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Folge 128 vom 7. August 2007

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Letztes Kapitel

Stefan wälzte sich stöhnend auf die Seite. »Zwei Tage verbringen wir schon im Bett, als Gefangene im eigenen Leben.«

Bettina lag regungslos. Sie lebte in den Bewegungen ihrer Augäpfel, denen der dünne Tränenfilm Brillanz verlieh.

»Wir müssen hier heraus«, sprach Stefan die sich in seinem Kopf wiederholende Aufforderung nach, »wenn wir eine Zukunft haben wollen.«

»Wir haben überall eine Zukunft, wenn wir zusammen sind.«

Stefan küsste Bettina, sanft, zurückhaltend, mit einer flüchtigen Begegnung der Lippen. Eine Weile stierte er zur Holzdecke und überlegte.

»Verdammt!« schrie er, und: »Warum geht es denn nicht weiter?«, als verberge sich hinter der Decke ein unsichtbarer Lenker, dem eine Vernachlässigung seiner Pflichten vorzuwerfen sei. »Dieser lähmende Stillstand! Wir können uns kaum noch bewegen, essen und trinken nicht, nur noch Wachen und Schlafen. Jemand hat unser Leben angehalten.« Mit merkwürdiger Betonung fuhr Stefan fort: »Introibo ad altare Dei.«

»Du denkst an den Tod, nicht wahr?«

»Zum Altare Gottes will ich treten. Das sind die ersten Worte der Messe. Unser Pfarrer triezte uns gern mit den lateinischen Messtexten, obwohl diese längst vom Aussterben bedroht waren. Viel mehr als den ersten Satz habe ich nicht behalten. Als wir beim Gloria ankamen, bin ich bei den Messdienern ausgetreten.«

»Glaubst du an Gott?«

»Ich bin ein Zweifler. Sollte ich jemals vor dem altare Dei stehen, möchte ich dich an meiner Seite haben.«

Bettina lächelte mit den Augen. »Du musst deine Seele schon alleine retten.«

»Würdest du ein gutes Wort für mich einlegen?«

»Deine Taten sollen für dich sprechen, heißt es.«

»Dann sollten wir sofort aufbrechen. Mit jeder Stunde sinken unsere Chancen. Ich will Aussicht auf Gemeinsamkeit.«

»Bis dass der Tod euch scheidet«, sagte sie. »Wenn ich Gewissheit hätte, auch danach mit dir zusammen zu sein, wäre es mir egal, ob ich leben oder sterben würde.«

Stefan griff unter der Decke nach ihrer Hand. »Dann müsste es heißen: Ich verbinde euch über den Tod hinaus. Aber vermutlich würde dann niemand mehr heiraten. Ich stelle mir soeben vor, dass in manchen Ehen die Aussicht auf den Tod des anderen die einzig verbliebene Hoffnung ist.«

»Du kannst schrecklich sarkastisch sein. Schreib darüber, über Tiefen der menschlichen Seele. Warten auf den Tod.«

»Nicht darüber und auch nichts anderes.«

»Es wäre falsch, aufzugeben. Lege eine Pause ein, beschäftige dich mit anderen Dingen, die dir Freude machen. Du brauchst dich weder heute noch sonst irgendwann zu entscheiden. Schreibe, wenn du das Bedürfnis hast, dann kannst du sicher sein, dass es dir Spaß macht.«

»Alles, was du sagst, ist eine Liebkosung wert. Mein Herz zerfließt vor Sehnsucht nach dir. – Doch«, fuhr er zögernd fort, »ich empfinde tatsächlich, was ich sage. Dabei wäre mir diese Formulierung in tausend Jahren nicht durch die Finger gegangen. Und du? Du hättest ein Manuskript an der Stelle mit Sicherheit zugeklappt.«

»Das Urteil hängt doch nicht an einem einzigen Satz!«

»Ich stöbere oft in der Buchhandlung am Ägidiusplatz. Neulich fand ich in einer Kiste mit Sonderangeboten eine Anleitung zum Schreiben, auf fünf Euro herunter gesetzt. Quasi ein Über-Buch. Sätze wie Ich liebe dich sind zu vermeiden, las ich. Zugegeben, der Satz ist viel gebraucht, aber abgenutzt? Nenne mir eine andere, gleichermaßen präzise und kompakte Beschreibung für einen komplexen Zustand, der die Sinne vollständig in Anspruch nimmt, den Verstand teilweise ausschaltet und den Gefühlen die Initiative des Handels überlässt.«

»Jede Frau wartet auf diese drei Worte. Auch ohne deine gestochen scharfe Analyse zu kennen.«

»Ich liebe dich.«

Als Bettina ihren Mund wieder frei hatte, sagte sie: »Läge ich nicht so elendig hier, würde ich dir zeigen, was drei Worte bewirken.» Sie lachte leise. »Deine Gedanken an den Tod sind schnell verflogen.«

»Ach, Lektorin«, seufzte Stefan. Beim Reden streifte sein Atem ihre Wange. Die Berührungen ihres Körpers an Armen und Beinen brannten schmerzhaft. Verdammte Unbeweglichkeit! »Lass uns aufbrechen«, bat er.

Sie benötigten eine halbe Stunde, um sich anzukleiden. Stefan suchte ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen und verstaute sie im einem Rucksack. Der Rucksack hatte kaum Gewicht und hing ihm schlaff auf dem Rücken.

Es gab keinen Abschied, als er die Hüttentür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, keinen Blick zurück, keine Wehmut. Sein Verstand arbeitete klar und war auf zwei Ziele ausgerichtet: Er musste weg von hier, zurück an den Anfangspunkt in seiner Wohnung. Die Auflösung würde er dort finden, wo sein derzeitiges Sein begonnen hatte, das er nun nicht mehr der Energie aus Körperfunktionen verdankte. Bis auf die Liebe war seine Seele ebenso leer wie sein Körper, den er selbst nur noch als eine Hülle empfand.

Er griff nach Bettinas Hand.

Die Sonne hatte sich im Westen hinter das Kreuzeck zurückgezogen. In zwei Stunden würde die Dämmerung einsetzen; die Luft war klar und angenehm frisch.

Stefan hob mit jedem Schritt das volle Körpergewicht, und wenn die Füße auf dem Boden waren, klebten sie wie in zähem Teig. Am Lift legten sie die erste Pause ein. Wenn sie es bis zum Auto schaffen würden, hätten sie gewonnen, verbreitete er Zuversicht. Die Sorge, wie er mit kraftlosen Beinen die Pedale bedienen wollte, behielt er für sich.

Der Weg durch die Latschen wurde zur Qual und gab eine Andeutung von dem, was sie auf dem Steilstück vom Wasserfall bis zum Schuppen erwartete. Stefan hielt Abstand, weil Bettina die in den Weg ragenden Zweige nicht halten konnte. Auf dem schmalen Felsvorsprung am Wasserfall blieb sie stehen und ließ ihn aufschließen. Sie drehte sich um und umarmte ihn. Er konnte ihre Worte gegen die Gewalt des Wassers nicht verstehen.

Ihre Beine knickten weg. Instinktiv klammerte er sich an ihr fest.

Ich lasse dich nicht mehr los, dachte er im Fallen.

Save oder delete? Über die Langzeitarchivierung von Webdokumenten und Online-Literaturzeitschriften

DisketteDr. Renate Giacomuzzi ist am Institut für Germanistik der Uni Innsbruck mit der wissenschaftlichen Projektdurchführung von DILIMAG betraut. Das Kürzel steht für »Digitale Literaturmagazine«, die im Rahmen des Projektes bibliographisch erfasst und archiviert werden sollen. Kein einfaches Unterfangen, denn neben den rein technischen Aspekten, sind eine ganze Reihe rechtlicher Dinge zu beachten. Was muss man? Was darf man?

In ihrem Artikel, den Renate Giacomuzzi exklusiv für das literaturcafe.de geschrieben hat, erläutert sie die Hintergründe und Rahmenbedingungen der Langzeitarchivierung von Webdokumenten.

Folge 127 vom 6. August 2007

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31

Nach einer Woche wurde ich entlassen. Körperlich sei alles in Ordnung, wurde mir mitgeteilt, und ob ich nicht eine Therapie machen wolle. Die Tabletten müsse ich weiterhin einnehmen, mein Hausarzt solle sie mir verschreiben. Ich nickte, ohne die feste Absicht, die Anweisung zu befolgen.

Den Taxistand in der Nähe des Haupteingangs ignorierte ich. Heiter, sagten die Meteorologen zu diesem Wetter, und so fühlte ich mich, seit ich aus dem Krankenhaus auf den Fußweg zur Straße getreten war. Die Aussicht auf einen Fußmarsch von einer Stunde war verlockend und würde mir helfen, den Kontakt zum normalen Leben wieder herzustellen. Am Prinzregentpark bog ich auf einen der Spazierwege ein, schlenderte zwischen den Rasenflächen und durch ein dichtes Gebüsch aus Rhododendron, um einen Teich herum und setzte mich schließlich auf eine Bank in den Schatten.

Unter den Bäumen und in der Sonne lagen junge Leute dösend oder lesend auf Decken und Handtüchern, überwiegend einzeln oder zu zweit. Ein paar Jungen auf Fahrrädern umfuhren die Spaziergänger auf dem Weg in Schlangenlinien, hatten unbändigen Spaß und genossen triumphierend die Beschimpfungen. Junge Mütter schoben ihre Kinderwagen vor mir vorbei, alte Frauen passierten mich wie in Zeitlupe. Ich beobachtete den stetigen Wechsel, ohne eine wirkliche Veränderung festzustellen. Nach einiger Zeit nahm ich meine Sporttasche. Ich konnte die Rückkehr in meine Wohnung hinausschieben, aber nicht verdrängen.

Auf der Luitpoldbrücke blieb ich stehen und schaute dem träge unter mir fließenden Wasser zu. Die Uferwiesen waren gut besucht von Menschen, die es sich für ein paar Stunden wohl sein ließen. Ich überlegte, ob ich in einen Biergarten gehen sollte, aber allein? Ich hatte mich völlig von Pia abhängig gemacht, keine neuen Bekanntschaften geschlossen und bis auf das Schreiben alles Leben aus mir verdrängt. Es blieb mir nur noch, ein Requiem auf mich zu verfassen.

Schreiben? Was hatte ich eigentlich die ganze Zeit in meiner Wohnung getrieben? Im Laufschritt überquerte ich die Luitpoldbrücke und stürzte in eine Bäckerei. Ich sei von den Barmherzigen Schwestern entlassen worden und müsse sofort wieder hin, erzählte ich der Verkäuferin. Mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck schummelte ich mich an fünf Kundinnen vorbei; ein überzeugt vorgetragener Notfall, denn ich brauchte das Telefonat nicht zu bezahlen.

Das Taxi kam in weniger als fünf Minuten. Alle Achtung, sagte ich beim Einsteigen, der Moosbauer ist perfekt organisiert. Wie lange er schon bei Moosbauer arbeite, fragte ich und schaute auf das Schild am Armaturenbrett: Mehmet und viele ü’s und eine Wagennummer, die mich ins Grübeln brachte. Das Getriebe rauscht immer noch, sagte ich.

Kallweit lag nicht im Fenster, als mich Mehmet in der Gottfried-Keller-Straße absetzte. Vielleicht sitzt er in seinem Leemsstuhl, dachte ich, und schämte mich gleichzeitig für meine Gedanken. Oben in der Wohnung setzte ich das Schämen fort. Ich hatte nur noch eine vage, nahe an Chaos reichende Vorstellung, in welchem Zustand die Wohnung gewesen sein musste. Olga hatte gründliche Arbeit geleistet, gemessen an meinem frustrierten Putzen hätte ich zwei Verlagsabsagen gleichzeitig gebraucht.

Das Manuskript lag, wo es hingehörte, neben der Schreibmaschine. Hastig blätterte ich den Papierstapel durch. Keine Seitenzahlen! Verständlich, was im Computer von der Textverarbeitung erledigt wurde, hätte ich an der Triumph selbst bedenken müssen. Vorsichtig trug ich das Manuskript zum Tisch, und nur zaghaft traute ich mich trotz der brennenden Neugier, mit dem Lesen zu beginnen. Gleich mit der Überschrift schwanden ein Teil meiner Selbstzweifel, ich war entzückt, welche formale und beherrschende Wirkung von den beiden Worten Erstes Kapitel ausging. Der erste Satz war ein Plagiat, er war indes so bekannt, dass er auch ohne Nennung des Verfassers als Zitat durchging. Nach einer Minute war der Satz und alles um mich herum vergessen.

Es war wieder einmal Nacht, als ich das letzte Blatt an die Seite legte, welches passender Weise mit Letztes Kapitel überschrieben war und auch zuunterst im Stapel lag, aber wie etwa dreißig Seiten vorher keinen erzählenden Text, sondern Fingerübungen an der Schreibmaschinentastatur enthielt. Die Handlung war mit Stefans Bekenntnis und der unerwarteten Verabschiedung von Alfred nicht abgeschlossen.

Nur einen flüchtigen Augenblick dachte ich daran, mich an die Schreibmaschine zu setzen und den Roman zu Ende zu schreiben. Ich traute mich kaum, die Triumph anzufassen und an ihren angestammten Platz in das Regal zurückzustellen. Nichts passierte, die Maschine bleckte weder ihre silbernen Zahnreihen noch fühlte ich mich besonders zum Schreiben angeregt. Im Gegenteil, bei der Vorstellung, Papier zu beschreiben, überkamen mich Beklemmungen. Das war kein Widerspruch zu der Genugtuung und der Begeisterung, die mich beim Lesen des Roman begleitet hatten. Ich könnte an dem einen oder anderen Kapitel allerdings noch feilen …

Meine Müdigkeit rettete mich aus dem Zwiespalt.

Als ich aufwachte, war die Mittagszeit vorbei. Ich ärgerte mich, weil ich nahtlos an meine früheren schlechten Angewohnheiten anknüpfte. Wenigstens hatte ich angenehm geträumt, wie ich mit Bettina im Bett lag und wir die Holzbalken betrachteten und ungeduldig auf die Fortsetzung der Handlung warteten.

In der Bäckerei um die Ecke ließ ich mir ein Käsebrötchen schmieren und trank einen Becher Kaffee. Für Olga musste ich ein Geschenk besorgen, aber was? Zu Geschenk fiel mir nur Präsentkorb ein, und zum Einkaufen fehlte mir die Lust. Zu allem Überfluss begegnete ich Kallweit im Hausflur. Er trug einen Sack Holzkohle und Grillwürste und wollte in den Hof.

»Gehdet dir widda besser?«

»Ich komme zurecht. Was könnte ich eigentlich Ihrer Frau schenken? Die Wohnung ist tip-top sauber.«

Kallweit winkte ab.

»Ich lasse mir etwas einfallen«, versprach ich, »jetzt habe ich noch zu tun.«

Ich war schon auf halber Treppe, als mir Kallweit nachrief: »Wennze drei Tage nich mähr ausse Bude komms, kommich nachsehn.« Die Gelegenheit würde ich ihm nicht geben, nahm ich mir fest vor. Ich musste den Roman fertig stellen, einen sauberen Schnitt zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart ziehen und mich in meinem Leben zurück melden. Nicht auf der Schreibmaschine, sagte ich laut zu mir selbst und stellte den Computer an.

Folge 126 vom 5. August 2007

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Die Fahrt zu den Barmherzigen Schwestern empfand ich wie den Weg zurück ins Leben, ungewollt zwar, aber nicht zu ändern. Ich wunderte mich nicht, dass Traurigkeit Besitz von meinem Gemüt ergriff. Sie versetzte mich in einen Zustand innerer Ruhe und ließ mir den Tod als die notwendige Folge aus der Schwermut und gleichfalls als Erlösung erscheinen. Meine Ansicht beeindruckte den Arzt nicht, er schickte nach einer Tablette und eröffnete mir, dass ich dieses Medikament über einen Zeitraum von drei Monaten einnehmen müsse.

Ich wurde in die Station Chirurgische Männereingewiesen. Die psychiatrische sei voll, erklärte der Arzt, die Patienten lägen dort teilweise auf den Gängen, ideale Voraussetzungen, um einen Fall wie dem meinen zu einer schweren Depression auswachsen zu lassen. Andererseits sei für manche das Bett auf dem Gang wie das Paradies auf Erden. Die Menschen würden gleich reihenweise durchknallen, erzählte der Arzt, als spräche er von der konjunkturellen Entwicklung. Ich sah seine saloppe Ausdrucksweise als die notwendige Distanz an, ohne die er in einem Umfeld von Jammer und Verzweiflung nicht überleben konnte. Ich selbst fühlte mich weder den Hoffnungslosen noch den Hilfsbereiten zugehörig.

Das Stationspersonal überbrachte mir täglich Termine zu Untersuchungen und Gesprächen. Das halbwegs verheilte Loch am Hinterkopf weckte ihre besondere Aufmerksamkeit. Soweit ich mich erinnern konnte, war ich im Aufstehen auf einer vergessenen Bierdose ausgerutscht und mit dem Kopf auf die Schreibmaschine geschlagen; bis auf den Schmerz, der mich einen halben Tag begleitete, war die Sache nicht weiter tragisch. Sie wollten auch wissen, wie ich an die frischen Narben in der Nähe der Handgelenke gekommen sei. Ich schwieg zu dieser Frage.

Die Zeit zwischen den Terminen verbrachte ich auf dem Bett und hörte Musik gegen den serienweise laufenden Fernseher, um den sich meine beiden Bettnachbarn stritten. Wenn um halb sechs Uhr morgens der Pfleger den neuen Tag begrüßte und das Licht anknipste, bewegte ich mich übergangslos von den Traumfantasien in meine realen Probleme. Es gab eine Menge nachdenkenswerter Dinge über meine Arbeit, meine Freundschaften und vor allem mich selbst. Leider konnte ich nicht verhindern, dass therapeutische Versuche an mich herangetragen wurden. Ich wich ihnen durch hartnäckige Einsilbigkeit aus.

Am dritten Tag besuchten mich Kallweit und Sonja. Er kramte umständlich Obst aus einer Plastiktüte, Äpfel, zwei Bananen und eine Birne Ich hängte den Ohrhörer an den Schubladengriff.

»Von Olga soll ich dich schön grüßen. Sie hat sichen bisken in deine Wohnung umgekuckt. Jezz isset widda sauber.«

Ich fragte Kallweit nicht, wie sie in meine Wohnung gekommen waren. »Danke«, sagte ich. »War es sehr schlimm?«

»Wennze mich frachs, sahet aus wie hoffnungslos.«

»Ich werde es Ihrer Frau wieder gutmachen.«

»Nä, so war dat nich gemeint. Dat is ja dat Dilemma vonne Welt, dat keina mähr wat fürn annern tut, ohne dasse gleich bezahln muss.«

»Ja«, sagte ich.

»Wennzen ganzen Tach im Fenster liechs, wirße ein Philosoph, ganz automatisch. Da siehße die Leute rennen, un glaub mir, wennze die fragen täts, wattse machen, da krichtesse keine Antwort drauf. Weil die dat nämmich selbst nich wissen, wohse hinterherlaufen.«

»Orientierungslos«, sagte ich.

»Weilse ihren Platz im Leem nich gefunden ham. Jedem müsstense aintlich bei der Geburt ein Leemsstuhl mitgeem. Woa zeitleems wüsste, dat is mein Platz. Den kann mir keina wechnehm.«

»Hol dir den Stuhl vom Tisch«, forderte ich Sonja auf. »Du stehst herum wie bestellt und nicht abgeholt.«

Kallweit schwieg, bis Sonja den Stuhl an das Bett gerückt hatte. »Ein Jahr lang habbich auch geglaubt, die ham mir den Leemsstuhl geklaut. Jetz sitzich widda.«

Meine Frage, was er mit dem Lebensstuhl meinte, erschöpfte sich in einem kurzen Brummen. Kallweit sagte nichts weiter und ich überlegte, ob er auf eine gesprochene Frage von mir wartete.

»Ich hab Aabeit«, erklärte er endlich. »Eine Hausmeistastelle anne Polizeischule. Is zwar nich wien Klempner auffen Bau, aber die ham jede Menge Waschbecken, Duschen und Toletten, wohße dich drann austohm kanns.«

Ich gratulierte ihm aufrichtig.

»Dat schicke is, dat da ne Dienswohnung zugehört. Nächsten Monat ziehn wir aus.«

»Schade«, sagte ich.

»Und? Wie gehdet dir so?«

»Die machen hier allerlei Umstand mit mir. Warum haben Sie eigentlich die Polizei geholt?«

»Bisse deshalb sauer? Du wars plötzlich wie vonne Bildfläche verschwunn. Da habbich gedacht, es könnt ja was passiert sein, wohße doch allein leebs. Vielleicht, dasse dir beim Pinkeln ein Bein gebrochen hass.«

Sonja kicherte.

»Hasse dein Humor verlorn?« fragte Kallweit. »Wat is mit dir?«

»Ich habe viel nachzudenken.«

»Siehße, du weiß auch nich, wohße hingehörs. Machet doch so wie ich. Wennze nich Klempner sein kanns, dann eem wat anners, wo du trotzdem noch drann bis am Rohr, wat dir Spaß macht.«

»Das ist einfach gesagt.« Ich sah durch Kallweit hindurch, fand mich in der Karlstraße wieder, zwischen den zu beiden Seiten eng zusammenstehenden gelben und schmutziggrauen Fassaden aus großen Quadern, die sich zum Ägidiusplatz lichthell öffneten. Das war mir ein vertrauter Gang, denn auf der anderen Seite des Platzes lag die Buchhandlung Bogner. Auch wenn ich kein Buch kaufen wollte, konnte ich an der Ladentür nicht vorbei, machte den vertrauten Rundgang, träumte bei den Reiseführern, blätterte in den Nachschlagewerken, wünschte mich von all dem Wissen beseelt und nicht mit nüchternen Fakten angehäuft. Zwischen Büchern zu sein war mir der liebste Platz geworden neben dem an meinem Schreibtisch.

Kallweit faltete die Plastiktüte zusammen und steckte sie in die Jackentasche. »Na ja, du bis nich so gesprächich heute. Wir gehn dann ma.«

Ich fühlte mich beschämt. Wie lange hatte ich vor mich hingeträumt? »Danke für den Besuch«, sagte ich.

Sonja warf mir einen frühreifen Abschiedsblick zu.

»Und Grüße an Ihre Frau«, sagte ich ihm in den Rücken. Kallweit drehte sich um und nickte.

Folge 125 vom 4. August 2007

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30

Durch den Schleier vor meinen Augen erkannte ich Kallweit, der sich zu mir hinunter beugte, die Hände auf meinen Schultern, und mich in kurzen Abständen schüttelte. Da waren noch zwei andere im Zimmer, zwei grüne Schemen.

»Lassen Sie es gut sein«, sagte jemand. »Er kommt zu sich.«

»Kallweit«, sagte ich und versuchte ein freundliches Gesicht, »was machen Sie bei den Barmherzigen Schwestern?« Ob ich nach Dr. Römer klingeln sollte?

»Jetzt gehen sie mal an die Seite«, sagte der grün Uniformierte. »Das ist unsere Sache.« Er schaute mir intensiv in die Augen und versperrte mir die Sicht.

»Wo ist Stefanie?« fragte ich. Sie sollte für Ordnung sorgen. Ich war im Moment nicht ganz auf der Höhe; an sich nicht weiter verwunderlich, denn es schlaucht, einen Roman zu verfassen.

»Kennen Sie die Dame?« wandte sich der Grüne an Kallweit.

»Nä, der wohnt allein hier.«

Das war nicht das Krankenhaus. Ich saß an meinem Schreibtisch.

»Wer ist Stefanie? Sollen wir sie benachrichtigen?« erkundigte sich der Polizist teilnahmsvoll.

Die Polizei verblödet auch immer mehr, dachte ich. Man muss mit mir nicht im Tonfall für Kleinkinder reden.

»Wie ist ihre Adresse?« mischte sich die andere uniformierte Jacke ein.

»Welche Adresse?« Konnten sich die beiden nicht präziser ausdrücken? »Was machen Sie eigentlich in meinem Wohnzimmer?«

»Aufräumen«, sagte der erste und grinste. Er trat gefühlvoll gegen eine Bierdose und beförderte sie auf den Haufen der anderen. Es schepperte blechern.

»Schau dir das mal an.« Der Grüne nahm ein Blatt vom Schreibtisch und reichte es seinem Kollegen.

»Dat issen Schriftställer«, erklärte Kallweit.

»Lesen Sie mir mal vor.« Der Polizist hielt mir das Blatt hin. Ich zerbrach mir die Zunge.

Schreib, mein Junge, sagte die Triumph.

»Oma Käthe – bist du es?«

Die Polizisten sahen sich bedeutungsvoll an.

»Nä«, sagte Kallweit, »bringt ihn ärs ins Krankenhaus. Vielleicht isser ja nur besoffen.«

»Hilflose Person? Was meinst du?« fragte der Polizist, der das Blatt hielt.

»Ich schau mich mal um.« Der andere Polizist verließ das Wohnzimmer.

»Dat is ja noch nich strafbar, watte dir privat auf Papier schreibs«, wandte sich Kallweit an den Polizisten.

»Wenn es sich nicht um volksverhetzende Parolen handelt. Oder auf staatsfeindliche Aktivitäten hindeutet. Dann müssten wir den Verfassungsschutz einschalten.« Der Polizist legte das Blatt auf den Schreibtisch zurück. »Warum haben Sie uns gerufen, wenn Sie keinen Verdacht haben?«

»Sonn Mitmenschen kannze doch nich einfach verkomm lassen. Jehn Tach isser an mir vorbei, un dann wie vom Ärdboden verschluckt. Da habich mir Sorgen gemacht. Watte so inne Zeitung liest – warum soll dat nich auch mal inne Gottfried-Keller-Straße passiern?«

»Karl?« rief es von draußen. »Komm mal in die Küche.«

Kallweit war erst unschlüssig, dann folgte er dem Polizisten. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir ohne Dreinreden und Vorsagen Klarheit über die Vorgänge in meinem Wohnzimmer zu schaffen. Das Durcheinander aus über den Boden verstreuten Bierdosen und Weinflaschen, Korken und Papierbällchen verschlug mir die Sprache. Handtücher, teilweise entrolltes Toilettenpapier, leere Tüten von verschiedenen Süßigkeiten, Klarsichtverpackungen. Meine Mutter, die sich durch peinliche Ordnung und Sauberkeit für jeden Eventualbesuch rüstete, obwohl es nie unangemeldete Besuch bei uns gab, wäre schockiert gewesen. Mir fehlte im Moment die Fantasie, um mir die Tragweite der Vorgänge vorzustellen, die sich hier abgespielt haben mussten.

Die beiden Polizisten erschienen im Türrahmen, hinter ihnen Kallweit.

»Hilflose Person«, sagte der Polizist, der das Blatt gehalten hatte.

Sie halfen mir beim Packen der Sporttasche und Zusammensuchen der Toilettenartikel.

Das literaturcafe.de in der Wikipedia

Das literaturcafe.de in der WikipediaWir konnten es selbst kaum glauben: Bereits seit Februar 2007 existiert in der Online-Enzyklopädie Wikipedia ein Eintrag zum literaturcafe.de. Da die Schreibweise des Cafés nicht ganz korrekt war (»Literaturcafé«), war er jedoch so gut wie nicht zu finden.

Wir haben den Eintrag nun mit der korrekten Schreibweise umgebaut, sind allerdings der Meinung, dass hier inhaltlich noch einiges verbessert und ergänzt werden kann.

Wir freuen uns über jede und jeden, die oder der mitschreibt am Online-Lexikoneintrag über das literaturcafe.de in der Wikipedia.

Folge 124 vom 3. August 2007

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Im Licht der Schreibtischlampe schimmerte der eingetrocknete Bodensatz im Rotweinglas durch die wenigen Stellen, die noch nicht matt von Fingerabdrücken waren. Nur eine Sekunde schwankte ich beim Aufstehen. Vorsichtig stieg ich über das Leergut. Im Kühlschrank in der Küche fand ich kein Bier. Verflucht, du hast die Übersicht verloren, schimpfte ich und stopfte sämtliche Dosen einer Papp-Palette in den Kühlschrank. Rotwein mit Zimmertemperatur ist in Ordnung, aber Bier? Ich entschied mich für die schlechtere Alternative. Ich hatte Durst und meine Kehle würde beim Hinunterkippen die Temperatur des Bieres nicht sonderlich registrieren.

Das warme Bier zischte, spritzte mir über die Hand und schmeckte eklig. Ich schüttelte die Tropfen auf den Boden und wischte mir die Hand am Gesäß ab. Die Luft in der Wohnung war warm und abgestanden wie das Bier. Hatte ich nicht erst vorgestern das Fenster geöffnet? Richtig, es regnete, und … Nein, das musste vorige Woche gewesen sein. Oder?

Auf dem Küchentisch vergammelte ein halbes Brot, grüne Flecken waren auf der Schnittfläche gewachsen. Bis zum unverdorbenen Rest schnitt ich eine dicke Scheibe ab und warf sie neben den Tisch auf den Stapel der Bier-Pappen. Der Abfalleimer quoll bereits über.

Zu trockenem Brot schmeckt Rotwein besser, dachte ich kauend. Die Kartons mit dem Chianti standen unter dem Küchentisch. Mit dem Bücken drehte sich die Tischkante um hundertachtzig Grad. Zunächst beanspruchte der Schmerz im Hinterkopf mein Bewusstsein, dann fand ich die Lage komisch und strampelte mit den Beinen. Halt suchend griff ich nach einem der Kartons, er war leer und kippte weg. Vorsichtig rollte ich mich vom Rücken auf die Seite und dann auf alle viere. Zurück in der Senkrechten wurde mir erst schwindelig, dann hatte ich das Gleichgewicht wieder unter Kontrolle. Blind langte ich unter den Tisch, fasste eine Flasche und trug sie triumphierend ins Wohnzimmer. Die Triumph lachte, als sie mich mit der Weinflasche sah, und ich drohte ihr mit dem Finger.

Der Korkenzieher lag griffbereit auf dem Schreibtisch.

»Prost, Stefanie!« hob ich das Glas, mit Rotwein ebenso voll wie ich mit Verlangen. Nicht du, Bettina, verscheuchte ich das Bild in meinem Innern. Du auch nicht, Amanda. Oder doch Bettina? Ich grübelte, welcher Ausfertigung meiner Traumfrau die Sehnsucht eigentlich galt und verlor darüber die Verbindung zu den Bildern. Als Antwort schrieb ich einen Namen auf das Papier. Die Typenhebel der Schreibmaschine bewegten sich mit einer Leichtigkeit, dass mir schon beim Schreiben Zweifel kamen, ob der Name von mir geschrieben wurde.

An der Wand vor mir heftete noch die Verlagskorrespondenz. Ich zog die Stecknadeln aus der Tapete und ließ die Briefe zu Boden flattern. Beim nächsten Reinemachen würden sie als Abfall entfernt.

Ab-fall!, lachte die Triumph, was ihr einen tadelnden Klaps gegen den Walzenknopf einbrachte. Für Worterklärungen war sie nicht zuständig. Ich traute der Triumph zu, dass sie beim Schreiben mitlas. Resigniert griff ich zur Flasche und füllte das Glas nach.

Ich kehrte zum Anfangspunkt meiner Überlegungen zurück. Mir fehlte der Schluss, genauer gesagt wusste ich nicht, was ich mit Stefan und Bettina anfangen sollte. Es war alles gesagt.

Ratlos tippte ich ein weiteres jklö.

Ich brauchte die beiden nicht mehr.

Folge 123 vom 2. August 2007

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26

Ich starrte auf das unbeschriebene Blatt in der Maschine. Unbefleckt, jungfräulich, schwirrte mir dazu im Kopf; ein Schriftsteller nimmt dem Papier die Unschuld. Solange das Papier weiß ist, ist es nichts, dessen wir uns schämen müssten. Erst die Buchstaben erzeugen die Konflikte, wenn sie sich zu Worten und Sätzen formen.. Wenn ich schreibe, kämpfe ich mit Worten, schreibe ich nicht, kämpfe ich mit mir selbst. Wann hatte ich zu kämpfen aufgehört?

»Simpel«, sagte ich und hob den Zeigefinger zu meiner eigenen Belehrung, »simpel ausgedrückt: Es fällt dir nichts mehr ein.« Die Rolle der Triumph in diesem Spiel war noch nicht geklärt. Hatte sie mich nicht ständig zum Schreiben gedrängt? Im Grunde ging mir ihr silbernes Gegrinse und der melodische Anschlag auf die Nerven und ich hätte sie liebend gern erschlagen, aber so betrunken war ich nicht, dass ich mich nicht an meine blutenden Handgelenke erinnert hätte.

Die Pflaster waren schwarz und an den Rändern aufgerollt. Ich riss sie mit einem Ruck herunter.

Wenn ich mich recht erinnerte, fehlte der Schluss. Ein fulminantes Finale, das alle Fäden der Handlung zu einem Netz verknüpfte, um damit den Leser zu fangen, oder zu einem Strick, an dem sich der Verfasser erhängen könnte?

»Ich bin eine mehrfach erhängte Leiche«, dozierte ich laut. Ich setzte den Zeigefinger erneut zur Unterstützung meiner Aussage ein und fing ihn im zweiten Versuch mit der anderen Hand ein.

Die Triumph lachte.

Na warte, dachte ich, jetzt werde ich dir ein letztes Kapitel auf die Walze hämmern, dass sich die Typenhebel biegen.

Letztes Kapitel

asdfg hjklöä asdfg hjklöä asdfg hjklöä qwert zuiopü qwert zuiopü asdfg asdfg hjklöä asdfg hjklöä asdfg alsk skdjfkjf aeeürtkkkkkkkkkkkkk

Genial, kicherte ich, Generationen von Literaturkritikern und gestandenen Germanisten würden die einschlägigen Periodika mit Deutungsversuchen füllen. Wer auf den trivialen Ansatz verfiel, der Autor habe in einer Phase seelischer und geistiger Ausbrennung Fingerübungen an der Tastatur gemacht, worauf die regelmäßige Anordnung der Buchstaben hindeute, würde geringstenfalls mitleidig belächelt, auf jeden Fall aus der Gemeinde seriös arbeitender Textinterpreten ausgestoßen. Versöhnung und Chaos – ein ketzerischer Ansatz zum neueren Verständnis des Werkes von Stefan Bruhks. Wer würde diese Herausforderung wagen? Mir fiel ein, dass ich in den letzten Jahren keine private Korrespondenz geführt hatte – Fluch der modernen Kommunikationstechnik, die auf das flüchtige, gesprochene Wort abstellte. Damit fehlte den Deutern jegliches Quellenmaterial über die einzelnen Phasen meines Schaffens und der Einfluss der wechselnden Lebensumstände auf mein Werk blieb im Verborgenen und konnte nicht für Querinformationen genutzt werden.

Aus der augenblicklichen Euphorie stieg ich zügig zu einer depressiven Stimmung hinab. Mit Daumen und Zeigefinger zog ich das Blatt aus der Maschine und legte es auf den Stapel der anderen. Fünf Zeilen pro Blatt waren angemessen. Sorgfältig spannte ich ein neues Blatt ein und richtete es aus. Dann hämmerten meine Finger rhythmisch auf der Tastatur. Bei jklöä verhakten sich die Typenhebel regelmäßig, weil ich zu schnell war. Schade, dass es noch keine Methode gab, dem Leser durch Vermittlung der Anschlagfolge beim Schreiben den letzten Rest analytischen Aufschlusses zu geben. Nicht nur das r, auch das ä war inzwischen verbogen und hob von der Grundlinie ab.

Bildergalerie: Jun ist unsere Literatin 2007

Jun ist unsere Literatin 2007Viele hatten sich in diesem Jahr beworben, und jetzt steht die Entscheidung fest: Jun ist unsere Literatin 2007! Und sie sieht in unserer T-Shirt-Kollektion einfach fantastisch aus. Die gebürtige Chinesin, die seit 10 Jahren in Deutschland lebt, schreibt derzeit an ihrem ersten Roman. Wir sind überzeugt, dass man in Zukunft literarisch von ihr hören und lesen wird.

Zum Fotoshooting mit der Fotografin Birgit-Cathrin Duval haben wir uns zusammen mit Jun an einen literarischen Ort begeben: zum Kloster Maulbronn. Die größte Klosteranlage nördlich der Alpen, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, ist auch dadurch bekannt geworden, dass Hermann Hesse im dortigen evangelischen Seminar sieben Monate seiner Jugend verbrachte – bevor er davonrannte.

Wir zeigen Ihnen die schönsten Bilder von Jun in unserer Bildergalerie und haben ihr vier Fragen gestellt.

Folge 122 vom 1. August 2007

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»Lieber Gott, bitte!«, flüsterte Bettina und sackte auf das Kopfkissen zurück. »In meinem Kopf dreht sich alles. Bochum«, schrie sie, »Nachrichtentechnik, Hermann, Margot, die kleine Engländerin – war jedes Wort Erfindung? Verdammt, ich wollte dich doch nicht in Frage stellen, nur ein wenig in deinem Inneren stöbern!« Ihre Stimme erstarb. »Berthold hat mich nicht belogen, er sich hat nur genommen, was ich ihm in meiner Einfalt in den Schoß geworfen habe, ich dumme Kuh!«

Mit einer heftigen Bewegung entzog sie sich seinen besänftigend nach ihr greifenden Händen.

»Ich habe dich auch nicht belogen!« sagte er eindringlich.

Bettina ließ sich auf das Kopfkissen zurückfallen und zog den Schlafsack über ihre Brust.

»Gemein wäre, wenn ich dich getäuscht und mir von dir etwas hätte geben lassen, was du nicht zurücknehmen kannst«, sagte Stefan ernst. Er wischte ihr Tränen mit dem Zeigefinger aus den Augen. »Alles was ich dir erzählt habe, ist schon allein deshalb wahr, weil ich mir nie die Mühe gemacht habe, Geschichten zu erfinden. Ich habe dir erzählt, was ich wusste, mehr nicht. Die ganze Wahrheit ist, dass mich in den ersten Tagen, an die ich mich erinnern kann, eine innere Stimme verfolgte. Die Stimme behauptete, sie heiße Alfred und sei eine Seele auf Bewährung.«

»Ist das endlich alles?«

Vorsichtig erkundigte sich Stefan: »Reicht das nicht?«

»Mir schon.« Bettina schob eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich habe mich mit einem Verrückten eingelassen«, stellte sie fassungslos fest. »Warum müssen Männer ihre Geständnisse eigentlich bis zum Morgen nach der ersten Liebesnacht zurückhalten? Ist das biologisch oder egoistisch, weil ihr euch die Gelegenheit nicht entgehen lassen könnt? Schlag in deinem Bedeutungswörterbuch den Begriff Hingabe nach. Und dann unter Benutzung. Kapier endlich den Unterschied!«

Eine Falte des Schlafsackes hatte sich zwischen beide gelegt.

»Bist du sprachlos?« fragte sie.

»In den letzten Tagen – ich hatte manchmal das Gefühl, ich müsste von der Weißen Wand springen«, erklärte Stefan mit leiser Stimme. »Ich allein trage die Verantwortung.«

»Den letzten Satz kann ich unterstreichen. Ansonsten ist mir nicht damit geholfen, wenn du mir als Seele auf Bewährung erscheinst.«

Du bist nicht schuldig, sagte Alfred.

Stefan setzte sich stocksteif auf und verlor die Farbe aus dem Gesicht. Mit Alfreds Wiederkehr hatte er nicht mehr gerechnet.

Stell dir vor, es ist ein Traum, und vergiss, dass die da unten den schlechten Scherz beschlossen haben, wie sich eine Lektorin als erfolgloser Schriftsteller macht Dabei sind sie nicht einmal selbst auf diese niederträchtige Idee gekommen, sie verlassen sich auf die Menschen. Jeder böse Gedanke wird irgendwann einmal begierig aufgegriffen.

Lauter als gewöhnlich sagte Alfred: Ich verabschiede mich. Leise fügte er hinzu: Wird wohl nichts mit der Beförderung werden. Die Entführung werden sie mir ankreiden, weil ich dich allein gelassen habe. Hättest du mich bloß nicht zum Teufel gewünscht! Aber mit meiner Ehre lasse ich nicht spaßen.

»Wer verabschiedet sich?« fragte Bettina und schaute sich verunsichert um. »Jetzt werde auch ich verrückt.«

»Nein«, antwortete Stefan, »das ist Alfred.« Ein dunkles anschwellendes Grollen dröhnte in seinen Ohren, als stürzten Massen zu Tal, tief unter ihm. Dann war es wieder still und eine erlösende Ruhe setzte ein. Tränen liefen ihm das Gesicht herab. Vergeblich versuchte er, sie anzuhalten und nach innen zu schlucken.

Bettina zögerte, dann legte sie die Arme um seinen Kopf. Als Stefan endlich ruhig lag, war Alfred aus beider Erinnerung verschwunden.

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 6.

Autorinnen-HomepageDiesmal: Die Autorenhomepage.

In unserer digitalisierten Zeit, mit Internet 2.0, ist es kaum umgänglich für eine Autorin, nicht auch im Web präsent zu sein. Die eine Möglichkeit sind die Literaturforen mit ihren Userprofilen, aber darüber haben wir an dieser Stelle schon gesprochen. Die andere Möglichkeit ist eine eigene Homepage.

Aber es gibt Homepages und Homepages.

Auf der einen Seite wären schlechte Graphik, schlechtes Layout, ein nicht zu merkender Link, der in der Browserzeile ungefähr so lang wie eine mittlere Riesenschlange ist, jede Menge Werbung und diese am besten auch noch als Popup.

Hat sich der lesewillige und informationshungrige Surfer mit dschungeltauglichem Durchhaltevermögen bis zum Kern der Homepage vorgekämpft, findet er dort vielleicht auch noch ein Gästebuch, indem sich schon Hinz und Kunz (die, die schon bei BOD veröffentlich haben, siehe Folge 4) und alle Familienmitglieder der Autorin, von der Uroma bis zur kleinen Schwester, verewigt haben.

Folge 121 vom 31. Juli 2007

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28

Durch das Schiebefenster fielen Streifen helles Sonnenlicht in den Schlafraum. Bettinas Haare kitzelten Stefan im Gesicht. In der nächtlichen Kühle des Schlafraumes waren sie eng aneinander gerückt und teilten sich die Wärme. Stefan schloss die Augen und startete mühelos die Erinnerungen der letzten Nacht, von den sanften Berührungen bis zu den heftigen umklammernden Bewegungen.

Bettina streckte die Beine und drehte sich auf den Rücken. Sie holte tief Luft, einem Schnaufen ähnlich, das seine Stimmung störte.

Unerwartet trafen sich ihre Blicke.

»Wer bist du, Stefan Bruhks?« fragte sie.

»Hallo, guten Morgen«, antwortete er. »Die Sonne scheint, der Regen ist ausgeblieben, da sollten wir uns den Tag nicht mit Gewissenserforschungen belasten.«

»Mit einem Mann wie dir habe ich noch nie geschlafen«, fuhr Bettina unbeirrt fort. »Und jetzt, wo dein Mund jede Stelle meines Körpers von der Stirn bis zu den Kniekehlen besser kennt als ich in dreiunddreißig Jahren, solltest du ihn zum Reden gebrauchen.« Sie küsste ihn flüchtig auf die geschlossenen Lippen. »Du hast mich verrückt gemacht.«

Stefan zog sie an sich.

Sie machte ihren Mund frei und sagte: »Du frönst deiner Lieblingsbeschäftigung: Ablenken. Nach all dem, was du mit mir veranstaltet hast, ist Vertrauen die wichtigste Voraussetzung. Ich hätte dir nie verziehen, wenn ich nicht Vertrauen gehabt hätte. Jetzt erzähle mir, wer du bist, Stefan Bruhks.«

In Stefans Bauch drehte sich der Schreck. Über kurz oder lang würde er sich zu Panik wandeln und nach seiner Kehle greifen. Der unerwartet glückliche Ausgang der Entführung lenkte sein Leben nicht von selbst in geordnete Bahnen. Sich zu verkriechen ist eine andere Sache, hatte sie gesagt. Er würde nicht ständig vor sich weglaufen können. Das Leben würde die Lücken seiner Erinnerung füllen, hoffte er, wenn sich jemand fände, der ihm mit genügend Interesse zuhören würde.

»Die Wahrheit ist«, sagte er, »dass ich mein Leben erst seit knapp vierzehn Tagen kenne. Mein Name ist Stefan Bruhks, wenn ich meinem Personalausweis Glauben schenke.«

»Drücke dich deutlicher aus. Was bedeutet erst seit knapp vierzehn Tagen?«

»Was davor war, liegt im Dunkeln.«

»Amnesie? Warum müssen Schriftsteller einfache Sachverhalte stets kompliziert formulieren?«

»Ich habe vier Manuskripte in meinem Computer und eine Menge Verlagskorrespondenz im Bücherregal gefunden. Ist das der Beweis, dass ich Schriftsteller bin?«

Bettina setzte sich auf. »Warum hast du dich dann mir gegenüber als Schriftsteller ausgegeben?«

»Ich habe mich den erdrückenden Beweisen gebeugt. Tatsächlich verspüre ich einen ausgeprägten Hang zum Lesen und nicht zum Schreiben.«

»Das könnte vorübergehend sein.«

»Es gibt mich nicht, keinen Stefan Bruhks, weder amtlich und auch nicht unter der Adresse, wo ich wohne. Das ist eine Tatsache.«

Bettina drehte sich ihm zu und stützte ihren Oberkörper auf den Arm. Kalte Luft strömte unter die Decke.

»Leg dich wieder hin«, sagte Stefan. »Ich habe es auf dem Bürgerbüro nachgeprüft. Meine Nachbarin schwört, dass in meiner Wohnung bis vor kurzem eine Frau gewohnt hat, Stefanie. Sie nimmt an, ich sei ihr Bruder. Mein Kleiderschrank enthält nur Frauengarderobe, mein Bad ist voll mit Kosmetika, im Medikamentenschrank liegt die Pille. Kein Wunder, dass ich nicht schwanger werde.« Stefan steigerte sich in verhaltene Wut. »Dabei ist die Auflösung doch so einfach! Ich wache nach einem Anfall von Amnesie in der Wohnung meiner – Freundin, Schwester, Geliebten auf. Leider ist die Holde auf Nimmerwiedersehen verschwunden, also muss ich mich allein auf die Suche nach meiner Wohnung machen. Welch bedeutungsloses Detail, dass Stefanies Adresse laut meinem Personalausweis auch meine Adresse ist!«

Folge 120 vom 30. Juli 2007

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Bettina ließ sich Zeit. Stefan lag auf der Seite, mit angezogenen Beinen, und hielt den Schlafsack am Kinn fest geschlossen. Er wartete, auf Bettina und die Körperwärme. Langsam verteilte sie sich im Schlafsack und er dehnte sich aus der Kauerstellung.

Ein Kerzenlicht wanderte durch die Tür und zurück. Bettina holte sich ihren Pyjama. Im Ofen knackte ein Holzscheit.

Die Befreiung brauchte ein wenig Zeit, bis sie endlich aus Bettinas Worten schlüpfte und sich in seinem Innern wie die Wärme im Schlafsack verbreiten konnte. Er hätte schreien können vor Glückseligkeit. Erstaunt bemerkte er darum eine melancholische Grundstimmung, die sein Gefühl zwar nicht zudeckte, ihm aber die Perspektive nahm, als sei das Glück nur für diesen Augenblick, ein Höhepunkt, der mühsam erreicht wurde und dem in seiner Endlichkeit nur noch Leere folgt.

Stefan schloss die Augen und horchte in sich, um Ordnung zu schaffen. Sein Glück produzierte jetzt Sehnsucht wie ein Körperhormon, eine unbändige Sehnsucht, und drängte sein Bewusstsein in die Küche zu Bettina. Im Aufnehmen der Geräusche war er geübt. Wasser floss aus der Schöpfkelle in ein Gefäß. Der Deckel des Wasserbehälters wurde geschlossen. Eine Zahnbürste wurde in den Becher gestellt, Wasser gespuckt, die Hüttentür knarrte. Er ahnte das Platschen des Wassers im Gras mehr als er es hören konnte. Ob sie …? Nein, der Schlüssel drehte sich im Schloss.

Dann war es ruhig. Was sie wohl machte? Jetzt kam sie; er hörte ihre Schritte und sah das flackernde Kerzenlicht. Sie hielt die Kerze hoch über ihr Bett und ordnete mit einer Hand den Schlafsack, um hineinzuschlüpfen. Dann war es dunkel. Ein Brett knarrte unter ihrem Gewicht. Der Reißverschluss ihres Schlafsackes sirrte.

»Gute Nacht«, sagte sie.

»Eine gute Nacht wünsche ich dir auch«, antwortete er, gesetzter als beabsichtigt. War der Gutenachtgruß schon die Erfüllung des heutigen Tages?

»Ich friere«, sagte sie mit belegter Stimme.

Stefan schälte sich aus dem Schlafsack und tastete sich im Dunkeln durch die Tür. Das Feuer im Ofen schimmerte rötlich durch das Loch in der Herdplatte. Mit Mühe schob er ein weiteres Scheit Holz durch die Ofenklappe.

»Ich habe den Herd bis oben hin vollgestopft«, sagte er, zurück im Schlafraum. Bis morgen früh würde die Wärme nicht vorhalten. Die Frage ist, wie lange ein Mensch ohne die Zuneigung eines anderen Menschen überleben kann. Ohne selbst zu erkalten, hatte sie ergänzt. Sehnsuchtsvoll streckte er seine Hand in das Dunkel und berührte ihre Schulter. Sie drehte ihr Gesicht in seine Hand und er spürte ihre Haare, die Augen und ihren Mund.

Folge 119 vom 29. Juli 2007

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»Ich bin dir unendlich dankbar«, nahm er das angebotene Du auf. »Nicht wegen der Konsequenzen. Ich habe zuletzt sehr unter der Vorstellung gelitten, dass ich dich nach hier hin verschleppt habe und du nicht freiwillig bei mir bist.«

»Der Alptraum ist jetzt für uns beide vorbei.« Sie drückte seine Hand. »Darf ich … ich habe einen Wunsch.«

»Selbstverständlich«, sagte er.

»Können wir noch ein paar Tage verschollen bleiben?«

»Wartet denn niemand auf dich, der sich sorgt?«

»Vielleicht Berthold.«

»Dein Freund?«

»Ja und nein.« Bettina schaute beharrlich nach oben. »Er ist auch mein Chef.«

»Die Karriere«, sagte Stefan.

»Nein!« protestierte Bettina. »Ein väterlicher Freund, ein Vorbild.«

»Im Bett reduziert es sich auf ein Verhältnis. Oder habt ihr dort gemeinsam Manuskripte gelesen?«

»Spar dir deine Ironie. Zu spät wurde mir klar, dass keine Liebe im Spiel ist.« Bettina stieß ihn mit der Schulter an. »Was ist mit dir?«

»Ich sehe euch. Du bist nackt und er ist zu alt für dich. Er berührt deinen Mund, deine Brüste, den Bauch. Er fasst dich an. Ohne Gefühle würde ich niemandem erlauben, mich anzufassen.«

»Du hast keinen Grund, eifersüchtig zu sein.«

»Ich mag das starke und selbstbewusste Bild von dir, da fällt es mir schwer zu glauben, dass du bei ihm schwach geworden bist.«

»Ich gebe zu, es war ein Irrtum. Das Einzige, was ich mir vorwerfe ist, nicht Schluss gemacht zu haben, nachdem ich mir über die Beziehung zu Berthold im Klaren war.«

»Du bist mit ihm aus purer Gewohnheit ins Bett gegangen?«

»Hör zu, Stefan, ich bin nicht katholisch und du bist nicht mein Beichtvater. Was ich getan habe, ist allein meine Sache. Wenn Schriftsteller über ihre Liebesbeziehungen und Verhältnisse an der Schreibmaschine Rechenschaft ablegen müssen, ist das deren Sache.«

Stefan sprang auf. »Ich habe den Ofen vergessen!«

Bettina verdrehte die Augen. Durch die offene Tür rief sie ihm hinterher: »Berthold ist ebenso gut oder schlecht wie jeder andere.«

Stefan, der vor dem Herd kniete, konnte den trotzigen Ausdruck in ihrem Gesicht nicht sehen. Der Rollwagen im Herd war leer und er musste einen Stapel Brennholz aus dem Stall holen. Bevor er die Ofenklappe schloss, blies er kräftig in die Glut, bis Flammen um die Holzscheite züngelten. Die Kerze auf dem Ecktisch neben der Tür war ebenfalls heruntergebrannt und er entzündete am Stummel eine neue. Draußen setzte er sich wieder neben Bettina, genauso eng wie vorher.

»Ich wollte das Gespräch nicht abwürgen«, entschuldigte er sich.

»Du hast meine Beziehung zu Berthold als Verhältnis eingestuft.«.

»Wir sprachen über nicht vorhandene Liebe. Erinnerst du dich noch an meine Aufzählung der Bedürfnisse? Die Liebe fehlte.«

»Du sagtest Hunger, Durst, Schutz und Wärme – die Liebe lässt sich mit jedem dieser Begriffe verbinden.«

»Ich dachte nicht an das Gemeinsame. Liebe lässt sich nicht sammeln wie Blaubeeren und Pilze, sie kann nicht wie Holz gehackt und nicht aus dem Bach geschöpft werden.«

»Sie kann Unterschlupf in einer Berghütte finden«, sagte Bettina.

»Die Natur gibt, was man zum Überleben braucht, nur keine menschliche Wärme. Die Frage ist, wie lange ein Mensch ohne die Zuneigung eines anderen Menschen überleben kann.«

»Ohne selbst zu erkalten«, ergänzte Bettina.

Stefan lachte leise. »Ich möchte nicht nur mit den Händen streicheln, wie bei Margot.«

Bettina reagierte nicht sofort. »Wie ist es mit deiner Vergangenheit, Margot ausgenommen?«

»Nicht der Rede wert«, antwortete er wahrheitsgemäß.

»In deinem Alter? Hat es keine wilden Jahre gegeben?«

»Keine, an die ich mich erinnern kann.«

»Du bist ja ein ganz Seltsamer! Eine solche Sorte Mann ist mir bisher noch nicht begegnet.«

»Mein Leben bleibt in weiten Teilen undurchdringlich wie das Dunkel der heutigen Nacht.« Stefans Stimme vibrierte leicht. »Du versuchst mich, gemeinsam mit dir auf Entdeckungsreise zu gehen.«

»Vielleicht wäre das für mich eine gute Gelegenheit zum Neubeginn. Jetzt, wo die Entführung nicht mehr zwischen uns steht.«

»Heißt das, dass wir uns auch nach dieser Woche treffen könnten?« fragte er.

»Warum nicht? Oder möchtest du weiter als Literaturphantom auftreten?«

»Die Geschichte ist eine Satire.«

»Ich meinte nicht dein Manuskript.«

»Die Entführung bedauere ich nicht; allein für die versöhnliche Wendung lohnen sich die Schuldgefühle, auch wenn sie mich beinahe aufgefressen haben.«

Schweigend hörten sie dem gleichmäßigen Plätschern des Quellbaches zu.

»Es ist spät«, sagte Bettina schließlich. »Ich möchte jetzt schlafen gehen.«

»Willst du oder soll ich?«

»Geh ruhig zuerst«, entschied sie. »Ich schließe die Tür ab und blase die Kerze aus.«

Folge 118 vom 28. Juli 2007

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Nach einer Weile stieß sie ihn mit dem Fuß an. »Was ist? Haben die Sterne Sie hypnotisiert? Oder warum starren Sie so beharrlich in den Nachthimmel?«

»Ich sitze nicht zum ersten Mal nachts auf dieser Bank. Der Horizont öffnet sich, trotz der Dunkelheit, und ich sehe nicht mehr, sondern weniger, das Wesentliche eben. Das Leben reduziert sich auf seine Grundfunktionen: Hunger und Durst stillen, Schutz vor Naturgewalten suchen, Wärme schaffen. Wenn ich einen Baumstamm in handliche Kloben spalte, arbeite ich unmittelbar für mein Bedürfnis nach Wärme. Zuhause drehe ich einen Regler und danach richtet sich der Geldbetrag, der von meinem Konto abgebucht wird. Dann muss ich dafür sorgen, dass neues Geld auf das Konto fließt. Also fahre ich Taxi. Selbstverständlich ist mir klar, dass ich auf der Alm nicht überleben kann, und trotzdem verursacht mir das Fehlen unserer gewohnten komplizierten Mechanismen ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Meine Ansichten relativieren sich bis hin zu der Frage, warum ich eigentlich Romane schreibe. Habe ich wirklich Wichtiges mitzuteilen?«

»Wie lautet die Antwort?«

»Ich schreibe gerne, ich fühle mich berufen.«

»Ein Mann stürzt vor einer Metzgerei und schlägt sich das Knie auf. Ich fühle mich berufen, sagte der Metzger und amputierte das Bein.«

»Ich schlachte die deutsche Sprache?«

»Nein«, lachte Bettina. »Sie übertreiben mit Ihrem Anspruch.«

»Ihre Vergleiche sind auch nicht gerade trivial.«

»Aus dem, was ich von Ihnen gelesen habe, schimmerte das Bemühen, Botschaften zu übermitteln. Überlassen Sie das den Werbespots. Was ist gegen gute Unterhaltung einzuwenden?«

Von rechts schwebten weitere Wolken im Zeitlupentempo in den Talhimmel. Eine gute halbe Stunde noch, schätzte Stefan, dann würde der Sternenhimmel erloschen sein. Auch die Kälte kroch langsam in die Kleidung. Er zog den Reißverschluss der Jacke bis zum Hals hoch.

»Offenbar nichts«, stellte Bettina fest.

»Müssen wir unbedingt jetzt darüber reden? Sie wollten meine Empfindungen, ich habe sie Ihnen geschildert. Alles andere ist mir gleichgültig, das Schreiben so weit weg wie der nächste Computer. Unwichtig wie ein Fingerschnippen, sagten Sie.«

Bettina zupfte einen langen Halm aus einem Büschel Gras, das unter der Bank bis in Wadenhöhe sprießte. »Gut, lassen wir das Thema Schreiben, wenn es Ihnen für die ehrerbietige Stille nicht angemessen ist.«

»Anfangs hat mich das Geplätscher des Baches gestört. Ich wurde verrückt im Kopf bei dem Gedanken, dieses Geräusch nicht abstellen zu können. Ich hatte den Wunsch nach vollkommener Ruhe.«

»Haben Sie es schon einmal mit einer Kirche auf dem Land versucht?« fragte Bettina.

»Nein. Himmlische Ruhe?«

»Heilige Ruhe.«

»Abstand gehört dazu«, sagte Stefan. »Verstehen Sie? Mehr als hundert Kilometer müsste die Kirche schon entfernt sein.«

»Ich fühle mich ruhig und glücklich bis in die Haarspitzen. Wir sind bestimmt mehr als hundert Kilometer weit weg.«

»Und ich bin froh, dass ich nicht allein bin.«

»Schön«, sagte sie, für ihn so flüchtig, dass er glaubte, er habe sich die Antwort eingebildet. Die Stille lenkte seine Betrachtungen ab zu den Wolken, die den Mond in ihre Mitte nahmen und an ihm vorbeizogen. Dann drängten sich Körpersignale in sein Bewusstsein. Die ganze Zeit saß er eng neben Bettina, Schulter an Schulter. Er verkrampfte in dem Bemühen, sich nicht zu bewegen, nicht mit den Armmuskeln zu zucken, damit sie nicht von ihm abrückte.

»Ich verzeihe dir«, sagte Bettina leise und ohne ihn anzusehen; plötzlich und unerwartet, dass es ihm die Sprache nahm.

»Ich …« Stefan verschluckte den Rest und räusperte sich. »Ich hätte mich nie getraut, Sie um Verzeihung zu bitten, ich meine, um mehr als die Entschuldigung auf dem Priacher. «

»Nicht mit Worten, ich weiß. Dein Verhalten hat es getan. Trotz aller Merkwürdigkeiten in deinen Reden.«

Der Himmel war jetzt zur Hälfte bedeckt und der Mond in arger Bedrängnis.