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Startseite Almtraum Folge 126 vom 5. August 2007

Folge 126 vom 5. August 2007

Die Fahrt zu den Barmherzigen Schwestern empfand ich wie den Weg zurück ins Leben, ungewollt zwar, aber nicht zu ändern. Ich wunderte mich nicht, dass Traurigkeit Besitz von meinem Gemüt ergriff. Sie versetzte mich in einen Zustand innerer Ruhe und ließ mir den Tod als die notwendige Folge aus der Schwermut und gleichfalls als Erlösung erscheinen. Meine Ansicht beeindruckte den Arzt nicht, er schickte nach einer Tablette und eröffnete mir, dass ich dieses Medikament über einen Zeitraum von drei Monaten einnehmen müsse.

Ich wurde in die Station Chirurgische Männereingewiesen. Die psychiatrische sei voll, erklärte der Arzt, die Patienten lägen dort teilweise auf den Gängen, ideale Voraussetzungen, um einen Fall wie dem meinen zu einer schweren Depression auswachsen zu lassen. Andererseits sei für manche das Bett auf dem Gang wie das Paradies auf Erden. Die Menschen würden gleich reihenweise durchknallen, erzählte der Arzt, als spräche er von der konjunkturellen Entwicklung. Ich sah seine saloppe Ausdrucksweise als die notwendige Distanz an, ohne die er in einem Umfeld von Jammer und Verzweiflung nicht überleben konnte. Ich selbst fühlte mich weder den Hoffnungslosen noch den Hilfsbereiten zugehörig.

Das Stationspersonal überbrachte mir täglich Termine zu Untersuchungen und Gesprächen. Das halbwegs verheilte Loch am Hinterkopf weckte ihre besondere Aufmerksamkeit. Soweit ich mich erinnern konnte, war ich im Aufstehen auf einer vergessenen Bierdose ausgerutscht und mit dem Kopf auf die Schreibmaschine geschlagen; bis auf den Schmerz, der mich einen halben Tag begleitete, war die Sache nicht weiter tragisch. Sie wollten auch wissen, wie ich an die frischen Narben in der Nähe der Handgelenke gekommen sei. Ich schwieg zu dieser Frage.

Die Zeit zwischen den Terminen verbrachte ich auf dem Bett und hörte Musik gegen den serienweise laufenden Fernseher, um den sich meine beiden Bettnachbarn stritten. Wenn um halb sechs Uhr morgens der Pfleger den neuen Tag begrüßte und das Licht anknipste, bewegte ich mich übergangslos von den Traumfantasien in meine realen Probleme. Es gab eine Menge nachdenkenswerter Dinge über meine Arbeit, meine Freundschaften und vor allem mich selbst. Leider konnte ich nicht verhindern, dass therapeutische Versuche an mich herangetragen wurden. Ich wich ihnen durch hartnäckige Einsilbigkeit aus.

Am dritten Tag besuchten mich Kallweit und Sonja. Er kramte umständlich Obst aus einer Plastiktüte, Äpfel, zwei Bananen und eine Birne Ich hängte den Ohrhörer an den Schubladengriff.

»Von Olga soll ich dich schön grüßen. Sie hat sichen bisken in deine Wohnung umgekuckt. Jezz isset widda sauber.«

Ich fragte Kallweit nicht, wie sie in meine Wohnung gekommen waren. »Danke«, sagte ich. »War es sehr schlimm?«

»Wennze mich frachs, sahet aus wie hoffnungslos.«

»Ich werde es Ihrer Frau wieder gutmachen.«

»Nä, so war dat nich gemeint. Dat is ja dat Dilemma vonne Welt, dat keina mähr wat fürn annern tut, ohne dasse gleich bezahln muss.«

»Ja«, sagte ich.

»Wennzen ganzen Tach im Fenster liechs, wirße ein Philosoph, ganz automatisch. Da siehße die Leute rennen, un glaub mir, wennze die fragen täts, wattse machen, da krichtesse keine Antwort drauf. Weil die dat nämmich selbst nich wissen, wohse hinterherlaufen.«

»Orientierungslos«, sagte ich.

»Weilse ihren Platz im Leem nich gefunden ham. Jedem müsstense aintlich bei der Geburt ein Leemsstuhl mitgeem. Woa zeitleems wüsste, dat is mein Platz. Den kann mir keina wechnehm.«

»Hol dir den Stuhl vom Tisch«, forderte ich Sonja auf. »Du stehst herum wie bestellt und nicht abgeholt.«

Kallweit schwieg, bis Sonja den Stuhl an das Bett gerückt hatte. »Ein Jahr lang habbich auch geglaubt, die ham mir den Leemsstuhl geklaut. Jetz sitzich widda.«

Meine Frage, was er mit dem Lebensstuhl meinte, erschöpfte sich in einem kurzen Brummen. Kallweit sagte nichts weiter und ich überlegte, ob er auf eine gesprochene Frage von mir wartete.

»Ich hab Aabeit«, erklärte er endlich. »Eine Hausmeistastelle anne Polizeischule. Is zwar nich wien Klempner auffen Bau, aber die ham jede Menge Waschbecken, Duschen und Toletten, wohße dich drann austohm kanns.«

Ich gratulierte ihm aufrichtig.

»Dat schicke is, dat da ne Dienswohnung zugehört. Nächsten Monat ziehn wir aus.«

»Schade«, sagte ich.

»Und? Wie gehdet dir so?«

»Die machen hier allerlei Umstand mit mir. Warum haben Sie eigentlich die Polizei geholt?«

»Bisse deshalb sauer? Du wars plötzlich wie vonne Bildfläche verschwunn. Da habbich gedacht, es könnt ja was passiert sein, wohße doch allein leebs. Vielleicht, dasse dir beim Pinkeln ein Bein gebrochen hass.«

Sonja kicherte.

»Hasse dein Humor verlorn?« fragte Kallweit. »Wat is mit dir?«

»Ich habe viel nachzudenken.«

»Siehße, du weiß auch nich, wohße hingehörs. Machet doch so wie ich. Wennze nich Klempner sein kanns, dann eem wat anners, wo du trotzdem noch drann bis am Rohr, wat dir Spaß macht.«

»Das ist einfach gesagt.« Ich sah durch Kallweit hindurch, fand mich in der Karlstraße wieder, zwischen den zu beiden Seiten eng zusammenstehenden gelben und schmutziggrauen Fassaden aus großen Quadern, die sich zum Ägidiusplatz lichthell öffneten. Das war mir ein vertrauter Gang, denn auf der anderen Seite des Platzes lag die Buchhandlung Bogner. Auch wenn ich kein Buch kaufen wollte, konnte ich an der Ladentür nicht vorbei, machte den vertrauten Rundgang, träumte bei den Reiseführern, blätterte in den Nachschlagewerken, wünschte mich von all dem Wissen beseelt und nicht mit nüchternen Fakten angehäuft. Zwischen Büchern zu sein war mir der liebste Platz geworden neben dem an meinem Schreibtisch.

Kallweit faltete die Plastiktüte zusammen und steckte sie in die Jackentasche. »Na ja, du bis nich so gesprächich heute. Wir gehn dann ma.«

Ich fühlte mich beschämt. Wie lange hatte ich vor mich hingeträumt? »Danke für den Besuch«, sagte ich.

Sonja warf mir einen frühreifen Abschiedsblick zu.

»Und Grüße an Ihre Frau«, sagte ich ihm in den Rücken. Kallweit drehte sich um und nickte.