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Startseite Almtraum Folge 119 vom 29. Juli 2007

Folge 119 vom 29. Juli 2007

»Ich bin dir unendlich dankbar«, nahm er das angebotene Du auf. »Nicht wegen der Konsequenzen. Ich habe zuletzt sehr unter der Vorstellung gelitten, dass ich dich nach hier hin verschleppt habe und du nicht freiwillig bei mir bist.«

»Der Alptraum ist jetzt für uns beide vorbei.« Sie drückte seine Hand. »Darf ich … ich habe einen Wunsch.«

»Selbstverständlich«, sagte er.

»Können wir noch ein paar Tage verschollen bleiben?«

»Wartet denn niemand auf dich, der sich sorgt?«

»Vielleicht Berthold.«

»Dein Freund?«

»Ja und nein.« Bettina schaute beharrlich nach oben. »Er ist auch mein Chef.«

»Die Karriere«, sagte Stefan.

»Nein!« protestierte Bettina. »Ein väterlicher Freund, ein Vorbild.«

»Im Bett reduziert es sich auf ein Verhältnis. Oder habt ihr dort gemeinsam Manuskripte gelesen?«

»Spar dir deine Ironie. Zu spät wurde mir klar, dass keine Liebe im Spiel ist.« Bettina stieß ihn mit der Schulter an. »Was ist mit dir?«

»Ich sehe euch. Du bist nackt und er ist zu alt für dich. Er berührt deinen Mund, deine Brüste, den Bauch. Er fasst dich an. Ohne Gefühle würde ich niemandem erlauben, mich anzufassen.«

»Du hast keinen Grund, eifersüchtig zu sein.«

»Ich mag das starke und selbstbewusste Bild von dir, da fällt es mir schwer zu glauben, dass du bei ihm schwach geworden bist.«

»Ich gebe zu, es war ein Irrtum. Das Einzige, was ich mir vorwerfe ist, nicht Schluss gemacht zu haben, nachdem ich mir über die Beziehung zu Berthold im Klaren war.«

»Du bist mit ihm aus purer Gewohnheit ins Bett gegangen?«

»Hör zu, Stefan, ich bin nicht katholisch und du bist nicht mein Beichtvater. Was ich getan habe, ist allein meine Sache. Wenn Schriftsteller über ihre Liebesbeziehungen und Verhältnisse an der Schreibmaschine Rechenschaft ablegen müssen, ist das deren Sache.«

Stefan sprang auf. »Ich habe den Ofen vergessen!«

Bettina verdrehte die Augen. Durch die offene Tür rief sie ihm hinterher: »Berthold ist ebenso gut oder schlecht wie jeder andere.«

Stefan, der vor dem Herd kniete, konnte den trotzigen Ausdruck in ihrem Gesicht nicht sehen. Der Rollwagen im Herd war leer und er musste einen Stapel Brennholz aus dem Stall holen. Bevor er die Ofenklappe schloss, blies er kräftig in die Glut, bis Flammen um die Holzscheite züngelten. Die Kerze auf dem Ecktisch neben der Tür war ebenfalls heruntergebrannt und er entzündete am Stummel eine neue. Draußen setzte er sich wieder neben Bettina, genauso eng wie vorher.

»Ich wollte das Gespräch nicht abwürgen«, entschuldigte er sich.

»Du hast meine Beziehung zu Berthold als Verhältnis eingestuft.«.

»Wir sprachen über nicht vorhandene Liebe. Erinnerst du dich noch an meine Aufzählung der Bedürfnisse? Die Liebe fehlte.«

»Du sagtest Hunger, Durst, Schutz und Wärme – die Liebe lässt sich mit jedem dieser Begriffe verbinden.«

»Ich dachte nicht an das Gemeinsame. Liebe lässt sich nicht sammeln wie Blaubeeren und Pilze, sie kann nicht wie Holz gehackt und nicht aus dem Bach geschöpft werden.«

»Sie kann Unterschlupf in einer Berghütte finden«, sagte Bettina.

»Die Natur gibt, was man zum Überleben braucht, nur keine menschliche Wärme. Die Frage ist, wie lange ein Mensch ohne die Zuneigung eines anderen Menschen überleben kann.«

»Ohne selbst zu erkalten«, ergänzte Bettina.

Stefan lachte leise. »Ich möchte nicht nur mit den Händen streicheln, wie bei Margot.«

Bettina reagierte nicht sofort. »Wie ist es mit deiner Vergangenheit, Margot ausgenommen?«

»Nicht der Rede wert«, antwortete er wahrheitsgemäß.

»In deinem Alter? Hat es keine wilden Jahre gegeben?«

»Keine, an die ich mich erinnern kann.«

»Du bist ja ein ganz Seltsamer! Eine solche Sorte Mann ist mir bisher noch nicht begegnet.«

»Mein Leben bleibt in weiten Teilen undurchdringlich wie das Dunkel der heutigen Nacht.« Stefans Stimme vibrierte leicht. »Du versuchst mich, gemeinsam mit dir auf Entdeckungsreise zu gehen.«

»Vielleicht wäre das für mich eine gute Gelegenheit zum Neubeginn. Jetzt, wo die Entführung nicht mehr zwischen uns steht.«

»Heißt das, dass wir uns auch nach dieser Woche treffen könnten?« fragte er.

»Warum nicht? Oder möchtest du weiter als Literaturphantom auftreten?«

»Die Geschichte ist eine Satire.«

»Ich meinte nicht dein Manuskript.«

»Die Entführung bedauere ich nicht; allein für die versöhnliche Wendung lohnen sich die Schuldgefühle, auch wenn sie mich beinahe aufgefressen haben.«

Schweigend hörten sie dem gleichmäßigen Plätschern des Quellbaches zu.

»Es ist spät«, sagte Bettina schließlich. »Ich möchte jetzt schlafen gehen.«

»Willst du oder soll ich?«

»Geh ruhig zuerst«, entschied sie. »Ich schließe die Tür ab und blase die Kerze aus.«