter ging und damit das Ende des Gespräches bestimmte.

Folge 88 vom 28. Juni 2007

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»Sie scheinen Ihren Rhythmus nicht zu finden«, sagte sie, heftig atmend. »Das ständige Umtreten ist sehr anstrengend.«

»Der Schnee«, erklärte er. »Ich habe den Weg verloren.«

»Ich bin enttäuscht.« Sie fing seinen fragenden Blick auf. »Schnee im Juni, das muss man genießen. Sehen Sie die farbigen Schimmer unter dem dünnen Weiß?«

»Alpenrosen.«

»Wir gehen daran vorbei und in unserem Kopf existiert nur der nächste Schritt. Fest auftreten, nicht rutschen. Eine geeignete Stelle zum Auftreten suchen. Weiter.«

»Möchten Sie sich gerne ein Bein brechen? Resi wird Ihnen den Gips mit Alpenrosen bemalen.«

»Resi?«

»Die Tochter des Walln-Bauern.«

»Mich stört, dass wir uns ganz auf das Aufsteigen konzentrieren und ringsum nichts mehr wahrnehmen.«

»Mich erfüllt bereits das Hiersein. Die Details verwischen sich, wie überall im Leben, und das Empfinden ändert sich durch häufigen Gebrauch.«

»Auch wenn Sie mir nicht glauben: Ich finde das Panorama überwältigend. Eigentlich sollte ich das nicht sagen, weil ich Ihnen keine Rechtfertigung liefern möchte. Sind Sie denn bereits abgestumpft?«

»Nein!« beteuerte er mit erhobenen Händen. »Die ersten Male hier oben hatte ich ähnliche Eindrücke. Aber dann faszinierte mich die Herausforderung, der Mensch abgeschnitten von der Technik, die ihn überall umgibt und ihm hilft, ohne dass er darüber nachdenken muss. Nur Unwissende und Überhebliche glauben, dass die paar Bäume und Sträucher und die Millionen Kubik von aufgeschichtetem Kalkstein lediglich eine andere Form von Landschaft sind, die nur die Sicht versperren. Das Übermaß von Natur ringsum war für mich auch stets bedrohlich. Die Berge und das Wetter sind zwei Kumpane, denen ich nie getraut habe. Sie schmeicheln uns mit Sonnenschein und lauern hinter dem Horizont mit Gewitterwolken. Damit wird ein Aufstieg nicht zu einer Frage von Kondition. Andere Umstände spielen mit, der unebene Wanderpfad zum Beispiel, und der Stein, den die letzte Schneeschmelze dorthin gespült hat, wo wir hergehen, exakt mit der in Jahrmillionen geschaffenen Rundung, die uns beim Auftreten den Halt nimmt. Wenn dieser Stein im Schnee dort vor Ihnen liegt, und Sie brechen sich im Sturz das Bein, rufen wir dann den Krankenwagen oder haben Sie das Gefühl, in einer lebensbedrohenden Situation zu stecken?«

»Wie hoch ist das Risiko – eins zu Jahrmillionen?«

»Es gibt mehr Steine dieser Sorte, als Sie denken. Wenn Sie auf der Landsdorfer Straße von einem Auto überrollt werden, ist Ihre Überlebenschance möglicherweise größer als ein Beinbruch hier oben, schon deshalb, weil Sie hier unbeweglich sind wie die Tonnen von Gestein ringsum, aber bedeutend machtloser. Sie haben nicht so viel Zeit.«

»Warum steigen wir hier herum, wenn es Ihrer Meinung nach gefährlich ist?«

»Sie müssen nur acht geben, wohin sie treten.«

»Und vor lauter Achtgeben nichts mehr um mich herum wahrnehmen. Damit sind wir am Ausgangspunkt meiner Frage.«

Stefan zuckte mit den Schultern. »Wollen wir trotzdem weitergehen?«

»Wenn Sie mir auf dem Rückweg den Bildstock unter den beiden Lärchen zeigen, ja.«

»Maria mit dem Kind. Die Senner nannten den Bildstock eine Kapelle.«

Bettina trat unruhig mit den Füßen auf der Stelle. »Sie haben nur Ihre eigene Vision vom Paradies im Kopf, nicht wahr?«

»Wem geht das nicht so? Wenn es Sie interessiert, können wir auch gerne über mein Paradies diskutieren.«

»Nicht hier. Ich brauche Bewegung, damit die Wärmeversorgung wieder in Gang kommt.«

Stefan lachte. »Sehen Sie, das meinte ich, als ich sagte, ich wollte ihr Blut in Wallung bringen. Tut mir leid, dass wir darüber gestritten haben.«

»Das ist eine Frage des präzisen Ausdrucks. Eine Lektorin muss unmittelbar verstehen, was der Autor sagen will.«

»Frieden?«

Bettina zögerte. »Machen Sie es sich nicht zu einfach?«

»Nein«, sagte er knapp. »Tun wir etwas für die Erhaltung Ihrer Gesundheit.« Er stapfte los, weiter bergwärts, und sie folgte ihm. Zielstrebig stieg er auf eine Gruppe von Latschenkiefern zu. Hinter dem Gesträuch gelangten sie in eine Ebene, in der Ferne war der Oberalmsattel zu erkennen. Es gab keine Bäume mehr, nur Weiß auf Dunkelgrün, wo sich die Latschen bis zur Grenze ihrer Überlebensfähigkeit nach oben ausgebreitet hatten.

Folge 87 vom 27. Juni 2007

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Der Oberalmsee lag anderthalb Wegstunden bergwärts hinter einem Sattel, der die Grenze zwischen dem Lungau und dem Pongau bildete. Dahinter verlief der Tauernhöhenweg am Oberalmsee und der gleichnamigen Hütte vorbei. Bis zum Sattel wollte Stefan nicht gehen, um Bettina kein zusätzliches Tor zur Freiheit zu zeigen und jede Begegnung mit anderen Menschen zu vermeiden, auch wenn bei diesem Wetter auf dem Tauernhöhenweg nicht mit Wanderern zu rechnen war. Die Oberalmhütte würde dahingegen umso voller sein, sie war bewirtschaftet und bot Nachtlager an.

Bettina schloss zu ihm auf. Am Fuß eines gewaltigen Buckels, der sich vor ihnen in den Weg stellte, stießen sie auf einen Zaun mit einem schmalen Durchlass.

»Hier hinauf führt ein schmaler Fußweg. Selbst ohne Schnee ist er nur stellenweise zu erkennen«, erklärte Stefan. »Laufen Sie mir einfach nach.«

»Wie weit gehen wir hinauf?«

»Ich schätze hundert Meter Höhendifferenz. Sie blicken so skeptisch. Sie haben doch keine Konditionsprobleme, oder?«

»Ich war noch nie so hoch im Gebirge. Ich bevorzuge die weite Ebene.«

»Sylt – stimmt’s? Kampen oder Keitum? Wo selbst der steife Nordnordwest den Geruch von Geld und Einfluss nicht weg wehen kann.«

»Bisher haben Ihre Berge nur mit Ungemütlichkeit überzeugt. Was ist eigentlich so aufregend daran, wenn man fröstelt?«

»Ihre Gänsehaut vielleicht.«

»Und die möchten Sie sehen?«

»Herrgott noch mal!« polterte Stefan. »Können Sie an nichts anderes denken?« Mehr wusste er nicht zu sagen. Im Grunde wollte er überhaupt nicht reden, sondern dem Wetter trotzen und sich nach der Wanderung gut fühlen.

»Wer hat die Haut ins Spiel gebracht, ich oder Sie?« fragte Bettina.

»Gut«, sagte Stefan nach einer kurzen Pause. »Versuchen Sie, Ihren Rhythmus finden, einen gleichmäßigen Schritt. Wenn ich zu schnell bin, melden Sie sich.«

Stefan zwängte sich durch die schmale Öffnung des Zaunes. Ungezählte Male war er schon zur Oberalmhütte gewandert, wann er zuletzt durch Schnee aufgestiegen war, daran konnte er sich nicht erinnern. Wahrscheinlich würde er es auch nicht gewusst haben, wenn sein Erinnerungsvermögen einwandfrei funktionieren würde. Er konzentrierte sich auf den Weg und die Markierungen, große Felsbrocken, einzeln stehende Lärchen und Kiefernsträucher. Der Schnee behinderte das Gehen, häufig trat er auf Grasbüschel oder Steine und rutschte ab; er konnte auch den Verlauf der ausgetretenen Stellen nicht ausmachen, die ihm die Gerade den Hang aufwärts zur nächsten Spitzkehre wiesen. Er kam im Hang zu weit rechts ab und gab die Suche nach dem Weg auf. Steil arbeitete er sich auf einen Felsbrocken zu, den er zu kennen glaubte; dort angekommen hielt er an, zog die Luft tief durch und wartete auf Bettina.

Folge 86 vom 26. Juni 2007

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18

Im Laufe des Vormittags zerrissen die durch das Tal ziehenden Wolken, stiegen höher und begnügten sich damit, die Berggipfel ringsum unter einer grauen Decke zu halten. Der Schnee lag noch hauchdünn auf den Zweigen der Bäume wie vergessene Wolkenschleier.

Zu Mittag gab es Bratwurst mit Bratkartoffeln. Bettina erledigte den Abwasch nach dem Essen, ohne dass Stefan sie darum bitten musste. Sie könnte die Idealbesetzung für eine Hüttengemeinschaft sein, dachte er. Als hätte Bettina seine Gedanken gelesen, bemerkte sie mürrisch, dass für die Frauen immer die Drecksarbeit übrig bliebe, während die Herrschaften die Essenszubereitung als kreative Kochkunst zelebrierten.

»Was halten Sie von einer Wanderung durch den Schnee?« fragte er in versöhnlichem Ton. »Das Wetter hat uns lang genug an die Hütte gefesselt.«

»Hat es das?«.

Die Frage irritierte ihn. Damit hat sie ihr Ziel erreicht, ärgerte er sich. »Ich gehe auf jeden Fall«, antwortete er unfreundlich. »Wenn Sie hier bleiben, schließe ich Sie ein, damit Sie mir nicht in die nächste Felsspalte stolpern.«

»Ich wollte Sie nicht provozieren.« Bettina schüttelte den Spülmittelschaum von einem Teller und stellte ihn zum Abtropfen in die gelbe Schüssel.

Obwohl er nicht überzeugt war, dass Bettina die Wahrheit gesagt hatte, akzeptierte er die Erklärung. Mit dem Schuhputzzeug hockte er sich so auf die Truhe am Ende des Küchenraums, dass ihm das Tageslicht durch das Fenster über die Schulter fiel, und rieb seine und Bettinas Bergschuhe mit Lederfett ein.

Bettina schob die Besteckschublade der Kommode mit einem heftigen Ruck zu. »Meine Schuhe – ich meine, die ich letzte Nacht getragen habe – sind mir zu groß. Ich werde mir Blasen laufen.«

»Ich lege Ihnen ein zweites Paar Wollsocken heraus. Soll ich Ihnen die Fersen mit Heftpflaster abkleben?«

»Nicht nötig.« Bettina goss das Spülwasser vor die Hüttentür ins Gras. »Ich bin soweit«, sagte sie.

Stefan wollte ihr in den Skianorak helfen, aber sie nahm ihm die Jacke aus der Hand. Mit zwei Strümpfen hatte sie Mühe, in die Bergschuhe zu kommen. Probeweise ging sie ein paar Schritte auf und ab.

»Passt«, sagte sie. »Blasen sind kein Thema mehr, dafür werden mir die Füße absterben.«

»So kalt ist es draußen nicht.«

»Ich spreche von der Blutzirkulation.«

»Ich werde Ihr Blut schon in Wallung bringen.« Zu spät erkannte Stefan, wie zweideutig der flapsige Ausspruch war.

»Dafür kochen Sie auf viel zu kleiner Flamme«, hieb Bettina zurück.

»Im Gegenteil«, erwiderte er, »wenn ich verglühe, wird jeder in meiner Nähe verbrennen.«

»Und Sie werden endlich zu dem, was Sie sind: ein schwach leuchtender weißer Zwerg.«

Stefan schluckte. »Ein kleines Licht«, sagte er tonlos, »das von Lektorinnen ausgeblasen wird.«

»Ich fasse es nicht!« Bettina schlug die Hände gegen die Stirn. »Erst markige Sprüche und dann zerfließen Sie in Selbstmitleid! Kein Wunder, dass Sie keine anständige Entführung auf die Reihe …« Erschreckt hielt sie inne. »Wir benehmen uns albern. Bitte, ich würde jetzt gern die Schneewanderung machen.«

Vor Ärger konnte Stefan nicht antworten. Sie hatte ihn mit Worten abgeschossen und er krönte ihr den Erfolg mit dem weinerlichen Eingeständnis von Schwäche!

»Es tut mir leid«, sagte sie eindringlich.»Sie sind beleidigt, nicht wahr?«

Sollte er zugeben, dass er nicht sie meinte? Nein, das änderte nichts. Spätestens morgen würde sie den Spieß umgedreht haben und er saß in der Falle. Der unabänderliche Wetterumschwung war ihr Verbündeter. Er ging los.

»Soll ich hier bleiben? Und schließen Sie die Hüttentür nicht ab?« rief sie ihm hinterher.

Stefan breitete die Arme aus, ohne sich umzudrehen. »Wer klaut schon eine Lektorin?«

Die Hüttentür fiel so laut ins Schloss, dass er sich sorgte, sie könnte beschädigt worden sein. Trotzdem freute er sich, dass sie ihm folgte.

Lustig liest Tom Sawyer für Waschmittel

Tom Sawyer in der Omo-EditionHörbuchfans dürften sich im Juli wahrscheinlich mit Waschmittelvorräten für die nächsten zwei Jahre eindecken, denn den Familien-Vorratspackungen von Omo und Sunil liegt dann jeweils ein Hörbuch »Die Abenteuer von Tom Sawyer« und »Die Abenteuer von Huckleberry Finn« bei. Natürlich nicht die vollständigen Original-Romane von Mark Twain, sondern Texte nach einer deutschen Bearbeitung durch den Terzio, Möllers & Bellinghausen Verlag.

Vorgelesen werden die Texte von Peter Lustig, der 25 Jahre lang die Kindersendung Löwenzahn moderierte (»Abschalten!«).