Anzeige
Anzeige
Startseite Almtraum Folge 125 vom 4. August 2007

Folge 125 vom 4. August 2007

30

Durch den Schleier vor meinen Augen erkannte ich Kallweit, der sich zu mir hinunter beugte, die Hände auf meinen Schultern, und mich in kurzen Abständen schüttelte. Da waren noch zwei andere im Zimmer, zwei grüne Schemen.

»Lassen Sie es gut sein«, sagte jemand. »Er kommt zu sich.«

»Kallweit«, sagte ich und versuchte ein freundliches Gesicht, »was machen Sie bei den Barmherzigen Schwestern?« Ob ich nach Dr. Römer klingeln sollte?

»Jetzt gehen sie mal an die Seite«, sagte der grün Uniformierte. »Das ist unsere Sache.« Er schaute mir intensiv in die Augen und versperrte mir die Sicht.

»Wo ist Stefanie?« fragte ich. Sie sollte für Ordnung sorgen. Ich war im Moment nicht ganz auf der Höhe; an sich nicht weiter verwunderlich, denn es schlaucht, einen Roman zu verfassen.

»Kennen Sie die Dame?« wandte sich der Grüne an Kallweit.

»Nä, der wohnt allein hier.«

Das war nicht das Krankenhaus. Ich saß an meinem Schreibtisch.

»Wer ist Stefanie? Sollen wir sie benachrichtigen?« erkundigte sich der Polizist teilnahmsvoll.

Die Polizei verblödet auch immer mehr, dachte ich. Man muss mit mir nicht im Tonfall für Kleinkinder reden.

»Wie ist ihre Adresse?« mischte sich die andere uniformierte Jacke ein.

»Welche Adresse?« Konnten sich die beiden nicht präziser ausdrücken? »Was machen Sie eigentlich in meinem Wohnzimmer?«

»Aufräumen«, sagte der erste und grinste. Er trat gefühlvoll gegen eine Bierdose und beförderte sie auf den Haufen der anderen. Es schepperte blechern.

»Schau dir das mal an.« Der Grüne nahm ein Blatt vom Schreibtisch und reichte es seinem Kollegen.

»Dat issen Schriftställer«, erklärte Kallweit.

»Lesen Sie mir mal vor.« Der Polizist hielt mir das Blatt hin. Ich zerbrach mir die Zunge.

Schreib, mein Junge, sagte die Triumph.

»Oma Käthe – bist du es?«

Die Polizisten sahen sich bedeutungsvoll an.

»Nä«, sagte Kallweit, »bringt ihn ärs ins Krankenhaus. Vielleicht isser ja nur besoffen.«

»Hilflose Person? Was meinst du?« fragte der Polizist, der das Blatt hielt.

»Ich schau mich mal um.« Der andere Polizist verließ das Wohnzimmer.

»Dat is ja noch nich strafbar, watte dir privat auf Papier schreibs«, wandte sich Kallweit an den Polizisten.

»Wenn es sich nicht um volksverhetzende Parolen handelt. Oder auf staatsfeindliche Aktivitäten hindeutet. Dann müssten wir den Verfassungsschutz einschalten.« Der Polizist legte das Blatt auf den Schreibtisch zurück. »Warum haben Sie uns gerufen, wenn Sie keinen Verdacht haben?«

»Sonn Mitmenschen kannze doch nich einfach verkomm lassen. Jehn Tach isser an mir vorbei, un dann wie vom Ärdboden verschluckt. Da habich mir Sorgen gemacht. Watte so inne Zeitung liest – warum soll dat nich auch mal inne Gottfried-Keller-Straße passiern?«

»Karl?« rief es von draußen. »Komm mal in die Küche.«

Kallweit war erst unschlüssig, dann folgte er dem Polizisten. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir ohne Dreinreden und Vorsagen Klarheit über die Vorgänge in meinem Wohnzimmer zu schaffen. Das Durcheinander aus über den Boden verstreuten Bierdosen und Weinflaschen, Korken und Papierbällchen verschlug mir die Sprache. Handtücher, teilweise entrolltes Toilettenpapier, leere Tüten von verschiedenen Süßigkeiten, Klarsichtverpackungen. Meine Mutter, die sich durch peinliche Ordnung und Sauberkeit für jeden Eventualbesuch rüstete, obwohl es nie unangemeldete Besuch bei uns gab, wäre schockiert gewesen. Mir fehlte im Moment die Fantasie, um mir die Tragweite der Vorgänge vorzustellen, die sich hier abgespielt haben mussten.

Die beiden Polizisten erschienen im Türrahmen, hinter ihnen Kallweit.

»Hilflose Person«, sagte der Polizist, der das Blatt gehalten hatte.

Sie halfen mir beim Packen der Sporttasche und Zusammensuchen der Toilettenartikel.