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Folge 109 vom 19. Juli 2007

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Während sie ausruhten, zeigte er ihr den weiteren Weg. Vor ihnen lag ein Felsgrat, der am hinteren Ende nach oben schwang und in die mächtige graue Kuppel des Priachers mündete. Sie passierten den Felsgrat auf der rechten Seite über lockeres Geröll, rutschten häufig und stießen Steine polternd zu Tal. Stefan überlegte verunsichert, ob zwei Menschen genügten, um eine Mure loszutreten und war deshalb erleichtert, als sie auf festem Boden anlangten. An dieses Detail des Aufstieges mit Hermann konnte er sich noch gut erinnern; sie waren in gehobener Stimmung und hatten übermütigen Spaß an dem Gepolter.

»Dreihundert Meter bis zu Gipfelhöhe«, erklärte Stefan, »und dann noch zweihundert bis zum Gipfelkreuz.«

»Eine runde Sache, dieser Gipfel, wie glatt geschmirgelt.«

»Warten Sie, bis sie oben sind.« Er kramte in seinem Rucksack und holte einen gefalteten Leinenhut heraus, dessen Krempe rundherum herabhing. »Hier, nehmen Sie meine Mütze. Ich kann nicht unterscheiden, ob Ihr Gesicht von der Anstrengung oder von der Sonne rot ist.«

»Haben Sie auch etwas zu Trinken mitgenommen?«

Verlegen reichte er ihr eine kleine Flasche Mineralwasser.

Den Schlapphut lehnte sie ab. Geduldig redete er auf sie ein, bis sie den Hut schließlich akzeptierte, aber nur für die Zeit, die sie am Gipfel allein blieben.

Stefan erschrak innerlich. Sie würden anderen Wanderern begegnen – er hatte diesen Umstand glatt verdrängt. Wie würde Bettina reagieren? Laut schreiend mit dem Finger auf ihn zeigen: »Dieser Mann hat mich entführt! Retten Sie mich?« Nein, schon die Art, wie er sich die Situation veranschaulichte, zeigte ihm, wie wenig wahrscheinlich sie war. Eine verstohlene Handbewegung an seine Stirn würde auf die Leute glaubhafter wirken als Bettinas Hilfeschrei. Sie war wohl kaum auf eigenen Wunsch auf die Priacher Kalkspitze gestiegen, um ihn an irgendwelche Wanderer auszuliefern, die auch nichts ausrichten konnten. Schließlich lag sie nicht in Fesseln und war ersichtlich keiner unmittelbar drohenden Gefahr ausgesetzt.

Mit gleichmäßigem Schritt ging er bis zum Gipfel voraus. Er begrüßte das Holzkreuz wie einen alten Bekannten mit einem Handschlag.

Folge 108 vom 18. Juli 2007

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Die Decker-Alm hatte die Größe von zwei durchschnittlichen Wiesen und die Form eines unregelmäßiges Ovals, umsäumt von Gebirgswald. Die Almhütte nutzte eine halbwegs ebene Fläche aus, war aber nicht so lang gestreckt wie die Walln-Hütte. Spitzwinklig hinter der Hütte lag das Stallgebäude.

»Handarbeit macht ökonomisch«, sagte Stefan zu Bettina. Sie war stehen geblieben und betrachtete die Hütte aufmerksam. »Da wurde nichts ausgehoben und planiert, sondern stets dort gebaut, wo es passte.«

»Darum geht es nicht. Ist die Hütte noch bewirtschaftet?«

»Im Priachtal gibt es keine Senner mehr. Der Walln-Bauer erwähnte, dass die Hütte verpachtet ist, aber ich habe noch nie jemand hier wohnen sehen. Manchmal heißt es auch, die Jäger würden hier übernachten, wenn sie früh auf die Hochalmen wollen.«

»Aus welchem Grund hat der Bauer den Stall erneuert, wenn er die Alm aufgegeben hat?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Stefan überrascht.

»Das Holz ist heller, längst nicht so grau und dunkelbraun von der Sonne verbrannt wie die Hütte, also neuer«, erklärte sie.

Das Holz ist neuer … verbrannt … der Stall … Eine Flut von Bildern überschwemmte Stefans Gehirn. Geblendet schloss er die Augen. Alfred? Alfred gab keine Antwort.

»Ist Ihnen wieder übel?« fragte Bettina. »Sie sollten einen Arzt aufsuchen, wenn Sie wieder zu Hause sind.«

»Das ist eine verrückte Geschichte«, sagte er langsam und machte eine Pause, als müsse er sich für die Verrücktheit erst sammeln. »Eine Geschichte« – wieder hielt er inne – »auf die ich nicht besonders stolz sein kann. Der Stall ist vor einigen Jahren im Winter abgebrannt. Man vermutet Skifahrer, die vom Tauernhöhenweg über den Oberalmsattel in das Priachtal wollten und vom Wetter überrascht in einer Hütte Unterschlupf suchten, aber nur in den Stall eindringen konnten.«

 

»Das verspricht interessant zu werden«, meinte Bettina. »In welcher Weise waren Sie beteiligt?«

»Das ist kein Thema für zwischendurch. Vielleicht später.«

»Ich werde Sie erinnern«, versprach Bettina. »Wollen wir weitergehen? Der Priacher wartet auf uns.«

Stefan nahm die Richtung auf eine offene Stelle im Waldsaum, aus dem ein Bach in die Wiese mündete und die Alm mit Wasser versorgte. Den Bachlauf hoch wurde der Wald dichter und erschwerte das Fortkommen. An einer günstigen Stelle wechselte Stefan auf die andere Bachseite, stieg mal in die Falllinie, dann parallel zum Berg, die lichten Stellen suchend, aber stetig aufwärts. Nur wenn der Fels aus dem Hang trat, opferte er mühsam gewonnene Höhe und umging das Hindernis unterhalb.

»Beinahe wie im richtigen Leben«, sagte er atemlos in einer Pause. »Ist Ihr Lebensweg immer geradeaus verlaufen? Und stets aufwärts?«

Bettina schüttelte den Kopf, atmete hörbar ein und aus, den Kopf auf die Brust geneigt und die Hände auf die Knie gestützt. »Die Karriere ist kein Weg, sondern eine Leiter. Steil«, brachte sie heraus.

»Dann werde ich Sie jetzt befördern«, sagte er.

An der Baumgrenze trafen sie auf karge Wiesen. In steilem Winkel lag der Berg vor ihnen. Aufrechtes Gehen war nahezu unmöglich. An Grasbüscheln und Zwergsträuchern ziehend arbeiteten sie sich höher.

»Ich kann nicht mehr«, stöhnte Bettina, als sie den Anstieg überwunden und am Rand eines Geröllfeldes angelangt waren. Sie warf sich schwer atmend rücklings ins Gras und schloss die Augen vor der Sonne. Stefan stand eine ganze Weile keuchend neben ihr, bis genügend Energie gesammelt war, den Rucksack abzunehmen und sich zu setzen und nicht wie Bettina fallen zu lassen.

Jetzt anmelden: Sommerworkshop mit dem literaturcafe.de in Wien

Der Stephansdom in WienIn Zusammenarbeit mit der Werkstätte Kunstberufe (Eine Kooperation von Verband Wiener Volksbildung und Universität Wien) findet vom 31. August bis zum 2. September 2007 in Wien ein dreitägiger Sommerworkshop mit dem literaturcafe.de statt. Ein ganzes Wochenende lang widmen wir uns gemeinsam der Frage, wie Weblogs, Podcasts und all die anderen Dinge, die unter dem Schlagwort Web 2.0 zusammengefasst werden, für Kunst und Kultur und insbesondere für die Literatur eingesetzt werden können.

Nach einer Einführung am Freitagmittag haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann die Möglichkeit, das Gehörte und Gesehene gleich in der Praxis umzusetzen, denn die Werkstätte Kunstberufe stellt für den Workshop Notebooks zu Verfügung. Melden Sie sich jetzt am besten gleich an!

Kein Astrid-Lindgren-Preis im Astrid-Lindgren-Jahr

Selbst wenn ein renommierter Kinderbuchverlag explizit dazu auffordert, Manuskripte einzusenden, scheint nichts wirklich Brauchbares dabei zu sein. Über 600 Einsendungen mussten die Juroren des Oetinger-Verlages sichten. Eine der Einreichungen sollte als Buch veröffentlicht und mit 10.000 Euro honoriert werden. Das Thema war frei, der Text sollte sich an Leser zwischen 6 und 12 Jahren wenden.

Das ernüchternde Ergebnis teilte der Verlag nun gestern mit: »Ein Preisbuch, wie wir es uns im Geiste Astrid Lindgrens vorgestellt hätten, war jedoch leider nicht dabei«. Das Preisgeld wird daher an das neue SOS-Astrid-Lindgren-Kinderdorf gestiftet.

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 5.

LesungDiesmal: Präsentation. Lesungen.

Was das Konzert für den Rockstar ist, das ist die Lesung für den Autor. Meistens etwas leiser und mit weniger technischen Effekten, aber für manche eben auch die einzige Möglichkeit, ihre Leser direkt zu erreichen und ein paar ihrer Bücher zu verkaufen. Leider hat der Autor dabei etwas weniger Privatsphäre, weil das Publikum vor und nach der Lesung eigentlich dauernd Backstage ist und Fragen stellt.

Fragen, auf welche die Autorin beim besten Willen manchmal selbst die Antwort nicht weiß, weil sie ihre Texte noch nie aus diesem Blickwinkel gesehen hat oder weil sie noch nie darüber nachgedacht hat, warum sie dieses und jenes gerade so schreibt und nicht anders.

Wichtig beim Lesen: Laut und deutlich und möglichst in einem gemäßigten Tempo sprechen, denn manche der Leute sind wirklich gekommen um zuzuhören! Und die, die nicht deswegen da sind, schlafen noch schneller ein, wenn sie einem monotonen, unverständlichen Redefluss ausgesetzt sind.

Folge 107 vom 17. Juli 2007

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»Man merkt, dass Sie sich selbst versorgen müssen«, sagte sie, während sie eine Zwiebel zerteilte. »Kochen ist für Sie kein Problem. Warum haben Sie nicht geheiratet?« Sie gab die Zwiebelstücke in die Pfanne.

»Wo ist der Zusammenhang?«

Bettina betupfte mit dem Trockentuch ihre Augen. »Ich hätte fragen sollen, warum Sie nicht geheiratet worden sind. Als Mann sind Sie eine ideale Partie.«

Ihm fielen zu diesem Thema keine konkreten Vorkommnisse aus seinem Lebenslauf ein. Sobald er versuchte, sich zu bewusst zu erinnern, blieb sein Kopf leer. Er öffnete ein Glas mit süß-saurer Soße und goss den Inhalt in die Pfanne. »Sie haben merkwürdig konservative Einstellungen zur Partnerschaft.«

»Ich streiche das Wort merkwürdig.« Bettina verrührte die Soße mit einem Holzlöffel. »Einen Mann zu haben bedeutet verheiratet zu sein, war meine Vorstellung als junges Mädchen.«

»Und heute?« Stefan holte eine Schüssel aus dem Schrank und stellte sie an den Rand der Herdplatte. Mit einer Gabel fischte er einen Reisbeutel aus dem Wasser.

»Eine Beziehung bedeutet, eine Verpflichtung dem anderen gegenüber einzugehen.«

»Die Sie scheuen?«

Der Reisbeutel plumpste halb geöffnet in die Schüssel. Stefan wedelte mit den Fingern der rechten Hand und steckte Daumen und Zeigefinger in den Mund.

»Das Thema ist zu heiß für Sie.« Bettina nahm die Pfanne vom Herd und stellte sie auf ein Holzbrettchen auf den Tisch. »Bringen Sie einen Löffel mit«, rief sie ihm zu.

Er brachte die Schüssel mit dem Reis und drückte ihr den Löffel in die Hand. Das Austeilen der Fleischbeilage besorgte er selbst. »Und bei Ihnen? Wie war das eigentlich mit Ihren heißen Beziehungen?«

Bettina lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. »Nicht so viel Fleisch«, wehrte sie mit ausgestreckten Armen ab.

»Also mehr platonisch.«

Bettina lachte. »Man könnte fast meinen, dass Sie … Aber nein, reden wir von Ihren Besteigungen. Ich gebe zu, es ist mein derzeitiges Lieblingsthema.«

»Sprechen wir noch über Beziehungen oder haben wir das Thema gewechselt?«

Bettina setzte zu einer heftigen Antwort an, besann sich aber. »Schlüpfrigkeiten passen nicht zu Ihnen. Ich nehme sie Ihnen jedenfalls nicht ab.«

»Ich bin mehr der ernste, nachdenkliche Typ?« fragte er.

»Sie haben wie jedermann eine Fassade. Ich habe eine Vermutung über das, was dahinter steckt.«

»Nun: Was sehen Sie?«

»Nichts. Ich ahne und empfinde. Sie sind nicht albern, doch mächtig aufgeheitert vom Girpitsch, nicht wahr? Sie verehren diese Alm geradezu, das ist nicht schwer zu erkennen.«

Stefan nickte. Über den wahren Grund, warum er so aufgedreht war, wollte er sie nicht aufklären; nicht den letzten Rest des Scheins verlieren, dass er noch Herr der Situation war.

»Würden Sie morgen mit mir auf den Priacher gehen? Ich meine, wenn das Wetter gut bleibt«, fügte sie hastig hinzu.

Es gab keine Ofenklappe, die er angrinsen konnte, nur die Zeit, die er brauchte, um das Stück Schweinefleisch von der Gabel in den Mund zu schieben. Nicht wieder mit halbvollem Mund sprechen, mahnte er sich und war dankbar für die Sekunden, die ihm die Etikette schenkte. Trotzdem kaute er schneller, weil er die Zustimmung loswerden wollte, bevor sie es sich anders überlegte. Im Schlucken nickte er und sagte: »Selbstverständlich«, und dann redete und erzählte er von den Aufstiegen auf den Priacher und die Karner Kalkspitze, auch von den Begebenheiten, die er auf dem Girpitsch ausgelassen hatte.

Bettina unterbrach ihn nicht, was Stefan als in seinem Redefluss baden empfand. Trotzdem hatte er den Eindruck, dass sie sich nebenbei mit eigenen Gedanken beschäftigte.

Nach dem Essen bat sie, die Schreibmaschine benutzen zu dürfen. Stefan überließ ihr den Wohnraum und setzte sich mit einem Buch und einer Flasche Bier auf die Bank neben der Eingangstür.

Folge 106 vom 16. Juli 2007

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Ohne ein bestimmtes Ziel wanderten Stefan und Bettina über die hügeligen Wiesen unterhalb der Bergkette. Die unberührte Weite belebte Stefan und er vergaß, wie er sich noch eben von Bettina bedrängt gefühlt hatte. Ein Murmeltier pfiff, ließ sich aber nicht blicken. Stefan zeigte Bettina einen großen, in der Nähe eines Gipfels kreisenden Vogel und behauptete, der Vogel sei ein Adler.

Als er überlegte, umzukehren, um nicht in Sichtweite des Tauernhöhenweges zu gelangen, erkundigte sich Bettina nach der Stelle, bis zu der er mit der kleinen Engländerin gegangen war. Das war ein guter Grund, die Richtung zu wechseln; eifrig machte er sich auf die Suche, aber ein Hügel ähnelte dem anderen und die Aussicht auf den Priacher auf der gegenüber liegenden Seite des Tales blieb unverändert und lieferte keinen Anhaltspunkt. Schließlich behauptete er auf dem nächstbesten Buckel, hier sei es gewesen. Bettina blieb stehen, und als er schon an eine Schweigeminute glaubte, hielt sie ihm das Zifferblatt ihrer Armbanduhr hin.

Ist das eine Theatervorstellung? fragte er sich. Sollte er erschrecken und hastig zum Aufbruch blasen? Schlagartig änderte sich seine Stimmung.

»Es ist Zeit.« Mehr sagte er nicht.

Den Abstieg brachte er einsilbig hinter sich. An der Hütte erreichte seine Anspannung einen Höhepunkt, bei dem er sich am liebsten übergeben hätte.

»Wie lange benötigen wir zum Einpacken?« fragte Bettina und schloss die Hüttentür hinter sich.

»Eine Stunde, vielleicht anderthalb. Putzen ist nicht notwendig, aber der Ofen muss gesäubert werden.« Seine Stimme klang gequält und er hätte sich dafür ohrfeigen können. Verdammt! schrie er sie in Gedanken an, sag schon, dass wir jetzt aufbrechen!

»Ich bin hungrig, mit richtigem Appetit. Würden Sie es nicht missverstehen, wenn ich vorschlage, erst morgen zu fahren?«

Er beugte sein Gesicht zur Ofenklappe, schloss die Augen unter der geballten Wucht der befreiten Gefühle und zog mit aufeinander gebissenen Zähnen eine Grimasse. Mit jedem Tag, den sie freiwillig blieb, schmolz die Bürde der Entführung wie der Schnee draußen an den Hängen.

»Es ist Ihre Entscheidung«, sagte er. »Ich wollte die ganze Woche bleiben und wäre heute nur gefahren, um Sie zurückzubringen. Sie sind herzlich willkommen.«

Er fachte das Feuer an und besprach mit ihr das Essen. Viel auszuwählen gab es nicht, denn ohne Kühlschrank musste gegessen werden, was ansonsten zu verderben drohte. Bettina deckte den Tisch und setzte Reis im Wasserbad auf.

Folge 105 vom 15. Juli 2007

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»Ich möchte trotzdem gerne wissen, wie Sie auf die Idee gekommen sind, mich zu entführen.«

»Die Absage von Weigold war die letzte und Ihr Name war mir in guter Erinnerung. Zur Hütte wäre ich ohnehin nach der Schicht gefahren, auch ohne Ihren Fahrauftrag.«

»Eine zufällige Kurzschlusshandlung?«

»Vermutlich. Die ganze Woche habe ich mich nicht wohl gefühlt. Höhepunkt war am Dienstag ein Kreislaufkollaps auf der Landsdorfer Straße. Daher das Pflaster hinter dem Ohr. Ich hätte dem ärztlichen Rat folgen sollen.«

Bettina pflückte einen Grashalm und drehte ihn zwischen den Fingern. »Wie lautete der ärztliche Rat?« Sie schaute Stefan an, bis er ihrem Blick auswich. »Ich will Sie nicht bedrängen«, fügte sie leiser hinzu.

»Gründlich durchchecken, die Ursache suchen. Man fällt nicht einfach um, sagte Dr. Römer.«

»Ich gehe nur zum Arzt, wenn es unbedingt nötig ist. Mir reichen die regelmäßigen Untersuchungen, die ich als Frau über mich ergehen lassen muss.«

»Dr. Brinkmann?«

»Woher wissen Sie? Also doch kein Zufall – Sie haben mir nachspioniert!«

Hastig bastelte Stefan an einer Ausrede. Die Namensnennung sei ein Zufall, eine Erinnerung an einen Namen, den er eigentlich nicht einordnen konnte, Dr. Römer musste ihn erwähnt haben, als er wegen der Kopfverletzung im Krankenhaus war. Ansonsten kenne er – wie sollte er auch? – keine Frauenärzte.

»Gut«, sagte Bettina, »ich glaube Ihnen. Dr. Brinkmann ist nämlich eine Ärztin.«

Stefan lehnte sich erleichtert in die Wiese zurück. Der Rucksack behinderte beim Liegen; er zog ihn vom Rücken und holte eine kleine Flasche Mineralwasser heraus.

»Bevor das Wasser warm wird, sollten wir es trinken. Sie zuerst.«

Sie reichte ihm die Flasche halbvoll zurück.

Zu korrekt, wie er fand, und trotzdem verständlich. Die vorbeiziehenden Wolken fesselten seine Aufmerksamkeit und er begann das Alm-Spiel, wie er es nannte, beobachten und dabei nichts tun, den Gedanken freien Lauf lassen, die Einfühlsamkeit schärfen, sich so weit vom Alltag entrücken zu lassen, dass ihm das Leben leicht erschien wie eine vom Wind getragene Feder, wenn er nur anhielt und sich mitnehmen ließ, wie von den Wellen einer starken Strömung. Er schob die Bilder an die Seite, ohne sich von ihrer Bedrohlichkeit vollends lösen zu können. Ein Stapel Papier geriet in Bewegung, schwappte über – tausend Seiten aufeinander lagen schwer auf dem Magen und drückten wie ein zu fett angerichtetes Essen. Nur der Wind konnte Abhilfe schaffen und den Stapel zerlegen und die Wörter zurück lassen, die ohne ihren Zusammenhang keinen Sinn mehr ergeben.

Stefan stützte seinen Oberkörper auf die Ellenbogen und sagte in Bettinas Richtung: »Ihre Bemerkung über den Kraftakt – als hätte es jeder von uns mit zwei Frauen getrieben. Typisch schwarz-weiß: Männer wollen nur das eine, wollen Sie damit sagen.«

»Moment«, hakte Bettina ein, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Frauen klagen über sexuelle Belästigung und machen daraus ein allgemeines Vorurteil gegenüber Männern. Das ist genauso verwerflich wie Ihnen an die Brust oder das Gesäß zu fassen. In jedem Falle wird der andere missachtet.«

»Ausgerechnet Sie müssen von Missachtung sprechen. Wenn Sie Achtung vor mir gehabt hätten, säße ich jetzt …« Sie schaute auf die Armbanduhr. »In der Mittagspause.«

Stefan hob den Kopf. Die Sonne blendete und er musste eine Hand hochhalten, um Bettina ins Gesicht schauen zu können. »Es gibt viele Formen von Missachtung.«

»Sprechen Sie schon wieder von zurückgeschickten Manuskripten?«

»Ach was! Sie haben die Entführung als Totschlagsargument benutzt, und das ist unsachlich. Und Sie haben damit Ihre Person ins Spiel gebracht, und das ist unklug. Oder habe ich Sie etwa nicht geachtet?«

Sie kniete sich neben ihn. »Später«, sagte sie. »Am Anfang waren Sie ein bisschen verrückt. Das hat mir Angst gemacht.«

Stefan ließ die Hand sinken. Für den Blick an ihr vorbei brauchte er keinen Schutz vor der Sonne.

TV Movie multimedia empfiehlt das Hörspiel »Schweiß«

Cover: TV Movie multimedia 7/2007In der aktuellen Juli-Ausgabe der Zeitschrift TV Movie multimedia ist das von uns produzierte Mini-Hörbuch »Schweiß« der Download-Tipp der Redaktion. Auf Seite 117 heißt es dort: Der Münchner Kabarettist Jörg Maurer vergnügt seine Fans nicht nur mit musikalischem Krimi-Kabarett, sondern nun auch mit einem Hörspiel: »Schweiß« unterhält bei nur 14 Minuten Länge mit pfiffigen Ideen und Wortwitz. Als Sprecher sämtlicher Rollen glänzt Wolfgang Tischer.

TV Movie multimedia ist ein Ableger der gleichnamigen Fernsehzeitschrift. Das Heft befasst sich mit aktuellen technischen Geräten, aber auch mit aktuellen Music-CDs und Hörbüchern. Der vom literaturcafe.de vertonte Beitrag »Schweiß« ist der erste Gewinner des Schreibwettbewerbs »Die Feder« der Zeitschrift »Federwelt«.

Zum kostenlosen Hörspiel-Download »

Folge 104 vom 14. Juli 2007

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Unmerklich drehte er den Kopf wie jemand, der in die Betrachtung der Landschaft vertieft ist und die Perspektive langsam ändert, damit der Gesamteindruck nicht verloren geht. Soweit er aus ihrem Profil deuten konnte, nahm sie ruhig auf, was sie sah. Sie ist hübsch, dachte er, sie kniete über ihm und er hielt sie an den Hüften, die Daumen auf ihrem flachen Bauch, und mit jeder ihrer Bewegungen glitten seinen Hände bis über die Rippenbögen und zurück.

Ein Schmerz zog vom Unterleib bis in die Brust, unerwartet und mit solcher Heftigkeit, dass er den Mund öffnete und nicht schrie.

»Ich bin ein Mann!« platzte er heraus.

Bettina starrte ihn überrascht an. »Haben Sie daran gezweifelt? Etwa, weil Sie sich bislang anständig verhalten haben?«

»Wer weiß schon von sich, wer er ist«, antwortete Stefan und horchte auf den verebbenden Schmerz.

»Ich möchte Sie gerne verstehen. Erzählen Sie.«

»Ich bin Taxifahrer«, sagte er lapidar.

»Die überwiegende Zahl der Taxifahrer sind Männer. Das reicht nicht für eine Begründung. Und außerdem ist der Beruf nicht alles am Menschen. Haben Sie keine Ziele, Ideale, Abneigungen, Wünsche? Können Sie auf diese Frage eine Antwort geben, ohne das Wort Lektorin in den Mund zu nehmen?«

Stefan forschte in ihrem Gesicht, ohne eine Spur von Provokation zu erkennen.

»Ich wünsche mir Zufriedenheit durch die Dinge, die ich tue.«

»Wir haben eine Gemeinsamkeit entdeckt«, sagte sie, mit Enthusiasmus in der Stimme. »Kurz: Ein Leben wie die Senner. Erzählen Sie mehr über sich.«

Die Aufforderung traf Stefan unvorbereitet. Er konnte nur gestehen oder sich aus dem Stegreif selbst erfinden, mit den zu erwartenden Widersprüchen und Ungereimtheiten. Zu Alm und Hütte war ihm, seit Alfred ihm das Bild gezeigt hatte, jedes Detail geläufig, er zweifelte nicht im geringsten, alles so erlebt zu haben, auch wenn er die Frauengarderobe in den Schubkästen und die gelegentlichen weiblichen Einblendungen in seinem Kopf nicht einordnen konnte.

»Alfred kann Ihnen über mein Leben mehr erzählen als ich. Er hat – sagen wir – die nötige Distanz.«

»Das klingt nicht wie eine Ablehnung, eher wie eine Verlockung. Ist Alfred ihr Freund?«

»Wir waren eine kurze Zeit sehr intim.«

»Bitte?« Bettina geriet mit Armen und Beinen in Bewegung, als wüsste sie nicht, ob sie sitzen bleiben oder aufstehen sollte. »Aus dieser Ecke weht also der Wind. Ist das die Auflösung für Ihr Verhalten?«

»Nein. Wir haben sozusagen unsere intimsten Gedanken geteilt. Ich kann das nicht besser erklären.«

»Ein Schriftsteller kann alles erklären, sonst ist er keiner. Ich respektiere aber, dass Sie nicht erklären wollen.«

»Ich kann Sie beruhigen. Meine sexuellen Fantasien beschäftigen sich mit Frauen.«

»Wie steht es mit den weniger intimen Details?« fragte sie.

Seine Kurzbiografie! Geboren in Bochum, Ingenieur der Nachrichtentechnik, zuletzt freiberuflich tätig. Stefan hatte die wenigen Sätze wohl dutzendfach in dem Hefter mit den Anschreiben an die Verlage gesehen. Es musste an der Verwirrung gelegen haben, mit denen er anfänglich der unbekannten Umgebung begegnet war, dass er seine Biografie nicht wahrgenommen hatte. Zumindest die diesseitige Erinnerung funktionierte, noch dazu im richtigen Moment.

»Ich habe Nachrichtentechnik studiert«, sagte er. »Wahrscheinlich war ich ein schlechter Ingenieur, sonst hätte ich nicht mit dem Schreiben angefangen. Also bin ich ein Quereinsteiger.«

»Den ich nicht habe einsteigen lassen.«

»Wenn ich das Wort Lektorin nicht in den Mund nehmen darf, klammern Sie das Thema Manuskripte aus.«

Die Grönemeyers und Bonos der Literatur

Jörg Sundermeier sorgt sich in der Berliner Zeitung darum, dass aus ökonomischen Gründen (»Der Agent hat kaum noch Zeit, der Verlag nicht das Geld«) Autoren immer mehr zu Selbstvermarktern ihrer Bücher werden müssen, wobei jedoch »poppige Medienkritik« und der Zwang, dem Publikum einen Lacher zu entlocken, nicht mehr zeitgemäß seien. Derzeit lägen die konservativen Autoren im Trend. »Autoren, die sich selbst vermarkten müssen, kommen oft zu spät mit ihren Einfällen«, so Sundermeier. Noch schlimmer seien jedoch die Autoren, die ihre Selbstvermarktung bereits beherrschen. Der Artikel ist in der Online-Ausgabe der Berliner Zeitung nachzulesen.

Achduschreck: literaturcafe.de-Tasse kaputt!

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Zerbrochene TasseAuf vergangenen Buchmessen haben wir allen Besucherinnen und Besuchern, die uns ein Gedicht geschrieben haben, eine literaturcafe.de geschenkt. Heute erreicht uns die verzweifelte Mail eines Ehemannes, der beim Abwasch die Lieblingstasse seiner Frau fallen ließ. Es war jene Tasse, die sie vor einigen Jahren auf einer Buchmesse erhalten hatte. Das Desaster wurde im Bild dokumentiert.

Eine neue Tasse ist auf dem Weg…

Folge 103 vom 13. Juli 2007

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Sie stiegen am Bach entlang den Hang hinauf wie auf einer nicht enden wollenden Treppe. Dahinter öffnete sich die Girpitsch-Alm mit ihren hügeligen Wiesen. Sie erklommen den ersten Buckel.

Bettina hielt ihn vom Weitergehen zurück. »Gönnen Sie mir den Ausblick, auch wenn es für Sie nichts Neues ist.«

Die Aussicht reichte über das Priachtal bis zum Oberalmsattel und entgegengesetzt hinunter in Richtung Josephskirch, wo die Berge niedriger und grüner wurden. Das Priachtal war eng und gab aus dieser Entfernung den Blick auf den Weg nicht frei. Gegenüber lag ein Felsmassiv, das sich mit seinen Ausläufern über mehrere Kilometer ausdehnte. Stefan zeigte Bettina die Gipfel des Priachers und der Karner Kalkspitze, den Steinkarsattel, der zwischen beiden Bergen lag und das Priachtal vom Gitzlachtal trennte, und die Route über die Decker-Alm auf den Priacher, die es auf keiner Karte gab. Die letzten dreihundert Meter seien zur Herausforderung geworden, erzählte er, und schilderte das Glücksgefühl, am Gipfelkreuz zu stehen. Die Belohnung war der Ausblick. Der Berg vergab sie an jeden, der auf dem Gipfel stand.

»Und wenn der Gipfel in den Wolken liegt?«

»Dann ist schlechtes Wetter. Für Verrückte hat der Berg nichts übrig.« Stefan deutete nach links, den Weg vom Priacher hinunter zum Steinkarsattel. »Wir waren wie im Rausch und sind noch am gleichen Tag über den Steinkarsattel auf die Karner Kalkspitze gestiegen. Eine Doppelbesteigung.«

»Ich verstehe«, sagte Bettina. »Wie das eben ist, wenn Männer einen Kraftakt vollziehen.«

»Hören Sie auf, mir Etiketten anzupappen.« Er sparte sich die Schilderung, wie sie vom Steinkarsattel aus den steilen Pfad auf die Karner Kalkspitze geklettert waren, mit dem Berg dicht vor den Augen. Die letzten Meter bis zum Gipfelkreuz führten um einen Felsen, und im Herum schoss der Blick kilometerweit ohne Halt und Horizont in die Landschaft, dass ihm schwindelig wurde und er sich wie ein Abstürzender an den Felsen klammerte. Noch nie zuvor hatte er in der Höhe einen solchen Schock erlebt. Minuten vergingen, bis er die Vision vom freien Fall abgeschüttelt hatte.

Stefan setzte sich in die Wiese, und nach kurzem Zögern folgte Bettina. Ihre Anspielung hatte ihn aus einem erlebten Traum gerissen und den Entschluss, sich zu setzen und nicht weiter zu gehen, als Antwort auf die Frage nach dem Wohin und Was erwartet mich? erscheinen lassen. Die Wohnung, Moosbauer und Berta Böttcher waren die bekannten Größen seines Lebens. Gerne würde er Stefanie kennen lernen. Die Sache mit Alfred hatte sich wohl erledigt. Seltsam, er konnte sich nicht richtig darüber freuen, wieder Herr im eigenen Kopf zu sein. Bettina erschien ihm als die realste und zugleich lebendigste Begegnung, seit er in Stefanies Wohnung aufgewacht war. Sollte er ihr die Autoschlüssel geben und die Straßenkarte? Sie würde allein nach Hause finden, vielleicht die Strafanzeige noch in Österreich aufgeben. Sie war umgänglich und hörte interessiert zu, sie hatte das Maß mehr an Sensibilität, um auch das nicht Geschriebene zwischen den Zeilen zu verstehen. Was sie allerdings über ihren Beruf sagte, klang sehr rational. Bücher zu verlegen ist Betriebswirtschaft. Wozu dann geisteswissenschaftliche Fachrichtungen studieren?

Was würde sie ihm bedeuten, wenn er sie als Frau und nicht als Entführte kennen gelernt hätte?

Autorenstammtisch mit Moderatoren und Ton

Touch-Autor Bogus Curry am AutorenstammtischAm Donnerstag, 12.07.07 um 20 Uhr, wird es an unserem Autoren-Stammtisch in Second Life eine Premiere geben: Erstmals wollen wir nicht nur den Text-Chat, sondern auch die Stimme zur Kommunikation nutzen. Seit dem vergangenen Wochenende ist das digitale Baden-Württemberg, in dem sich das literaturcafe.de befindet, »voice enabled«. Dies bedeutet, dass wir uns dort nun richtig unterhalten können. Voraussetzung hierfür ist eine Kopfhörer-Mikrofon-Kombination (Headset), die es für wenig Euro in jedem Computergeschäft gibt, und der Download des sogenannten »First-Look-Clients«. Letzeres ist eine spezielle Version der Second-Life-Software, die die Kommunikation per Sprache ermöglicht. Die Version kann nach dem Herunterladen einfach über die bestehende Software installiert werden und übernimmt die alten Einstellungen.

FAZ gegen Perlentaucher: Eine wunderbare Antwort

FAZ gegen PerlentaucherEs ist nicht schön, was das gerade zwischen Perlentaucher und FAZ passiert (siehe »Die FAZ hasst den Perlentaucher«). Insbesondere die FAZ gibt dabei kein gutes Bild ab und schreibt sich in aller Öffentlichkeit um Kopf und Kragen. Um einen (vermeintlichen) Konkurrenten zu diffamieren, verließ FAZ-Autor Sundermeyer die Grenzen des guten Geschmacks und der journalistischer Qualität und schrieb einen Artikel mit dubiosen Formulierungen und einer reichlich tendenziösen Wortwahl. Es galt, dem Perlentaucher Schmarotzertum und qualitativ schlechte Arbeit zu unterstellen.

Heute nun – einige Tage vor der nächsten Gerichtsverhandlung zwischen FAZ und Perlentaucher – nimmt Anja Seeliger den Artikel Sundermeyers im Perlentaucher auseinander. Eine sehr lohnenswerte Lektüre, die in einem fulminanten letzten Satz gipfelt! Lesen!