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Startseite Almtraum Folge 120 vom 30. Juli 2007

Folge 120 vom 30. Juli 2007

Bettina ließ sich Zeit. Stefan lag auf der Seite, mit angezogenen Beinen, und hielt den Schlafsack am Kinn fest geschlossen. Er wartete, auf Bettina und die Körperwärme. Langsam verteilte sie sich im Schlafsack und er dehnte sich aus der Kauerstellung.

Ein Kerzenlicht wanderte durch die Tür und zurück. Bettina holte sich ihren Pyjama. Im Ofen knackte ein Holzscheit.

Die Befreiung brauchte ein wenig Zeit, bis sie endlich aus Bettinas Worten schlüpfte und sich in seinem Innern wie die Wärme im Schlafsack verbreiten konnte. Er hätte schreien können vor Glückseligkeit. Erstaunt bemerkte er darum eine melancholische Grundstimmung, die sein Gefühl zwar nicht zudeckte, ihm aber die Perspektive nahm, als sei das Glück nur für diesen Augenblick, ein Höhepunkt, der mühsam erreicht wurde und dem in seiner Endlichkeit nur noch Leere folgt.

Stefan schloss die Augen und horchte in sich, um Ordnung zu schaffen. Sein Glück produzierte jetzt Sehnsucht wie ein Körperhormon, eine unbändige Sehnsucht, und drängte sein Bewusstsein in die Küche zu Bettina. Im Aufnehmen der Geräusche war er geübt. Wasser floss aus der Schöpfkelle in ein Gefäß. Der Deckel des Wasserbehälters wurde geschlossen. Eine Zahnbürste wurde in den Becher gestellt, Wasser gespuckt, die Hüttentür knarrte. Er ahnte das Platschen des Wassers im Gras mehr als er es hören konnte. Ob sie …? Nein, der Schlüssel drehte sich im Schloss.

Dann war es ruhig. Was sie wohl machte? Jetzt kam sie; er hörte ihre Schritte und sah das flackernde Kerzenlicht. Sie hielt die Kerze hoch über ihr Bett und ordnete mit einer Hand den Schlafsack, um hineinzuschlüpfen. Dann war es dunkel. Ein Brett knarrte unter ihrem Gewicht. Der Reißverschluss ihres Schlafsackes sirrte.

»Gute Nacht«, sagte sie.

»Eine gute Nacht wünsche ich dir auch«, antwortete er, gesetzter als beabsichtigt. War der Gutenachtgruß schon die Erfüllung des heutigen Tages?

»Ich friere«, sagte sie mit belegter Stimme.

Stefan schälte sich aus dem Schlafsack und tastete sich im Dunkeln durch die Tür. Das Feuer im Ofen schimmerte rötlich durch das Loch in der Herdplatte. Mit Mühe schob er ein weiteres Scheit Holz durch die Ofenklappe.

»Ich habe den Herd bis oben hin vollgestopft«, sagte er, zurück im Schlafraum. Bis morgen früh würde die Wärme nicht vorhalten. Die Frage ist, wie lange ein Mensch ohne die Zuneigung eines anderen Menschen überleben kann. Ohne selbst zu erkalten, hatte sie ergänzt. Sehnsuchtsvoll streckte er seine Hand in das Dunkel und berührte ihre Schulter. Sie drehte ihr Gesicht in seine Hand und er spürte ihre Haare, die Augen und ihren Mund.