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Startseite Almtraum Folge 116 vom 26. Juli 2007

Folge 116 vom 26. Juli 2007

»John war sauer. Wir sind dann hinüber zur Decker-Alm gefahren. Ohne Werkzeug kamen wir in die Hütte nicht hinein, aber die Stalltür war kein Problem. Im Stall fanden wir kein Werkzeug, dafür Heu zum Schlafen und Holz. John sagte, bleiben wir halt hier. Ich war froh, dass wir die Hütte nicht aufbrechen mussten, ich hätte auf ewig ein schlechtes Gewissen gehabt. Notdürftig richteten wir uns ein und zündeten ein Feuer an. Ich fand eine Petroleumlampe, die am Türpfosten hing und noch reichlich gefüllt war, und durchsuchte den Stall.«

»Sie brauchten einen Topf, vermute ich.«

»Ich stöberte einen emaillierten Teekessel auf, der nicht mehr ganz dicht war.«

»Damit waren die Voraussetzungen für das Saufgelage gegeben.«

»Wenn Sie eh schon alles wissen … Leider haben Sie Recht. Zunächst war die Stimmung gut und wir aßen zu Abend, reichten Brot, Käse und Wurst reihum und jeder biss ein Stück ab. Zu Trinken gab es nicht zimperlich angemachten Grog. Das Drama begann, als John zu philosophieren begann. Er verglich sein Leben mit dem meinigen, er hatte Geld und ich keines, er jede Menge Weiber, wie er sich ausdrückte, und zog daraus die Schlussfolgerung, dass er lebe und ich vegetiere. Während er seinen Verstand zur Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse einsetze, würde ich den meinen zu Nutzlosem verschwenden. Wir bekamen Streit und es kam zu einem Handgemenge, ich setzte mich mit einem brennenden Holzscheit zur Wehr, John schlug mir das Holzscheit aus der Hand, und im Nu stand das Heu in Flammen.«

»Sie haben sich wegen einer primitiven Zuhälter-Weltanschauung geprügelt?« fragte Bettina erstaunt.

»Na ja«, druckste Stefan, »er hat Margot beleidigt.«

»Sie waren in Margot verliebt, nicht wahr?«

»Papperlapapp«, erwiderte Stefan.

»Was war dann der Grund?«

»Verachtung, Erniedrigung. John zwang Margot, sich den Pullover und das Hemdchen auszuziehen, eine Demonstration seiner Macht. Noch hoffte ich, er würde Ruhe geben, aber dann sollte sich ganz ausziehen. Wir besorgen es ihr, grölte John, erst du, dann ich.«

»Saufen und die Puppen tanzen lassen – wollte dieser John dem nicht eigentlich entfliehen?«

»John konnte nicht aus seiner Haut. Der mächtigste Mann des Milieus sitzt Sylvester weit abseits in einem zugigen Stall, wie absurd und lächerlich! Ich schätze, auch auf der Hütte wäre uns Ähnliches widerfahren. Margot war zutiefst verletzt, das konnte ich sogar im Feuerschein in ihrem Gesicht sehen. Verdammt, sie war eine Nutte, aber John war dabei, ihr die Seele wegzunehmen, die nur ihr und keinem Freier gehörte. John schlug sie und ich griff nach dem Holzscheit. Nur mit meinen Fäusten hätte John mich in zwanzig Sekunden fertig gemacht. Erst als die Flammen schon hoch aus dem Heu schlugen, ließ John von uns ab. Gegen das Feuer hatte ich ebenso wenig eine Chance wie gegen John.

Im Morgengrauen sind wir zurück zum Tauernpass aufgebrochen. Im Hotel haben wir uns getrennt und seitdem habe ich John nie wieder gesehen. Margot hat mich noch gelegentlich in meiner Wohnung besucht, immer, wenn sie den Beruf und die Abhängigkeit nicht mehr in ihrer Seele bewältigte und sie daran dachte, vorzeitig aufzugeben. Sie war voller Sehnsucht nach Liebe und wollte selbst Liebe geben.«

»Hat sie Ihnen – Liebe gegeben?«

»Ja.«

Bettina berührte seine Schulter. »Sie sind nicht der Scheißkerl, als den ich Sie mehrfach beschimpft habe.«

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