0
Startseite Website Seite 151

Ein Roman, der vollständig auf dem Handy geschrieben wurde

8

Tastatur des Nokia 6630Der Italiener Roberto Bernocco hat die 368 Taschenbuchseiten seines Romans »Compagni di viaggio« (Reisegefährten) ausschließlich auf seinem Nokia-Handy eingetippt. Bernocco nutze hierfür die Zeit, die er auf dem Weg zur Arbeit im Zug verbrachte. In 17 Wochen war sein Science-Fiction-Roman fertig getippt. Das Werk ist in normalem Italienisch geschrieben, ist also kein Roman im SMS-Stil oder verwendet gar die üblichen SMS-Kürzel. Bernocco verwendete die normale Zahlentastatur seines Handys mit der T9-Worterkennung. Zuhause überspielte er dann die mobil erfassten Texte auf den PC und redigierte sie dort.

Erschienen ist der Roman allerdings nicht in einem richtigen Verlag, sondern Bernocco veröffentlichte das Werk in Eigenregie beim Print-on-Demand-Dienstleister lulu.com (höre unser Interview mit lulu.com), dem das ganze eine Pressemeldung wert war. Zum Inhalt des Romans ist dort jedoch nichts zu lesen, denn es mögen sich zwar die Schreibwerkzeuge ändern, doch ob der Roman dem Leser gefällt, das beeinflussen sie freilich nicht.

Folge 117 vom 27. Juli 2007

0

27

Der Mond hatte sich vom Kreuzeck gelöst und zeigte sich in beinahe vollkommener Rundung. Stefan suchte in seinem Leuchten nach den schemenhaft zwischen Sichtbarem und Einbildungskraft liegenden Maren.

»Der Mond ist eine unerschöpfliche Quelle von Kraft und Fantasie«, nahm er das Gespräch wieder auf. »Margots Beziehung zur Nacht war naturgemäß ausgeprägter als die zum Tag. Sie mied Nacktbadestrände, weil sie sich dort bloß gestellt fühlte. Wenn sie traurig war, dachte sie an den Mond. Für sie war er nachsichtig und vergebend. Der Mond ist dein Freund, habe ich ihr einmal aufgeschrieben, der nicht ins Dunkel leuchtet, wo er nichts sehen will. Margot kam immer spät abends zu mir. Sie wollte kein Licht und ich lernte, mit meinen Händen zu sehen und wie Bilder in meinem Kopf explodieren. Nur gelang es mir nie, mein schlechtes Gewissen zu überwinden. Eine Freundschaft mit einer Prostituierten passte nicht in meine Wertvorstellungen – die Erkenntnis, dass Leidenschaft für mich bisher nur ein Wort war, dessen Bedeutung ich bisher nicht erfahren hatte, stürzte mein Selbstverständnis ein und machte mich zugleich schuldig. Bei ihrem letzten Besuch nahm sie mich fest in den Arm. Du bist der netteste Kerl, den ich bisher in meinem Leben getroffen habe, sagte sie zum Abschied, nur in einem Punkt bist du wie die anderen: Deine Küsse sagen nicht die Wahrheit. Margot wollte sich die Anerkennung nicht erkaufen, die ich ihr verweigert habe. Die Beziehung zwischen uns beiden war aussichtslos, ich hätte nie und nimmer über meinen eigenen Schatten springen können.«

»Sie ist über Ihre Seele gewandert und hat Spuren hinterlassen. Aber bitte, schreiben Sie das nicht auf, weder meine Bemerkung noch die Geschichte selbst.«

»Sie ist Ihnen zu rührselig, nicht war? Seien Sie unbesorgt, Margot ist keine öffentliche Frau. Ich respektiere sie.« Stefan wechselte unvermittelt das Thema. »Klare Sternennächte sind eine Herausforderung an die Poesie. Viel wurde über sie geschrieben, romantisch, zärtlich oder wortgewaltig. Ich traue mich nicht, weitere hinzuzufügen. Himmelszelt, Firmament, Universum, Kosmos – es gibt nicht genug Worte für diese Vielfältigkeit. Außerdem neige ich unter solchen Umständen dazu, kitschig zu werden.«

»Sie stoßen doch nicht etwa an Ihre Grenzen?«

Stefan ignorierte Bettinas feinen Spott. »Gefühle entziehen sich jeder Form von Argumentation. Das sind Ihre Grenzen. Denken Sie an die Handvoll Amerikaner und Russen, die über uns fliegen. Bedeutet das für Sie Überwindung der Schwerkraft, Beherrschung von Naturgesetzen oder technische Höchstleistung?«

»Von allem etwas«, sagte Bettina vorsichtig, »doch wird meine Antwort Ihrer Frage nicht gerecht.«

»Es ist nichts, was den Menschen aus sich heraustreten lässt.«

»Sind Sie Esoteriker?« fragte Bettina.

Stefan lachte. »Das einzig Geheimnisvolle an mir ist meine Identität.«

Bettina musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln. »Sie haben mir doch Ihren Namen genannt, Stefan Brucks.«.

»Bruhks. Mit einem Dehnungs-h.«

»Sie sollten sich in Geheimniskrämer umtaufen lassen. Der Name passt gut zu Ihnen und enthält kein einziges u.«

Von rechts schob sich eine Wolke über die Spitze eines unbedeutenden Allerweltsberges, dessen Namen Stefan nicht kannte. Die Wolke kam aus nordwestlicher Richtung, andere würden ihr folgen und Regen bringen.

»Vielleicht sollten wir weniger reden und dafür den Anblick des Sternenhimmels auf uns einwirken lassen«, schlug er vor. »Ich fürchte, es gibt diese Nacht noch Regen.«

Die Wolke streifte die Siebenachtelscheibe des Mondes und verschluckte einen Teil des Lichtes. Winzige Pünktchen wie Augenflimmern gewannen für Minuten an Leuchtkraft und Kontur und wurden dann vom wiederaufhellenden Mondlicht aufgesogen.

»Von jeder Sonne bleibt eines Tages nur das Licht«, sagte Bettina leise. »Es trifft noch in Millionen solcher Nächte auf die Erde. Das ist eine wirkliche Dimension! Drucktermine, Neuerscheinungen, das Programm für das nächste Jahr, der Messetermin – all das ist unwichtig wie ein Schnippen mit den Fingerspitzen.«

Carlsen Verlag kassiert bei Abstimmung zum Harry-Potter-Cover

4

Harry Potter Cover: Ihre Stimme kostet Sie 50 CentWie bereits bei den letzten deutschen Harry-Potter-Bänden, lässt der Carlsen Verlag die Fans auch über das Cover-Bild des siebten Bandes abstimmen, der auf Deutsch bekanntermaßen »Harry Potter und die Heiligtümer des Todes« heißen wird. Gezeichnet wurden beide Entwürfe wieder von Sabine Wilharm.

Neu ist in diesem Jahr, dass sich der Carlsen Verlag offenbar mit den Mächten der Dunkelheit zusammengetan hat, da er mit der BILD-Zeitung auch eine Abstimmung per Telefon ermöglicht. Was Casting-Shows und dubiose Quizsender können, das kann auch der Carlsen Verlag: 50 Cent kostet den Harry-Potter-Fan eine telefonische Stimmabgabe.

Wer zu Lord Voldemorts Gefolgschaft gehört, könnte an dieser Stelle den Kindern empfehlen, zum Handy oder zum Telefon der Eltern zu greifen und mindestens 100 mal die Nummer des favorisierten Entwurfs anzurufen, um auf jeden Fall sicher zu gehen, dass er »gewinnt«. HARRY BRAUCHT DEINE HILFE! RUF – IHN – AN!

Wer zu den Guten gehört, empfiehlt besser die kostenfreie Stimmabgabe im Internet.

Harry Potter: BINGO!!!

1

Die erste Bingo-Reihe ist komplettDas ging schnell: Wir haben eine Gewinnerin unseres Harry-Potter-Bingos! Nicole Töberg hat die erste Reihe unseres Spielplans komplett und uns soeben die entsprechenden Links zugeschickt. Eine literaturcafe.de-Tasse macht sich also auf den Weg zu ihr.

Hier die Links zu unseren Bingo-Feldern:

Unabhängig davon haben die Medien dieses mal die obligatorischen Harry-Potter-Meldungen sehr früh abgefeuert, denn auch »Amazon meldet neuen Verkaufsrekord« und die üblichen Bilder von Menschen in Hexenkostümen sind bereits online.

Folge 116 vom 26. Juli 2007

0

»John war sauer. Wir sind dann hinüber zur Decker-Alm gefahren. Ohne Werkzeug kamen wir in die Hütte nicht hinein, aber die Stalltür war kein Problem. Im Stall fanden wir kein Werkzeug, dafür Heu zum Schlafen und Holz. John sagte, bleiben wir halt hier. Ich war froh, dass wir die Hütte nicht aufbrechen mussten, ich hätte auf ewig ein schlechtes Gewissen gehabt. Notdürftig richteten wir uns ein und zündeten ein Feuer an. Ich fand eine Petroleumlampe, die am Türpfosten hing und noch reichlich gefüllt war, und durchsuchte den Stall.«

»Sie brauchten einen Topf, vermute ich.«

»Ich stöberte einen emaillierten Teekessel auf, der nicht mehr ganz dicht war.«

»Damit waren die Voraussetzungen für das Saufgelage gegeben.«

»Wenn Sie eh schon alles wissen … Leider haben Sie Recht. Zunächst war die Stimmung gut und wir aßen zu Abend, reichten Brot, Käse und Wurst reihum und jeder biss ein Stück ab. Zu Trinken gab es nicht zimperlich angemachten Grog. Das Drama begann, als John zu philosophieren begann. Er verglich sein Leben mit dem meinigen, er hatte Geld und ich keines, er jede Menge Weiber, wie er sich ausdrückte, und zog daraus die Schlussfolgerung, dass er lebe und ich vegetiere. Während er seinen Verstand zur Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse einsetze, würde ich den meinen zu Nutzlosem verschwenden. Wir bekamen Streit und es kam zu einem Handgemenge, ich setzte mich mit einem brennenden Holzscheit zur Wehr, John schlug mir das Holzscheit aus der Hand, und im Nu stand das Heu in Flammen.«

»Sie haben sich wegen einer primitiven Zuhälter-Weltanschauung geprügelt?« fragte Bettina erstaunt.

»Na ja«, druckste Stefan, »er hat Margot beleidigt.«

»Sie waren in Margot verliebt, nicht wahr?«

»Papperlapapp«, erwiderte Stefan.

»Was war dann der Grund?«

»Verachtung, Erniedrigung. John zwang Margot, sich den Pullover und das Hemdchen auszuziehen, eine Demonstration seiner Macht. Noch hoffte ich, er würde Ruhe geben, aber dann sollte sich ganz ausziehen. Wir besorgen es ihr, grölte John, erst du, dann ich.«

»Saufen und die Puppen tanzen lassen – wollte dieser John dem nicht eigentlich entfliehen?«

»John konnte nicht aus seiner Haut. Der mächtigste Mann des Milieus sitzt Sylvester weit abseits in einem zugigen Stall, wie absurd und lächerlich! Ich schätze, auch auf der Hütte wäre uns Ähnliches widerfahren. Margot war zutiefst verletzt, das konnte ich sogar im Feuerschein in ihrem Gesicht sehen. Verdammt, sie war eine Nutte, aber John war dabei, ihr die Seele wegzunehmen, die nur ihr und keinem Freier gehörte. John schlug sie und ich griff nach dem Holzscheit. Nur mit meinen Fäusten hätte John mich in zwanzig Sekunden fertig gemacht. Erst als die Flammen schon hoch aus dem Heu schlugen, ließ John von uns ab. Gegen das Feuer hatte ich ebenso wenig eine Chance wie gegen John.

Im Morgengrauen sind wir zurück zum Tauernpass aufgebrochen. Im Hotel haben wir uns getrennt und seitdem habe ich John nie wieder gesehen. Margot hat mich noch gelegentlich in meiner Wohnung besucht, immer, wenn sie den Beruf und die Abhängigkeit nicht mehr in ihrer Seele bewältigte und sie daran dachte, vorzeitig aufzugeben. Sie war voller Sehnsucht nach Liebe und wollte selbst Liebe geben.«

»Hat sie Ihnen – Liebe gegeben?«

»Ja.«

Bettina berührte seine Schulter. »Sie sind nicht der Scheißkerl, als den ich Sie mehrfach beschimpft habe.«

Folge 115 vom 25. Juli 2007

0

Unschlüssig warf er einen Blick vor die Tür.

Am tiefen Schwarz des Himmels funkelten Hunderte von Sternen. Ganz rechts lag der Gipfel des Kreuzecks in mildem Licht. Der Mond kündigte sich an.

»Es weht ein kalter Luftzug«, rief Bettina aus dem Wohnraum.

»Wir verpassen eine herrliche Sternennacht«, antwortete er mit hörbarer Begeisterung. »Schauen Sie sich diese Pracht an!«

Als sie kam, stand er noch wie festgenagelt auf der Türschwelle. »Ich habe Ihnen Ihre Jacke mitgebracht.«

Sie setzten sich auf die Bank neben der Tür und beobachteten, wie der Mond hinter dem Kreuzeck aufging.

Bettina stieß ihn an. »Sind Sie noch verärgert?«

»Nein«, rang er sich ab. Damit sie ihm glaubte, erzählte er weiter.

»Margot, die Blondine, kannte die Adresse, zu der ich John gefahren hatte, und dieser Umstand überzeugte Leo, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Mit einer Flasche Whisky unter dem Arm und der Ermahnung, mich ruhig zu verhalten, ansonsten könnten mich die Anderen aufstöbern, verließ ich das Blue Moon. Margot brachte mich zum Wagen und hauchte mir ein Danke, dass du John geholfen hast, auf die geschwollenen Lippen.

Ein halbes Jahr später tauchte John wieder auf. Wir begegneten uns zufällig, als ich einen Fahrgast aus einer Bar abholte. John steckte mir spontan vier Zweihundert-Euro-Scheine zu. Von da an fragte er nach mir, wenn er ein Taxi für sich oder Margot brauchte. Margot behandelte mich von Anfang an wie einen guten Freund. Wenn ich sie allein fuhr, plauderte sie meist über das, was sie im Moment bewegte, auf eine offenherzige und naive Art. John luf mich gelegentlich ins Blue Moon ein. Es machte ihm Spaß, seinen Freunden einen intellektuellen Bekannten vorzuführen, und er genoss die vermeintliche Aufwertung seines Ego, das ansonsten aus Prahlerei über das Geld und über die Frauen bestand, die er haben konnte und die ihm aufs Wort gehorchten, und dazu zählte auch Margot. Als ich ihm eines Tages nicht mehr nüchtern meinen Traum von der Sylvesterfeier auf der Hütte erzählte, war er sofort Feuer und Flamme. Das machen wir, sagte er, und Margot kommt mit. Von den vulgären Saufgelagen zu Sylvester mit den Schlampen habe er die Nase gestrichen voll.

Ich glaubte, bei John etwas bewegt zu haben und stimmte zu. John mietete uns einen Tag vor Sylvester im besten Hotel am Tauernpass ein. Offiziell hatte er hinterlassen, er sei zum Jahreswechsel mit Margot in Wintersport gefahren. Sylvester um zehn Uhr vormittags brachen wir auf. In unseren Rucksäcken steckte das Nötigste, ein Schlafsack, Brot, Wurst, Käse, Champagner für Mitternacht und eine Flasche achtzigprozentigen Rum, um Grog zu machen – eine Gewicht sparende Idee von mir, bei der wir auf einen ordentlichen Rausch nicht zu verzichten brauchten.

Bereits an der ersten Steigung merkten wir, dass Margot nicht genug Kondition besaß. Wir hatten drei Stunden bis zur Hütte veranschlagt, das war mit ihr nicht zu schaffen. Gegen zwei Uhr waren wir endlich angekommen, konnten aber die Hütte nicht ausmachen. Gleich hinter der Hütte steigt die Wiese hoch, und in dieser Mulde war die Hütte völlig eingeschneit.«

»Haben Sie nicht vorhin gesagt, die Tour sei ein Abenteuer, weil die Hütte im Winter oft eingeschneit ist? «

»Damals wusste ich das noch nicht. Wir stocherten also mit unseren Skiern im Schnee herum, ohne viel auszurichten. Der Schnee war unter der Oberfläche hart gefroren, und da hätte selbst mit einer Schaufel graben nur Sinn gemacht, wenn wir die Stelle genau gekannt hätten.«

»Dann hat sich der Himmel bezogen und es begann zu schneien?«

»Woher …«

»Nichts für ungut«, unterbrach Bettina schnell. »Es musste so sein, wegen der Dramaturgie.«

Folge 114 vom 24. Juli 2007

0

»Sie sind also ins Blue Moon gegangen, um den Fahrpreis zu kassieren?«

»Bin ich lebensmüde? Ich habe drei Wochen abgewartet, ob John sich bei mir meldet. Nichts. Mehr und mehr setzte sich dann bei mir die Einsicht durch, dass ich eine Prämie verdient hätte.«

»Geld …«

»Zu der Zeit drückte ich das Haushaltsgeld auf zehn Euro die Woche. Tütensuppen, Brot, Streichwurst, die lange vorhält.«

»Als Taxifahrer muss man doch nicht verhungern«

»Ich arbeitete nur die halbe Zeit, die andere habe ich beschriebenes Papier produziert. Die Miete, das Auto – ich stotterte an einer Reparatur, anstatt den Wagen abzumelden. Dieses Auto war für mich zum Symbol im Überlebenskampf geworden, es abzugeben hätte bedeutet, die Schwelle zur Armut zu übertreten, das Absinken auf die unterste Stufe. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch ohne die regelmäßigen monatlichen Überweisungen auskomme, und ich wollte die Zeit zum Schreiben nicht dem Broterwerb opfern. Dann hätte ich bei der Nachrichtentechnik bleiben können. Ich ging also mit einem genialen Plan ins Blue Moon, um meine Haushaltskasse aufzubessern. Dem Barkeeper sagte ich, das bestellte Taxi für John sei da. Er schaute mich seltsam an und winkte mich dann in einen Gang neben der Theke. Das schummrige Licht behagte mir nicht, war aber genau so, wie ich es vorausgedacht hatte. Ehe ich mich richtig versah, stand ich mit dem Rücken zur Wand und der Barkeeper hatte mich am Kragen.

Wo ist John? fragte er und schlug meinen Hinterkopf mehrfach gegen die Wand, damit es mir schneller einfallen sollte.

Ich weiß es nicht, japste ich. Das Dröhnen verstärkte sich, weil der Barkeeper noch heftiger anklopfte. Mehr als ein Ich suche ihn brachte ich nicht heraus.

Am Ende des Ganges öffnete sich eine Tür. Was ist los? fragte eine Stimme ungehalten. Ich wagte nicht, den Kopf zu bewegen.

Der Kerl will was von John, antwortete der Barkeeper und stieß mich in den Gang. Ich stolperte und lief voll gegen eine Faust in meiner Magengrube.

Du kannst wieder nach vorn gehen, wies der Mann den Barkeeper an.

Ich krümmte mich auf dem Fußboden vor Schmerzen.

Keine Kinderstube, sagte der Mann und trat mir heftig in die Seite, dass ich aufschrie. Wenn ich schon unangemeldet zu Besuch käme, belehrte er mich, sollte ich wenigstens aufstehen und Guten Abend, Leo sagen. Ich weiß nicht, wie ich hochkam, aber ich war oben und stöhnte: Guten Abend, Leo.

Keine Vertraulichkeiten, tadelte Leo und verpasste mir eine Ohrfeige, die mich endgültig umwarf. Er schleifte mich in ein kleines fensterloses Büro und lud mich im Sessel vor dem Schreibtisch ab. Mit einem einzigen Ruck drehte er den Sessel in seine Richtung.

Ich schmeckte Blut auf den Lippen und wischte es mit dem Handrücken weg.

Erzähle dem lieben Leo, was du mit John gemacht hast, forderte er mich auf. Hinter ihm trat eine blonde Frau in mein Blickfeld. Sie steckte vollkommen faltenfrei in einem rosa Kostüm mit kurzer Jacke und kurzem Rock, eine perfekte Besetzung für das Kleidungsstück.«

»Der Barkeeper hatte wohl nicht fest genug angeklopft, dass Sie in der Lage noch wohlproportionierte Formen wahrgenommem haben.«

»Ich denke, das ist ein Schutzmechanismus«, sagte Stefan. »Man verdrängt die Gefahr, damit die Angst nicht die Kontrolle übernimmt.« Er gab Bettina keine Zeit zum Antworten. »Ich stammelte das Erlebnis aus der Pritzelstraße. Für meine blutenden Lippen hätte ich ein Taschentuch gebraucht, traute mich aber nicht, den Bericht zu unterbrechen und in die Hosentasche zu greifen. Das Blut tropfte mir auf Jacke und Hose.

Leo hörte wortlos zu. Nachdem ich geendet hatte, holte er eine Pistole aus der Schreibtischschublade, entsicherte sie und setzte sie mir auf die Stirn. Erzähle, was mit John passiert ist, wiederholte er, und zwar die Wahrheit, sonst war das die letzte Lüge, die du dir ausgedacht hast.

Ich sank tiefer in den Sessel, konnte aber der Berührung durch das schwarze Metall nicht entgehen. Ich warf einen Hilfe suchenden Blick zu der blonden Frau. Mir kam gar nicht der Gedanke, dass sie bei Leo vermutlich ebenso wenig ausrichten konnte wie ich. Sie hatte ängstlich geweitete Augen.

Leo, flehte sie.«

»Leo!« imitierte Bettina. »Das klingt verdammt nach Kino. Sie müssen mir Ihren letzten Drehbuch-Entwurf nicht als wahre Geschichte verkaufen.«

»Es gibt keinen Grund, Ihnen Ammenmärchen aufzutischen«, protestierte Stefan. Dann war Stille und er ärgerte sich über diesen Misston. »Ich schau mal nach dem Ofen«, sagte er, um überhaupt etwas zu sagen. Er legte Holz nach und blies in die Glut, bis ihm die Funken ins Gesicht stoben. Schnell schloss er die Ofenklappe. Diese Hütte wollte er auf keinen Fall in Brand setzen.

Riesenmaschine-Buch im Buchhandel – und kostenlos zum Download

Die Riesenmaschine als PDF-DateiWährend einige Verlage das Internet immer noch nicht verstanden haben und stattdessen die Kriminalisierung ihrer Kunden in Arbeitskreisen vorantreiben und man anscheinend den Lemmingen gleich der Musikindustrie in den Abgrund folgen will, hat sich der Heyne Verlag (Bertelsmann Konzern) auf ein Experiment eingelassen: 150 Beiträge des Weblogs Riesenmaschine erscheinen nun in Buchform und sind für 8,95 Euro im Buchhandel zu kaufen. Gleichzeitig ist das Buch kostenlos im PDF-Format auf der Websites des Verlags und des Weblogs herunterzuladen.

So schreibt Riesenmaschine-Autorin und Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig: Preisen wir an dieser Stelle kurz den Heyne Verlag, der der Riesenmaschine nicht nur vollständige Buchgestaltungsfreiheit liess, sondern auch den kostenlosen PDF-Download freudig unterstützt, während andere Verlage noch damit beschäftigt sind, herauszufinden, was dieses Internet eigentlich ist, von dem in letzter Zeit alle reden.

Laut Angaben im Buch hat die PR- und Werbeagentur »Zentrale Intelligenz Agentur«, die das Weblog Riesenmaschine betreibt, die Herstellung des Buches vollständig selbst übernommen. Der Heyne Verlag ist offenbar nur für Druck und Vertrieb der Papierversion zuständig. Ist das ganze also in Wahrheit gar nicht so innovativ, sondern nur so eine Art dickere Werbebroschüre für die Autoren der Riesenmaschine?

Folge 113 vom 23. Juli 2007

0

26

»Unsere letzte Flasche Rotwein«, verkündete Stefan, »ein Cabernet Sauvignon, kaum ein Jahr alt. Eine miese Lebenserwartung. Post mortem gibt es Bier, Schnaps und Fruchtsaft.«

Bettina kostete. »Feine Supermarktqualität. Das Gläschen Wein macht mich neugierig, unter welchen Umständen der Stall auf der Decker-Alm nieder brannte.«

»Wollen Sie dieses düstere Kapitel in meinem Leben tatsächlich aufschlagen?«

»Wenn Sie die Sache schon ins Lächerliche ziehen, kann es mit der Düsternis nicht weit her sein. Darf ich eine Prognose wagen? Ich schätze, meine Entführung war die bisher schwärzeste Tat in Ihrem Leben. Soll ich die Petroleumlampe höher drehen?«

»Besser nicht. Die Flamme rußt, wenn sie zu groß ist.«

»Gut. Legen Sie los.«

»Kaum, dass ich die Hütte gepachtet hatte«, begann er, »setzte sich in mir ein großer Traum fest: Eine Silvesterfeier auf der Alm ist nicht nur romantisch, auch außergewöhnlich und abenteuerlich. Die Hütte ist im Winter die meiste Zeit unter Schnee begraben, wie mir der Lugleitner erzählte. Bei gutem Wetter fährt man am Tauernpass mit dem Lift hoch, dann geht es mit Skiern auf und ab über die Hügel bis zum Oberalmsattel und durch das Priachtal hinunter bis Josephskirch.«

Bettina zog die Augenbrauen zusammen. »Ist die Tour nicht zu gefährlich, abseits jeder Piste?«

»Der Weg ist nicht das Problem, den sind wir häufig gewandert. Das Wetter ist entscheidend. Ich habe die Tour gemacht, vor fünf Jahren, zusammen mit John und Margot. John heißt bürgerlich Johannes, aber das ist ein lächerlicher Name für jemanden, der im Rotlichtmilieu etwas darstellen will.«

Bettina atmete hörbar durch.

»Als ich anfing zu schreiben ging es mir finanziell nicht besonders gut.«

»Und da haben Sie Frauen für sich anschaffen lassen?«

»Herrgott«, fauchte Stefan, »wenn wir uns in einem ähnlich sind, dann mit unpassenden Bemerkungen.« Bettina wollte etwas entgegnen, doch er sprach weiter. »Ich habe mich mit Taxi fahren über Wasser gehalten. An einem Sonntagvormittag ist mir ein Mann beinahe in den Wagen gelaufen. Er riss die Tür hinten auf und warf sich auf die Rückbank. Fahr los! brüllte er, und ich gab Gas. Die Tür flog gegen seine Beine und der Mann schrie vor Schmerz: Abbiegen! Ich bog links in die nächste Nebenstraße ein. Durch das Seitenfenster sah ich, wie ein Mann auf die Straße lief und sich umschaute, dann waren wir um die Ecke verschwunden. Mein Fahrgast kroch ganz in den Wagen und schloss die Tür.

Schwein gehabt, sagte er, wenn die dein Kennzeichen mitbekommen hätten, wärst du geliefert. Ich war zu geschockt, um mir Gedanken über Tragweite und Konsequenzen dieser Bemerkung zu machen.

Wir brauchen einen anderen Wagen, sagte er dann. Jetzt begriff ich erstmals, dass ich kein Taxifahrer mehr war, sondern unfreiwillig in einem Boot saß, das nicht von mir gesteuert wurde.

Mein Wagen steht zwei Straßen weiter, sagte ich ohne zu überlegen, und der Mann befahl, ich solle mich beeilen. Ich fuhr zu Moosbauer auf den Hof, dort wo ich Sie auch umgeladen habe, ließ den Schlüssel stecken und holte meinen Wagen.

Wunderbar, sagte der Kerl zu meinem Schrotthaufen. Beim Einsteigen hatte ich erstmals die Ruhe, mir den Mann anzuschauen, der so besorgniserregend in mein Leben eingedrungen war. Er war etwas älter als ich und hatte ein festes Gesicht, dem ich ansah, dass es zu befehlen gewohnt war. Das Lächeln war mir eine Spur zu gewöhnlich, der Gesamteindruck nicht bedrohlich. Er nannte mir eine Adresse und ich fuhr los. Während der Fahrt gab er laufend Anweisungen, wo ich herfahren sollte. Kurz vor dem Ziel musste ich anhalten und parken.

Wollen Sie nicht aussteigen?, fragte ich nervös.

Wir warten hier, Kleiner, sagte er.

Wir warteten eine halbe Stunde.

Du hast mir das Leben gerettet, Kleiner, die wollten mir nämlich an den Kragen, sagte der Mann plötzlich. Spielschulden. Ich hab‘ jetzt keine Kohle, aber ich werd‘ mich revanchieren. Ich heiße John. Du kannst mich im Blue Moon erreichen. Dann sprang John aus dem Wagen und verschwand um die Häuserecke.«

Stefan füllte die Gläser nach.

»Sind Sie sicher, dass Sie das tatsächlich erlebt haben?« fragte Bettina.

Stefan schlug mit dem Handballen auf den Korken. »Sie wollten doch hören, wie es zum Brand auf der Decker-Alm kam.«

»Erstens habe ich Ihre Phantom-Geschichte gelesen, und zweitens ist mir die Anrede Kleiner schon häufiger untergekommen.«

»Für die Klischees anderer kann ich nichts. Später habe ich John erklärt, im Umgang mit einem Schriftsteller müsse er auf abgegriffene Floskeln verzichten.«

»Hat er?« wollte Bettina wissen.

»Er hat.«

Folge 112 vom 22. Juli 2007

0

Vom Gipfel bis zum Steinkarsattel, der den Priacher und die Karner Kalkspitze miteinander verbindet, glich der kahle Hang einer kleingeschotterten Piste. An einigen rutschgefährlichen Stellen war gegenseitiger Halt nach Art einer Seilschaft geboten, und so nahm Bettina ohne Zögern die ihr entgegen gestreckte Hand an, während Stefan die Lösung dieser Zweckbindung eher hinauszögerte und dann glaubte, mit dem Loslassen etwas verloren zu haben.

Am Steinkarsattel trafen sie auf einen Wegweiser mit vier Armen, für jede Himmelsrichtung einen. Ein säuberlich aufgeschichteter Steinhaufen hielt den Holzpfahl aufrecht. Sie gingen ein Stück hinunter bis an eine Wegkehre, von der sich ein Fernblick in das Gitzlachtal und über den Gitzlachsee bot. Wenn Aussichten schwer wiegen würden, meinte Stefan, würden sie kaum den Weg zurück über den Steinkarsattel schaffen. Sie entschieden, für den Rückweg zur Hütte den Tauernhöhenweg bis zum Oberalmsattel zu nehmen. Die Wanderzeit war am Wegweiser mit einer Stunde angegeben, doch brauchten sie eine Viertelstunde mehr, weil Stefan in den steileren Abschnitten wegen seiner schmerzenden Knie pausierte. Die aufsteigenden Touristen begrüßten sie artig mit Grüß Gott.

Vom Oberalmsattel aus konnten sie die Ebene überblicken, über die sie im Schnee von der Hütte aus gewandert waren.

»Da sind Leute!« sagte Bettina überrascht und streckte den Arm aus. »Ich hatte gedacht, wir seien ganz weit abseits – die müssen direkt an unserer Hütte vorbeigekommen sein!«

Stefan erinnerte sich an seine Lüge an der Wegmarkierung. »Vermutlich wandern sie nach einer alten Karte. Der Weg führt über die Decker-Alm, nicht an unserer Hütte vorbei. Über den auch die Kühe auf die Alm kommen.«

»Welten liegen nicht dazwischen«, meinte Bettina vorwurfsvoll.

»Alte oder neue Wege«, schnitt er die Diskussion ab, »bei Schnee sind sie nicht passierbar.«

Bettina sagte nichts weiter dazu. Sie stiegen den Sattel auf einem ausgetretenen Pfad hinab, bis Stefan plötzlich rechts abbog und ein sumpfiges Stück Wiese umging. Durch ein Latschengehölz gelangten sie auf den Hügel, an dessen Fuß sich die Walln-Alm ausbreitete.

Von gefundenen und gefälschten Zetteln

Absender unbekanntEin neues Hobby greift auch in Deutschland immer mehr um sich: das Sammeln von Zetteln mit Botschaften fremder Leute. Nachrichten, die man auf Gehsteigen findet, vielleicht vom Empfänger weggeworfen oder verloren. Hinweise auf Pinnwänden an Unis oder im Supermarkt. Kleine, oft hastig hinterlassene Botschaften, die für kurze Zeit einen Einblick in das Leben anderer Leute gewähren.

Nicht ganz unschuldig an dieser neuen Sammelleidenschaft ist ein Buch, das unlängst beim Verlag Kein & Aber erschienen ist. Es trägt den Titel »Absender unbekannt. Gefundene Zettel, Mitteilungen und Briefe«.

Das ganze Buch ist scheinbar voll von Originalfundstücken, die faximile-artig wiedergegeben sind. Zerknüllte Zettel wurden geglättet, viele tragen Flecken oder sind eingerissen.

Doch wenn man die daneben vermerkten Fundorte anschaut, dann stellt man irritiert fest, dass diese alle in den USA liegen. Und man fragt sich verwundert, warum man dort so viele Zettel in deutscher Sprache schreibt.

Folge 111 vom 21. Juli 2007

0

25

Stefan fühlte die Leichtigkeit, mit der er Bettina umfasste und mit ihr davonschwebte. Sanft berührte er mit den Fingerspitzen ihr Gesicht, in sachten Bewegungen konzentrierte sich drängendes Verlangen bis zu dem Punkt, an dem er die Beherrschung verlieren würde.

Er breitete die Arme aus.

»Sieht aus, als wollten Sie fliegen«, bemerkte Bettina.

Der Absturz war schmerzhaft. Schlagartig trat ihm sein Identitätsproblem ins Bewusstsein, damit er nicht übermütig würde. Ohne Vergangenheit hatte er keine Zukunft, war seine Sorge. Ähnlich lautete Bettinas Weisheit, als sie ihn wegen seiner abendlichen Flucht vor die Hüttentür zur Rede gestellt hatte. Die Erinnerungen waren bisher geflossen, wie er sie im Gespräch brauchte, mehr nicht, aber zur Not konnte er mit diesem Zustand leben: Die Zeit würde die Lücken nach und nach auffüllen und dies umso schneller, wenn sich jemand fände, der ihm mit genügend Interesse zuhören würde.

»Wollen Sie heute noch auf die Karner Kalkspitze aufsteigen?«

»Nicht alles auf einmal«, wehrte Bettina lächelnd ab. »Wo ich auch bin, ich behalte gerne einen Grund, um wiederzukommen.«

»Ein sympathisches Prinzip«, sagte er, »es macht allerdings wehmütig. Ich bin in den letzten Jahren nicht weiter als bis hier in das Priachtal gekommen.«

»Ich dachte, Sie befänden sich bereits im Paradies.«

»Ja. Einerseits.«

»Das klingt nicht sehr überzeugend«, sagte Bettina. »Die Grenzen zwischen Paradies und Fluchtburg sind bei Ihnen verschwommen.«

»Paradies ist überall dort, wo man sich wohl fühlt und im Einklang mit sich und seinen Bedürfnissen lebt.«

»Bezeichnen Sie das dort wie Sie wollen, meinetwegen auch als ihr Refugium. Nur, ließe es sich denn irgendwo anders bequemer mit sich leben? Alles gehorcht meinen Regeln, keine Konflikte! Und warum? Weil kein anderer da ist! Sich regelmäßig zurückzuziehen ist in Ordnung, sich zu verkriechen eine andere Sache.«

»Halten Sie mir keine Bergpredigt«, murrte er.

Bettina überlegte einen Augenblick. »Sie sollten nicht alles so verbissen sehen wie die Pharisäer. Ich möchte Sie auch nicht verurteilen, damit ich nicht selbst verurteilt werde.«

Nach seiner Einschätzung hatte er nicht besonders geistreich ausgesehen, eine Freude für Bettina. Sie ließ sich allerdings nichts anmerken.

Von seitwärts tönte eine enttäuschte norddeutsche Stimme. »Wir sind leider nicht die ersten auf dem Gipfel.« Eine Gruppe von sechs Wanderern nahm vom Gipfel Besitz. Sie lobten die Aussicht und tauschten Erfahrungen über noch höhere Berge mit wesentlich anspruchsvollerem Anstieg aus.

Eine junge Frau in Kniebundhosen und Bergschuhen aus Wildleder bat Stefan um das Gipfelfoto. Sie legte den Arm um ihren Jungen. Stefan fragte das übliche Wo muss ich draufdrücken? und animierte ein Lächeln.

»Komm«, sagte Bettina, als er die Kamera zurückgegeben hatte, »es ist aus mit der besinnlichen Zweisamkeit.«

Sie hat die Führung übernommen, schoss es Stefan durch den Kopf.

Folge 110 vom 20. Juli 2007

0

Der Ausblick verlor sich in der Ferne in Dunstschleiern.

»Sie haben nicht übertrieben«, sagte Bettina anerkennend. Artig trug sie sich in das Gipfelbuch ein und blätterte dann, ob sie einen Eintrag von ihm finden konnte.

»Unwahrscheinlich«, meinte er, »das Buch hält nicht lange vor. Der Priacher ist für routinierte Wanderer vom Tauernhöhenweg aus bequem zu erreichen. An manchen Tagen könnte man glauben, es fände hier oben eine Mitgliederversammlung des Alpenvereins statt.«

»Sie reden über den Gipfel, als ob es sich um irgendein Konsumgut handelt.«

»Von der Wirklichkeit ist dieser Vergleich nicht weit entfernt.« Er deutete nach rechts auf den tief unten liegenden Oberalmsee. Aus dieser Perspektive wurde der See zum Teil von einem Ausläufer der Karner Kalkspitze verdeckt. Auf einem hellen Strich, der sich Zickzack bergwärts schlängelte, lagen bunte Fleckchen. Das seien die Wanderer, zeigte er ihr und fragte, ob sie die Bewegung erkenne. Die Karawane ziehe auf den Berg.

»Sie möchten den Priacher für sich allein haben, nicht wahr?«

Stefan hielt den Blick beharrlich auf die gegenüber liegende Girpitschkarspitze gerichtet. »Gut, bezeichnen wir es als Mythos für einen Menschen, der im Flachland groß geworden ist. Umgekehrt könnte ich dem Lugleitner mit dem täglichen Stau auf der Autobahn zwischen Dortmund und Bochum schwerlich ein beglückendes Erlebnis vermitteln.«

»Warum gerade dort?«

»Ich bin in Bochum geboren. Hatte ich das nicht erwähnt?«

Bettina nickte. »Sie haben Nachrichtentechnik studiert und schreiben gerne, sind sensibel, suchen nach dem Sinnhaften und Ihrem Platz im Leben, letzteres mehr irrend.«

»Ist das alles, was Sie über mich wissen?«

Bettina betrachtete ihre Bergschuhe. »Die Naturverbundenheit benutzen Sie, damit sich die Sehnsucht in Ihrer trüben Wirklichkeit zurechtfindet.«

Zwei Schritte nach vorn brachten Stefan an den Rand des Gipfels, wo die glatte Fläche in den steilen Bogen abwärts mündete.

»Das ist keine Lösung«, hörte er Bettina sagen. Sie nahm seinen Arm und zog ihn behutsam zurück zum Gipfelkreuz. Ihre Geste erzeugte ein warmes, drängendes Gefühl.

»Dieses Gipfelkreuz ist in Ihrem Leben ein wichtiger Orientierungspunkt, den Sie festhalten sollten. Hier gibt es nichts, was Ihren Blick verstellen könnte.«

Festhalten, ja … Sie war das Gipfelkreuz.

»In Ordnung«, sagte er, »ich bin also oben.«

»Aus Ihrer Flachländer-Sicht betrachtet sind Sie ganz schön weit gekommen.«

»Danke für die Aufmunterung.« Im Zurücklehnen verlor er das Gleichgewicht und stürzte rücklings neben das Gipfelkreuz.

Bettina lachte lauthals los. Weil er die Situation nicht komisch fand, hielt sie sich die Hand vor den Mund.

»Anlehnen funktioniert auch nicht«, stellte er fest. »Wir sollten in unseren Gesprächen auf alles Sinnbildliche verzichten.«

»Sie nutzen Ihr Missgeschick, um mir wieder einmal auszuweichen.«

Stefan stand auf und rieb sich die linkeGesäßhälfte. »Eben am Rand, da hatte ich nicht die Absicht zu springen, wie Sie vielleicht geglaubt haben. Weil ich mich durchschaut fühlte, wollte ich aus dem Blickfeld treten. Ich – ich bitte Sie um Verzeihung. Ich möchte die Entführung ungeschehen machen und würde lieber einfach so mit Ihnen hier sitzen, obwohl – ein paar Worte der Entschuldigung können unmöglich genügen.«

»Nein«, antwortete Bettina, »aber es ist gut, dass Sie es endlich ausgesprochen haben.«

Die New York Times bespricht den »bildungsroman« Harry Potter bereits vor Veröffentlichung

Und wieder können wir ein Kreuz auf unserem Harry-Potter-Bingo-Feld machen: Eine Redakteurin der New York Times hat einfach eine Buchhandlung betreten, und dort hat man ihr ganz offiziell den neuen Harry-Potter-Band verkauft. Dabei wäre das vor Samstag noch gar nicht erlaubt gewesen.

Für die Neugierigen: So endet der 7. Band von Harry Potter

Ausschnitt aus den abfotografierten Bilder, die seit gestern im Netz kursierenSeit gestern also ist die Raubkopie des neuen Harry-Potter-Bandes »Harry Potter and the Deathly Hallows« im Netz zu finden. Jemand hat sich die Arbeit gemacht und die über 700 Seiten des Buches auf dem Wohnzimmerteppich abfotografiert. Woher das Buch stammt, ist nicht bekannt, aber allem Anschein nach ist es das Original. Und wir können ein weiteres Kreuz auf unserem Harry-Potter-Bingo-Spielfeld machen.

Und natürlich haben sich einige Blogger die Mühe gemacht (Spoiler-Link) und die nicht in bester Qualität dargestellten Seiten dennoch gelesen.

Demnach sterben im 7. Potter-Band die folgenden Charaktere und endet das Buch wie folgt (Achtung: Spoiler!):