Startseite Website Seite 152

Folge 124 vom 3. August 2007

0

Im Licht der Schreibtischlampe schimmerte der eingetrocknete Bodensatz im Rotweinglas durch die wenigen Stellen, die noch nicht matt von Fingerabdrücken waren. Nur eine Sekunde schwankte ich beim Aufstehen. Vorsichtig stieg ich über das Leergut. Im Kühlschrank in der Küche fand ich kein Bier. Verflucht, du hast die Übersicht verloren, schimpfte ich und stopfte sämtliche Dosen einer Papp-Palette in den Kühlschrank. Rotwein mit Zimmertemperatur ist in Ordnung, aber Bier? Ich entschied mich für die schlechtere Alternative. Ich hatte Durst und meine Kehle würde beim Hinunterkippen die Temperatur des Bieres nicht sonderlich registrieren.

Das warme Bier zischte, spritzte mir über die Hand und schmeckte eklig. Ich schüttelte die Tropfen auf den Boden und wischte mir die Hand am Gesäß ab. Die Luft in der Wohnung war warm und abgestanden wie das Bier. Hatte ich nicht erst vorgestern das Fenster geöffnet? Richtig, es regnete, und … Nein, das musste vorige Woche gewesen sein. Oder?

Auf dem Küchentisch vergammelte ein halbes Brot, grüne Flecken waren auf der Schnittfläche gewachsen. Bis zum unverdorbenen Rest schnitt ich eine dicke Scheibe ab und warf sie neben den Tisch auf den Stapel der Bier-Pappen. Der Abfalleimer quoll bereits über.

Zu trockenem Brot schmeckt Rotwein besser, dachte ich kauend. Die Kartons mit dem Chianti standen unter dem Küchentisch. Mit dem Bücken drehte sich die Tischkante um hundertachtzig Grad. Zunächst beanspruchte der Schmerz im Hinterkopf mein Bewusstsein, dann fand ich die Lage komisch und strampelte mit den Beinen. Halt suchend griff ich nach einem der Kartons, er war leer und kippte weg. Vorsichtig rollte ich mich vom Rücken auf die Seite und dann auf alle viere. Zurück in der Senkrechten wurde mir erst schwindelig, dann hatte ich das Gleichgewicht wieder unter Kontrolle. Blind langte ich unter den Tisch, fasste eine Flasche und trug sie triumphierend ins Wohnzimmer. Die Triumph lachte, als sie mich mit der Weinflasche sah, und ich drohte ihr mit dem Finger.

Der Korkenzieher lag griffbereit auf dem Schreibtisch.

»Prost, Stefanie!« hob ich das Glas, mit Rotwein ebenso voll wie ich mit Verlangen. Nicht du, Bettina, verscheuchte ich das Bild in meinem Innern. Du auch nicht, Amanda. Oder doch Bettina? Ich grübelte, welcher Ausfertigung meiner Traumfrau die Sehnsucht eigentlich galt und verlor darüber die Verbindung zu den Bildern. Als Antwort schrieb ich einen Namen auf das Papier. Die Typenhebel der Schreibmaschine bewegten sich mit einer Leichtigkeit, dass mir schon beim Schreiben Zweifel kamen, ob der Name von mir geschrieben wurde.

An der Wand vor mir heftete noch die Verlagskorrespondenz. Ich zog die Stecknadeln aus der Tapete und ließ die Briefe zu Boden flattern. Beim nächsten Reinemachen würden sie als Abfall entfernt.

Ab-fall!, lachte die Triumph, was ihr einen tadelnden Klaps gegen den Walzenknopf einbrachte. Für Worterklärungen war sie nicht zuständig. Ich traute der Triumph zu, dass sie beim Schreiben mitlas. Resigniert griff ich zur Flasche und füllte das Glas nach.

Ich kehrte zum Anfangspunkt meiner Überlegungen zurück. Mir fehlte der Schluss, genauer gesagt wusste ich nicht, was ich mit Stefan und Bettina anfangen sollte. Es war alles gesagt.

Ratlos tippte ich ein weiteres jklö.

Ich brauchte die beiden nicht mehr.

Folge 123 vom 2. August 2007

0

26

Ich starrte auf das unbeschriebene Blatt in der Maschine. Unbefleckt, jungfräulich, schwirrte mir dazu im Kopf; ein Schriftsteller nimmt dem Papier die Unschuld. Solange das Papier weiß ist, ist es nichts, dessen wir uns schämen müssten. Erst die Buchstaben erzeugen die Konflikte, wenn sie sich zu Worten und Sätzen formen.. Wenn ich schreibe, kämpfe ich mit Worten, schreibe ich nicht, kämpfe ich mit mir selbst. Wann hatte ich zu kämpfen aufgehört?

»Simpel«, sagte ich und hob den Zeigefinger zu meiner eigenen Belehrung, »simpel ausgedrückt: Es fällt dir nichts mehr ein.« Die Rolle der Triumph in diesem Spiel war noch nicht geklärt. Hatte sie mich nicht ständig zum Schreiben gedrängt? Im Grunde ging mir ihr silbernes Gegrinse und der melodische Anschlag auf die Nerven und ich hätte sie liebend gern erschlagen, aber so betrunken war ich nicht, dass ich mich nicht an meine blutenden Handgelenke erinnert hätte.

Die Pflaster waren schwarz und an den Rändern aufgerollt. Ich riss sie mit einem Ruck herunter.

Wenn ich mich recht erinnerte, fehlte der Schluss. Ein fulminantes Finale, das alle Fäden der Handlung zu einem Netz verknüpfte, um damit den Leser zu fangen, oder zu einem Strick, an dem sich der Verfasser erhängen könnte?

»Ich bin eine mehrfach erhängte Leiche«, dozierte ich laut. Ich setzte den Zeigefinger erneut zur Unterstützung meiner Aussage ein und fing ihn im zweiten Versuch mit der anderen Hand ein.

Die Triumph lachte.

Na warte, dachte ich, jetzt werde ich dir ein letztes Kapitel auf die Walze hämmern, dass sich die Typenhebel biegen.

Letztes Kapitel

asdfg hjklöä asdfg hjklöä asdfg hjklöä qwert zuiopü qwert zuiopü asdfg asdfg hjklöä asdfg hjklöä asdfg alsk skdjfkjf aeeürtkkkkkkkkkkkkk

Genial, kicherte ich, Generationen von Literaturkritikern und gestandenen Germanisten würden die einschlägigen Periodika mit Deutungsversuchen füllen. Wer auf den trivialen Ansatz verfiel, der Autor habe in einer Phase seelischer und geistiger Ausbrennung Fingerübungen an der Tastatur gemacht, worauf die regelmäßige Anordnung der Buchstaben hindeute, würde geringstenfalls mitleidig belächelt, auf jeden Fall aus der Gemeinde seriös arbeitender Textinterpreten ausgestoßen. Versöhnung und Chaos – ein ketzerischer Ansatz zum neueren Verständnis des Werkes von Stefan Bruhks. Wer würde diese Herausforderung wagen? Mir fiel ein, dass ich in den letzten Jahren keine private Korrespondenz geführt hatte – Fluch der modernen Kommunikationstechnik, die auf das flüchtige, gesprochene Wort abstellte. Damit fehlte den Deutern jegliches Quellenmaterial über die einzelnen Phasen meines Schaffens und der Einfluss der wechselnden Lebensumstände auf mein Werk blieb im Verborgenen und konnte nicht für Querinformationen genutzt werden.

Aus der augenblicklichen Euphorie stieg ich zügig zu einer depressiven Stimmung hinab. Mit Daumen und Zeigefinger zog ich das Blatt aus der Maschine und legte es auf den Stapel der anderen. Fünf Zeilen pro Blatt waren angemessen. Sorgfältig spannte ich ein neues Blatt ein und richtete es aus. Dann hämmerten meine Finger rhythmisch auf der Tastatur. Bei jklöä verhakten sich die Typenhebel regelmäßig, weil ich zu schnell war. Schade, dass es noch keine Methode gab, dem Leser durch Vermittlung der Anschlagfolge beim Schreiben den letzten Rest analytischen Aufschlusses zu geben. Nicht nur das r, auch das ä war inzwischen verbogen und hob von der Grundlinie ab.

Bildergalerie: Jun ist unsere Literatin 2007

Jun ist unsere Literatin 2007Viele hatten sich in diesem Jahr beworben, und jetzt steht die Entscheidung fest: Jun ist unsere Literatin 2007! Und sie sieht in unserer T-Shirt-Kollektion einfach fantastisch aus. Die gebürtige Chinesin, die seit 10 Jahren in Deutschland lebt, schreibt derzeit an ihrem ersten Roman. Wir sind überzeugt, dass man in Zukunft literarisch von ihr hören und lesen wird.

Zum Fotoshooting mit der Fotografin Birgit-Cathrin Duval haben wir uns zusammen mit Jun an einen literarischen Ort begeben: zum Kloster Maulbronn. Die größte Klosteranlage nördlich der Alpen, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, ist auch dadurch bekannt geworden, dass Hermann Hesse im dortigen evangelischen Seminar sieben Monate seiner Jugend verbrachte – bevor er davonrannte.

Wir zeigen Ihnen die schönsten Bilder von Jun in unserer Bildergalerie und haben ihr vier Fragen gestellt.

Folge 122 vom 1. August 2007

0

»Lieber Gott, bitte!«, flüsterte Bettina und sackte auf das Kopfkissen zurück. »In meinem Kopf dreht sich alles. Bochum«, schrie sie, »Nachrichtentechnik, Hermann, Margot, die kleine Engländerin – war jedes Wort Erfindung? Verdammt, ich wollte dich doch nicht in Frage stellen, nur ein wenig in deinem Inneren stöbern!« Ihre Stimme erstarb. »Berthold hat mich nicht belogen, er sich hat nur genommen, was ich ihm in meiner Einfalt in den Schoß geworfen habe, ich dumme Kuh!«

Mit einer heftigen Bewegung entzog sie sich seinen besänftigend nach ihr greifenden Händen.

»Ich habe dich auch nicht belogen!« sagte er eindringlich.

Bettina ließ sich auf das Kopfkissen zurückfallen und zog den Schlafsack über ihre Brust.

»Gemein wäre, wenn ich dich getäuscht und mir von dir etwas hätte geben lassen, was du nicht zurücknehmen kannst«, sagte Stefan ernst. Er wischte ihr Tränen mit dem Zeigefinger aus den Augen. »Alles was ich dir erzählt habe, ist schon allein deshalb wahr, weil ich mir nie die Mühe gemacht habe, Geschichten zu erfinden. Ich habe dir erzählt, was ich wusste, mehr nicht. Die ganze Wahrheit ist, dass mich in den ersten Tagen, an die ich mich erinnern kann, eine innere Stimme verfolgte. Die Stimme behauptete, sie heiße Alfred und sei eine Seele auf Bewährung.«

»Ist das endlich alles?«

Vorsichtig erkundigte sich Stefan: »Reicht das nicht?«

»Mir schon.« Bettina schob eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich habe mich mit einem Verrückten eingelassen«, stellte sie fassungslos fest. »Warum müssen Männer ihre Geständnisse eigentlich bis zum Morgen nach der ersten Liebesnacht zurückhalten? Ist das biologisch oder egoistisch, weil ihr euch die Gelegenheit nicht entgehen lassen könnt? Schlag in deinem Bedeutungswörterbuch den Begriff Hingabe nach. Und dann unter Benutzung. Kapier endlich den Unterschied!«

Eine Falte des Schlafsackes hatte sich zwischen beide gelegt.

»Bist du sprachlos?« fragte sie.

»In den letzten Tagen – ich hatte manchmal das Gefühl, ich müsste von der Weißen Wand springen«, erklärte Stefan mit leiser Stimme. »Ich allein trage die Verantwortung.«

»Den letzten Satz kann ich unterstreichen. Ansonsten ist mir nicht damit geholfen, wenn du mir als Seele auf Bewährung erscheinst.«

Du bist nicht schuldig, sagte Alfred.

Stefan setzte sich stocksteif auf und verlor die Farbe aus dem Gesicht. Mit Alfreds Wiederkehr hatte er nicht mehr gerechnet.

Stell dir vor, es ist ein Traum, und vergiss, dass die da unten den schlechten Scherz beschlossen haben, wie sich eine Lektorin als erfolgloser Schriftsteller macht Dabei sind sie nicht einmal selbst auf diese niederträchtige Idee gekommen, sie verlassen sich auf die Menschen. Jeder böse Gedanke wird irgendwann einmal begierig aufgegriffen.

Lauter als gewöhnlich sagte Alfred: Ich verabschiede mich. Leise fügte er hinzu: Wird wohl nichts mit der Beförderung werden. Die Entführung werden sie mir ankreiden, weil ich dich allein gelassen habe. Hättest du mich bloß nicht zum Teufel gewünscht! Aber mit meiner Ehre lasse ich nicht spaßen.

»Wer verabschiedet sich?« fragte Bettina und schaute sich verunsichert um. »Jetzt werde auch ich verrückt.«

»Nein«, antwortete Stefan, »das ist Alfred.« Ein dunkles anschwellendes Grollen dröhnte in seinen Ohren, als stürzten Massen zu Tal, tief unter ihm. Dann war es wieder still und eine erlösende Ruhe setzte ein. Tränen liefen ihm das Gesicht herab. Vergeblich versuchte er, sie anzuhalten und nach innen zu schlucken.

Bettina zögerte, dann legte sie die Arme um seinen Kopf. Als Stefan endlich ruhig lag, war Alfred aus beider Erinnerung verschwunden.

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 6.

Autorinnen-HomepageDiesmal: Die Autorenhomepage.

In unserer digitalisierten Zeit, mit Internet 2.0, ist es kaum umgänglich für eine Autorin, nicht auch im Web präsent zu sein. Die eine Möglichkeit sind die Literaturforen mit ihren Userprofilen, aber darüber haben wir an dieser Stelle schon gesprochen. Die andere Möglichkeit ist eine eigene Homepage.

Aber es gibt Homepages und Homepages.

Auf der einen Seite wären schlechte Graphik, schlechtes Layout, ein nicht zu merkender Link, der in der Browserzeile ungefähr so lang wie eine mittlere Riesenschlange ist, jede Menge Werbung und diese am besten auch noch als Popup.

Hat sich der lesewillige und informationshungrige Surfer mit dschungeltauglichem Durchhaltevermögen bis zum Kern der Homepage vorgekämpft, findet er dort vielleicht auch noch ein Gästebuch, indem sich schon Hinz und Kunz (die, die schon bei BOD veröffentlich haben, siehe Folge 4) und alle Familienmitglieder der Autorin, von der Uroma bis zur kleinen Schwester, verewigt haben.

Folge 121 vom 31. Juli 2007

0

28

Durch das Schiebefenster fielen Streifen helles Sonnenlicht in den Schlafraum. Bettinas Haare kitzelten Stefan im Gesicht. In der nächtlichen Kühle des Schlafraumes waren sie eng aneinander gerückt und teilten sich die Wärme. Stefan schloss die Augen und startete mühelos die Erinnerungen der letzten Nacht, von den sanften Berührungen bis zu den heftigen umklammernden Bewegungen.

Bettina streckte die Beine und drehte sich auf den Rücken. Sie holte tief Luft, einem Schnaufen ähnlich, das seine Stimmung störte.

Unerwartet trafen sich ihre Blicke.

»Wer bist du, Stefan Bruhks?« fragte sie.

»Hallo, guten Morgen«, antwortete er. »Die Sonne scheint, der Regen ist ausgeblieben, da sollten wir uns den Tag nicht mit Gewissenserforschungen belasten.«

»Mit einem Mann wie dir habe ich noch nie geschlafen«, fuhr Bettina unbeirrt fort. »Und jetzt, wo dein Mund jede Stelle meines Körpers von der Stirn bis zu den Kniekehlen besser kennt als ich in dreiunddreißig Jahren, solltest du ihn zum Reden gebrauchen.« Sie küsste ihn flüchtig auf die geschlossenen Lippen. »Du hast mich verrückt gemacht.«

Stefan zog sie an sich.

Sie machte ihren Mund frei und sagte: »Du frönst deiner Lieblingsbeschäftigung: Ablenken. Nach all dem, was du mit mir veranstaltet hast, ist Vertrauen die wichtigste Voraussetzung. Ich hätte dir nie verziehen, wenn ich nicht Vertrauen gehabt hätte. Jetzt erzähle mir, wer du bist, Stefan Bruhks.«

In Stefans Bauch drehte sich der Schreck. Über kurz oder lang würde er sich zu Panik wandeln und nach seiner Kehle greifen. Der unerwartet glückliche Ausgang der Entführung lenkte sein Leben nicht von selbst in geordnete Bahnen. Sich zu verkriechen ist eine andere Sache, hatte sie gesagt. Er würde nicht ständig vor sich weglaufen können. Das Leben würde die Lücken seiner Erinnerung füllen, hoffte er, wenn sich jemand fände, der ihm mit genügend Interesse zuhören würde.

»Die Wahrheit ist«, sagte er, »dass ich mein Leben erst seit knapp vierzehn Tagen kenne. Mein Name ist Stefan Bruhks, wenn ich meinem Personalausweis Glauben schenke.«

»Drücke dich deutlicher aus. Was bedeutet erst seit knapp vierzehn Tagen?«

»Was davor war, liegt im Dunkeln.«

»Amnesie? Warum müssen Schriftsteller einfache Sachverhalte stets kompliziert formulieren?«

»Ich habe vier Manuskripte in meinem Computer und eine Menge Verlagskorrespondenz im Bücherregal gefunden. Ist das der Beweis, dass ich Schriftsteller bin?«

Bettina setzte sich auf. »Warum hast du dich dann mir gegenüber als Schriftsteller ausgegeben?«

»Ich habe mich den erdrückenden Beweisen gebeugt. Tatsächlich verspüre ich einen ausgeprägten Hang zum Lesen und nicht zum Schreiben.«

»Das könnte vorübergehend sein.«

»Es gibt mich nicht, keinen Stefan Bruhks, weder amtlich und auch nicht unter der Adresse, wo ich wohne. Das ist eine Tatsache.«

Bettina drehte sich ihm zu und stützte ihren Oberkörper auf den Arm. Kalte Luft strömte unter die Decke.

»Leg dich wieder hin«, sagte Stefan. »Ich habe es auf dem Bürgerbüro nachgeprüft. Meine Nachbarin schwört, dass in meiner Wohnung bis vor kurzem eine Frau gewohnt hat, Stefanie. Sie nimmt an, ich sei ihr Bruder. Mein Kleiderschrank enthält nur Frauengarderobe, mein Bad ist voll mit Kosmetika, im Medikamentenschrank liegt die Pille. Kein Wunder, dass ich nicht schwanger werde.« Stefan steigerte sich in verhaltene Wut. »Dabei ist die Auflösung doch so einfach! Ich wache nach einem Anfall von Amnesie in der Wohnung meiner – Freundin, Schwester, Geliebten auf. Leider ist die Holde auf Nimmerwiedersehen verschwunden, also muss ich mich allein auf die Suche nach meiner Wohnung machen. Welch bedeutungsloses Detail, dass Stefanies Adresse laut meinem Personalausweis auch meine Adresse ist!«

Folge 120 vom 30. Juli 2007

0

Bettina ließ sich Zeit. Stefan lag auf der Seite, mit angezogenen Beinen, und hielt den Schlafsack am Kinn fest geschlossen. Er wartete, auf Bettina und die Körperwärme. Langsam verteilte sie sich im Schlafsack und er dehnte sich aus der Kauerstellung.

Ein Kerzenlicht wanderte durch die Tür und zurück. Bettina holte sich ihren Pyjama. Im Ofen knackte ein Holzscheit.

Die Befreiung brauchte ein wenig Zeit, bis sie endlich aus Bettinas Worten schlüpfte und sich in seinem Innern wie die Wärme im Schlafsack verbreiten konnte. Er hätte schreien können vor Glückseligkeit. Erstaunt bemerkte er darum eine melancholische Grundstimmung, die sein Gefühl zwar nicht zudeckte, ihm aber die Perspektive nahm, als sei das Glück nur für diesen Augenblick, ein Höhepunkt, der mühsam erreicht wurde und dem in seiner Endlichkeit nur noch Leere folgt.

Stefan schloss die Augen und horchte in sich, um Ordnung zu schaffen. Sein Glück produzierte jetzt Sehnsucht wie ein Körperhormon, eine unbändige Sehnsucht, und drängte sein Bewusstsein in die Küche zu Bettina. Im Aufnehmen der Geräusche war er geübt. Wasser floss aus der Schöpfkelle in ein Gefäß. Der Deckel des Wasserbehälters wurde geschlossen. Eine Zahnbürste wurde in den Becher gestellt, Wasser gespuckt, die Hüttentür knarrte. Er ahnte das Platschen des Wassers im Gras mehr als er es hören konnte. Ob sie …? Nein, der Schlüssel drehte sich im Schloss.

Dann war es ruhig. Was sie wohl machte? Jetzt kam sie; er hörte ihre Schritte und sah das flackernde Kerzenlicht. Sie hielt die Kerze hoch über ihr Bett und ordnete mit einer Hand den Schlafsack, um hineinzuschlüpfen. Dann war es dunkel. Ein Brett knarrte unter ihrem Gewicht. Der Reißverschluss ihres Schlafsackes sirrte.

»Gute Nacht«, sagte sie.

»Eine gute Nacht wünsche ich dir auch«, antwortete er, gesetzter als beabsichtigt. War der Gutenachtgruß schon die Erfüllung des heutigen Tages?

»Ich friere«, sagte sie mit belegter Stimme.

Stefan schälte sich aus dem Schlafsack und tastete sich im Dunkeln durch die Tür. Das Feuer im Ofen schimmerte rötlich durch das Loch in der Herdplatte. Mit Mühe schob er ein weiteres Scheit Holz durch die Ofenklappe.

»Ich habe den Herd bis oben hin vollgestopft«, sagte er, zurück im Schlafraum. Bis morgen früh würde die Wärme nicht vorhalten. Die Frage ist, wie lange ein Mensch ohne die Zuneigung eines anderen Menschen überleben kann. Ohne selbst zu erkalten, hatte sie ergänzt. Sehnsuchtsvoll streckte er seine Hand in das Dunkel und berührte ihre Schulter. Sie drehte ihr Gesicht in seine Hand und er spürte ihre Haare, die Augen und ihren Mund.

Folge 119 vom 29. Juli 2007

0

»Ich bin dir unendlich dankbar«, nahm er das angebotene Du auf. »Nicht wegen der Konsequenzen. Ich habe zuletzt sehr unter der Vorstellung gelitten, dass ich dich nach hier hin verschleppt habe und du nicht freiwillig bei mir bist.«

»Der Alptraum ist jetzt für uns beide vorbei.« Sie drückte seine Hand. »Darf ich … ich habe einen Wunsch.«

»Selbstverständlich«, sagte er.

»Können wir noch ein paar Tage verschollen bleiben?«

»Wartet denn niemand auf dich, der sich sorgt?«

»Vielleicht Berthold.«

»Dein Freund?«

»Ja und nein.« Bettina schaute beharrlich nach oben. »Er ist auch mein Chef.«

»Die Karriere«, sagte Stefan.

»Nein!« protestierte Bettina. »Ein väterlicher Freund, ein Vorbild.«

»Im Bett reduziert es sich auf ein Verhältnis. Oder habt ihr dort gemeinsam Manuskripte gelesen?«

»Spar dir deine Ironie. Zu spät wurde mir klar, dass keine Liebe im Spiel ist.« Bettina stieß ihn mit der Schulter an. »Was ist mit dir?«

»Ich sehe euch. Du bist nackt und er ist zu alt für dich. Er berührt deinen Mund, deine Brüste, den Bauch. Er fasst dich an. Ohne Gefühle würde ich niemandem erlauben, mich anzufassen.«

»Du hast keinen Grund, eifersüchtig zu sein.«

»Ich mag das starke und selbstbewusste Bild von dir, da fällt es mir schwer zu glauben, dass du bei ihm schwach geworden bist.«

»Ich gebe zu, es war ein Irrtum. Das Einzige, was ich mir vorwerfe ist, nicht Schluss gemacht zu haben, nachdem ich mir über die Beziehung zu Berthold im Klaren war.«

»Du bist mit ihm aus purer Gewohnheit ins Bett gegangen?«

»Hör zu, Stefan, ich bin nicht katholisch und du bist nicht mein Beichtvater. Was ich getan habe, ist allein meine Sache. Wenn Schriftsteller über ihre Liebesbeziehungen und Verhältnisse an der Schreibmaschine Rechenschaft ablegen müssen, ist das deren Sache.«

Stefan sprang auf. »Ich habe den Ofen vergessen!«

Bettina verdrehte die Augen. Durch die offene Tür rief sie ihm hinterher: »Berthold ist ebenso gut oder schlecht wie jeder andere.«

Stefan, der vor dem Herd kniete, konnte den trotzigen Ausdruck in ihrem Gesicht nicht sehen. Der Rollwagen im Herd war leer und er musste einen Stapel Brennholz aus dem Stall holen. Bevor er die Ofenklappe schloss, blies er kräftig in die Glut, bis Flammen um die Holzscheite züngelten. Die Kerze auf dem Ecktisch neben der Tür war ebenfalls heruntergebrannt und er entzündete am Stummel eine neue. Draußen setzte er sich wieder neben Bettina, genauso eng wie vorher.

»Ich wollte das Gespräch nicht abwürgen«, entschuldigte er sich.

»Du hast meine Beziehung zu Berthold als Verhältnis eingestuft.«.

»Wir sprachen über nicht vorhandene Liebe. Erinnerst du dich noch an meine Aufzählung der Bedürfnisse? Die Liebe fehlte.«

»Du sagtest Hunger, Durst, Schutz und Wärme – die Liebe lässt sich mit jedem dieser Begriffe verbinden.«

»Ich dachte nicht an das Gemeinsame. Liebe lässt sich nicht sammeln wie Blaubeeren und Pilze, sie kann nicht wie Holz gehackt und nicht aus dem Bach geschöpft werden.«

»Sie kann Unterschlupf in einer Berghütte finden«, sagte Bettina.

»Die Natur gibt, was man zum Überleben braucht, nur keine menschliche Wärme. Die Frage ist, wie lange ein Mensch ohne die Zuneigung eines anderen Menschen überleben kann.«

»Ohne selbst zu erkalten«, ergänzte Bettina.

Stefan lachte leise. »Ich möchte nicht nur mit den Händen streicheln, wie bei Margot.«

Bettina reagierte nicht sofort. »Wie ist es mit deiner Vergangenheit, Margot ausgenommen?«

»Nicht der Rede wert«, antwortete er wahrheitsgemäß.

»In deinem Alter? Hat es keine wilden Jahre gegeben?«

»Keine, an die ich mich erinnern kann.«

»Du bist ja ein ganz Seltsamer! Eine solche Sorte Mann ist mir bisher noch nicht begegnet.«

»Mein Leben bleibt in weiten Teilen undurchdringlich wie das Dunkel der heutigen Nacht.« Stefans Stimme vibrierte leicht. »Du versuchst mich, gemeinsam mit dir auf Entdeckungsreise zu gehen.«

»Vielleicht wäre das für mich eine gute Gelegenheit zum Neubeginn. Jetzt, wo die Entführung nicht mehr zwischen uns steht.«

»Heißt das, dass wir uns auch nach dieser Woche treffen könnten?« fragte er.

»Warum nicht? Oder möchtest du weiter als Literaturphantom auftreten?«

»Die Geschichte ist eine Satire.«

»Ich meinte nicht dein Manuskript.«

»Die Entführung bedauere ich nicht; allein für die versöhnliche Wendung lohnen sich die Schuldgefühle, auch wenn sie mich beinahe aufgefressen haben.«

Schweigend hörten sie dem gleichmäßigen Plätschern des Quellbaches zu.

»Es ist spät«, sagte Bettina schließlich. »Ich möchte jetzt schlafen gehen.«

»Willst du oder soll ich?«

»Geh ruhig zuerst«, entschied sie. »Ich schließe die Tür ab und blase die Kerze aus.«

Folge 118 vom 28. Juli 2007

0

Nach einer Weile stieß sie ihn mit dem Fuß an. »Was ist? Haben die Sterne Sie hypnotisiert? Oder warum starren Sie so beharrlich in den Nachthimmel?«

»Ich sitze nicht zum ersten Mal nachts auf dieser Bank. Der Horizont öffnet sich, trotz der Dunkelheit, und ich sehe nicht mehr, sondern weniger, das Wesentliche eben. Das Leben reduziert sich auf seine Grundfunktionen: Hunger und Durst stillen, Schutz vor Naturgewalten suchen, Wärme schaffen. Wenn ich einen Baumstamm in handliche Kloben spalte, arbeite ich unmittelbar für mein Bedürfnis nach Wärme. Zuhause drehe ich einen Regler und danach richtet sich der Geldbetrag, der von meinem Konto abgebucht wird. Dann muss ich dafür sorgen, dass neues Geld auf das Konto fließt. Also fahre ich Taxi. Selbstverständlich ist mir klar, dass ich auf der Alm nicht überleben kann, und trotzdem verursacht mir das Fehlen unserer gewohnten komplizierten Mechanismen ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Meine Ansichten relativieren sich bis hin zu der Frage, warum ich eigentlich Romane schreibe. Habe ich wirklich Wichtiges mitzuteilen?«

»Wie lautet die Antwort?«

»Ich schreibe gerne, ich fühle mich berufen.«

»Ein Mann stürzt vor einer Metzgerei und schlägt sich das Knie auf. Ich fühle mich berufen, sagte der Metzger und amputierte das Bein.«

»Ich schlachte die deutsche Sprache?«

»Nein«, lachte Bettina. »Sie übertreiben mit Ihrem Anspruch.«

»Ihre Vergleiche sind auch nicht gerade trivial.«

»Aus dem, was ich von Ihnen gelesen habe, schimmerte das Bemühen, Botschaften zu übermitteln. Überlassen Sie das den Werbespots. Was ist gegen gute Unterhaltung einzuwenden?«

Von rechts schwebten weitere Wolken im Zeitlupentempo in den Talhimmel. Eine gute halbe Stunde noch, schätzte Stefan, dann würde der Sternenhimmel erloschen sein. Auch die Kälte kroch langsam in die Kleidung. Er zog den Reißverschluss der Jacke bis zum Hals hoch.

»Offenbar nichts«, stellte Bettina fest.

»Müssen wir unbedingt jetzt darüber reden? Sie wollten meine Empfindungen, ich habe sie Ihnen geschildert. Alles andere ist mir gleichgültig, das Schreiben so weit weg wie der nächste Computer. Unwichtig wie ein Fingerschnippen, sagten Sie.«

Bettina zupfte einen langen Halm aus einem Büschel Gras, das unter der Bank bis in Wadenhöhe sprießte. »Gut, lassen wir das Thema Schreiben, wenn es Ihnen für die ehrerbietige Stille nicht angemessen ist.«

»Anfangs hat mich das Geplätscher des Baches gestört. Ich wurde verrückt im Kopf bei dem Gedanken, dieses Geräusch nicht abstellen zu können. Ich hatte den Wunsch nach vollkommener Ruhe.«

»Haben Sie es schon einmal mit einer Kirche auf dem Land versucht?« fragte Bettina.

»Nein. Himmlische Ruhe?«

»Heilige Ruhe.«

»Abstand gehört dazu«, sagte Stefan. »Verstehen Sie? Mehr als hundert Kilometer müsste die Kirche schon entfernt sein.«

»Ich fühle mich ruhig und glücklich bis in die Haarspitzen. Wir sind bestimmt mehr als hundert Kilometer weit weg.«

»Und ich bin froh, dass ich nicht allein bin.«

»Schön«, sagte sie, für ihn so flüchtig, dass er glaubte, er habe sich die Antwort eingebildet. Die Stille lenkte seine Betrachtungen ab zu den Wolken, die den Mond in ihre Mitte nahmen und an ihm vorbeizogen. Dann drängten sich Körpersignale in sein Bewusstsein. Die ganze Zeit saß er eng neben Bettina, Schulter an Schulter. Er verkrampfte in dem Bemühen, sich nicht zu bewegen, nicht mit den Armmuskeln zu zucken, damit sie nicht von ihm abrückte.

»Ich verzeihe dir«, sagte Bettina leise und ohne ihn anzusehen; plötzlich und unerwartet, dass es ihm die Sprache nahm.

»Ich …« Stefan verschluckte den Rest und räusperte sich. »Ich hätte mich nie getraut, Sie um Verzeihung zu bitten, ich meine, um mehr als die Entschuldigung auf dem Priacher. «

»Nicht mit Worten, ich weiß. Dein Verhalten hat es getan. Trotz aller Merkwürdigkeiten in deinen Reden.«

Der Himmel war jetzt zur Hälfte bedeckt und der Mond in arger Bedrängnis.

Ein Roman, der vollständig auf dem Handy geschrieben wurde

8

Tastatur des Nokia 6630Der Italiener Roberto Bernocco hat die 368 Taschenbuchseiten seines Romans »Compagni di viaggio« (Reisegefährten) ausschließlich auf seinem Nokia-Handy eingetippt. Bernocco nutze hierfür die Zeit, die er auf dem Weg zur Arbeit im Zug verbrachte. In 17 Wochen war sein Science-Fiction-Roman fertig getippt. Das Werk ist in normalem Italienisch geschrieben, ist also kein Roman im SMS-Stil oder verwendet gar die üblichen SMS-Kürzel. Bernocco verwendete die normale Zahlentastatur seines Handys mit der T9-Worterkennung. Zuhause überspielte er dann die mobil erfassten Texte auf den PC und redigierte sie dort.

Erschienen ist der Roman allerdings nicht in einem richtigen Verlag, sondern Bernocco veröffentlichte das Werk in Eigenregie beim Print-on-Demand-Dienstleister lulu.com (höre unser Interview mit lulu.com), dem das ganze eine Pressemeldung wert war. Zum Inhalt des Romans ist dort jedoch nichts zu lesen, denn es mögen sich zwar die Schreibwerkzeuge ändern, doch ob der Roman dem Leser gefällt, das beeinflussen sie freilich nicht.

Folge 117 vom 27. Juli 2007

0

27

Der Mond hatte sich vom Kreuzeck gelöst und zeigte sich in beinahe vollkommener Rundung. Stefan suchte in seinem Leuchten nach den schemenhaft zwischen Sichtbarem und Einbildungskraft liegenden Maren.

»Der Mond ist eine unerschöpfliche Quelle von Kraft und Fantasie«, nahm er das Gespräch wieder auf. »Margots Beziehung zur Nacht war naturgemäß ausgeprägter als die zum Tag. Sie mied Nacktbadestrände, weil sie sich dort bloß gestellt fühlte. Wenn sie traurig war, dachte sie an den Mond. Für sie war er nachsichtig und vergebend. Der Mond ist dein Freund, habe ich ihr einmal aufgeschrieben, der nicht ins Dunkel leuchtet, wo er nichts sehen will. Margot kam immer spät abends zu mir. Sie wollte kein Licht und ich lernte, mit meinen Händen zu sehen und wie Bilder in meinem Kopf explodieren. Nur gelang es mir nie, mein schlechtes Gewissen zu überwinden. Eine Freundschaft mit einer Prostituierten passte nicht in meine Wertvorstellungen – die Erkenntnis, dass Leidenschaft für mich bisher nur ein Wort war, dessen Bedeutung ich bisher nicht erfahren hatte, stürzte mein Selbstverständnis ein und machte mich zugleich schuldig. Bei ihrem letzten Besuch nahm sie mich fest in den Arm. Du bist der netteste Kerl, den ich bisher in meinem Leben getroffen habe, sagte sie zum Abschied, nur in einem Punkt bist du wie die anderen: Deine Küsse sagen nicht die Wahrheit. Margot wollte sich die Anerkennung nicht erkaufen, die ich ihr verweigert habe. Die Beziehung zwischen uns beiden war aussichtslos, ich hätte nie und nimmer über meinen eigenen Schatten springen können.«

»Sie ist über Ihre Seele gewandert und hat Spuren hinterlassen. Aber bitte, schreiben Sie das nicht auf, weder meine Bemerkung noch die Geschichte selbst.«

»Sie ist Ihnen zu rührselig, nicht war? Seien Sie unbesorgt, Margot ist keine öffentliche Frau. Ich respektiere sie.« Stefan wechselte unvermittelt das Thema. »Klare Sternennächte sind eine Herausforderung an die Poesie. Viel wurde über sie geschrieben, romantisch, zärtlich oder wortgewaltig. Ich traue mich nicht, weitere hinzuzufügen. Himmelszelt, Firmament, Universum, Kosmos – es gibt nicht genug Worte für diese Vielfältigkeit. Außerdem neige ich unter solchen Umständen dazu, kitschig zu werden.«

»Sie stoßen doch nicht etwa an Ihre Grenzen?«

Stefan ignorierte Bettinas feinen Spott. »Gefühle entziehen sich jeder Form von Argumentation. Das sind Ihre Grenzen. Denken Sie an die Handvoll Amerikaner und Russen, die über uns fliegen. Bedeutet das für Sie Überwindung der Schwerkraft, Beherrschung von Naturgesetzen oder technische Höchstleistung?«

»Von allem etwas«, sagte Bettina vorsichtig, »doch wird meine Antwort Ihrer Frage nicht gerecht.«

»Es ist nichts, was den Menschen aus sich heraustreten lässt.«

»Sind Sie Esoteriker?« fragte Bettina.

Stefan lachte. »Das einzig Geheimnisvolle an mir ist meine Identität.«

Bettina musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln. »Sie haben mir doch Ihren Namen genannt, Stefan Brucks.«.

»Bruhks. Mit einem Dehnungs-h.«

»Sie sollten sich in Geheimniskrämer umtaufen lassen. Der Name passt gut zu Ihnen und enthält kein einziges u.«

Von rechts schob sich eine Wolke über die Spitze eines unbedeutenden Allerweltsberges, dessen Namen Stefan nicht kannte. Die Wolke kam aus nordwestlicher Richtung, andere würden ihr folgen und Regen bringen.

»Vielleicht sollten wir weniger reden und dafür den Anblick des Sternenhimmels auf uns einwirken lassen«, schlug er vor. »Ich fürchte, es gibt diese Nacht noch Regen.«

Die Wolke streifte die Siebenachtelscheibe des Mondes und verschluckte einen Teil des Lichtes. Winzige Pünktchen wie Augenflimmern gewannen für Minuten an Leuchtkraft und Kontur und wurden dann vom wiederaufhellenden Mondlicht aufgesogen.

»Von jeder Sonne bleibt eines Tages nur das Licht«, sagte Bettina leise. »Es trifft noch in Millionen solcher Nächte auf die Erde. Das ist eine wirkliche Dimension! Drucktermine, Neuerscheinungen, das Programm für das nächste Jahr, der Messetermin – all das ist unwichtig wie ein Schnippen mit den Fingerspitzen.«

Carlsen Verlag kassiert bei Abstimmung zum Harry-Potter-Cover

4

Harry Potter Cover: Ihre Stimme kostet Sie 50 CentWie bereits bei den letzten deutschen Harry-Potter-Bänden, lässt der Carlsen Verlag die Fans auch über das Cover-Bild des siebten Bandes abstimmen, der auf Deutsch bekanntermaßen »Harry Potter und die Heiligtümer des Todes« heißen wird. Gezeichnet wurden beide Entwürfe wieder von Sabine Wilharm.

Neu ist in diesem Jahr, dass sich der Carlsen Verlag offenbar mit den Mächten der Dunkelheit zusammengetan hat, da er mit der BILD-Zeitung auch eine Abstimmung per Telefon ermöglicht. Was Casting-Shows und dubiose Quizsender können, das kann auch der Carlsen Verlag: 50 Cent kostet den Harry-Potter-Fan eine telefonische Stimmabgabe.

Wer zu Lord Voldemorts Gefolgschaft gehört, könnte an dieser Stelle den Kindern empfehlen, zum Handy oder zum Telefon der Eltern zu greifen und mindestens 100 mal die Nummer des favorisierten Entwurfs anzurufen, um auf jeden Fall sicher zu gehen, dass er »gewinnt«. HARRY BRAUCHT DEINE HILFE! RUF – IHN – AN!

Wer zu den Guten gehört, empfiehlt besser die kostenfreie Stimmabgabe im Internet.

Harry Potter: BINGO!!!

1

Die erste Bingo-Reihe ist komplettDas ging schnell: Wir haben eine Gewinnerin unseres Harry-Potter-Bingos! Nicole Töberg hat die erste Reihe unseres Spielplans komplett und uns soeben die entsprechenden Links zugeschickt. Eine literaturcafe.de-Tasse macht sich also auf den Weg zu ihr.

Hier die Links zu unseren Bingo-Feldern:

Unabhängig davon haben die Medien dieses mal die obligatorischen Harry-Potter-Meldungen sehr früh abgefeuert, denn auch »Amazon meldet neuen Verkaufsrekord« und die üblichen Bilder von Menschen in Hexenkostümen sind bereits online.

Folge 116 vom 26. Juli 2007

0

»John war sauer. Wir sind dann hinüber zur Decker-Alm gefahren. Ohne Werkzeug kamen wir in die Hütte nicht hinein, aber die Stalltür war kein Problem. Im Stall fanden wir kein Werkzeug, dafür Heu zum Schlafen und Holz. John sagte, bleiben wir halt hier. Ich war froh, dass wir die Hütte nicht aufbrechen mussten, ich hätte auf ewig ein schlechtes Gewissen gehabt. Notdürftig richteten wir uns ein und zündeten ein Feuer an. Ich fand eine Petroleumlampe, die am Türpfosten hing und noch reichlich gefüllt war, und durchsuchte den Stall.«

»Sie brauchten einen Topf, vermute ich.«

»Ich stöberte einen emaillierten Teekessel auf, der nicht mehr ganz dicht war.«

»Damit waren die Voraussetzungen für das Saufgelage gegeben.«

»Wenn Sie eh schon alles wissen … Leider haben Sie Recht. Zunächst war die Stimmung gut und wir aßen zu Abend, reichten Brot, Käse und Wurst reihum und jeder biss ein Stück ab. Zu Trinken gab es nicht zimperlich angemachten Grog. Das Drama begann, als John zu philosophieren begann. Er verglich sein Leben mit dem meinigen, er hatte Geld und ich keines, er jede Menge Weiber, wie er sich ausdrückte, und zog daraus die Schlussfolgerung, dass er lebe und ich vegetiere. Während er seinen Verstand zur Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse einsetze, würde ich den meinen zu Nutzlosem verschwenden. Wir bekamen Streit und es kam zu einem Handgemenge, ich setzte mich mit einem brennenden Holzscheit zur Wehr, John schlug mir das Holzscheit aus der Hand, und im Nu stand das Heu in Flammen.«

»Sie haben sich wegen einer primitiven Zuhälter-Weltanschauung geprügelt?« fragte Bettina erstaunt.

»Na ja«, druckste Stefan, »er hat Margot beleidigt.«

»Sie waren in Margot verliebt, nicht wahr?«

»Papperlapapp«, erwiderte Stefan.

»Was war dann der Grund?«

»Verachtung, Erniedrigung. John zwang Margot, sich den Pullover und das Hemdchen auszuziehen, eine Demonstration seiner Macht. Noch hoffte ich, er würde Ruhe geben, aber dann sollte sich ganz ausziehen. Wir besorgen es ihr, grölte John, erst du, dann ich.«

»Saufen und die Puppen tanzen lassen – wollte dieser John dem nicht eigentlich entfliehen?«

»John konnte nicht aus seiner Haut. Der mächtigste Mann des Milieus sitzt Sylvester weit abseits in einem zugigen Stall, wie absurd und lächerlich! Ich schätze, auch auf der Hütte wäre uns Ähnliches widerfahren. Margot war zutiefst verletzt, das konnte ich sogar im Feuerschein in ihrem Gesicht sehen. Verdammt, sie war eine Nutte, aber John war dabei, ihr die Seele wegzunehmen, die nur ihr und keinem Freier gehörte. John schlug sie und ich griff nach dem Holzscheit. Nur mit meinen Fäusten hätte John mich in zwanzig Sekunden fertig gemacht. Erst als die Flammen schon hoch aus dem Heu schlugen, ließ John von uns ab. Gegen das Feuer hatte ich ebenso wenig eine Chance wie gegen John.

Im Morgengrauen sind wir zurück zum Tauernpass aufgebrochen. Im Hotel haben wir uns getrennt und seitdem habe ich John nie wieder gesehen. Margot hat mich noch gelegentlich in meiner Wohnung besucht, immer, wenn sie den Beruf und die Abhängigkeit nicht mehr in ihrer Seele bewältigte und sie daran dachte, vorzeitig aufzugeben. Sie war voller Sehnsucht nach Liebe und wollte selbst Liebe geben.«

»Hat sie Ihnen – Liebe gegeben?«

»Ja.«

Bettina berührte seine Schulter. »Sie sind nicht der Scheißkerl, als den ich Sie mehrfach beschimpft habe.«

Folge 115 vom 25. Juli 2007

0

Unschlüssig warf er einen Blick vor die Tür.

Am tiefen Schwarz des Himmels funkelten Hunderte von Sternen. Ganz rechts lag der Gipfel des Kreuzecks in mildem Licht. Der Mond kündigte sich an.

»Es weht ein kalter Luftzug«, rief Bettina aus dem Wohnraum.

»Wir verpassen eine herrliche Sternennacht«, antwortete er mit hörbarer Begeisterung. »Schauen Sie sich diese Pracht an!«

Als sie kam, stand er noch wie festgenagelt auf der Türschwelle. »Ich habe Ihnen Ihre Jacke mitgebracht.«

Sie setzten sich auf die Bank neben der Tür und beobachteten, wie der Mond hinter dem Kreuzeck aufging.

Bettina stieß ihn an. »Sind Sie noch verärgert?«

»Nein«, rang er sich ab. Damit sie ihm glaubte, erzählte er weiter.

»Margot, die Blondine, kannte die Adresse, zu der ich John gefahren hatte, und dieser Umstand überzeugte Leo, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Mit einer Flasche Whisky unter dem Arm und der Ermahnung, mich ruhig zu verhalten, ansonsten könnten mich die Anderen aufstöbern, verließ ich das Blue Moon. Margot brachte mich zum Wagen und hauchte mir ein Danke, dass du John geholfen hast, auf die geschwollenen Lippen.

Ein halbes Jahr später tauchte John wieder auf. Wir begegneten uns zufällig, als ich einen Fahrgast aus einer Bar abholte. John steckte mir spontan vier Zweihundert-Euro-Scheine zu. Von da an fragte er nach mir, wenn er ein Taxi für sich oder Margot brauchte. Margot behandelte mich von Anfang an wie einen guten Freund. Wenn ich sie allein fuhr, plauderte sie meist über das, was sie im Moment bewegte, auf eine offenherzige und naive Art. John luf mich gelegentlich ins Blue Moon ein. Es machte ihm Spaß, seinen Freunden einen intellektuellen Bekannten vorzuführen, und er genoss die vermeintliche Aufwertung seines Ego, das ansonsten aus Prahlerei über das Geld und über die Frauen bestand, die er haben konnte und die ihm aufs Wort gehorchten, und dazu zählte auch Margot. Als ich ihm eines Tages nicht mehr nüchtern meinen Traum von der Sylvesterfeier auf der Hütte erzählte, war er sofort Feuer und Flamme. Das machen wir, sagte er, und Margot kommt mit. Von den vulgären Saufgelagen zu Sylvester mit den Schlampen habe er die Nase gestrichen voll.

Ich glaubte, bei John etwas bewegt zu haben und stimmte zu. John mietete uns einen Tag vor Sylvester im besten Hotel am Tauernpass ein. Offiziell hatte er hinterlassen, er sei zum Jahreswechsel mit Margot in Wintersport gefahren. Sylvester um zehn Uhr vormittags brachen wir auf. In unseren Rucksäcken steckte das Nötigste, ein Schlafsack, Brot, Wurst, Käse, Champagner für Mitternacht und eine Flasche achtzigprozentigen Rum, um Grog zu machen – eine Gewicht sparende Idee von mir, bei der wir auf einen ordentlichen Rausch nicht zu verzichten brauchten.

Bereits an der ersten Steigung merkten wir, dass Margot nicht genug Kondition besaß. Wir hatten drei Stunden bis zur Hütte veranschlagt, das war mit ihr nicht zu schaffen. Gegen zwei Uhr waren wir endlich angekommen, konnten aber die Hütte nicht ausmachen. Gleich hinter der Hütte steigt die Wiese hoch, und in dieser Mulde war die Hütte völlig eingeschneit.«

»Haben Sie nicht vorhin gesagt, die Tour sei ein Abenteuer, weil die Hütte im Winter oft eingeschneit ist? «

»Damals wusste ich das noch nicht. Wir stocherten also mit unseren Skiern im Schnee herum, ohne viel auszurichten. Der Schnee war unter der Oberfläche hart gefroren, und da hätte selbst mit einer Schaufel graben nur Sinn gemacht, wenn wir die Stelle genau gekannt hätten.«

»Dann hat sich der Himmel bezogen und es begann zu schneien?«

»Woher …«

»Nichts für ungut«, unterbrach Bettina schnell. »Es musste so sein, wegen der Dramaturgie.«