Startseite Website Seite 151

GEZ-Geschichte mit GEZ-Gebühr (Wert: 107.100 Euro)

1

Würde die Website akademie.de eine Unterlassungserklärung der GEZ unterschreiben, die akademie.de jüngst mit einer Abmahnung der Rundfunkgebühreneintreiber ins Haus flatterte, so wäre die Veröffentlichung der folgenden Geschichte auf akademie.de 107.100 Euro wert. Mehr über die Hintergründe beim SPIEGEL Online.

Ein Zeilenhonorar, von dem jeder Autor träumt. Lesen Sie also mit Genuss, denn Sie lesen eine Geschichte von Wert.

Drastische Preissenkung bei BoD: ISBN und Buchhandelsanschluss für 39 Euro

BoD senkt den PreisAb sofort kann man beim Print-on-Demand-Dienstleitster BoD sein Buch in Eigenregie für nur 39 Euro veröffentlichen, statt bislang 149 Euro. In diesen 39 Euro enthalten ist eine Internationale Standard-Buchnummer (ISBN) und der Bestellanschluss an den Buchhandel. Dies bedeutete, dass diese Bücher sowohl bei den Online-Buchhandlungen gelistet und bestellbar sind als auch im stationären Buchhandel zu beziehen sind. Da BoD zum Buchgroßhändler Libri gehört, wird man jedoch in einer Buchhandlung, die sich vom Großhandels-Konkurrenten KNV beliefern lässt, das Buch nicht unbedingt mit Freude bestellen (Nachtrag: Nach Angaben von BoD hat sich diese Situation zwischenzeitlich gebessert, da BoD-Titel mittlerweile auch im Sortiment der Großhändler KNV und Umbreit aufgenommen sind).

Willms Woche: Preise im Namen

Kreatives Schreiben ist ja schon eine Kunst für sich. Wie schwer muss es erst sein, einen literarischen Text in einer fremden Sprache zu verfassen? Der Adelbert-von-Chamisso-Preis zeichnet seit 1985 Autoren aus, die genau dieses bewerkstelligen und als Ausländer ihren Teil zur Deutschen Literatur beitragen. Chamisso selbst war mit seiner Familie während der französischen Revolution aus der Champagne nach Berlin geflohen und schrieb dort unter anderem »Peter Schlemihls wundersame Geschichte«. Am 21. August jährt sich sein Todestag zum 169. Mal.

In vier bis fünf Sätzen etwas zum nächsten Jubilar zu sagen ist nahezu unmöglich. Der Versuch ist vermutlich sogar strafbar. Kaum jemand hat unsere Welt so sehr beeinflusst wie Friedrich Wilhelm Nietzsche. Das beweisen nicht zuletzt die Nietzsche-Artikel auf Wikipedia: 107 Jahre nach seinem Tod am 25. August kann man sich dort in mehr als 65 Sprachen über den Philosophen informieren.

Stephen King signiert in Australien heimlich seine Bücher

1

Stephen King: Lisey's StoryIn der australischen Wüstenstadt Alice Springs betritt der Bestseller Autor Stephen King am vergangenen Dienstag die örtliche Filiale der Buchhandelskette Dymocks und beginnt, einige Exemplare seines Buches »Lisey’s Story« zu signieren. So berichten es australische Medien. Ein Kunde vermutet zunächst Vandalismus und informiert die Filialleiterin Bev Ellis. Als diese bei den Büchern ankommt, ist King bereits nicht mehr im Laden, doch Bev Ellis kann den Horror-Schriftsteller in der Obst- und Gemüse-Abteilung des nahe gelegenen Supermarkts ausfindig machen.

King war »liebenswert und charmant«, wollte jedoch unerkannt bleiben. Eines der signierten Exemplare erwarb der Kunde, der King zunächst für einen Vandalen hielt. Die restlichen Exemplare sollen für wohltätige Zwecke versteigert werden.

Das literaturcafe.de ist etwas langsam geworden

1

Einige haben es schon gemerkt, andere sogar gemailt und angerufen: Das literaturcafe.de ist gerade etwas langsam, da der Webserver an seine Grenzen gestoßen ist. Ab und zu tauchen sogar Fehler mit der ominösen Zahl 500 auf.

Wie sind bereits dabei, auf ein leistungsfähigeres System umzuziehen, was ein paar Tage dauern kann. Bis dahin bitte wir um Geduld. Danach ist dann hoffentlich alles wieder ganz schnell.

Update: Mit etwas Glück steht das neue System Ende der Woche zur Verfügung. Um bis dahin Ressourcen zu sparen, mussten wir leider auch das Forum deaktivieren. Sobald der Umzug auf das neue System erfolgt ist, wird es natürlich wieder in gewohnter Form bereitstehen.

Update II: Endlich, der Umzug auf einen größeren Server ist vollzogen und alles läuft wieder (21.08.2007).

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 7.

Darüber freut sich der Autor und die Autorin: Ein UrkundeDiesmal: Präsentation. Literaturwettbewerbe.

Wie sollte der Werdegang eines Autors aussehen? Wie kann man in einem Beruf, der keine anerkannte Ausbildung besitzt (abgesehen von einigen wenigen Literaturinstitutsplätzen), seine Qualifikation nachweisen? Womit macht man einem Verlag unmissverständlich klar, dass man diesen 500 Seiten starken Roman nicht aus einer Sonntagslaune heraus geschrieben hat, sondern dass auch etwas Können dahinter steckt?

Das ist als Autor – und vor allem als junger Autor – nicht einfach. Gar nicht einfach, um genau zu sein. Darum stellt man seine eigene Homepage ins Internet, versucht Lesungen zu ergattern oder bemüht sich um Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, um vielleicht seinen Namen um einige Promille bekannter zu machen.

Eine weitaus schnellere Möglichkeit, den eigenen Namen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad zu korrelieren, ist das Gewinnen von Wettbewerben. Doch auch das ist – gar nicht einfach.

Stuttgart hat die größten Leselampen

0

LeselampeLiteratur braucht manchmal gute Ideen. Und die hatte man in Stuttgart. Im September wird in verschiedenen Stadtteilen unter Straßenlampen und anderen öffentlichen Lichtern gelesen. Dort werden von professionellen Sprechern zeitgenössische Texte über das Licht vorgetragen, von Max Frisch bis Albert Ostermaier. Karten zu 10 Euro (7 Euro) können im Vorfeld bei der Touristikinformation beim Bahnhof (i-punkt) erstanden werden. Gelesen wird am 7., 14., 21. und 28. September 2007 ab 21 Uhr in jeweils unterschiedlichen Stadtvierteln. Weitere Infos zur ungewöhnlichen Open-Air-Lesung gibt es auf der Website www.leselampe.eu

Neues Seminar mit Vito von Eichborn über das Innenleben der Verlage

1

Fähre "Wolfgang Borchert" im Hamburger HafenEin Kommentar von Vito von Eichborn löste vor kurzem die bislang längste und umfangreichste Diskussion zu einem Beitrag des literaturcafe.de aus. Eichborn, der seinerzeit den gleichnamigen Verlag mitgründete, wurde deutlich: Verlage suchen nach Verkaufsqualität und literarische Qualität. Da beides so gut wie nicht zu finden ist, entscheidet im Zweifelsfall die Verkaufsqualität, denn Verlage sind nun mal Wirtschaftsunternehmen. Und: »Leser entscheiden über das Leben und Sterben der Inhalte. Sonst niemand.«

Mit einem Seminar im Hamburger Literaturhaus will von Eichborn demnächst weitere Einblicke ins Leben der Verlage geben. Von den Möglichkeiten und Methoden der Verlagssuche über Marktkriterien, Qualität und Verkaufsqualität bis hin zu Copyright, Verträgen, Nebenrechten und Marketing werde alle Dinge angesprochen, die der Autor wissen sollte, um Verlage und Buchhandel zu verstehen. Kurz und knapp (und völlig unliterarisch): Wie wird der Inhalt zur »Ware Buch« und was geschieht damit? Laut Eichborn soll das Seminar »informativ sein, Spaß machen, auch Illusionen nehmen.«

Mit 140 Euro (zzgl. MwSt.) ist das Tagesseminar von 10 bis 19 Uhr diesmal sogar erschwinglich. Es findet statt am 7. Oktober 2007, einem Sonntag. Interessierte können sich direkt bei Vito von Eichborn unter der eMail-Adresse vitolibri (at) t-online.de anmelden.

Folge 129 vom 8. August 2007

0

33

Ich druckte das letzte Kapitel aus und legte die Seiten zum Manuskript. Mit meinem ersten Arbeitstag zu Hause war ich rundherum zufrieden. Wie immer, wenn ein Roman abgeschlossen war, suchte ich in Gedanken nach einem geigneten Verlag.

Weigold! Die letzte Absage! Von Bettina Kracht!

Den Roman durfte ich nicht mit der Post schicken, mit diesem Ende musste ich ihn Bettina persönlich übergeben. Ich heftete das Manuskript in eine Mappe und bestellte bei Moosbauer ein Taxi. Mit der Suche nach meinem Polo wollte ich mich jetzt nicht aufhalten.

Der Zufall teilte mir Mehmet zu und keinen von den alten Kollegen, die unangenehme Fragen gestellt hätten, wie es geht und warum und wieso, erst recht, sobald ich das Fahrtziel genannt hätte. Das Gesprächsthema ergab sich von allein, weil Mehmet den Weg zur Franz-Ferdinand-Straße nicht kannte.

Während der dreißig Schritte von der Eingangstür zum Empfang war ich nervös. Ein Manuskript persönlich abzugeben hebt aus der Masse der unverlangten Einsendungen heraus, die Lektorin konnte die Einschätzung über den Text unmittelbar mit meiner Person verbinden; ich stellte nicht nur den Roman zur Beurteilung, sondern sozusagen auch mich selbst.

Eine Frau in meinem Alter saß hinter der Empfangstheke, in ein schickes, blau in blau getöntes Kostüm eines Sicherheitsunternehmens gekleidet.

Ich möge doch bitte einen Termin vereinbaren, war die freundliche Auskunft, nachdem sie telefoniert hatte. Einen Augenblick musste ich mich sammeln. Ich war ein unangemeldeter Termin mit einem unverlangten Manuskript in der Hand; das ist, als hätte ich weder eine Eintrittskarte zu einer Vorstellung noch das Geld, mir eine zu kaufen. Ein zweites Mal würde der Zufall keinen Fahrauftrag erteilen, um Bettina nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause zu bringen.

Ich verlegte mich aufs Bitten. Nur eine Viertelstunde, die Sache ließe sich nicht schriftlich erledigen. Es folgten weitere Telefonate und Bedauern. Demonstrativ setzte ich mich in einen der Besuchersessel und zeigte auf die Armbanduhr. Gleich fünf Uhr, sagte ich, und dass ich warten würde; Frau Kracht würde kaum wegen mir in ihrem Büro übernachten.

Eine knappe Stunde lang vertrieb ich mir die Zeit, den Gehenden von der Treppe oder vom Aufzug bis zum Ausgang nachzusehen und meine Fantasie an Kleidung, Gang und Gesichtsausdruck zu erproben. Heute war das Spiel eher Gewohnheit, ich war zu angespannt und darum nicht besonders konzentriert bei der Sache.

»Ist er das, dort im Sessel?«

Wie elektrisiert sprang ich auf.

»Mutter?«

Mir war das Wort einfach so herausgerutscht. Das Gesicht, die Farbe der Haare und der Schnitt hatten mich zu dem Irrtum verleitet, auch das Alter und die Figur stimmten, aber meine Mutter trug keine Brille. Mit dieser Frau konnte Stefan Bruhks nicht in die Priach gestürzt sein. Ich machte zwei, drei Schritte, zögerte und rannte los, gegen die Tür. Ich zappelte einige Sekunden an der Glasscheibe und war dann draußen und lief weiter, etwa für zwei Euro, wenn ich ein Taxameter am Bein gehabt hätte. Zwischendurch bemerkte ich, dass ich das Manuskript auf dem Tischchen neben dem Besuchersessel vergessen hatte. Frau Kracht würde den Roman also lesen und ich mich in die entfernteste Ecke verkriechen. Nicht, dass ich den Roman für schlecht hielt, er kam mir jetzt nur peinlich falsch besetzt vor.

Ich ging für weitere zwei Euro, bis ich an eine U-Bahn-Station kam und in den ersten Zug stieg. Vielleicht hielt Frau Kracht den Roman für ein Kompliment, dachte ich, und dass ich von den Konflikten, die mir das Schreiben einbrachte, die Nase voll hatte. Ich könnte wieder einmal lesen, nicht nur erste Sätze studieren, und meine Liebe zu Büchern neu beleben.

Nächster Halt Ägidiusplatz, sagte der Lautsprecher.

Ob ich in der Buchhandlung vorbeischauen sollte? Christine hatte mir mit ihrer schüchternen Freundlichkeit immer wohl getan. Wenn sie sich aufmerksam nach meinen Wünschen erkundigte, bildeten sich Falten auf ihrer Stirn, und der sanfte Blick, der die Frage nach dem Fortschritt meiner Arbeit begleitete, streichelte meine wunde Seele. Mit ihr könnte ich auch über andere Romane reden als über meine eigenen. Ein Gefühl von Geborgenheit breitete sich aus, trotzdem blieb ich skeptisch. Das Erlebnis bei Weigold war noch zu frisch, als dass ich mich nicht fragte, in welche Richtung ich diesmal vor mir selbst fliehen wollte.

Ein Fundstück aus den Studien über erste Sätze kam mir in den Sinn. Ich brauche jetzt Ruhe. Ich hatte kein Chalet in den schweizer Bergen, wie es Elizabeth von Arnim in ihrem Roman beschrieben hatte. Ob Christine mit mir die Begeisterung für die Almhütte teilen würde? Ich könnte sie dorthin entführen, gleich heute Nacht.

Ende

Folge 128 vom 7. August 2007

0

32

Letztes Kapitel

Stefan wälzte sich stöhnend auf die Seite. »Zwei Tage verbringen wir schon im Bett, als Gefangene im eigenen Leben.«

Bettina lag regungslos. Sie lebte in den Bewegungen ihrer Augäpfel, denen der dünne Tränenfilm Brillanz verlieh.

»Wir müssen hier heraus«, sprach Stefan die sich in seinem Kopf wiederholende Aufforderung nach, »wenn wir eine Zukunft haben wollen.«

»Wir haben überall eine Zukunft, wenn wir zusammen sind.«

Stefan küsste Bettina, sanft, zurückhaltend, mit einer flüchtigen Begegnung der Lippen. Eine Weile stierte er zur Holzdecke und überlegte.

»Verdammt!« schrie er, und: »Warum geht es denn nicht weiter?«, als verberge sich hinter der Decke ein unsichtbarer Lenker, dem eine Vernachlässigung seiner Pflichten vorzuwerfen sei. »Dieser lähmende Stillstand! Wir können uns kaum noch bewegen, essen und trinken nicht, nur noch Wachen und Schlafen. Jemand hat unser Leben angehalten.« Mit merkwürdiger Betonung fuhr Stefan fort: »Introibo ad altare Dei.«

»Du denkst an den Tod, nicht wahr?«

»Zum Altare Gottes will ich treten. Das sind die ersten Worte der Messe. Unser Pfarrer triezte uns gern mit den lateinischen Messtexten, obwohl diese längst vom Aussterben bedroht waren. Viel mehr als den ersten Satz habe ich nicht behalten. Als wir beim Gloria ankamen, bin ich bei den Messdienern ausgetreten.«

»Glaubst du an Gott?«

»Ich bin ein Zweifler. Sollte ich jemals vor dem altare Dei stehen, möchte ich dich an meiner Seite haben.«

Bettina lächelte mit den Augen. »Du musst deine Seele schon alleine retten.«

»Würdest du ein gutes Wort für mich einlegen?«

»Deine Taten sollen für dich sprechen, heißt es.«

»Dann sollten wir sofort aufbrechen. Mit jeder Stunde sinken unsere Chancen. Ich will Aussicht auf Gemeinsamkeit.«

»Bis dass der Tod euch scheidet«, sagte sie. »Wenn ich Gewissheit hätte, auch danach mit dir zusammen zu sein, wäre es mir egal, ob ich leben oder sterben würde.«

Stefan griff unter der Decke nach ihrer Hand. »Dann müsste es heißen: Ich verbinde euch über den Tod hinaus. Aber vermutlich würde dann niemand mehr heiraten. Ich stelle mir soeben vor, dass in manchen Ehen die Aussicht auf den Tod des anderen die einzig verbliebene Hoffnung ist.«

»Du kannst schrecklich sarkastisch sein. Schreib darüber, über Tiefen der menschlichen Seele. Warten auf den Tod.«

»Nicht darüber und auch nichts anderes.«

»Es wäre falsch, aufzugeben. Lege eine Pause ein, beschäftige dich mit anderen Dingen, die dir Freude machen. Du brauchst dich weder heute noch sonst irgendwann zu entscheiden. Schreibe, wenn du das Bedürfnis hast, dann kannst du sicher sein, dass es dir Spaß macht.«

»Alles, was du sagst, ist eine Liebkosung wert. Mein Herz zerfließt vor Sehnsucht nach dir. – Doch«, fuhr er zögernd fort, »ich empfinde tatsächlich, was ich sage. Dabei wäre mir diese Formulierung in tausend Jahren nicht durch die Finger gegangen. Und du? Du hättest ein Manuskript an der Stelle mit Sicherheit zugeklappt.«

»Das Urteil hängt doch nicht an einem einzigen Satz!«

»Ich stöbere oft in der Buchhandlung am Ägidiusplatz. Neulich fand ich in einer Kiste mit Sonderangeboten eine Anleitung zum Schreiben, auf fünf Euro herunter gesetzt. Quasi ein Über-Buch. Sätze wie Ich liebe dich sind zu vermeiden, las ich. Zugegeben, der Satz ist viel gebraucht, aber abgenutzt? Nenne mir eine andere, gleichermaßen präzise und kompakte Beschreibung für einen komplexen Zustand, der die Sinne vollständig in Anspruch nimmt, den Verstand teilweise ausschaltet und den Gefühlen die Initiative des Handels überlässt.«

»Jede Frau wartet auf diese drei Worte. Auch ohne deine gestochen scharfe Analyse zu kennen.«

»Ich liebe dich.«

Als Bettina ihren Mund wieder frei hatte, sagte sie: »Läge ich nicht so elendig hier, würde ich dir zeigen, was drei Worte bewirken.» Sie lachte leise. »Deine Gedanken an den Tod sind schnell verflogen.«

»Ach, Lektorin«, seufzte Stefan. Beim Reden streifte sein Atem ihre Wange. Die Berührungen ihres Körpers an Armen und Beinen brannten schmerzhaft. Verdammte Unbeweglichkeit! »Lass uns aufbrechen«, bat er.

Sie benötigten eine halbe Stunde, um sich anzukleiden. Stefan suchte ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen und verstaute sie im einem Rucksack. Der Rucksack hatte kaum Gewicht und hing ihm schlaff auf dem Rücken.

Es gab keinen Abschied, als er die Hüttentür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, keinen Blick zurück, keine Wehmut. Sein Verstand arbeitete klar und war auf zwei Ziele ausgerichtet: Er musste weg von hier, zurück an den Anfangspunkt in seiner Wohnung. Die Auflösung würde er dort finden, wo sein derzeitiges Sein begonnen hatte, das er nun nicht mehr der Energie aus Körperfunktionen verdankte. Bis auf die Liebe war seine Seele ebenso leer wie sein Körper, den er selbst nur noch als eine Hülle empfand.

Er griff nach Bettinas Hand.

Die Sonne hatte sich im Westen hinter das Kreuzeck zurückgezogen. In zwei Stunden würde die Dämmerung einsetzen; die Luft war klar und angenehm frisch.

Stefan hob mit jedem Schritt das volle Körpergewicht, und wenn die Füße auf dem Boden waren, klebten sie wie in zähem Teig. Am Lift legten sie die erste Pause ein. Wenn sie es bis zum Auto schaffen würden, hätten sie gewonnen, verbreitete er Zuversicht. Die Sorge, wie er mit kraftlosen Beinen die Pedale bedienen wollte, behielt er für sich.

Der Weg durch die Latschen wurde zur Qual und gab eine Andeutung von dem, was sie auf dem Steilstück vom Wasserfall bis zum Schuppen erwartete. Stefan hielt Abstand, weil Bettina die in den Weg ragenden Zweige nicht halten konnte. Auf dem schmalen Felsvorsprung am Wasserfall blieb sie stehen und ließ ihn aufschließen. Sie drehte sich um und umarmte ihn. Er konnte ihre Worte gegen die Gewalt des Wassers nicht verstehen.

Ihre Beine knickten weg. Instinktiv klammerte er sich an ihr fest.

Ich lasse dich nicht mehr los, dachte er im Fallen.

Save oder delete? Über die Langzeitarchivierung von Webdokumenten und Online-Literaturzeitschriften

DisketteDr. Renate Giacomuzzi ist am Institut für Germanistik der Uni Innsbruck mit der wissenschaftlichen Projektdurchführung von DILIMAG betraut. Das Kürzel steht für »Digitale Literaturmagazine«, die im Rahmen des Projektes bibliographisch erfasst und archiviert werden sollen. Kein einfaches Unterfangen, denn neben den rein technischen Aspekten, sind eine ganze Reihe rechtlicher Dinge zu beachten. Was muss man? Was darf man?

In ihrem Artikel, den Renate Giacomuzzi exklusiv für das literaturcafe.de geschrieben hat, erläutert sie die Hintergründe und Rahmenbedingungen der Langzeitarchivierung von Webdokumenten.

Folge 127 vom 6. August 2007

0

31

Nach einer Woche wurde ich entlassen. Körperlich sei alles in Ordnung, wurde mir mitgeteilt, und ob ich nicht eine Therapie machen wolle. Die Tabletten müsse ich weiterhin einnehmen, mein Hausarzt solle sie mir verschreiben. Ich nickte, ohne die feste Absicht, die Anweisung zu befolgen.

Den Taxistand in der Nähe des Haupteingangs ignorierte ich. Heiter, sagten die Meteorologen zu diesem Wetter, und so fühlte ich mich, seit ich aus dem Krankenhaus auf den Fußweg zur Straße getreten war. Die Aussicht auf einen Fußmarsch von einer Stunde war verlockend und würde mir helfen, den Kontakt zum normalen Leben wieder herzustellen. Am Prinzregentpark bog ich auf einen der Spazierwege ein, schlenderte zwischen den Rasenflächen und durch ein dichtes Gebüsch aus Rhododendron, um einen Teich herum und setzte mich schließlich auf eine Bank in den Schatten.

Unter den Bäumen und in der Sonne lagen junge Leute dösend oder lesend auf Decken und Handtüchern, überwiegend einzeln oder zu zweit. Ein paar Jungen auf Fahrrädern umfuhren die Spaziergänger auf dem Weg in Schlangenlinien, hatten unbändigen Spaß und genossen triumphierend die Beschimpfungen. Junge Mütter schoben ihre Kinderwagen vor mir vorbei, alte Frauen passierten mich wie in Zeitlupe. Ich beobachtete den stetigen Wechsel, ohne eine wirkliche Veränderung festzustellen. Nach einiger Zeit nahm ich meine Sporttasche. Ich konnte die Rückkehr in meine Wohnung hinausschieben, aber nicht verdrängen.

Auf der Luitpoldbrücke blieb ich stehen und schaute dem träge unter mir fließenden Wasser zu. Die Uferwiesen waren gut besucht von Menschen, die es sich für ein paar Stunden wohl sein ließen. Ich überlegte, ob ich in einen Biergarten gehen sollte, aber allein? Ich hatte mich völlig von Pia abhängig gemacht, keine neuen Bekanntschaften geschlossen und bis auf das Schreiben alles Leben aus mir verdrängt. Es blieb mir nur noch, ein Requiem auf mich zu verfassen.

Schreiben? Was hatte ich eigentlich die ganze Zeit in meiner Wohnung getrieben? Im Laufschritt überquerte ich die Luitpoldbrücke und stürzte in eine Bäckerei. Ich sei von den Barmherzigen Schwestern entlassen worden und müsse sofort wieder hin, erzählte ich der Verkäuferin. Mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck schummelte ich mich an fünf Kundinnen vorbei; ein überzeugt vorgetragener Notfall, denn ich brauchte das Telefonat nicht zu bezahlen.

Das Taxi kam in weniger als fünf Minuten. Alle Achtung, sagte ich beim Einsteigen, der Moosbauer ist perfekt organisiert. Wie lange er schon bei Moosbauer arbeite, fragte ich und schaute auf das Schild am Armaturenbrett: Mehmet und viele ü’s und eine Wagennummer, die mich ins Grübeln brachte. Das Getriebe rauscht immer noch, sagte ich.

Kallweit lag nicht im Fenster, als mich Mehmet in der Gottfried-Keller-Straße absetzte. Vielleicht sitzt er in seinem Leemsstuhl, dachte ich, und schämte mich gleichzeitig für meine Gedanken. Oben in der Wohnung setzte ich das Schämen fort. Ich hatte nur noch eine vage, nahe an Chaos reichende Vorstellung, in welchem Zustand die Wohnung gewesen sein musste. Olga hatte gründliche Arbeit geleistet, gemessen an meinem frustrierten Putzen hätte ich zwei Verlagsabsagen gleichzeitig gebraucht.

Das Manuskript lag, wo es hingehörte, neben der Schreibmaschine. Hastig blätterte ich den Papierstapel durch. Keine Seitenzahlen! Verständlich, was im Computer von der Textverarbeitung erledigt wurde, hätte ich an der Triumph selbst bedenken müssen. Vorsichtig trug ich das Manuskript zum Tisch, und nur zaghaft traute ich mich trotz der brennenden Neugier, mit dem Lesen zu beginnen. Gleich mit der Überschrift schwanden ein Teil meiner Selbstzweifel, ich war entzückt, welche formale und beherrschende Wirkung von den beiden Worten Erstes Kapitel ausging. Der erste Satz war ein Plagiat, er war indes so bekannt, dass er auch ohne Nennung des Verfassers als Zitat durchging. Nach einer Minute war der Satz und alles um mich herum vergessen.

Es war wieder einmal Nacht, als ich das letzte Blatt an die Seite legte, welches passender Weise mit Letztes Kapitel überschrieben war und auch zuunterst im Stapel lag, aber wie etwa dreißig Seiten vorher keinen erzählenden Text, sondern Fingerübungen an der Schreibmaschinentastatur enthielt. Die Handlung war mit Stefans Bekenntnis und der unerwarteten Verabschiedung von Alfred nicht abgeschlossen.

Nur einen flüchtigen Augenblick dachte ich daran, mich an die Schreibmaschine zu setzen und den Roman zu Ende zu schreiben. Ich traute mich kaum, die Triumph anzufassen und an ihren angestammten Platz in das Regal zurückzustellen. Nichts passierte, die Maschine bleckte weder ihre silbernen Zahnreihen noch fühlte ich mich besonders zum Schreiben angeregt. Im Gegenteil, bei der Vorstellung, Papier zu beschreiben, überkamen mich Beklemmungen. Das war kein Widerspruch zu der Genugtuung und der Begeisterung, die mich beim Lesen des Roman begleitet hatten. Ich könnte an dem einen oder anderen Kapitel allerdings noch feilen …

Meine Müdigkeit rettete mich aus dem Zwiespalt.

Als ich aufwachte, war die Mittagszeit vorbei. Ich ärgerte mich, weil ich nahtlos an meine früheren schlechten Angewohnheiten anknüpfte. Wenigstens hatte ich angenehm geträumt, wie ich mit Bettina im Bett lag und wir die Holzbalken betrachteten und ungeduldig auf die Fortsetzung der Handlung warteten.

In der Bäckerei um die Ecke ließ ich mir ein Käsebrötchen schmieren und trank einen Becher Kaffee. Für Olga musste ich ein Geschenk besorgen, aber was? Zu Geschenk fiel mir nur Präsentkorb ein, und zum Einkaufen fehlte mir die Lust. Zu allem Überfluss begegnete ich Kallweit im Hausflur. Er trug einen Sack Holzkohle und Grillwürste und wollte in den Hof.

»Gehdet dir widda besser?«

»Ich komme zurecht. Was könnte ich eigentlich Ihrer Frau schenken? Die Wohnung ist tip-top sauber.«

Kallweit winkte ab.

»Ich lasse mir etwas einfallen«, versprach ich, »jetzt habe ich noch zu tun.«

Ich war schon auf halber Treppe, als mir Kallweit nachrief: »Wennze drei Tage nich mähr ausse Bude komms, kommich nachsehn.« Die Gelegenheit würde ich ihm nicht geben, nahm ich mir fest vor. Ich musste den Roman fertig stellen, einen sauberen Schnitt zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart ziehen und mich in meinem Leben zurück melden. Nicht auf der Schreibmaschine, sagte ich laut zu mir selbst und stellte den Computer an.

Folge 126 vom 5. August 2007

0

Die Fahrt zu den Barmherzigen Schwestern empfand ich wie den Weg zurück ins Leben, ungewollt zwar, aber nicht zu ändern. Ich wunderte mich nicht, dass Traurigkeit Besitz von meinem Gemüt ergriff. Sie versetzte mich in einen Zustand innerer Ruhe und ließ mir den Tod als die notwendige Folge aus der Schwermut und gleichfalls als Erlösung erscheinen. Meine Ansicht beeindruckte den Arzt nicht, er schickte nach einer Tablette und eröffnete mir, dass ich dieses Medikament über einen Zeitraum von drei Monaten einnehmen müsse.

Ich wurde in die Station Chirurgische Männereingewiesen. Die psychiatrische sei voll, erklärte der Arzt, die Patienten lägen dort teilweise auf den Gängen, ideale Voraussetzungen, um einen Fall wie dem meinen zu einer schweren Depression auswachsen zu lassen. Andererseits sei für manche das Bett auf dem Gang wie das Paradies auf Erden. Die Menschen würden gleich reihenweise durchknallen, erzählte der Arzt, als spräche er von der konjunkturellen Entwicklung. Ich sah seine saloppe Ausdrucksweise als die notwendige Distanz an, ohne die er in einem Umfeld von Jammer und Verzweiflung nicht überleben konnte. Ich selbst fühlte mich weder den Hoffnungslosen noch den Hilfsbereiten zugehörig.

Das Stationspersonal überbrachte mir täglich Termine zu Untersuchungen und Gesprächen. Das halbwegs verheilte Loch am Hinterkopf weckte ihre besondere Aufmerksamkeit. Soweit ich mich erinnern konnte, war ich im Aufstehen auf einer vergessenen Bierdose ausgerutscht und mit dem Kopf auf die Schreibmaschine geschlagen; bis auf den Schmerz, der mich einen halben Tag begleitete, war die Sache nicht weiter tragisch. Sie wollten auch wissen, wie ich an die frischen Narben in der Nähe der Handgelenke gekommen sei. Ich schwieg zu dieser Frage.

Die Zeit zwischen den Terminen verbrachte ich auf dem Bett und hörte Musik gegen den serienweise laufenden Fernseher, um den sich meine beiden Bettnachbarn stritten. Wenn um halb sechs Uhr morgens der Pfleger den neuen Tag begrüßte und das Licht anknipste, bewegte ich mich übergangslos von den Traumfantasien in meine realen Probleme. Es gab eine Menge nachdenkenswerter Dinge über meine Arbeit, meine Freundschaften und vor allem mich selbst. Leider konnte ich nicht verhindern, dass therapeutische Versuche an mich herangetragen wurden. Ich wich ihnen durch hartnäckige Einsilbigkeit aus.

Am dritten Tag besuchten mich Kallweit und Sonja. Er kramte umständlich Obst aus einer Plastiktüte, Äpfel, zwei Bananen und eine Birne Ich hängte den Ohrhörer an den Schubladengriff.

»Von Olga soll ich dich schön grüßen. Sie hat sichen bisken in deine Wohnung umgekuckt. Jezz isset widda sauber.«

Ich fragte Kallweit nicht, wie sie in meine Wohnung gekommen waren. »Danke«, sagte ich. »War es sehr schlimm?«

»Wennze mich frachs, sahet aus wie hoffnungslos.«

»Ich werde es Ihrer Frau wieder gutmachen.«

»Nä, so war dat nich gemeint. Dat is ja dat Dilemma vonne Welt, dat keina mähr wat fürn annern tut, ohne dasse gleich bezahln muss.«

»Ja«, sagte ich.

»Wennzen ganzen Tach im Fenster liechs, wirße ein Philosoph, ganz automatisch. Da siehße die Leute rennen, un glaub mir, wennze die fragen täts, wattse machen, da krichtesse keine Antwort drauf. Weil die dat nämmich selbst nich wissen, wohse hinterherlaufen.«

»Orientierungslos«, sagte ich.

»Weilse ihren Platz im Leem nich gefunden ham. Jedem müsstense aintlich bei der Geburt ein Leemsstuhl mitgeem. Woa zeitleems wüsste, dat is mein Platz. Den kann mir keina wechnehm.«

»Hol dir den Stuhl vom Tisch«, forderte ich Sonja auf. »Du stehst herum wie bestellt und nicht abgeholt.«

Kallweit schwieg, bis Sonja den Stuhl an das Bett gerückt hatte. »Ein Jahr lang habbich auch geglaubt, die ham mir den Leemsstuhl geklaut. Jetz sitzich widda.«

Meine Frage, was er mit dem Lebensstuhl meinte, erschöpfte sich in einem kurzen Brummen. Kallweit sagte nichts weiter und ich überlegte, ob er auf eine gesprochene Frage von mir wartete.

»Ich hab Aabeit«, erklärte er endlich. »Eine Hausmeistastelle anne Polizeischule. Is zwar nich wien Klempner auffen Bau, aber die ham jede Menge Waschbecken, Duschen und Toletten, wohße dich drann austohm kanns.«

Ich gratulierte ihm aufrichtig.

»Dat schicke is, dat da ne Dienswohnung zugehört. Nächsten Monat ziehn wir aus.«

»Schade«, sagte ich.

»Und? Wie gehdet dir so?«

»Die machen hier allerlei Umstand mit mir. Warum haben Sie eigentlich die Polizei geholt?«

»Bisse deshalb sauer? Du wars plötzlich wie vonne Bildfläche verschwunn. Da habbich gedacht, es könnt ja was passiert sein, wohße doch allein leebs. Vielleicht, dasse dir beim Pinkeln ein Bein gebrochen hass.«

Sonja kicherte.

»Hasse dein Humor verlorn?« fragte Kallweit. »Wat is mit dir?«

»Ich habe viel nachzudenken.«

»Siehße, du weiß auch nich, wohße hingehörs. Machet doch so wie ich. Wennze nich Klempner sein kanns, dann eem wat anners, wo du trotzdem noch drann bis am Rohr, wat dir Spaß macht.«

»Das ist einfach gesagt.« Ich sah durch Kallweit hindurch, fand mich in der Karlstraße wieder, zwischen den zu beiden Seiten eng zusammenstehenden gelben und schmutziggrauen Fassaden aus großen Quadern, die sich zum Ägidiusplatz lichthell öffneten. Das war mir ein vertrauter Gang, denn auf der anderen Seite des Platzes lag die Buchhandlung Bogner. Auch wenn ich kein Buch kaufen wollte, konnte ich an der Ladentür nicht vorbei, machte den vertrauten Rundgang, träumte bei den Reiseführern, blätterte in den Nachschlagewerken, wünschte mich von all dem Wissen beseelt und nicht mit nüchternen Fakten angehäuft. Zwischen Büchern zu sein war mir der liebste Platz geworden neben dem an meinem Schreibtisch.

Kallweit faltete die Plastiktüte zusammen und steckte sie in die Jackentasche. »Na ja, du bis nich so gesprächich heute. Wir gehn dann ma.«

Ich fühlte mich beschämt. Wie lange hatte ich vor mich hingeträumt? »Danke für den Besuch«, sagte ich.

Sonja warf mir einen frühreifen Abschiedsblick zu.

»Und Grüße an Ihre Frau«, sagte ich ihm in den Rücken. Kallweit drehte sich um und nickte.

Folge 125 vom 4. August 2007

0

30

Durch den Schleier vor meinen Augen erkannte ich Kallweit, der sich zu mir hinunter beugte, die Hände auf meinen Schultern, und mich in kurzen Abständen schüttelte. Da waren noch zwei andere im Zimmer, zwei grüne Schemen.

»Lassen Sie es gut sein«, sagte jemand. »Er kommt zu sich.«

»Kallweit«, sagte ich und versuchte ein freundliches Gesicht, »was machen Sie bei den Barmherzigen Schwestern?« Ob ich nach Dr. Römer klingeln sollte?

»Jetzt gehen sie mal an die Seite«, sagte der grün Uniformierte. »Das ist unsere Sache.« Er schaute mir intensiv in die Augen und versperrte mir die Sicht.

»Wo ist Stefanie?« fragte ich. Sie sollte für Ordnung sorgen. Ich war im Moment nicht ganz auf der Höhe; an sich nicht weiter verwunderlich, denn es schlaucht, einen Roman zu verfassen.

»Kennen Sie die Dame?« wandte sich der Grüne an Kallweit.

»Nä, der wohnt allein hier.«

Das war nicht das Krankenhaus. Ich saß an meinem Schreibtisch.

»Wer ist Stefanie? Sollen wir sie benachrichtigen?« erkundigte sich der Polizist teilnahmsvoll.

Die Polizei verblödet auch immer mehr, dachte ich. Man muss mit mir nicht im Tonfall für Kleinkinder reden.

»Wie ist ihre Adresse?« mischte sich die andere uniformierte Jacke ein.

»Welche Adresse?« Konnten sich die beiden nicht präziser ausdrücken? »Was machen Sie eigentlich in meinem Wohnzimmer?«

»Aufräumen«, sagte der erste und grinste. Er trat gefühlvoll gegen eine Bierdose und beförderte sie auf den Haufen der anderen. Es schepperte blechern.

»Schau dir das mal an.« Der Grüne nahm ein Blatt vom Schreibtisch und reichte es seinem Kollegen.

»Dat issen Schriftställer«, erklärte Kallweit.

»Lesen Sie mir mal vor.« Der Polizist hielt mir das Blatt hin. Ich zerbrach mir die Zunge.

Schreib, mein Junge, sagte die Triumph.

»Oma Käthe – bist du es?«

Die Polizisten sahen sich bedeutungsvoll an.

»Nä«, sagte Kallweit, »bringt ihn ärs ins Krankenhaus. Vielleicht isser ja nur besoffen.«

»Hilflose Person? Was meinst du?« fragte der Polizist, der das Blatt hielt.

»Ich schau mich mal um.« Der andere Polizist verließ das Wohnzimmer.

»Dat is ja noch nich strafbar, watte dir privat auf Papier schreibs«, wandte sich Kallweit an den Polizisten.

»Wenn es sich nicht um volksverhetzende Parolen handelt. Oder auf staatsfeindliche Aktivitäten hindeutet. Dann müssten wir den Verfassungsschutz einschalten.« Der Polizist legte das Blatt auf den Schreibtisch zurück. »Warum haben Sie uns gerufen, wenn Sie keinen Verdacht haben?«

»Sonn Mitmenschen kannze doch nich einfach verkomm lassen. Jehn Tach isser an mir vorbei, un dann wie vom Ärdboden verschluckt. Da habich mir Sorgen gemacht. Watte so inne Zeitung liest – warum soll dat nich auch mal inne Gottfried-Keller-Straße passiern?«

»Karl?« rief es von draußen. »Komm mal in die Küche.«

Kallweit war erst unschlüssig, dann folgte er dem Polizisten. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir ohne Dreinreden und Vorsagen Klarheit über die Vorgänge in meinem Wohnzimmer zu schaffen. Das Durcheinander aus über den Boden verstreuten Bierdosen und Weinflaschen, Korken und Papierbällchen verschlug mir die Sprache. Handtücher, teilweise entrolltes Toilettenpapier, leere Tüten von verschiedenen Süßigkeiten, Klarsichtverpackungen. Meine Mutter, die sich durch peinliche Ordnung und Sauberkeit für jeden Eventualbesuch rüstete, obwohl es nie unangemeldete Besuch bei uns gab, wäre schockiert gewesen. Mir fehlte im Moment die Fantasie, um mir die Tragweite der Vorgänge vorzustellen, die sich hier abgespielt haben mussten.

Die beiden Polizisten erschienen im Türrahmen, hinter ihnen Kallweit.

»Hilflose Person«, sagte der Polizist, der das Blatt gehalten hatte.

Sie halfen mir beim Packen der Sporttasche und Zusammensuchen der Toilettenartikel.

Das literaturcafe.de in der Wikipedia

Das literaturcafe.de in der WikipediaWir konnten es selbst kaum glauben: Bereits seit Februar 2007 existiert in der Online-Enzyklopädie Wikipedia ein Eintrag zum literaturcafe.de. Da die Schreibweise des Cafés nicht ganz korrekt war (»Literaturcafé«), war er jedoch so gut wie nicht zu finden.

Wir haben den Eintrag nun mit der korrekten Schreibweise umgebaut, sind allerdings der Meinung, dass hier inhaltlich noch einiges verbessert und ergänzt werden kann.

Wir freuen uns über jede und jeden, die oder der mitschreibt am Online-Lexikoneintrag über das literaturcafe.de in der Wikipedia.