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StartseiteAlmtraumFolge 104 vom 14. Juli 2007

Folge 104 vom 14. Juli 2007

Unmerklich drehte er den Kopf wie jemand, der in die Betrachtung der Landschaft vertieft ist und die Perspektive langsam ändert, damit der Gesamteindruck nicht verloren geht. Soweit er aus ihrem Profil deuten konnte, nahm sie ruhig auf, was sie sah. Sie ist hübsch, dachte er, sie kniete über ihm und er hielt sie an den Hüften, die Daumen auf ihrem flachen Bauch, und mit jeder ihrer Bewegungen glitten seinen Hände bis über die Rippenbögen und zurück.

Ein Schmerz zog vom Unterleib bis in die Brust, unerwartet und mit solcher Heftigkeit, dass er den Mund öffnete und nicht schrie.

»Ich bin ein Mann!« platzte er heraus.

Bettina starrte ihn überrascht an. »Haben Sie daran gezweifelt? Etwa, weil Sie sich bislang anständig verhalten haben?«

»Wer weiß schon von sich, wer er ist«, antwortete Stefan und horchte auf den verebbenden Schmerz.

»Ich möchte Sie gerne verstehen. Erzählen Sie.«

»Ich bin Taxifahrer«, sagte er lapidar.

»Die überwiegende Zahl der Taxifahrer sind Männer. Das reicht nicht für eine Begründung. Und außerdem ist der Beruf nicht alles am Menschen. Haben Sie keine Ziele, Ideale, Abneigungen, Wünsche? Können Sie auf diese Frage eine Antwort geben, ohne das Wort Lektorin in den Mund zu nehmen?«

Stefan forschte in ihrem Gesicht, ohne eine Spur von Provokation zu erkennen.

»Ich wünsche mir Zufriedenheit durch die Dinge, die ich tue.«

»Wir haben eine Gemeinsamkeit entdeckt«, sagte sie, mit Enthusiasmus in der Stimme. »Kurz: Ein Leben wie die Senner. Erzählen Sie mehr über sich.«

Die Aufforderung traf Stefan unvorbereitet. Er konnte nur gestehen oder sich aus dem Stegreif selbst erfinden, mit den zu erwartenden Widersprüchen und Ungereimtheiten. Zu Alm und Hütte war ihm, seit Alfred ihm das Bild gezeigt hatte, jedes Detail geläufig, er zweifelte nicht im geringsten, alles so erlebt zu haben, auch wenn er die Frauengarderobe in den Schubkästen und die gelegentlichen weiblichen Einblendungen in seinem Kopf nicht einordnen konnte.

»Alfred kann Ihnen über mein Leben mehr erzählen als ich. Er hat – sagen wir – die nötige Distanz.«

»Das klingt nicht wie eine Ablehnung, eher wie eine Verlockung. Ist Alfred ihr Freund?«

»Wir waren eine kurze Zeit sehr intim.«

»Bitte?« Bettina geriet mit Armen und Beinen in Bewegung, als wüsste sie nicht, ob sie sitzen bleiben oder aufstehen sollte. »Aus dieser Ecke weht also der Wind. Ist das die Auflösung für Ihr Verhalten?«

»Nein. Wir haben sozusagen unsere intimsten Gedanken geteilt. Ich kann das nicht besser erklären.«

»Ein Schriftsteller kann alles erklären, sonst ist er keiner. Ich respektiere aber, dass Sie nicht erklären wollen.«

»Ich kann Sie beruhigen. Meine sexuellen Fantasien beschäftigen sich mit Frauen.«

»Wie steht es mit den weniger intimen Details?« fragte sie.

Seine Kurzbiografie! Geboren in Bochum, Ingenieur der Nachrichtentechnik, zuletzt freiberuflich tätig. Stefan hatte die wenigen Sätze wohl dutzendfach in dem Hefter mit den Anschreiben an die Verlage gesehen. Es musste an der Verwirrung gelegen haben, mit denen er anfänglich der unbekannten Umgebung begegnet war, dass er seine Biografie nicht wahrgenommen hatte. Zumindest die diesseitige Erinnerung funktionierte, noch dazu im richtigen Moment.

»Ich habe Nachrichtentechnik studiert«, sagte er. »Wahrscheinlich war ich ein schlechter Ingenieur, sonst hätte ich nicht mit dem Schreiben angefangen. Also bin ich ein Quereinsteiger.«

»Den ich nicht habe einsteigen lassen.«

»Wenn ich das Wort Lektorin nicht in den Mund nehmen darf, klammern Sie das Thema Manuskripte aus.«