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Folge 102 vom 12. Juli 2007

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Am Dienstag versprachen frische klare Luft und ein unentschlossen zwischen Blau und Weiß schwankender Himmel einen schönen Tag. Beim Frühstück hielt Stefan einen Vortrag über das Wetter und die Angewohnheit moderner Menschen, vom Wetter unabhängig zu planen und zu handeln; auf der Alm müsse man dagegen erst einen Blick aus dem Fenster werfen. Bettina amüsierte sich über seine Ernsthaftigkeit, und beinahe wäre das harmlose Gespräch in einen Streit gemündet, hätte sie nicht eingelenkt.

Stefan hatte schon beim Aufwachen an das Manuskript gedacht, seine Frage nach der Seitenzahl aber zunächst zurück gestellt, um nicht aufdringlich zu sein. Als sie zur Wanderung aufbrachen, war er guter Laune und das Manuskript vergessen. Gerne hätte er sein Herz zum Girpitsch empor geschleudert: Hallo, ich komme in netter Begleitung.

Zu Fuß ging es nicht so schnell wie in seinem Kopf. Hinter der Fromml-Hütte folgten sie der Mure bis zu der Stelle, an der die Weiße Wand in die Bergflanke stieß. Ein Stück kraxelten sie den Felsausläufer empor und trafen oben auf einen schmalen Fußsteig, der sie am Abhang vorbeiführte. Sträucher und kleine Bäume versperrten den Blick in das Tal. Nur die Jäger und Bauern und damals auch die Senner würden diesen Weg benutzen, wenn sie zum Girpitsch wollten, erzählte Stefan.

Der Weg endete am Wald im Unterholz. Die Lärchen standen weit genug auseinander, um das Sonnenlicht in hellen Streifen einzulassen und Gras und kleinen Sträuchern eine Überlebenschance zu geben. Stefan stieg geradlinig den Wald hinauf und wich selbst umgestürzten Bäumen nicht aus. Weit oben, nahe dem linken Waldrand, schlug er plötzlich einen Zickzackkurs ein und verließ schließlich zielstrebig den Wald zwischen zwei Sträuchern.

»Hier ist die Lärche mit dem verkrüppelten toten Ast.« Schwer atmend standen sie am unteren Ende einer Wiese, die den Berg hinauf reichte.

»Pause«, sagte er und setzte sich ins Gras. »Die Sonne bringt uns ordentlich ins Schwitzen, selbst hier im Wald. Können Sie unten die Hütte sehen?«

Bettina trat einen Schritt die Böschung hinunter, schrie ein helles aah! und krabbelte auf allen vieren einige Meter die Wiese hinauf. »Himmel, ich stand direkt am Abgrund.« Sie krallte ihre Hände in das Gras.

»Vor einigen Jahren ist hier eine Kuh abgestürzt.«

»Wenn ich nicht so erschrocken wäre, würde ich darin eine Anspielung sehen. Können wir noch einen Augenblick hier sitzen bleiben?«

Aus dem Augenblick wurde eine in der Sonne verdöste halbe Stunde. Mitten hinein fragte Bettina, wie denn diese Kuh auf die Weiße Wand und die anderen von Lori und Georg auf die Alm gekommen seien, etwa mit dem Lastenaufzug oder dem steilen Pfad am Wasserfall vorbei? Es müsse noch einen anderen Weg geben.

Über die Decker-Alm, sagte er träge in den Himmel, dort drüben. Weiter unten im Tal gebe es eine Weggabelung, mit dem Auto könne man den Weg nicht hinauf fahren und zu Fuß sei er ein viel zu weiter Umweg, um zur Walln-Hütte zu kommen. Selbst wenn sie den Weg kennen würde, sei er für eine Flucht im Schnee ungeeignet.

Bettina fragte nicht, wo die Decker-Alm und dort drüben war. Später gab sie das Zeichen zum Aufbruch. Sie stiegen in Serpentinen über die Wiesen nach oben und erreichten schnaufend eine bucklige, mit hohem Gras und Latschen bewachsene Ebene. Um eine ausgedehnte sumpfige Stelle schlug er einen Bogen, an dessen Ende die Wiesenbuckel auseinander traten und den Blick auf den See freigaben.

Vor der massigen Girpitschkarspitze wirkte der See wie ein Tümpel, in dem sich das Wasser des letzten Regens gesammelt hat, vorne hell und gegen das rückwärtige Steilufer in das Dunkelgrün der Sträucher übergehend. Die Hänge verloren nach oben schnell an Bewuchs und endeten mit vielfältigen Schattierungen an Kalkfelsen und Schutthalden. Vor einer senkrecht aufsteigenden Felswand hatte die Zeit einen Steinbruch aus gewaltigen Brocken angelegt. Eine imposante Kulisse für einen eher mickrigen See, urteilte Bettina.

Stefan führte sie ein Stück am Seeufer entlang. Die Luft bewegte die Wasseroberflache so sanft, dass die Brechung des Lichts beim Blick auf den Grund kaum wahrnehmbar war. Ein kleiner Fisch stand regungslos, verschwand dann blitzschnell zwischen Steinen, dass Stefan nur ein Da! herausbrachte, ohne eine Chance, den Zeigefinger in Richtung auf das Fischlein zu bewegen.

»Kennen Sie diese Pflanzen?« Bettina deutete auf die vereinzelt und in kleinen Gruppen stehenden fleischigen Stängel, die beinhoch aus dem Gras ragten. Die langen Blätter standen nur oben kraftvoll, unten hingen sie schlaff und färbten sich an den Rändern braun.

»Weißer Germer«, antwortete Stefan. »Er fällt wegen seiner Üppigkeit auf, wo ringsum alles kahl ist.« Er übersprang ein schmales Bächlein, das den Zufluss zum See bildete.

»Geradeaus können wir durch die Steine bis an den Fuß der Felswand klettern. Rechts hoch kommen wir auf die Girpitsch-Alm.«

»Ist das der Aufstieg, den Sie mit der kleinen Engländerin gemacht haben?«

»Ja. Möchten Sie?«

»Warum wollen Sie mir den Ausblick verweigern, von dem Sie so geschwärmt haben?«

»Bitte!« sagte er, als erfülle er Bettina einen lang gehegten Wunsch. Jede Stunde auf der Alm vergrößerte die Aussicht, dass er heute nicht mehr nach Hause fahren müsste und verdrängte den Gedanken an das danach.

Folge 101 vom 11. Juli 2007

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»Hinter der Hütte, durch die Latschen das Geröll hoch, führt der Weg zum Girpitsch. Man hält sich links«, zeigte er mit dem Finger, »und kann dann auf die Weiße Wand wechseln und kommt in einen Wald – er breitet sich nach oben wie ein Trapez aus.« Stefans Arme umrissen die Form. »Auch im Wald bleibt man an der linken Seite und erreicht oben schließlich die höchste Stelle der Weißen Wand.«

»Muss ich mit dort zurechtfinden – allein?«

Anstatt zu antworten setzte sich Stefan auf einen flachen Felsbrocken und rückte ein Stück, damit sie Platz bekam.

»Es tut mit leid«, sagte Bettina, »ich war unnötigerweise verletzend, auch als ich eben Ihre Großzügigkeit lächerlich gemacht habe.«

»Mir ist es peinlich, wenn Sie sich bei mir entschuldigen.«

Bettina schaute ihn von der Seite an.

»Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mir die Entführung leid tut«, sagte Stefan. »Sie sind eine angenehme Begleitung.«

»Das konnten Sie aber nicht wissen.« Bettina erhob sich, ging ein paar Schritte und blieb stehen. »Sie lieben Ihr Paradies und möchten mich teilhaben lassen. Ihre Gefühle für die Alm sind so erdrückend wie ein Felsmassiv und darum versuchen Sie ständig, sie mir auf erzählerische Weise zu vermitteln. Ohne eigenes Erleben funktioniert das jedoch nicht. Deshalb sollten wir jetzt die Fromml-Hütte besichtigen. Wie ich sehe, hat sie einen Keller, im Gegensatz zu unserer.«

»Die Sennerin musste Milch und Butter kühl lagern. Ich hätte ihr gerne frühmorgens beim Buttern zugeschaut, habe es aber nicht ein einziges Mal geschafft, zeitig genug aus den Federn zu kommen.«

»Los«, ermunterte sie ihn.

»Jetzt pressiert es nicht mehr. Seit dem die beiden Sehenswürdigkeiten in den Ruhestand getreten sind, ist die Fromml-Hütte eine wie jede andere.«

An der Wand neben der Eingangstür stand noch der Tisch mit den beiden Bänken, das eigentliche Wohnzimmer. Alle saßen dort, Verwandte, die Genossenschaftsbauern, Freunde und Nachbarn aus dem Dorf. Stefan führte vor, wie der Senner trotz seiner Blindheit und seines Alters von der Bank den abschüssigen Weg um die Hausecke zum Kellereingang flitzte, um kühles Bier und Schnaps zu holen.

»Er kannte sich in seiner Welt aus«, kommentierte Bettina. »Klein, überschaubar und nicht so kompliziert wie unsere. Ich vermute, er war glücklich.«

»Die beiden haben sich nie beklagt. Natürlich hat ihnen die Arbeit in ihrem Alter Mühe gemacht. Sie haben nicht ferngesehen, keine Zeitung gelesen, geschweige denn ein Buch; sie waren ausschließlich auf Kommunikation mit den Leuten angewiesen, die an ihrem Tisch vor der Hütte saßen. Können Sie sich ein Leben ohne intellektuellen Anreiz vorstellen?«

»Schwerlich«, antwortete Bettina nachdenklich. »Des Senners Horizont waren die Viecher, meiner sind die Bücher. Wenn Sie das falsch verstehen, bekommen Sie Streit mit mir.«

»Nein, nein, Sie sind nicht überheblich.«

»War das etwa ein Kompliment?« fragte Bettina argwöhnisch.

»Eine Feststellung. Sehen Sie, Georgs Lebensinhalt bestand aus Essen und Trinken, Unterkunft, Kleidung, regelmäßig eine Frau. Wenn er nicht Senner, sondern Bauer gewesen wäre, hätte es schon mehr bedurft, um ihn zufrieden zu stellen.«

»Die Erfüllung soll man dort suchen, wo man im Leben steht. Oder den Platz wechseln.«

»Hatten die Senner eine Chance zu wechseln?«

»Wohl kaum«, meinte Bettina. »Das ist das übliche Dilemma.« Weil Stefan das Gespräch nicht unmittelbar fortsetzte, sagte sie: »Wir werden auf diese Frage jetzt keine schlüssige Antwort finden.«

»Sie hätten mein Manuskript lesen sollen.«

»Nein«, sagte Bettina gequält, »bitte machen Sie aus der Geschichte keinen Alptraum. Hatten Sie ein Exposé eingeschickt oder das Manuskript?«

»Ich habe es bei mir.«

»Vermutlich haben Sie das Manuskript geschickt. Ich habe den Einstieg in das Thema nicht gefunden und mich an die Abarbeitung der anderen Texte gemacht. Herrgott, Sie sind nicht der Einzige!«

»Wollen Sie es lesen?«

»Gut. Heute Abend, und mit dem Versprechen, Ihnen exakt die Seitenzahl zu nennen, an der ich das Manuskript endgültig zugeklappt habe.«

»Das ist ein Wort«, stimmte er zu.

Bevor er zu Bett ging, fragte er erwartungsvoll, wie weit Sie gekommen sei.

»Ich lese noch«, antwortete sie, ohne den Kopf zu heben.

Folge 100 vom 10. Juli 2007

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Nach dem Frühstück lud Stefan zu einer Almbesichtigung ein. Die Wolkendecke war bereits an einigen Stellen aufgerissen und ließ die Sonne durchscheinen und die Alm in Grün leuchten. Auf den Hängen hatte sich der Schnee bis in die geschützten Winkel zurückgezogen, nur ganz oben lag er noch als Fleckenteppich auf den Matten.

Wie ein dicker Bauch hing der Hang, den sie gestern im Schnee hinaufgestiegen waren, auf der Alm. Sie gingen bis zur Kapelle und weiter zur Priach. Der Bach hatte sich an dieser Stelle den Berg hinunter einen felsigen Einschnitt gegraben. Lärchen wuchsen auf den Felsabsätzen bis an den Rand der engen Schlucht und hielten das karge Erdreich fest, einige von ihnen waren von der Priach überwältigt und umgestürzt worden. Unten im Bach war eine tiefe Stelle entstanden, aus der das Wasser flacher und ruhiger abfloss, ein idealer Badeplatz, wie Stefan erklärte, für die Hartgesottenen. Nur einmal habe er sich zusammen mit Hermann überwinden können.

»Und die kleine Engländerin?«

»Wenn sie sich ausgezogen hat, wollte sie es lieber warm.«

Bettina bückte sich und tauchte einen Finger in das Wasser. »Du meine Güte«, sagte sie und schüttelte die Wassertropfen ab. »Ich kann sie verstehen. Bei der Temperatur würde ich Wärme zur Weltanschauung machen.«

»Gehen Sie mit mir den Bach ein Stück aufwärts?«

»Durch das eiskalte Wasser?« fragte Bettina entsetzt.

»Was glauben Sie! Wir nutzen alles, was im Wasser liegt, um nicht hineinzutreten, Felsen, Steine, Sand- und Kiesbänke, Baumstämme, die Böschung. Hundert Meter etwa habe ich es bis oben hin geschafft, dann wurde es mir zu steil. Das Klettern ist eine wirkliche Herausforderung für die Körperbeherrschung. Einige knifflige Stellen haben es in sich.« Er fasste Bettina am Arm und stieg auf einen flachen Stein.

Sie zögerte.

»Folgen Sie mir einfach. Beim nächsten Mal schaffen Sie es allein.«

Zwanzig Minuten benötigten sie bis zu einem kleinen Wasserfall, ab dem sie nicht mehr weiter kamen.

»Hat es Spaß gemacht?«

»Es ist tatsächlich kein Kinderspiel«, sagte Bettina, »trotzdem irgendwie albern. Die Zeit, in der ich mich für Abenteuerspielplätze begeistern konnte, ist vorbei.«

»Steppen auf der Stelle, hundert Mal das gleiche Gewicht stoßen – ein Fitness-Studio ist aufregender, und viel erwachsener.«

»Sie haben mich überzeugt«, nickte Bettina.

»Dann gehen wir jetzt zur Fromml-Hütte, wo die letzten Senner dieser Alm gelebt haben, Lori und Georg, so bis 1980 etwa. Die beiden waren über siebzig und hatten sich ihren Ruhestand verdient. Vor Georg, dem alten Schlawiner, war kein Weiberrock sicher. Halb blind, wie er war, hat er noch Holz gehackt, ohne jemals daneben zu hauen. Bei den Frauen musste er nichts sehen, da hat er ohnehin lieber getastet. Erst um die Schultern und dann an die Brust.«

»Ich hätte ihm schon auf die Finger geklopft.«

»Ich habe das nie so eng gesehen. Der Alte war ansonsten ein lustiger, liebenswerter Kerl.«

»Männer unter sich! Hat Sie das nicht gestört, wenn er die kleine Engländerin begrapscht hat?«

»Wie gesagt … « Er glaubte Georgs Hände zu spüren, wie sie auf seinem Schenkel lagen. »Bier und Obstler gingen bei Georg nie aus. Blieben wir länger, lud uns Lori zu einer Brotzeit mit Wurst und Speck ein. Am Ende haben wir selbstverständlich bezahlt, und immer etwas mehr, als Lori verlangte.«

»Wollten Sie das Brauchtum fördern oder war das etwas mehr ein Almosen?«

Stefan schwieg betreten. Die Lektorin verdarb ihm mit ihrer messerscharfen Analytik die Stimmung. Von Feinfühligkeit und Bewunderung für ihr urtümliches Leben konnten die beiden armen Teufel nicht leben, nie hatten sie die Wahl gehabt, sich für oder gegen die Alm zu entscheiden. Stefan war versucht, die Nase der Lektorin auf diese Sichtweise zu stoßen, unterließ es aber und streckte den Arm aus. In einiger Entfernung lag die Fromml-Hütte vor einem hoch aufragenden Berghang mit der grauen Blutspur einer alten Mure. Latschenkiefern bedrängten das Geröll und bedeckten einen Teil der Mure wie die Kruste einer Wunde.

Spielen Sie mit uns Harry-Potter-Bingo

Das Harry-Potter-Bingo (hier klicken und Spielplan runterladen)Am 21. Juli 2007 erscheint die englische Ausgabe des siebten Harry-Potter-Romans, am 27. Oktober 2007 die deutsche. Und auch zu diesem Band wird es in den Medien die immer gleichen Meldungen geben. Wir laden Sie daher ein: Spielen Sie mit uns das Harry-Potter-Bingo!

So gehts: Wir haben einen Spielplan mit insgesamt 16 Meldungen erstellt, die in den kommenden Wochen in den Zeitungen zu lesen sein werden. Drucken Sie sich diesen aus. Wann immer Sie zum 7. Harry-Potter-Band eine der Meldungen im Internet entdecken, kreuzen Sie das entsprechende Feld an. Wer zuerst vier Kreuze in einer Reihe hat (horizontal oder vertikal) und uns die Internet-Adressen der entsprechenden vier Meldungen an redaktion ät literaturcafe punkt de schickt, gewinnt eine literaturcafe.de-Tasse. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Meldungen vor Juli 2007 und zu älteren Potter-Bänden gelten nicht, ebenso Einträge in Blogs. Die Meldungen dürfen deutsch oder englisch sein und sich auf die englische oder deutsche Ausgabe beziehen.

Einen Joker schenken wir Ihnen.

Nachtrag: Bitte nicht mehr »Bingo!« rufen, die erste Reihe ist bereits komplett gefunden worden.

Der Hörverlag macht sich selbst Konkurrenz im Download-Bereich

Download-AngeboteDas Hörbuch-Download-Portal audible.de hat heute eine Kooperation mit dem Hörverlag bekannt gegeben. Zum Start werden 230 Titel des wohl größten und bedeutendsten Hörbuch-Verlages auf audible.de zum Download bereitstehen.

Interessant an dieser Kooperation ist, dass der Hörverlag als Gründer und Gesellschafter auch am konkurrierenden Download-Portal claudio.de beteiligt ist. claudio.de startete mit großem Tamtam im Herbst 2005 (Interview in unserem Podcast). Es schien, als hätten sich mit claudio.de zwei starke Partner zusammengetan, denn neben dem Hörverlag ist an claudio auch der Burda-Verlag beteiligt. Doch obwohl zunächst zu erwarten war, dass Burda die Macht seiner Zeitschriften einsetzen würde (Focus, Freundin, Playboy u.a.), um die eigene Plattform zu bewerben, ist es um claudio sehr ruhig geworden. Und auch von den vollmundigen Ankündigungen, dass man Bücher ausschließlich im MP3-Format anbieten werde, das auf jedem Player wiedergegeben kann, ist wenig übrig geblieben, denn man beugte sich schnell den Hörbuch-Anbietern, die ohne digitale Rechtebeschränkungen der Käufer (DRM) keine Hörbücher zum Download auf der Plattform bereitstellen wollten.

Folge 99 vom 9. Juli 2007

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»Ich freue mich«, schob er nach.

»Ich gebe Ihnen noch mehr Grund zur Freude.« Bettina beobachtete ihn, während sie kaute.

Schlagartig war er verunsichert. Wer hat hier wen in der Gewalt? Nein, sie war nicht der lächelnd zustechende Typ, beruhigte er sich.

»Ich werde Ihren Roman schreiben.«

Er verschluckte sich und musste husten. »Meinen Roman? Wie soll er denn heißen? Ich meine – das Thema?«

»Entführung einer Lektorin.«

»Ist das Thema oder Titel?«

»Dumme Frage. Beides.«

Stefan verzog den Mund. »Das können Sie mir nicht weismachen. Den Titel kaufen nur schadenfrohe Schriftsteller und Kolleginnen, die wissen möchten, ob eine Stelle frei wird. Vielleicht, mit dem richtigen Cover, eine halbnackte Blondine, gefesselt und mit zerrissener Bluse, wo jedermann nicht nein sagen würde, wenn sich eine solche Chance böte, natürlich unerkannt. Also braucht sie eine Augenbinde und ein erschrecktes Gesicht, das den Betrachter richtig lüstern macht.«

»Ich habe Sie unterschätzt«, sagte Bettina steif. »Das Thema bleibt, der Titel wird später gefunden. Ich schildere die Entführung aus Sicht der Lektorin, die Auseinandersetzung mit dem Entführer, die schrittweise Aufdeckung seiner Motive, das Psychogramm, das ganze Drum und Dran halt. Ich dachte, in Form eines Tagebuchs.«

»Ich übernehme den zweiten Teil. Der Entführer sitzt im Gefängnis. Auch er schreibt Tagebuch.«

»Keine schlechte Idee«, meinte sie. »Ich komme Sie besuchen. Zwischen uns ist eine Beziehung entstanden – im Roman, selbstverständlich.«

»Würden Sie mich wirklich besuchen kommen?« Seine Stimme vibrierte.

»Warum nicht, wenn Sie anständigen Text abliefern?«

»Mit einer Lektorin im Tandem kann Qualität doch nicht ausschlaggebend sein, oder?«

»Sie sind ein Träumer«, sagte Bettina, »als ob Qualität je das einzig selig Machende für eine Veröffentlichung war. Mein Chef gab mir bei der Einstellung ein Motto mit auf den Weg: Wir sind ständig auf der Suche nach dem zukünftigen Literatur-Nobelpreisträger, in der Zwischenzeit aber verdienen wir Geld, und zwar soviel wie möglich. Verleger sind Unternehmer, sie basteln an Medienkonzernen, mehren Umsatz und Gewinne, damit sie sich die Verluste mit den Kleinauflagen für Leute wie Sie leisten können.«

»Auf den Punkt gebracht wollen Sie verkaufen, und zwar bedrucktes Papier. Wozu braucht Weigold dann noch Lektorinnen?«

»Ich könnte antworten, es ist eine Frage der Kapazität. Einer muss sortieren, weil wir nicht alles drucken können, was getippt wird. Oder ich könnte sagen, weil es unser Marketing noch nicht geschafft hat, vom Inhalt abzulenken. Bücherkauf, das ähnelt heute dem Gang in den Supermarkt. Nehmen Sie zum Beispiel Bratensoße, Maggi und Knorr. Wenn daneben eine Packung – na, wie heißen Sie?«

»Stefan Bruhks.«

»Wenn daneben eine Packung Bruhks – Garantiert klumpenfrei im Regal steht, welche Marke kaufen Sie?«

»Ich bin keine Marke!«

»Eben. Jetzt verstehe ich endlich, warum Sie mir gesagt haben, Sie seien ein Niemand.«

Stefan knurrte.

»Ein Unternehmensberater riet uns zu mehr Wegwerfbüchern, am besten Thriller. Wer die Lösung kennt, liest das Buch kein zweites Mal, sondern kauft ein neues.«

»Ich soll Fast-Food-Literatur schreiben?«

»Muss Ihr Erguss denn für die Ewigkeit sein? Wenn etwas von Ihnen in der Zukunft weiterleben soll, warum zeugen Sie nicht ein Kind? Ich … Sie …«

»Etwa mit Berta Böttcher? Sie ist meine Nachbarin, sitzt abends allein auf der Bettkante und flüchtet sich in Träume.«

»Wie sieht es denn mit Ihrer Einsamkeit aus? Sitzt allein an der Schreibmaschine …«

Nicht schlecht, die Lektorin, dachte er, sie könnte Alfreds Schwester sein. »Und träumt von Lektorinnen«, ergänzte er ihren Satz und drehte dabei beide Hände gegenläufig um einen nicht vorhandenen Hals.

»Oh, Sie lassen Ihren Humor von der Leine.«

»Galgenhumor«, erklärte er und fügte an, was ihm zu Galgenhumor einfiel: »Lektorinnen hängen Schriftsteller auf.«

»Nun machen Sie mal einen Punkt«, sagte Bettina heftig, »bevor aus Wortgeplänkel Ernst wird und ich verlange, dass Sie sich entschuldigen.«

»Schluss-Punkt«, sagte er, indem er die Spitze des Zeigefingers auf dem Tisch drehte. »Ich habe mir die Seele wund geschrieben.«

»Und ich sollte wohl Ihr Pflaster sein?«

Stefan lächelte andeutungsweise und fasste sich hinter das Ohr. »Die Heilung macht Fortschritte.«

Textkritik: Herbst, kein goldener – Prosa

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Nicht, dass ich das Fehlen jetzt beklage: das sonnige Wetter mit der Glut der herbstlichen Farbenpracht und mit der vom Duft vollreifer Früchte geschwängerten Luft, den Wind, der die Blätter der Bäume auf den herbstlichen Tanz vorbereitet, die wärmende Mittagssonne, die die Menschen aufrechter gehen lässt und ihnen ein Lächeln in’s Gesicht zaubert
Gebannt verfolgen mich bei dem Ankommens-Rundgang durch meinen Garten die Blicke von Nachbars Schafen. Ich laufe nicht mehr barfuß. Auch die Hühner unterbrechen plötzlich ihr unentwegtes Scharren und Picken, um mir hinterherzuschauen. Meine Schuhe sind nass. Es hat sich ausgesommert: Ein Kirschkernteppich als übrig gebliebene Spuren sommerlichen Überflusses unter den Bäumen; gelbe und rote Äpfel, die mangels einer anderen Bestimmung ihren Weg zur Erde angetreten haben. Ich sehe: Für Stare und kleines Getier mit Appetit auf Kirschen und Äpfel ist mein Garten ein Überlebensraum. Ich teile gern.
Die sonntägliche Wolkendecke ist von bester Qualität: dick, reißfest, wasserspeichernd, wärmeabweisend. Heute fällt der Tanz aus. Nur der Schwerkraft gehorchend, fallen die vom nächtlichen Regen feuchten Blätter zur Erde. Unbeeindruckt von allem recken die Dahlien in der Nachbarschaft ihr goldgelbes Antlitz in den bedeckten Himmel.
Der prächtige Nussbaum, mein Refugium lauer Sommerabende, entledigt sich seiner Früchte. Schwarzen, fauligen Pflaumen gleich umklammert die schützende Hülle noch am Boden den kostbaren Inhalt. Weihnachtliche Nuß-Köstlichkeiten vor meinem inneren Auge, nehme ich weiter nasse Schuhe in Kauf und klaube tapfer Nuß für Nuß aus dem schwarzen, schmierigen Etwas. Leere Schalen, kreisrunde Löcher in goldbraunen Walnüssen lassen mein Herz höher schlagen. Auch mit hungrigen Eichelhähern und Eichhörnchen teile ich gern.
Ein Sonnenstrahl trifft mein Gesicht. Die Welt ist nicht wärmeabweisend. Ich öffne mein Herz. Sanft schwebend kokettiert in meiner Nähe ein Pfauenauge mit der Sonne. Formationen laut schnatternder Wildgänse am Himmel unterbrechen die Stille. Ich schaue ihnen nach. Haben auch sie auf die Sonne gewartet?

© 2007 by Ute Mossa. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Diese Schilderung wird dem Thema nicht gerecht, sondern der letzte Absatz stellt es auf den Kopf! Dieser müsste ersatzlos gestrichen werden, wollte man dem Text noch eine Kleinigkeit abgewinnen.
Sonst überwiegt leider das Übliche: überflüssige Wiederholungen, Probleme mit Grammatik und Rechtschreibung, schiefe Bilder. Zu selten zeigt sich sprachliches Ausdrucksvermögen.

Die Kritik im Einzelnen

Der Beginn ist höchst missverständlich: Die Überschrift stimmt ein auf den ungoldenen Herbst, und schon zu Beginn der Schilderung wird das Fehlen nicht beklagt. Logischerweise erwartet man jetzt, dass das Fehlen des goldenen Herbstes nicht beklagt wird. Es scheint auch so zu sein, denn da ist vom sonnigen Wetter mit der Glut der herbstlichen Farbenpracht die Rede, von vollreifen Früchten, also der Erntezeit – aber dann bereitet der Wind die Blätter (überflüssigerweise: die der Bäume, nicht die der Hefte …) auf den herbstlichen Tanz vor: Ja, was jetzt? Doch noch kein Herbst? Sollte es etwa der Sommer sein, dessen Fehlen nicht beklagt wird? Leuchtet das Sommersonnenwetter in den Farben der herbstlichen Pracht (was bleibt dann dem Herbst, wenn der Sommer ihm sogar die Farben weg nimmt?)?. Im Herbst wird geerntet, das ist einfach so, auch wenn sich manche Früchte nicht daran halten. Und die Mittagssonne wärmt offenbar auch nur im Sommer und sonst nicht, will man dem Erzähler-Ich glauben, tu ich aber nicht: Falls die Mittagssonne tatsächlich die Menschen aufrechter gehen lässt und ihnen ein Lächeln ins (genau: ohne Apostroph, der im Deutschen für 1 fehlenden Buchstaben steht: wenn schon, müsste man in “s schreiben) Gesicht zaubert, dann tut sie das viel eher mitten im kalten Winter als in der Gluthitze des Sommers! Und sonst? Nun: zweimal kommt das Adjektiv herbstlich vor in dieser nicht-fehlenden Sommeridylle, und zwei Sonnen scheinen – das ist ein bisschen viel aufs Mal! zurück
Was ist das? Gibt es auch noch einen Weggehens-Rundgang? Pennt das Erzähler-Ich normalerweise im Garten und hatte diesen versehentlich verlassen, so dass es jetzt einen Ankommens-Rundgang zelebrieren muss? zurück
Jajaja, die plötzliche Unterbrechung im Gegensatz zur langsamen, kriechenden, zeitaufwändigen … zurück
1 Teppich als Spuren? Verbesserungsvorschlag: Zwei Kirschkernteppiche als übrig gebliebene Spuren (sofern es zwei Kirschbäume gab) oder Ein Kirschkernteppich als übrig gebliebene Spur zurück
Die Spur findet sich logischerweise unter 1 Baum – jetzt ist aber von unter den Bäumen die Rede, also gibt es wohl ein Rudel Kirschbäume (ich nehme nicht an, dass sich unter einem Mirabellenbaum so mir nichts dir nichts ein Kirschkernteppich bildet)! Zudem sind die Spuren erkennbar: Es sind Kirschkerne! Und da man sie als solche erkennt, müssen sie notwendig übrig geblieben sein; wozu auch das noch betonen? Warum denn nicht gleich und kürzer, etwa: Kirschkernteppiche als Spuren sommerlichen Überflusses? Da wären dann mehrere Bäume impliziert, ohne dass man die noch draufsatteln muss … zurück
Nanu? Sie Äpfel haben ihren Weg angetreten? Sie liegen also keineswegs auf dem Boden, sie sind nicht zur Erde gefallen, sondern befinden sich irgendwo zwischen Baum und Erde und müssen gegen die Erdanziehung ankämpfen, letztlich aber doch unterliegen, da ihr Weg zur Erde unausweichlich ist? Oder soll hier Asche zu Asche, Erde zu Erde assoziiert werden, was das zur aber nachhaltig verhindert? zurück
Wer es noch nicht wusste: Stare gehören zum großen Gevögel und sind offenbar die einzigen gefiederten Kumpel, die die Kirschen des Erzähler-Ichs gemocht haben …(achje, es ist eine Qual) zurück
Der erste Satz der mir gefällt, denn er verlässt die üblichen Schemata (bislang gab es nur ein überraschendes Wort, dass ich noch loben kann: ausgesommert). Allerdings ist bei wärmeabweisend zu bedenken, dass Wolken in beide Richtungen Wärme abweisen, gemeint ist aber wohl nur die Behinderung der Sonnenstrahlen. zurück
Zu ergänzen: … und überholen dabei die Äpfel, die immer noch unterwegs sind. zurück
Spannend: Was treiben die Dahlien, die nicht in der Nachbarschaft hausen? Schauen diese in die Röhre? Warum diese unnötige Präzision? Zudem erinnere ich mich, dass in der Nachbarschaft vor allem Schafe leben: Tun die den Dahlien nichts? zurück
Der Mensch hat ein Gesicht, die Dahlie ein Antlitz … was bleibt dann dem HErrn? Das ist heftig kitschig! zurück
Davon ausgehend, dass sich nicht die lauen Sommerabende unter den Nussbaum zurückgezogen haben, sondern in ebendiesen Sommerabenden das Erzähler ich unter solch, würde ich das auch so schreiben: mein Refugium in lauen Sommerabenden. zurück
Ja wie: Nussbaum, aber Nuß-Köstlichkeiten? Einfach bei Nuss bleiben, es ist so einfach: kurz und stimmlos, also Doppel-s! zurück
Ach ja, die Nüße! zurück
Schwarz war doch gerade erst: Schwarzen, fauligen Pflaumen gleich! Da steht doch alles! Warum all diese überflüssigen Wiederholungen? zurück
Tja, damit wäre der schönste Satz hinfällig: beste Qualität, dick, reißfest, wasserspeichernd, wärmeabweisend. Ein einsamer Sonnenstrahl hat sie einfach zerstört … zurück
Und warum, bitte? Es geht nicht um den goldenen Herbst, versprach die Überschrift – und jetzt wird er unversehens golden? Das enttäuscht maßlos! Die Überschrift müsste ehrlicherweise heißen: Herbst, endlich golden! zurück

Prosatext, kein guter

Maltes Meinung - Die Textkritik im literaturcafe.deDass Malte Bremer mitten im Sommer einen herbstlichen Prosatext bespricht, soll nicht bedeuten, dass die Pause bis zur nächsten Textkritik erneut so lang sein wird. Aber schließlich kann man auch am Strand Bücher über Leute lesen, die zum Nordpol reisen. Und vielleicht reicht die Zeit, um bis dorthin selbst einen guten herbstlichen Text zu schreiben. Der heute besprochene hat leider keine Brille unseres Kritikers erhalten.

Zur Textkritik von »Herbst, kein goldener« »

Folge 98 vom 8. Juli 2007

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Stefan setzte sich neben sie. »Weder noch. Ich werde mich nach vorne orientieren, lautet die Erkenntnis. Im dauernden Rückblick liegt keine Perspektive. Da ich keine Vergangenheit habe, sollte ich der glücklichste Mensch auf Erden sein, ohne Ballast, der mich in den Abgrund zieht und mein Leben vermiest.«

»Fehlt Ihnen ohne Vergangenheit nichtder Boden unter den Füßen? Vergangenheit muss in der Gegenwart bestellt werden wie ein Acker, damit in der Zukunft etwas wächst.«

»Ist das von Ihnen?« fragte er. »Soviel Weisheit vertrage ich nicht vor dem Frühstück.«

»Kurz abgeblockt«, kommentierte sie. »Sie lassen nur an sich ran, wen oder was Sie wollen. Im Davonlaufen, wenn es kritisch wird, sind Sie ebenso gut wie ich, wenn nicht gar besser.«

»Ich habe mildernde Umstände. Genauer gesagt: Ich bewege mich zur Zeit auf stark schwankendem Boden.«

»Wenn ich eins und eins zusammenzähle, sieht die Sache doch so aus: Die unveröffentlichten Manuskripte haben Sie aus der Bahn geworfen. Trösten Sie sich, wir fliegen alle irgendwann einmal am Ziel vorbei.«

»Gut erkannt. Vielleicht war es ein Fehler, mich allein auf die Bank zu hocken.«

»Zu spät, zurück zu geh’n, zu spät zu jammern und zu klagen«, deklamierte Bettina.

Ein Zitat, dachte er. Die Herkunft war unwichtig, die Aussage entscheidend: Zu spät, zu spät, klang es seinen Ohren. Anstatt sich zurückzuziehen und über drohende Konsequenzen nachzudenken, hätte er an deren Vermeidung arbeiten können. Die Stimmung gestern Abend war günstig gewesen, locker und freundschaftlich.

»Sie überlegen? Das Phantom der Oper. Sie sollten Ihre Quellen besser studieren.«

»Machen Sie sich ruhig lustig über mich.« Stefan verschwand in die Küche und legte Holz nach. Auf dem Rückweg brachte er die Kaffeekanne und eine Stecknadel mit.

»Das ist gut.« Bettina nahm die Stecknadel und piekte in die Fußsohle. »Auh«, sagte sie.

»Wir könnten morgen zum Girpitsch aufsteigen«, sagte Stefan. »Als Wiedergutmachung für das gestern abgewürgte Gespräch ist es nicht zu spät, eher zu früh.«

»Warum nicht heute? Wegen der Rückfahrt?«

»Für die Heimfahrt reicht es, am späten Nachmittag aufzubrechen. Nach der Schneeschmelze ist es heute noch zu nass und zu matschig.«

Bettina drehte sich um und schaute durch das Fenster. »Die Sonne steckt hinter den Wolken«, sagte sie und schnitt dünne Scheiben von einem Stück Käse.

»Der Käse riecht und schmeckt.« Bettina biss in das Brot. »Kein Sorge, ich werde mir nicht angewöhnen, mit vollem Mund zu sprechen«, kaute sie. »Wo bleibt denn Bettina?, werden sie jetzt bei Weigold fragen. Bettina macht blau, ist die Antwort.«

»Lieben Sie Ihren Beruf etwa nicht?«

»Mir geht es nicht um den Beruf, sondern um die Frage, was mir lieber wäre, jetzt ein Manuskript zu lesen oder zum Girpitsch aufzusteigen. Ihnen kann ich diese Frage wohl schlecht stellen.«

»Soll das heißen …«

Sie nickte. »Wir fahren erst morgen Nachmittag. Ich kann das bei Weigold regeln. Sie sind überrascht, nicht wahr?«

»Das kann man wohl sagen.« Weil er auf der Bank saß und nicht auf dem Fußboden stand, konnte er den Freudensprung an die Decke nicht machen. Er war beeindruckt von der unterkühlten Gleichgültigkeit, mit der er reagierte und seine Gefühle unter Kontrolle halten konnte. Unergründlich blieb ihm, warum er bei anderen Gelegenheiten umfiel, so wie gestern Abend, als er sich vor die Hütte gesetzt hatte.

Folge 97 vom 7. Juli 2007

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Ich bin allein, dachte Stefan, umkreise den Mond und fliege an Jupiter vorbei. Das Licht der Sterne wirkte aus der Nähe viel kälter als von der Erde, wohl eine Folge der Traurigkeit, die ihn trug und sein Empfinden veränderte; sie war unendlich wie die tiefschwarze, mit Leuchtpunkten gespickte Weite um ihn herum.

Er raste durch eine Wolke, die nichts weiter als leuchtender Staub war, und tauchte in Dunkelheit, trudelte und ruderte mit den Armen, um mit dem Kopf voraus zu fallen. Ein schwarzes Loch?! Ein heller Punkt bildete sich und wurde schnell größer, verlor an Intensität und veränderte sein Farbe von Weiß in Gelb, Orange, dann Braun. Gerade Linien und Kanten bildeten sich heraus. Der Weltraum zerfloss vor seinen Augen in dunkelbraun und formte sich zu parallelen Linien.

Stefan zog den Schlafsack höher an das Kinn und schloss die Augen. Manchmal schaffte er es, einen schönen Traum einzufangen und ihn im Wiedereinschlafen fortzusetzen. Heute hatte er kein Glück. Nach einer Viertelstunde war er hellwach, zog sich an und machte Feuer im Herd. Das Kaffeewasser setzte er auf dem Gaskocher auf, es würde noch eine Weile dauern, bis der Herd genügend Hitze abgab.

Bettina betrat barfuß den Wohnraum, in einem blauen Pyjama mit Kuschelbären-Muster.

Stefan legte Messer und Gabel auf dem Tisch aus. »Hallo! Haben Sie gut geschlafen?«

»Autsch«, antwortete Bettina. Sie humpelte zur Bank.

»Zeigen Sie mal.« Er hob das Bein, das sie angewinkelt hielt, und beugte sich zum Fuß hinunter. Sie klammerte sich mit beiden Händen an der Bank fest.

»Seien Sie nicht so rüde«, beschwerte sie sich.

»Ein Holzsplitter. Vom Brennholz.« Er strich ihr mit dem Daumen über die Fußsohle. Sie zuckte heftig und trat ihn beinahe in den Bauch.

»Ich brauche keine Massage, sondern eine Pinzette«, beschwerte sie sich.

»Im Leben gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung.«

»Geht das schon wieder los!« Sie dehnte das wieder zu einem Bogen, an dessen Ende sie ihm den Fuß aus der Hand zog und ihn vorsichtig mit der Hacke auf die Dielen setzte. »Ich habe mich über Sie geärgert. Haben Sie gestern Abend Ihre Seele befreit? Oder bleibt nur mein Dank für die Rücksicht, dass ich mich ungeniert waschen durfte?«

Interview: »Die Verlage haben das Internet jahrelang nicht verstanden«

Buchreport 7/2007Für das Hörbuch-Special der Juli-Ausgabe hat sich das Branchenmagazin »buchreport« mit dem Herausgeber des literaturcafe.de, Wolfgang Tischer, unterhalten. Das vollständige Interview steht auf der Website des »buchreport« als kostenloser Download im PDF-Format bereit (280 kByte). Im Interview werden die sogenannten Web-2.0-Aktivitäten der Buch- und Hörbuchverlage kritisch beleuchtet, also Dinge wie Podcasts, Weblogs und natürlich auch Second Life.

Dass die wahren Web-2.0-Aktivitäten der Verlagsbranche an ganz anderer Stelle stattfinden, steht gleich am Anfang des Gesprächs:

Impressionen von unserem Autoren-Stammtisch in Second Life

Der dritte Stammtisch-Termin für Autoren und Autorinnen in Second Life am 5. Juli 2007 war erneut gut besucht. Für das nächste mal müssen wir einen größeren Tisch besorgen, denn teilweise mussten die über 15 anwesenden Avatare schon in der zweiten Reihe Platz nehmen. Erfreulicherweise haben sich auch schon die ersten Moderatorinnen und Moderatoren für den Stammtisch gefunden. Wir wollen versuchen, dass jeden Donnerstag um 20 Uhr jemand der regelmäßigen Besucher da ist, sodass künftig z.B. schon im Vorfeld Themen genannt werden, über die gesprochen wird. Überhaupt: gesprochen. Gestern musste noch viel getippt werden, doch hoffen wir, dass im digitalen Baden-Württemberg, wo sich die virtuelle Dependance des literaturcafe.de befindet, bald die Sprachfunktion von Second Life aktiviert wird, denn dies macht die Kommunikation doch wesentlich effizienter.

Highlight des Abends war der Besuch des Second-Life-Radio-Moderators Kay Binder, der gestern Abend vier Stunden live aus dem digitalen Baden-Württemberg berichtete und auf seiner Runde auch beim Café vorbeischaute. Auf dem Party-Truck des Senders, der einen Block weiter geparkt hatte, konnte dann nach dem Stammtisch noch bis weit nach Mitternacht getanzt werden.

Folge 96 vom 6. Juli 2007

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»Hätten Sie denn nicht am Girpitsch übernachten können?«

»Die Nacht hätte uns eine Erkältung gekostet, nicht das Leben, aber Angst ist nicht rational und Panik sowieso nicht. Wir sind losgerannt, soweit man steil bergab überhaupt rennen kann, und erreichten schon nach einer Viertelstunde den See. Vom See bis zur Weißen Wand ist das Gelände auch hügelig, aber längst nicht so steil, deshalb sieht man den nächsten Orientierungspunkt erst nach dem letzten Hügel, eine Lärche mit einem toten Zweig wie der Arm eines Kaktus. An ihr stößt man auf die Weiße Wand und biegt links in den Wald ab. In den Grasbuckeln zwischen dem See und der Weißen Wand habe ich mich zu weit links gehalten und wir kamen viel zu hoch am Wald aus. Zu allem Unglück stürzte die kleine Engländerin beim Überspringen eines Baumstumpfes und verstauchte sich ein Bein. Sie saß im Gras und weinte über ihr Missgeschick, derweil sich die Sonne hinter dem Kreuzeck verabschiedete.«

»Ein filmreifes Klischee«, sagte Bettina. »Es sind immer die Frauen, die alles verderben, weil sie auf der Flucht stürzen oder im entscheidenden Augenblick hysterisch schreien, wo sie besser die Klappe gehalten hätten. Danach darf der männliche Held dem erschreckten Zuschauer zeigen, was in ihm steckt. Müßig zu erwähnen, dass die Szenen samt und sonders aus der Feder von Männern stammen.«

»Ich habe es nicht nötig, mir Spannungsbögen in mein Leben einzubauen«, sagte Stefan gereizt. Es schien ihm, als wollte Bettina ihre Hand beruhigend auf seinen Arm legen, aber sie änderte die Bewegung.

Er füllte die Weingläser nach. »Als wir endlich aus dem Wald heraus waren und auf die Mure kamen, war es dunkel. Bis zur Fromml-Hütte orientierten wir uns am hellen Geröll. Zu guter Letzt sind wir noch in den Bach gefallen.«

»Das durfte nicht fehlen«, schmunzelte Bettina. »Zünftiger Slapstick.«

»Ich war wütend. Bei eigenem Ungeschick verstehe ich keinen Spaß.«

»Ich dachte mir, dass Sie nicht über sich lachen können. Weil es sich nicht mit der Ernsthaftigkeit Ihrer Bemühungen verträgt.«

»Erinnern Sie sich etwa doch an mein Manuskript?«

»Zur Abwechslung möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen: Wir reden morgen über Manuskripte, bevor Sie mich nach unten fahren. Das ist versprochen. Heute Abend erzählen Sie nur vom Girpitsch und der Priacher Kalkspitze und der Oberalm.«

»Gut«, sagte Stefan. »Morgen. Und die anderen Dinge? Wie geht es weiter?«

»Morgen«, antwortete Bettina.

Stefan schwenkte den Rotwein in seinem Glas. Ganz langsam schnürte sich der Hals zu.

Nach einer Weile sagte Bettina leise: »Schade.«

Das Glas stoppte und brach abrupt den Schwung des Weines. Stefans Gedanken schweiften zurück in die Wohnung in der Gottfried-Keller-Straße. »Ich sitze gerne vor der Hütte, besonders abends. Das befreit das Ich von seinen Fesseln und seinen vielfältigen Verkleidungen. Dann ist das Ich einfach nur es selbst. Sie kennen die Metapher von der Seele, die sich emporschwingt?«

»Wer nicht?« fragte Bettina zurück.

»Hier können Sie es in natura erleben.« Indem er aufstand sagte er: »Sie muss jetzt fliegen, sonst erstickt sie.«

Milde Strafe für vier Bauern, die einen Romanautor verprügelten

Coverausschnitt aus Pays perduAls der Romanautor Pierre Jourde vor zwei Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrte, wurde er von vier Einwohnern verprügelt. Diese waren reichlich erbost darüber, dass Pieree Jourde sie in seinem Roman »Pays perdu« (»Verlorenes Land«) als zurückgebliebene Trunkenbolde und Greise bezeichnet hatte. Wie der Standard berichtet, wurden die Schläger jetzt zu zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung bzw. zu einer Geldstrafe von 500 Euro verurteilt.

Der älteste Täter war übrigens 72 Jahre alt. Naja, vielleicht war er ja zur Tatzeit betrunken… 

Second Life: Betreuer-Team für unseren Autorenstammtisch gesucht

Draußen nur Kännchen!Heute Abend (Donnerstag, 5. Juli 2007) um 20 Uhr (MESZ) findet in Second Life wieder unser Stammtisch für Autorinnen und Autoren statt. Wie immer sind auch alle eingeladen, die sich allgemein fürs Schreiben und für Bücher interessieren. Der Stammtisch befindet sich im digitalen Baden-Württemberg, der direkte Second-Life-Link lautet: slurl.com/secondlife/Baden-Wuerttemberg/146/36/24

Obwohl Second Life eine virtuelle Welt ist, ist hier eines sehr real: die Zeit! Und wie BigBummi in seinem Weblog vom Stammtisch der vergangenen Woche berichtet, wird es nicht immer möglich sein, dass Mitarbeiter des literaturcafe.de beim Stammtisch dabei sind. Natürlich ist dies auch nicht immer erforderlich. Im Gegenteil: Wir freuen uns sehr darüber, wenn der Autorinnen- und Autorenstammtisch im digitalen literaturcafe.de zum Selbstläufer wird.

Daher suchen wir Menschen und Avatare, die Lust dazu haben, den Stammtisch zu organisieren, mit Interessierten und Teilnehmen in Kontakt zu bleiben und vielleicht auch Themen festzulegen. In der Sprache einer hippen Web-Agentur würde sowas wohl »Community Manager Second Life« lauten. Am besten wäre es, wenn es zwei oder mehr Leute sind, die sich hier absprechen und abwechseln, sodass immer ein Ansprechpartner für die schreibenden Stammtischschwestern und -brüder vorhanden ist.