Startseite Website Seite 153

Folge 114 vom 24. Juli 2007

0

»Sie sind also ins Blue Moon gegangen, um den Fahrpreis zu kassieren?«

»Bin ich lebensmüde? Ich habe drei Wochen abgewartet, ob John sich bei mir meldet. Nichts. Mehr und mehr setzte sich dann bei mir die Einsicht durch, dass ich eine Prämie verdient hätte.«

»Geld …«

»Zu der Zeit drückte ich das Haushaltsgeld auf zehn Euro die Woche. Tütensuppen, Brot, Streichwurst, die lange vorhält.«

»Als Taxifahrer muss man doch nicht verhungern«

»Ich arbeitete nur die halbe Zeit, die andere habe ich beschriebenes Papier produziert. Die Miete, das Auto – ich stotterte an einer Reparatur, anstatt den Wagen abzumelden. Dieses Auto war für mich zum Symbol im Überlebenskampf geworden, es abzugeben hätte bedeutet, die Schwelle zur Armut zu übertreten, das Absinken auf die unterste Stufe. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch ohne die regelmäßigen monatlichen Überweisungen auskomme, und ich wollte die Zeit zum Schreiben nicht dem Broterwerb opfern. Dann hätte ich bei der Nachrichtentechnik bleiben können. Ich ging also mit einem genialen Plan ins Blue Moon, um meine Haushaltskasse aufzubessern. Dem Barkeeper sagte ich, das bestellte Taxi für John sei da. Er schaute mich seltsam an und winkte mich dann in einen Gang neben der Theke. Das schummrige Licht behagte mir nicht, war aber genau so, wie ich es vorausgedacht hatte. Ehe ich mich richtig versah, stand ich mit dem Rücken zur Wand und der Barkeeper hatte mich am Kragen.

Wo ist John? fragte er und schlug meinen Hinterkopf mehrfach gegen die Wand, damit es mir schneller einfallen sollte.

Ich weiß es nicht, japste ich. Das Dröhnen verstärkte sich, weil der Barkeeper noch heftiger anklopfte. Mehr als ein Ich suche ihn brachte ich nicht heraus.

Am Ende des Ganges öffnete sich eine Tür. Was ist los? fragte eine Stimme ungehalten. Ich wagte nicht, den Kopf zu bewegen.

Der Kerl will was von John, antwortete der Barkeeper und stieß mich in den Gang. Ich stolperte und lief voll gegen eine Faust in meiner Magengrube.

Du kannst wieder nach vorn gehen, wies der Mann den Barkeeper an.

Ich krümmte mich auf dem Fußboden vor Schmerzen.

Keine Kinderstube, sagte der Mann und trat mir heftig in die Seite, dass ich aufschrie. Wenn ich schon unangemeldet zu Besuch käme, belehrte er mich, sollte ich wenigstens aufstehen und Guten Abend, Leo sagen. Ich weiß nicht, wie ich hochkam, aber ich war oben und stöhnte: Guten Abend, Leo.

Keine Vertraulichkeiten, tadelte Leo und verpasste mir eine Ohrfeige, die mich endgültig umwarf. Er schleifte mich in ein kleines fensterloses Büro und lud mich im Sessel vor dem Schreibtisch ab. Mit einem einzigen Ruck drehte er den Sessel in seine Richtung.

Ich schmeckte Blut auf den Lippen und wischte es mit dem Handrücken weg.

Erzähle dem lieben Leo, was du mit John gemacht hast, forderte er mich auf. Hinter ihm trat eine blonde Frau in mein Blickfeld. Sie steckte vollkommen faltenfrei in einem rosa Kostüm mit kurzer Jacke und kurzem Rock, eine perfekte Besetzung für das Kleidungsstück.«

»Der Barkeeper hatte wohl nicht fest genug angeklopft, dass Sie in der Lage noch wohlproportionierte Formen wahrgenommem haben.«

»Ich denke, das ist ein Schutzmechanismus«, sagte Stefan. »Man verdrängt die Gefahr, damit die Angst nicht die Kontrolle übernimmt.« Er gab Bettina keine Zeit zum Antworten. »Ich stammelte das Erlebnis aus der Pritzelstraße. Für meine blutenden Lippen hätte ich ein Taschentuch gebraucht, traute mich aber nicht, den Bericht zu unterbrechen und in die Hosentasche zu greifen. Das Blut tropfte mir auf Jacke und Hose.

Leo hörte wortlos zu. Nachdem ich geendet hatte, holte er eine Pistole aus der Schreibtischschublade, entsicherte sie und setzte sie mir auf die Stirn. Erzähle, was mit John passiert ist, wiederholte er, und zwar die Wahrheit, sonst war das die letzte Lüge, die du dir ausgedacht hast.

Ich sank tiefer in den Sessel, konnte aber der Berührung durch das schwarze Metall nicht entgehen. Ich warf einen Hilfe suchenden Blick zu der blonden Frau. Mir kam gar nicht der Gedanke, dass sie bei Leo vermutlich ebenso wenig ausrichten konnte wie ich. Sie hatte ängstlich geweitete Augen.

Leo, flehte sie.«

»Leo!« imitierte Bettina. »Das klingt verdammt nach Kino. Sie müssen mir Ihren letzten Drehbuch-Entwurf nicht als wahre Geschichte verkaufen.«

»Es gibt keinen Grund, Ihnen Ammenmärchen aufzutischen«, protestierte Stefan. Dann war Stille und er ärgerte sich über diesen Misston. »Ich schau mal nach dem Ofen«, sagte er, um überhaupt etwas zu sagen. Er legte Holz nach und blies in die Glut, bis ihm die Funken ins Gesicht stoben. Schnell schloss er die Ofenklappe. Diese Hütte wollte er auf keinen Fall in Brand setzen.

Riesenmaschine-Buch im Buchhandel – und kostenlos zum Download

Die Riesenmaschine als PDF-DateiWährend einige Verlage das Internet immer noch nicht verstanden haben und stattdessen die Kriminalisierung ihrer Kunden in Arbeitskreisen vorantreiben und man anscheinend den Lemmingen gleich der Musikindustrie in den Abgrund folgen will, hat sich der Heyne Verlag (Bertelsmann Konzern) auf ein Experiment eingelassen: 150 Beiträge des Weblogs Riesenmaschine erscheinen nun in Buchform und sind für 8,95 Euro im Buchhandel zu kaufen. Gleichzeitig ist das Buch kostenlos im PDF-Format auf der Websites des Verlags und des Weblogs herunterzuladen.

So schreibt Riesenmaschine-Autorin und Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig: Preisen wir an dieser Stelle kurz den Heyne Verlag, der der Riesenmaschine nicht nur vollständige Buchgestaltungsfreiheit liess, sondern auch den kostenlosen PDF-Download freudig unterstützt, während andere Verlage noch damit beschäftigt sind, herauszufinden, was dieses Internet eigentlich ist, von dem in letzter Zeit alle reden.

Laut Angaben im Buch hat die PR- und Werbeagentur »Zentrale Intelligenz Agentur«, die das Weblog Riesenmaschine betreibt, die Herstellung des Buches vollständig selbst übernommen. Der Heyne Verlag ist offenbar nur für Druck und Vertrieb der Papierversion zuständig. Ist das ganze also in Wahrheit gar nicht so innovativ, sondern nur so eine Art dickere Werbebroschüre für die Autoren der Riesenmaschine?

Folge 113 vom 23. Juli 2007

0

26

»Unsere letzte Flasche Rotwein«, verkündete Stefan, »ein Cabernet Sauvignon, kaum ein Jahr alt. Eine miese Lebenserwartung. Post mortem gibt es Bier, Schnaps und Fruchtsaft.«

Bettina kostete. »Feine Supermarktqualität. Das Gläschen Wein macht mich neugierig, unter welchen Umständen der Stall auf der Decker-Alm nieder brannte.«

»Wollen Sie dieses düstere Kapitel in meinem Leben tatsächlich aufschlagen?«

»Wenn Sie die Sache schon ins Lächerliche ziehen, kann es mit der Düsternis nicht weit her sein. Darf ich eine Prognose wagen? Ich schätze, meine Entführung war die bisher schwärzeste Tat in Ihrem Leben. Soll ich die Petroleumlampe höher drehen?«

»Besser nicht. Die Flamme rußt, wenn sie zu groß ist.«

»Gut. Legen Sie los.«

»Kaum, dass ich die Hütte gepachtet hatte«, begann er, »setzte sich in mir ein großer Traum fest: Eine Silvesterfeier auf der Alm ist nicht nur romantisch, auch außergewöhnlich und abenteuerlich. Die Hütte ist im Winter die meiste Zeit unter Schnee begraben, wie mir der Lugleitner erzählte. Bei gutem Wetter fährt man am Tauernpass mit dem Lift hoch, dann geht es mit Skiern auf und ab über die Hügel bis zum Oberalmsattel und durch das Priachtal hinunter bis Josephskirch.«

Bettina zog die Augenbrauen zusammen. »Ist die Tour nicht zu gefährlich, abseits jeder Piste?«

»Der Weg ist nicht das Problem, den sind wir häufig gewandert. Das Wetter ist entscheidend. Ich habe die Tour gemacht, vor fünf Jahren, zusammen mit John und Margot. John heißt bürgerlich Johannes, aber das ist ein lächerlicher Name für jemanden, der im Rotlichtmilieu etwas darstellen will.«

Bettina atmete hörbar durch.

»Als ich anfing zu schreiben ging es mir finanziell nicht besonders gut.«

»Und da haben Sie Frauen für sich anschaffen lassen?«

»Herrgott«, fauchte Stefan, »wenn wir uns in einem ähnlich sind, dann mit unpassenden Bemerkungen.« Bettina wollte etwas entgegnen, doch er sprach weiter. »Ich habe mich mit Taxi fahren über Wasser gehalten. An einem Sonntagvormittag ist mir ein Mann beinahe in den Wagen gelaufen. Er riss die Tür hinten auf und warf sich auf die Rückbank. Fahr los! brüllte er, und ich gab Gas. Die Tür flog gegen seine Beine und der Mann schrie vor Schmerz: Abbiegen! Ich bog links in die nächste Nebenstraße ein. Durch das Seitenfenster sah ich, wie ein Mann auf die Straße lief und sich umschaute, dann waren wir um die Ecke verschwunden. Mein Fahrgast kroch ganz in den Wagen und schloss die Tür.

Schwein gehabt, sagte er, wenn die dein Kennzeichen mitbekommen hätten, wärst du geliefert. Ich war zu geschockt, um mir Gedanken über Tragweite und Konsequenzen dieser Bemerkung zu machen.

Wir brauchen einen anderen Wagen, sagte er dann. Jetzt begriff ich erstmals, dass ich kein Taxifahrer mehr war, sondern unfreiwillig in einem Boot saß, das nicht von mir gesteuert wurde.

Mein Wagen steht zwei Straßen weiter, sagte ich ohne zu überlegen, und der Mann befahl, ich solle mich beeilen. Ich fuhr zu Moosbauer auf den Hof, dort wo ich Sie auch umgeladen habe, ließ den Schlüssel stecken und holte meinen Wagen.

Wunderbar, sagte der Kerl zu meinem Schrotthaufen. Beim Einsteigen hatte ich erstmals die Ruhe, mir den Mann anzuschauen, der so besorgniserregend in mein Leben eingedrungen war. Er war etwas älter als ich und hatte ein festes Gesicht, dem ich ansah, dass es zu befehlen gewohnt war. Das Lächeln war mir eine Spur zu gewöhnlich, der Gesamteindruck nicht bedrohlich. Er nannte mir eine Adresse und ich fuhr los. Während der Fahrt gab er laufend Anweisungen, wo ich herfahren sollte. Kurz vor dem Ziel musste ich anhalten und parken.

Wollen Sie nicht aussteigen?, fragte ich nervös.

Wir warten hier, Kleiner, sagte er.

Wir warteten eine halbe Stunde.

Du hast mir das Leben gerettet, Kleiner, die wollten mir nämlich an den Kragen, sagte der Mann plötzlich. Spielschulden. Ich hab‘ jetzt keine Kohle, aber ich werd‘ mich revanchieren. Ich heiße John. Du kannst mich im Blue Moon erreichen. Dann sprang John aus dem Wagen und verschwand um die Häuserecke.«

Stefan füllte die Gläser nach.

»Sind Sie sicher, dass Sie das tatsächlich erlebt haben?« fragte Bettina.

Stefan schlug mit dem Handballen auf den Korken. »Sie wollten doch hören, wie es zum Brand auf der Decker-Alm kam.«

»Erstens habe ich Ihre Phantom-Geschichte gelesen, und zweitens ist mir die Anrede Kleiner schon häufiger untergekommen.«

»Für die Klischees anderer kann ich nichts. Später habe ich John erklärt, im Umgang mit einem Schriftsteller müsse er auf abgegriffene Floskeln verzichten.«

»Hat er?« wollte Bettina wissen.

»Er hat.«

Folge 112 vom 22. Juli 2007

0

Vom Gipfel bis zum Steinkarsattel, der den Priacher und die Karner Kalkspitze miteinander verbindet, glich der kahle Hang einer kleingeschotterten Piste. An einigen rutschgefährlichen Stellen war gegenseitiger Halt nach Art einer Seilschaft geboten, und so nahm Bettina ohne Zögern die ihr entgegen gestreckte Hand an, während Stefan die Lösung dieser Zweckbindung eher hinauszögerte und dann glaubte, mit dem Loslassen etwas verloren zu haben.

Am Steinkarsattel trafen sie auf einen Wegweiser mit vier Armen, für jede Himmelsrichtung einen. Ein säuberlich aufgeschichteter Steinhaufen hielt den Holzpfahl aufrecht. Sie gingen ein Stück hinunter bis an eine Wegkehre, von der sich ein Fernblick in das Gitzlachtal und über den Gitzlachsee bot. Wenn Aussichten schwer wiegen würden, meinte Stefan, würden sie kaum den Weg zurück über den Steinkarsattel schaffen. Sie entschieden, für den Rückweg zur Hütte den Tauernhöhenweg bis zum Oberalmsattel zu nehmen. Die Wanderzeit war am Wegweiser mit einer Stunde angegeben, doch brauchten sie eine Viertelstunde mehr, weil Stefan in den steileren Abschnitten wegen seiner schmerzenden Knie pausierte. Die aufsteigenden Touristen begrüßten sie artig mit Grüß Gott.

Vom Oberalmsattel aus konnten sie die Ebene überblicken, über die sie im Schnee von der Hütte aus gewandert waren.

»Da sind Leute!« sagte Bettina überrascht und streckte den Arm aus. »Ich hatte gedacht, wir seien ganz weit abseits – die müssen direkt an unserer Hütte vorbeigekommen sein!«

Stefan erinnerte sich an seine Lüge an der Wegmarkierung. »Vermutlich wandern sie nach einer alten Karte. Der Weg führt über die Decker-Alm, nicht an unserer Hütte vorbei. Über den auch die Kühe auf die Alm kommen.«

»Welten liegen nicht dazwischen«, meinte Bettina vorwurfsvoll.

»Alte oder neue Wege«, schnitt er die Diskussion ab, »bei Schnee sind sie nicht passierbar.«

Bettina sagte nichts weiter dazu. Sie stiegen den Sattel auf einem ausgetretenen Pfad hinab, bis Stefan plötzlich rechts abbog und ein sumpfiges Stück Wiese umging. Durch ein Latschengehölz gelangten sie auf den Hügel, an dessen Fuß sich die Walln-Alm ausbreitete.

Von gefundenen und gefälschten Zetteln

Absender unbekanntEin neues Hobby greift auch in Deutschland immer mehr um sich: das Sammeln von Zetteln mit Botschaften fremder Leute. Nachrichten, die man auf Gehsteigen findet, vielleicht vom Empfänger weggeworfen oder verloren. Hinweise auf Pinnwänden an Unis oder im Supermarkt. Kleine, oft hastig hinterlassene Botschaften, die für kurze Zeit einen Einblick in das Leben anderer Leute gewähren.

Nicht ganz unschuldig an dieser neuen Sammelleidenschaft ist ein Buch, das unlängst beim Verlag Kein & Aber erschienen ist. Es trägt den Titel »Absender unbekannt. Gefundene Zettel, Mitteilungen und Briefe«.

Das ganze Buch ist scheinbar voll von Originalfundstücken, die faximile-artig wiedergegeben sind. Zerknüllte Zettel wurden geglättet, viele tragen Flecken oder sind eingerissen.

Doch wenn man die daneben vermerkten Fundorte anschaut, dann stellt man irritiert fest, dass diese alle in den USA liegen. Und man fragt sich verwundert, warum man dort so viele Zettel in deutscher Sprache schreibt.

Folge 111 vom 21. Juli 2007

0

25

Stefan fühlte die Leichtigkeit, mit der er Bettina umfasste und mit ihr davonschwebte. Sanft berührte er mit den Fingerspitzen ihr Gesicht, in sachten Bewegungen konzentrierte sich drängendes Verlangen bis zu dem Punkt, an dem er die Beherrschung verlieren würde.

Er breitete die Arme aus.

»Sieht aus, als wollten Sie fliegen«, bemerkte Bettina.

Der Absturz war schmerzhaft. Schlagartig trat ihm sein Identitätsproblem ins Bewusstsein, damit er nicht übermütig würde. Ohne Vergangenheit hatte er keine Zukunft, war seine Sorge. Ähnlich lautete Bettinas Weisheit, als sie ihn wegen seiner abendlichen Flucht vor die Hüttentür zur Rede gestellt hatte. Die Erinnerungen waren bisher geflossen, wie er sie im Gespräch brauchte, mehr nicht, aber zur Not konnte er mit diesem Zustand leben: Die Zeit würde die Lücken nach und nach auffüllen und dies umso schneller, wenn sich jemand fände, der ihm mit genügend Interesse zuhören würde.

»Wollen Sie heute noch auf die Karner Kalkspitze aufsteigen?«

»Nicht alles auf einmal«, wehrte Bettina lächelnd ab. »Wo ich auch bin, ich behalte gerne einen Grund, um wiederzukommen.«

»Ein sympathisches Prinzip«, sagte er, »es macht allerdings wehmütig. Ich bin in den letzten Jahren nicht weiter als bis hier in das Priachtal gekommen.«

»Ich dachte, Sie befänden sich bereits im Paradies.«

»Ja. Einerseits.«

»Das klingt nicht sehr überzeugend«, sagte Bettina. »Die Grenzen zwischen Paradies und Fluchtburg sind bei Ihnen verschwommen.«

»Paradies ist überall dort, wo man sich wohl fühlt und im Einklang mit sich und seinen Bedürfnissen lebt.«

»Bezeichnen Sie das dort wie Sie wollen, meinetwegen auch als ihr Refugium. Nur, ließe es sich denn irgendwo anders bequemer mit sich leben? Alles gehorcht meinen Regeln, keine Konflikte! Und warum? Weil kein anderer da ist! Sich regelmäßig zurückzuziehen ist in Ordnung, sich zu verkriechen eine andere Sache.«

»Halten Sie mir keine Bergpredigt«, murrte er.

Bettina überlegte einen Augenblick. »Sie sollten nicht alles so verbissen sehen wie die Pharisäer. Ich möchte Sie auch nicht verurteilen, damit ich nicht selbst verurteilt werde.«

Nach seiner Einschätzung hatte er nicht besonders geistreich ausgesehen, eine Freude für Bettina. Sie ließ sich allerdings nichts anmerken.

Von seitwärts tönte eine enttäuschte norddeutsche Stimme. »Wir sind leider nicht die ersten auf dem Gipfel.« Eine Gruppe von sechs Wanderern nahm vom Gipfel Besitz. Sie lobten die Aussicht und tauschten Erfahrungen über noch höhere Berge mit wesentlich anspruchsvollerem Anstieg aus.

Eine junge Frau in Kniebundhosen und Bergschuhen aus Wildleder bat Stefan um das Gipfelfoto. Sie legte den Arm um ihren Jungen. Stefan fragte das übliche Wo muss ich draufdrücken? und animierte ein Lächeln.

»Komm«, sagte Bettina, als er die Kamera zurückgegeben hatte, »es ist aus mit der besinnlichen Zweisamkeit.«

Sie hat die Führung übernommen, schoss es Stefan durch den Kopf.

Folge 110 vom 20. Juli 2007

0

Der Ausblick verlor sich in der Ferne in Dunstschleiern.

»Sie haben nicht übertrieben«, sagte Bettina anerkennend. Artig trug sie sich in das Gipfelbuch ein und blätterte dann, ob sie einen Eintrag von ihm finden konnte.

»Unwahrscheinlich«, meinte er, »das Buch hält nicht lange vor. Der Priacher ist für routinierte Wanderer vom Tauernhöhenweg aus bequem zu erreichen. An manchen Tagen könnte man glauben, es fände hier oben eine Mitgliederversammlung des Alpenvereins statt.«

»Sie reden über den Gipfel, als ob es sich um irgendein Konsumgut handelt.«

»Von der Wirklichkeit ist dieser Vergleich nicht weit entfernt.« Er deutete nach rechts auf den tief unten liegenden Oberalmsee. Aus dieser Perspektive wurde der See zum Teil von einem Ausläufer der Karner Kalkspitze verdeckt. Auf einem hellen Strich, der sich Zickzack bergwärts schlängelte, lagen bunte Fleckchen. Das seien die Wanderer, zeigte er ihr und fragte, ob sie die Bewegung erkenne. Die Karawane ziehe auf den Berg.

»Sie möchten den Priacher für sich allein haben, nicht wahr?«

Stefan hielt den Blick beharrlich auf die gegenüber liegende Girpitschkarspitze gerichtet. »Gut, bezeichnen wir es als Mythos für einen Menschen, der im Flachland groß geworden ist. Umgekehrt könnte ich dem Lugleitner mit dem täglichen Stau auf der Autobahn zwischen Dortmund und Bochum schwerlich ein beglückendes Erlebnis vermitteln.«

»Warum gerade dort?«

»Ich bin in Bochum geboren. Hatte ich das nicht erwähnt?«

Bettina nickte. »Sie haben Nachrichtentechnik studiert und schreiben gerne, sind sensibel, suchen nach dem Sinnhaften und Ihrem Platz im Leben, letzteres mehr irrend.«

»Ist das alles, was Sie über mich wissen?«

Bettina betrachtete ihre Bergschuhe. »Die Naturverbundenheit benutzen Sie, damit sich die Sehnsucht in Ihrer trüben Wirklichkeit zurechtfindet.«

Zwei Schritte nach vorn brachten Stefan an den Rand des Gipfels, wo die glatte Fläche in den steilen Bogen abwärts mündete.

»Das ist keine Lösung«, hörte er Bettina sagen. Sie nahm seinen Arm und zog ihn behutsam zurück zum Gipfelkreuz. Ihre Geste erzeugte ein warmes, drängendes Gefühl.

»Dieses Gipfelkreuz ist in Ihrem Leben ein wichtiger Orientierungspunkt, den Sie festhalten sollten. Hier gibt es nichts, was Ihren Blick verstellen könnte.«

Festhalten, ja … Sie war das Gipfelkreuz.

»In Ordnung«, sagte er, »ich bin also oben.«

»Aus Ihrer Flachländer-Sicht betrachtet sind Sie ganz schön weit gekommen.«

»Danke für die Aufmunterung.« Im Zurücklehnen verlor er das Gleichgewicht und stürzte rücklings neben das Gipfelkreuz.

Bettina lachte lauthals los. Weil er die Situation nicht komisch fand, hielt sie sich die Hand vor den Mund.

»Anlehnen funktioniert auch nicht«, stellte er fest. »Wir sollten in unseren Gesprächen auf alles Sinnbildliche verzichten.«

»Sie nutzen Ihr Missgeschick, um mir wieder einmal auszuweichen.«

Stefan stand auf und rieb sich die linkeGesäßhälfte. »Eben am Rand, da hatte ich nicht die Absicht zu springen, wie Sie vielleicht geglaubt haben. Weil ich mich durchschaut fühlte, wollte ich aus dem Blickfeld treten. Ich – ich bitte Sie um Verzeihung. Ich möchte die Entführung ungeschehen machen und würde lieber einfach so mit Ihnen hier sitzen, obwohl – ein paar Worte der Entschuldigung können unmöglich genügen.«

»Nein«, antwortete Bettina, »aber es ist gut, dass Sie es endlich ausgesprochen haben.«

Die New York Times bespricht den »bildungsroman« Harry Potter bereits vor Veröffentlichung

Und wieder können wir ein Kreuz auf unserem Harry-Potter-Bingo-Feld machen: Eine Redakteurin der New York Times hat einfach eine Buchhandlung betreten, und dort hat man ihr ganz offiziell den neuen Harry-Potter-Band verkauft. Dabei wäre das vor Samstag noch gar nicht erlaubt gewesen.

Für die Neugierigen: So endet der 7. Band von Harry Potter

Ausschnitt aus den abfotografierten Bilder, die seit gestern im Netz kursierenSeit gestern also ist die Raubkopie des neuen Harry-Potter-Bandes »Harry Potter and the Deathly Hallows« im Netz zu finden. Jemand hat sich die Arbeit gemacht und die über 700 Seiten des Buches auf dem Wohnzimmerteppich abfotografiert. Woher das Buch stammt, ist nicht bekannt, aber allem Anschein nach ist es das Original. Und wir können ein weiteres Kreuz auf unserem Harry-Potter-Bingo-Spielfeld machen.

Und natürlich haben sich einige Blogger die Mühe gemacht (Spoiler-Link) und die nicht in bester Qualität dargestellten Seiten dennoch gelesen.

Demnach sterben im 7. Potter-Band die folgenden Charaktere und endet das Buch wie folgt (Achtung: Spoiler!):

Folge 109 vom 19. Juli 2007

0

Während sie ausruhten, zeigte er ihr den weiteren Weg. Vor ihnen lag ein Felsgrat, der am hinteren Ende nach oben schwang und in die mächtige graue Kuppel des Priachers mündete. Sie passierten den Felsgrat auf der rechten Seite über lockeres Geröll, rutschten häufig und stießen Steine polternd zu Tal. Stefan überlegte verunsichert, ob zwei Menschen genügten, um eine Mure loszutreten und war deshalb erleichtert, als sie auf festem Boden anlangten. An dieses Detail des Aufstieges mit Hermann konnte er sich noch gut erinnern; sie waren in gehobener Stimmung und hatten übermütigen Spaß an dem Gepolter.

»Dreihundert Meter bis zu Gipfelhöhe«, erklärte Stefan, »und dann noch zweihundert bis zum Gipfelkreuz.«

»Eine runde Sache, dieser Gipfel, wie glatt geschmirgelt.«

»Warten Sie, bis sie oben sind.« Er kramte in seinem Rucksack und holte einen gefalteten Leinenhut heraus, dessen Krempe rundherum herabhing. »Hier, nehmen Sie meine Mütze. Ich kann nicht unterscheiden, ob Ihr Gesicht von der Anstrengung oder von der Sonne rot ist.«

»Haben Sie auch etwas zu Trinken mitgenommen?«

Verlegen reichte er ihr eine kleine Flasche Mineralwasser.

Den Schlapphut lehnte sie ab. Geduldig redete er auf sie ein, bis sie den Hut schließlich akzeptierte, aber nur für die Zeit, die sie am Gipfel allein blieben.

Stefan erschrak innerlich. Sie würden anderen Wanderern begegnen – er hatte diesen Umstand glatt verdrängt. Wie würde Bettina reagieren? Laut schreiend mit dem Finger auf ihn zeigen: »Dieser Mann hat mich entführt! Retten Sie mich?« Nein, schon die Art, wie er sich die Situation veranschaulichte, zeigte ihm, wie wenig wahrscheinlich sie war. Eine verstohlene Handbewegung an seine Stirn würde auf die Leute glaubhafter wirken als Bettinas Hilfeschrei. Sie war wohl kaum auf eigenen Wunsch auf die Priacher Kalkspitze gestiegen, um ihn an irgendwelche Wanderer auszuliefern, die auch nichts ausrichten konnten. Schließlich lag sie nicht in Fesseln und war ersichtlich keiner unmittelbar drohenden Gefahr ausgesetzt.

Mit gleichmäßigem Schritt ging er bis zum Gipfel voraus. Er begrüßte das Holzkreuz wie einen alten Bekannten mit einem Handschlag.

Folge 108 vom 18. Juli 2007

0

24

Die Decker-Alm hatte die Größe von zwei durchschnittlichen Wiesen und die Form eines unregelmäßiges Ovals, umsäumt von Gebirgswald. Die Almhütte nutzte eine halbwegs ebene Fläche aus, war aber nicht so lang gestreckt wie die Walln-Hütte. Spitzwinklig hinter der Hütte lag das Stallgebäude.

»Handarbeit macht ökonomisch«, sagte Stefan zu Bettina. Sie war stehen geblieben und betrachtete die Hütte aufmerksam. »Da wurde nichts ausgehoben und planiert, sondern stets dort gebaut, wo es passte.«

»Darum geht es nicht. Ist die Hütte noch bewirtschaftet?«

»Im Priachtal gibt es keine Senner mehr. Der Walln-Bauer erwähnte, dass die Hütte verpachtet ist, aber ich habe noch nie jemand hier wohnen sehen. Manchmal heißt es auch, die Jäger würden hier übernachten, wenn sie früh auf die Hochalmen wollen.«

»Aus welchem Grund hat der Bauer den Stall erneuert, wenn er die Alm aufgegeben hat?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Stefan überrascht.

»Das Holz ist heller, längst nicht so grau und dunkelbraun von der Sonne verbrannt wie die Hütte, also neuer«, erklärte sie.

Das Holz ist neuer … verbrannt … der Stall … Eine Flut von Bildern überschwemmte Stefans Gehirn. Geblendet schloss er die Augen. Alfred? Alfred gab keine Antwort.

»Ist Ihnen wieder übel?« fragte Bettina. »Sie sollten einen Arzt aufsuchen, wenn Sie wieder zu Hause sind.«

»Das ist eine verrückte Geschichte«, sagte er langsam und machte eine Pause, als müsse er sich für die Verrücktheit erst sammeln. »Eine Geschichte« – wieder hielt er inne – »auf die ich nicht besonders stolz sein kann. Der Stall ist vor einigen Jahren im Winter abgebrannt. Man vermutet Skifahrer, die vom Tauernhöhenweg über den Oberalmsattel in das Priachtal wollten und vom Wetter überrascht in einer Hütte Unterschlupf suchten, aber nur in den Stall eindringen konnten.«

 

»Das verspricht interessant zu werden«, meinte Bettina. »In welcher Weise waren Sie beteiligt?«

»Das ist kein Thema für zwischendurch. Vielleicht später.«

»Ich werde Sie erinnern«, versprach Bettina. »Wollen wir weitergehen? Der Priacher wartet auf uns.«

Stefan nahm die Richtung auf eine offene Stelle im Waldsaum, aus dem ein Bach in die Wiese mündete und die Alm mit Wasser versorgte. Den Bachlauf hoch wurde der Wald dichter und erschwerte das Fortkommen. An einer günstigen Stelle wechselte Stefan auf die andere Bachseite, stieg mal in die Falllinie, dann parallel zum Berg, die lichten Stellen suchend, aber stetig aufwärts. Nur wenn der Fels aus dem Hang trat, opferte er mühsam gewonnene Höhe und umging das Hindernis unterhalb.

»Beinahe wie im richtigen Leben«, sagte er atemlos in einer Pause. »Ist Ihr Lebensweg immer geradeaus verlaufen? Und stets aufwärts?«

Bettina schüttelte den Kopf, atmete hörbar ein und aus, den Kopf auf die Brust geneigt und die Hände auf die Knie gestützt. »Die Karriere ist kein Weg, sondern eine Leiter. Steil«, brachte sie heraus.

»Dann werde ich Sie jetzt befördern«, sagte er.

An der Baumgrenze trafen sie auf karge Wiesen. In steilem Winkel lag der Berg vor ihnen. Aufrechtes Gehen war nahezu unmöglich. An Grasbüscheln und Zwergsträuchern ziehend arbeiteten sie sich höher.

»Ich kann nicht mehr«, stöhnte Bettina, als sie den Anstieg überwunden und am Rand eines Geröllfeldes angelangt waren. Sie warf sich schwer atmend rücklings ins Gras und schloss die Augen vor der Sonne. Stefan stand eine ganze Weile keuchend neben ihr, bis genügend Energie gesammelt war, den Rucksack abzunehmen und sich zu setzen und nicht wie Bettina fallen zu lassen.

Jetzt anmelden: Sommerworkshop mit dem literaturcafe.de in Wien

Der Stephansdom in WienIn Zusammenarbeit mit der Werkstätte Kunstberufe (Eine Kooperation von Verband Wiener Volksbildung und Universität Wien) findet vom 31. August bis zum 2. September 2007 in Wien ein dreitägiger Sommerworkshop mit dem literaturcafe.de statt. Ein ganzes Wochenende lang widmen wir uns gemeinsam der Frage, wie Weblogs, Podcasts und all die anderen Dinge, die unter dem Schlagwort Web 2.0 zusammengefasst werden, für Kunst und Kultur und insbesondere für die Literatur eingesetzt werden können.

Nach einer Einführung am Freitagmittag haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann die Möglichkeit, das Gehörte und Gesehene gleich in der Praxis umzusetzen, denn die Werkstätte Kunstberufe stellt für den Workshop Notebooks zu Verfügung. Melden Sie sich jetzt am besten gleich an!

Kein Astrid-Lindgren-Preis im Astrid-Lindgren-Jahr

Selbst wenn ein renommierter Kinderbuchverlag explizit dazu auffordert, Manuskripte einzusenden, scheint nichts wirklich Brauchbares dabei zu sein. Über 600 Einsendungen mussten die Juroren des Oetinger-Verlages sichten. Eine der Einreichungen sollte als Buch veröffentlicht und mit 10.000 Euro honoriert werden. Das Thema war frei, der Text sollte sich an Leser zwischen 6 und 12 Jahren wenden.

Das ernüchternde Ergebnis teilte der Verlag nun gestern mit: »Ein Preisbuch, wie wir es uns im Geiste Astrid Lindgrens vorgestellt hätten, war jedoch leider nicht dabei«. Das Preisgeld wird daher an das neue SOS-Astrid-Lindgren-Kinderdorf gestiftet.

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 5.

LesungDiesmal: Präsentation. Lesungen.

Was das Konzert für den Rockstar ist, das ist die Lesung für den Autor. Meistens etwas leiser und mit weniger technischen Effekten, aber für manche eben auch die einzige Möglichkeit, ihre Leser direkt zu erreichen und ein paar ihrer Bücher zu verkaufen. Leider hat der Autor dabei etwas weniger Privatsphäre, weil das Publikum vor und nach der Lesung eigentlich dauernd Backstage ist und Fragen stellt.

Fragen, auf welche die Autorin beim besten Willen manchmal selbst die Antwort nicht weiß, weil sie ihre Texte noch nie aus diesem Blickwinkel gesehen hat oder weil sie noch nie darüber nachgedacht hat, warum sie dieses und jenes gerade so schreibt und nicht anders.

Wichtig beim Lesen: Laut und deutlich und möglichst in einem gemäßigten Tempo sprechen, denn manche der Leute sind wirklich gekommen um zuzuhören! Und die, die nicht deswegen da sind, schlafen noch schneller ein, wenn sie einem monotonen, unverständlichen Redefluss ausgesetzt sind.

Folge 107 vom 17. Juli 2007

0

»Man merkt, dass Sie sich selbst versorgen müssen«, sagte sie, während sie eine Zwiebel zerteilte. »Kochen ist für Sie kein Problem. Warum haben Sie nicht geheiratet?« Sie gab die Zwiebelstücke in die Pfanne.

»Wo ist der Zusammenhang?«

Bettina betupfte mit dem Trockentuch ihre Augen. »Ich hätte fragen sollen, warum Sie nicht geheiratet worden sind. Als Mann sind Sie eine ideale Partie.«

Ihm fielen zu diesem Thema keine konkreten Vorkommnisse aus seinem Lebenslauf ein. Sobald er versuchte, sich zu bewusst zu erinnern, blieb sein Kopf leer. Er öffnete ein Glas mit süß-saurer Soße und goss den Inhalt in die Pfanne. »Sie haben merkwürdig konservative Einstellungen zur Partnerschaft.«

»Ich streiche das Wort merkwürdig.« Bettina verrührte die Soße mit einem Holzlöffel. »Einen Mann zu haben bedeutet verheiratet zu sein, war meine Vorstellung als junges Mädchen.«

»Und heute?« Stefan holte eine Schüssel aus dem Schrank und stellte sie an den Rand der Herdplatte. Mit einer Gabel fischte er einen Reisbeutel aus dem Wasser.

»Eine Beziehung bedeutet, eine Verpflichtung dem anderen gegenüber einzugehen.«

»Die Sie scheuen?«

Der Reisbeutel plumpste halb geöffnet in die Schüssel. Stefan wedelte mit den Fingern der rechten Hand und steckte Daumen und Zeigefinger in den Mund.

»Das Thema ist zu heiß für Sie.« Bettina nahm die Pfanne vom Herd und stellte sie auf ein Holzbrettchen auf den Tisch. »Bringen Sie einen Löffel mit«, rief sie ihm zu.

Er brachte die Schüssel mit dem Reis und drückte ihr den Löffel in die Hand. Das Austeilen der Fleischbeilage besorgte er selbst. »Und bei Ihnen? Wie war das eigentlich mit Ihren heißen Beziehungen?«

Bettina lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. »Nicht so viel Fleisch«, wehrte sie mit ausgestreckten Armen ab.

»Also mehr platonisch.«

Bettina lachte. »Man könnte fast meinen, dass Sie … Aber nein, reden wir von Ihren Besteigungen. Ich gebe zu, es ist mein derzeitiges Lieblingsthema.«

»Sprechen wir noch über Beziehungen oder haben wir das Thema gewechselt?«

Bettina setzte zu einer heftigen Antwort an, besann sich aber. »Schlüpfrigkeiten passen nicht zu Ihnen. Ich nehme sie Ihnen jedenfalls nicht ab.«

»Ich bin mehr der ernste, nachdenkliche Typ?« fragte er.

»Sie haben wie jedermann eine Fassade. Ich habe eine Vermutung über das, was dahinter steckt.«

»Nun: Was sehen Sie?«

»Nichts. Ich ahne und empfinde. Sie sind nicht albern, doch mächtig aufgeheitert vom Girpitsch, nicht wahr? Sie verehren diese Alm geradezu, das ist nicht schwer zu erkennen.«

Stefan nickte. Über den wahren Grund, warum er so aufgedreht war, wollte er sie nicht aufklären; nicht den letzten Rest des Scheins verlieren, dass er noch Herr der Situation war.

»Würden Sie morgen mit mir auf den Priacher gehen? Ich meine, wenn das Wetter gut bleibt«, fügte sie hastig hinzu.

Es gab keine Ofenklappe, die er angrinsen konnte, nur die Zeit, die er brauchte, um das Stück Schweinefleisch von der Gabel in den Mund zu schieben. Nicht wieder mit halbvollem Mund sprechen, mahnte er sich und war dankbar für die Sekunden, die ihm die Etikette schenkte. Trotzdem kaute er schneller, weil er die Zustimmung loswerden wollte, bevor sie es sich anders überlegte. Im Schlucken nickte er und sagte: »Selbstverständlich«, und dann redete und erzählte er von den Aufstiegen auf den Priacher und die Karner Kalkspitze, auch von den Begebenheiten, die er auf dem Girpitsch ausgelassen hatte.

Bettina unterbrach ihn nicht, was Stefan als in seinem Redefluss baden empfand. Trotzdem hatte er den Eindruck, dass sie sich nebenbei mit eigenen Gedanken beschäftigte.

Nach dem Essen bat sie, die Schreibmaschine benutzen zu dürfen. Stefan überließ ihr den Wohnraum und setzte sich mit einem Buch und einer Flasche Bier auf die Bank neben der Eingangstür.