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Startseite Almtraum Folge 128 vom 7. August 2007

Folge 128 vom 7. August 2007

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Letztes Kapitel

Stefan wälzte sich stöhnend auf die Seite. »Zwei Tage verbringen wir schon im Bett, als Gefangene im eigenen Leben.«

Bettina lag regungslos. Sie lebte in den Bewegungen ihrer Augäpfel, denen der dünne Tränenfilm Brillanz verlieh.

»Wir müssen hier heraus«, sprach Stefan die sich in seinem Kopf wiederholende Aufforderung nach, »wenn wir eine Zukunft haben wollen.«

»Wir haben überall eine Zukunft, wenn wir zusammen sind.«

Stefan küsste Bettina, sanft, zurückhaltend, mit einer flüchtigen Begegnung der Lippen. Eine Weile stierte er zur Holzdecke und überlegte.

»Verdammt!« schrie er, und: »Warum geht es denn nicht weiter?«, als verberge sich hinter der Decke ein unsichtbarer Lenker, dem eine Vernachlässigung seiner Pflichten vorzuwerfen sei. »Dieser lähmende Stillstand! Wir können uns kaum noch bewegen, essen und trinken nicht, nur noch Wachen und Schlafen. Jemand hat unser Leben angehalten.« Mit merkwürdiger Betonung fuhr Stefan fort: »Introibo ad altare Dei.«

»Du denkst an den Tod, nicht wahr?«

»Zum Altare Gottes will ich treten. Das sind die ersten Worte der Messe. Unser Pfarrer triezte uns gern mit den lateinischen Messtexten, obwohl diese längst vom Aussterben bedroht waren. Viel mehr als den ersten Satz habe ich nicht behalten. Als wir beim Gloria ankamen, bin ich bei den Messdienern ausgetreten.«

»Glaubst du an Gott?«

»Ich bin ein Zweifler. Sollte ich jemals vor dem altare Dei stehen, möchte ich dich an meiner Seite haben.«

Bettina lächelte mit den Augen. »Du musst deine Seele schon alleine retten.«

»Würdest du ein gutes Wort für mich einlegen?«

»Deine Taten sollen für dich sprechen, heißt es.«

»Dann sollten wir sofort aufbrechen. Mit jeder Stunde sinken unsere Chancen. Ich will Aussicht auf Gemeinsamkeit.«

»Bis dass der Tod euch scheidet«, sagte sie. »Wenn ich Gewissheit hätte, auch danach mit dir zusammen zu sein, wäre es mir egal, ob ich leben oder sterben würde.«

Stefan griff unter der Decke nach ihrer Hand. »Dann müsste es heißen: Ich verbinde euch über den Tod hinaus. Aber vermutlich würde dann niemand mehr heiraten. Ich stelle mir soeben vor, dass in manchen Ehen die Aussicht auf den Tod des anderen die einzig verbliebene Hoffnung ist.«

»Du kannst schrecklich sarkastisch sein. Schreib darüber, über Tiefen der menschlichen Seele. Warten auf den Tod.«

»Nicht darüber und auch nichts anderes.«

»Es wäre falsch, aufzugeben. Lege eine Pause ein, beschäftige dich mit anderen Dingen, die dir Freude machen. Du brauchst dich weder heute noch sonst irgendwann zu entscheiden. Schreibe, wenn du das Bedürfnis hast, dann kannst du sicher sein, dass es dir Spaß macht.«

»Alles, was du sagst, ist eine Liebkosung wert. Mein Herz zerfließt vor Sehnsucht nach dir. – Doch«, fuhr er zögernd fort, »ich empfinde tatsächlich, was ich sage. Dabei wäre mir diese Formulierung in tausend Jahren nicht durch die Finger gegangen. Und du? Du hättest ein Manuskript an der Stelle mit Sicherheit zugeklappt.«

»Das Urteil hängt doch nicht an einem einzigen Satz!«

»Ich stöbere oft in der Buchhandlung am Ägidiusplatz. Neulich fand ich in einer Kiste mit Sonderangeboten eine Anleitung zum Schreiben, auf fünf Euro herunter gesetzt. Quasi ein Über-Buch. Sätze wie Ich liebe dich sind zu vermeiden, las ich. Zugegeben, der Satz ist viel gebraucht, aber abgenutzt? Nenne mir eine andere, gleichermaßen präzise und kompakte Beschreibung für einen komplexen Zustand, der die Sinne vollständig in Anspruch nimmt, den Verstand teilweise ausschaltet und den Gefühlen die Initiative des Handels überlässt.«

»Jede Frau wartet auf diese drei Worte. Auch ohne deine gestochen scharfe Analyse zu kennen.«

»Ich liebe dich.«

Als Bettina ihren Mund wieder frei hatte, sagte sie: »Läge ich nicht so elendig hier, würde ich dir zeigen, was drei Worte bewirken.» Sie lachte leise. »Deine Gedanken an den Tod sind schnell verflogen.«

»Ach, Lektorin«, seufzte Stefan. Beim Reden streifte sein Atem ihre Wange. Die Berührungen ihres Körpers an Armen und Beinen brannten schmerzhaft. Verdammte Unbeweglichkeit! »Lass uns aufbrechen«, bat er.

Sie benötigten eine halbe Stunde, um sich anzukleiden. Stefan suchte ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen und verstaute sie im einem Rucksack. Der Rucksack hatte kaum Gewicht und hing ihm schlaff auf dem Rücken.

Es gab keinen Abschied, als er die Hüttentür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, keinen Blick zurück, keine Wehmut. Sein Verstand arbeitete klar und war auf zwei Ziele ausgerichtet: Er musste weg von hier, zurück an den Anfangspunkt in seiner Wohnung. Die Auflösung würde er dort finden, wo sein derzeitiges Sein begonnen hatte, das er nun nicht mehr der Energie aus Körperfunktionen verdankte. Bis auf die Liebe war seine Seele ebenso leer wie sein Körper, den er selbst nur noch als eine Hülle empfand.

Er griff nach Bettinas Hand.

Die Sonne hatte sich im Westen hinter das Kreuzeck zurückgezogen. In zwei Stunden würde die Dämmerung einsetzen; die Luft war klar und angenehm frisch.

Stefan hob mit jedem Schritt das volle Körpergewicht, und wenn die Füße auf dem Boden waren, klebten sie wie in zähem Teig. Am Lift legten sie die erste Pause ein. Wenn sie es bis zum Auto schaffen würden, hätten sie gewonnen, verbreitete er Zuversicht. Die Sorge, wie er mit kraftlosen Beinen die Pedale bedienen wollte, behielt er für sich.

Der Weg durch die Latschen wurde zur Qual und gab eine Andeutung von dem, was sie auf dem Steilstück vom Wasserfall bis zum Schuppen erwartete. Stefan hielt Abstand, weil Bettina die in den Weg ragenden Zweige nicht halten konnte. Auf dem schmalen Felsvorsprung am Wasserfall blieb sie stehen und ließ ihn aufschließen. Sie drehte sich um und umarmte ihn. Er konnte ihre Worte gegen die Gewalt des Wassers nicht verstehen.

Ihre Beine knickten weg. Instinktiv klammerte er sich an ihr fest.

Ich lasse dich nicht mehr los, dachte er im Fallen.