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Startseite Almtraum Folge 117 vom 27. Juli 2007

Folge 117 vom 27. Juli 2007

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Der Mond hatte sich vom Kreuzeck gelöst und zeigte sich in beinahe vollkommener Rundung. Stefan suchte in seinem Leuchten nach den schemenhaft zwischen Sichtbarem und Einbildungskraft liegenden Maren.

»Der Mond ist eine unerschöpfliche Quelle von Kraft und Fantasie«, nahm er das Gespräch wieder auf. »Margots Beziehung zur Nacht war naturgemäß ausgeprägter als die zum Tag. Sie mied Nacktbadestrände, weil sie sich dort bloß gestellt fühlte. Wenn sie traurig war, dachte sie an den Mond. Für sie war er nachsichtig und vergebend. Der Mond ist dein Freund, habe ich ihr einmal aufgeschrieben, der nicht ins Dunkel leuchtet, wo er nichts sehen will. Margot kam immer spät abends zu mir. Sie wollte kein Licht und ich lernte, mit meinen Händen zu sehen und wie Bilder in meinem Kopf explodieren. Nur gelang es mir nie, mein schlechtes Gewissen zu überwinden. Eine Freundschaft mit einer Prostituierten passte nicht in meine Wertvorstellungen – die Erkenntnis, dass Leidenschaft für mich bisher nur ein Wort war, dessen Bedeutung ich bisher nicht erfahren hatte, stürzte mein Selbstverständnis ein und machte mich zugleich schuldig. Bei ihrem letzten Besuch nahm sie mich fest in den Arm. Du bist der netteste Kerl, den ich bisher in meinem Leben getroffen habe, sagte sie zum Abschied, nur in einem Punkt bist du wie die anderen: Deine Küsse sagen nicht die Wahrheit. Margot wollte sich die Anerkennung nicht erkaufen, die ich ihr verweigert habe. Die Beziehung zwischen uns beiden war aussichtslos, ich hätte nie und nimmer über meinen eigenen Schatten springen können.«

»Sie ist über Ihre Seele gewandert und hat Spuren hinterlassen. Aber bitte, schreiben Sie das nicht auf, weder meine Bemerkung noch die Geschichte selbst.«

»Sie ist Ihnen zu rührselig, nicht war? Seien Sie unbesorgt, Margot ist keine öffentliche Frau. Ich respektiere sie.« Stefan wechselte unvermittelt das Thema. »Klare Sternennächte sind eine Herausforderung an die Poesie. Viel wurde über sie geschrieben, romantisch, zärtlich oder wortgewaltig. Ich traue mich nicht, weitere hinzuzufügen. Himmelszelt, Firmament, Universum, Kosmos – es gibt nicht genug Worte für diese Vielfältigkeit. Außerdem neige ich unter solchen Umständen dazu, kitschig zu werden.«

»Sie stoßen doch nicht etwa an Ihre Grenzen?«

Stefan ignorierte Bettinas feinen Spott. »Gefühle entziehen sich jeder Form von Argumentation. Das sind Ihre Grenzen. Denken Sie an die Handvoll Amerikaner und Russen, die über uns fliegen. Bedeutet das für Sie Überwindung der Schwerkraft, Beherrschung von Naturgesetzen oder technische Höchstleistung?«

»Von allem etwas«, sagte Bettina vorsichtig, »doch wird meine Antwort Ihrer Frage nicht gerecht.«

»Es ist nichts, was den Menschen aus sich heraustreten lässt.«

»Sind Sie Esoteriker?« fragte Bettina.

Stefan lachte. »Das einzig Geheimnisvolle an mir ist meine Identität.«

Bettina musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln. »Sie haben mir doch Ihren Namen genannt, Stefan Brucks.«.

»Bruhks. Mit einem Dehnungs-h.«

»Sie sollten sich in Geheimniskrämer umtaufen lassen. Der Name passt gut zu Ihnen und enthält kein einziges u.«

Von rechts schob sich eine Wolke über die Spitze eines unbedeutenden Allerweltsberges, dessen Namen Stefan nicht kannte. Die Wolke kam aus nordwestlicher Richtung, andere würden ihr folgen und Regen bringen.

»Vielleicht sollten wir weniger reden und dafür den Anblick des Sternenhimmels auf uns einwirken lassen«, schlug er vor. »Ich fürchte, es gibt diese Nacht noch Regen.«

Die Wolke streifte die Siebenachtelscheibe des Mondes und verschluckte einen Teil des Lichtes. Winzige Pünktchen wie Augenflimmern gewannen für Minuten an Leuchtkraft und Kontur und wurden dann vom wiederaufhellenden Mondlicht aufgesogen.

»Von jeder Sonne bleibt eines Tages nur das Licht«, sagte Bettina leise. »Es trifft noch in Millionen solcher Nächte auf die Erde. Das ist eine wirkliche Dimension! Drucktermine, Neuerscheinungen, das Programm für das nächste Jahr, der Messetermin – all das ist unwichtig wie ein Schnippen mit den Fingerspitzen.«