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Startseite Almtraum Folge 118 vom 28. Juli 2007

Folge 118 vom 28. Juli 2007

Nach einer Weile stieß sie ihn mit dem Fuß an. »Was ist? Haben die Sterne Sie hypnotisiert? Oder warum starren Sie so beharrlich in den Nachthimmel?«

»Ich sitze nicht zum ersten Mal nachts auf dieser Bank. Der Horizont öffnet sich, trotz der Dunkelheit, und ich sehe nicht mehr, sondern weniger, das Wesentliche eben. Das Leben reduziert sich auf seine Grundfunktionen: Hunger und Durst stillen, Schutz vor Naturgewalten suchen, Wärme schaffen. Wenn ich einen Baumstamm in handliche Kloben spalte, arbeite ich unmittelbar für mein Bedürfnis nach Wärme. Zuhause drehe ich einen Regler und danach richtet sich der Geldbetrag, der von meinem Konto abgebucht wird. Dann muss ich dafür sorgen, dass neues Geld auf das Konto fließt. Also fahre ich Taxi. Selbstverständlich ist mir klar, dass ich auf der Alm nicht überleben kann, und trotzdem verursacht mir das Fehlen unserer gewohnten komplizierten Mechanismen ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Meine Ansichten relativieren sich bis hin zu der Frage, warum ich eigentlich Romane schreibe. Habe ich wirklich Wichtiges mitzuteilen?«

»Wie lautet die Antwort?«

»Ich schreibe gerne, ich fühle mich berufen.«

»Ein Mann stürzt vor einer Metzgerei und schlägt sich das Knie auf. Ich fühle mich berufen, sagte der Metzger und amputierte das Bein.«

»Ich schlachte die deutsche Sprache?«

»Nein«, lachte Bettina. »Sie übertreiben mit Ihrem Anspruch.«

»Ihre Vergleiche sind auch nicht gerade trivial.«

»Aus dem, was ich von Ihnen gelesen habe, schimmerte das Bemühen, Botschaften zu übermitteln. Überlassen Sie das den Werbespots. Was ist gegen gute Unterhaltung einzuwenden?«

Von rechts schwebten weitere Wolken im Zeitlupentempo in den Talhimmel. Eine gute halbe Stunde noch, schätzte Stefan, dann würde der Sternenhimmel erloschen sein. Auch die Kälte kroch langsam in die Kleidung. Er zog den Reißverschluss der Jacke bis zum Hals hoch.

»Offenbar nichts«, stellte Bettina fest.

»Müssen wir unbedingt jetzt darüber reden? Sie wollten meine Empfindungen, ich habe sie Ihnen geschildert. Alles andere ist mir gleichgültig, das Schreiben so weit weg wie der nächste Computer. Unwichtig wie ein Fingerschnippen, sagten Sie.«

Bettina zupfte einen langen Halm aus einem Büschel Gras, das unter der Bank bis in Wadenhöhe sprießte. »Gut, lassen wir das Thema Schreiben, wenn es Ihnen für die ehrerbietige Stille nicht angemessen ist.«

»Anfangs hat mich das Geplätscher des Baches gestört. Ich wurde verrückt im Kopf bei dem Gedanken, dieses Geräusch nicht abstellen zu können. Ich hatte den Wunsch nach vollkommener Ruhe.«

»Haben Sie es schon einmal mit einer Kirche auf dem Land versucht?« fragte Bettina.

»Nein. Himmlische Ruhe?«

»Heilige Ruhe.«

»Abstand gehört dazu«, sagte Stefan. »Verstehen Sie? Mehr als hundert Kilometer müsste die Kirche schon entfernt sein.«

»Ich fühle mich ruhig und glücklich bis in die Haarspitzen. Wir sind bestimmt mehr als hundert Kilometer weit weg.«

»Und ich bin froh, dass ich nicht allein bin.«

»Schön«, sagte sie, für ihn so flüchtig, dass er glaubte, er habe sich die Antwort eingebildet. Die Stille lenkte seine Betrachtungen ab zu den Wolken, die den Mond in ihre Mitte nahmen und an ihm vorbeizogen. Dann drängten sich Körpersignale in sein Bewusstsein. Die ganze Zeit saß er eng neben Bettina, Schulter an Schulter. Er verkrampfte in dem Bemühen, sich nicht zu bewegen, nicht mit den Armmuskeln zu zucken, damit sie nicht von ihm abrückte.

»Ich verzeihe dir«, sagte Bettina leise und ohne ihn anzusehen; plötzlich und unerwartet, dass es ihm die Sprache nahm.

»Ich …« Stefan verschluckte den Rest und räusperte sich. »Ich hätte mich nie getraut, Sie um Verzeihung zu bitten, ich meine, um mehr als die Entschuldigung auf dem Priacher. «

»Nicht mit Worten, ich weiß. Dein Verhalten hat es getan. Trotz aller Merkwürdigkeiten in deinen Reden.«

Der Himmel war jetzt zur Hälfte bedeckt und der Mond in arger Bedrängnis.